Tratsch im Treppenhaus

In diesem Haus ging es zu wie in der berühmt-berüchtigten ‚Lindenstraße’. Die Mietergemeinschaft, die nach Fertigstellung des Neubaues Anfang der sechziger Jahre dort eingezogen war, hatte sich auf Irmchen und Hildegard reduziert. Ein Teil bewohnte inzwischen den städtischen Friedhof, ein anderer Teil lebte im Seniorenheim.

Irmchen und Hildegard hatten längst vor, sich auch einen Platz im Seniorenheim zu suchen, doch der häufige Mieterwechsel im Haus bot ihnen immer interessante Neuigkeiten, die ihren knapp achtzigjährigen Horizont erweiterten. Das Haus hatte mittlerweile viel vom inneren und äußeren Glanz eingebüßt, aber es war trocken, stabil gebaut und unverwüstlich, wie die beiden älteren Damen aus der Gründerzeit. Die Mieten waren erschwinglich, die Wohnungen hell und freundlich und so zog es Studenten und andere junge Leute ins Haus. Und im Zeitalter der multikulturellen Gesellschaft war das Haus ein ganz normales Mietshaus mit jugendlichem weltoffenem Flair.

Irmchen und Hildegard waren seit Jahrzehnten Nachbarinnen und inzwischen unzertrennliche Freundinnen, nachdem sich die alte Garde so nach und nach verabschiedet hatte. Der tägliche Höhepunkt ihres manchmal recht eintönigen Rentnerdaseins war der Besuch im Cafe gegenüber. Dort trafen sie sich Nachmittag für Nachmittag bei einem Kännchen Kaffee und einem Stück Torte. An einem extra für sie reservierten Tisch saßen sie dem Haus in der Goethestraße Nummer drei gegenüber und beobachteten, was sich Neues ereignete. Sie kannten die wenigsten Mieter persönlich, aber durch ihre täglichen Beobachtungen wussten sie mehr über die einzelnen Mieter, als so manch anderer.

Die Haustür öffnete sich und eine junge Mieterin, die erst vor wenigen Tagen in eine Zweizimmerwohnung gezogen war, trat mit einer Babytasche aus dem Haus. „Guck mal, das ist die Neue mit dem Negerbaby“, flüsterte Irmchen aufgeregt. Hildegard warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du siehst soviel fern und hast immer noch nicht begriffen, dass das Wort Neger heute ein Schimpfwort ist.“ Irmchen machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Na und? Zu unserer Zeit hat man Neger gesagt und es auch nicht als Schimpfwort benutzt und dabei bleib ich. Das Baby ist ausgesprochen niedlich. Ein Mädchen mit schwarzen Kulleraugen und kleinen schwarzen Löckchen. Ganz bezaubernd.“

Hilgedard biss herzhaft in ihre Schwarzwälder Kirschtorte und murmelte: „Hast du schon einen Vater zu dem Kind gesehen?“ „Nö. Die junge Frau scheint alleine mit dem Kind eingezogen zu sein.“ „Ganz schön mutig, als Weiße alleine mit einem farbigen Kind.“

Die junge Mutter mit ihrem Kind hatte sich gerade aus der Sichtweite der älteren Damen begeben, als ein junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Türke das Haus verließ. Nun funkelten Hildegards Augen. „Das ist vielleicht einer! Meinst du, der grüßt, wenn er mich sieht? Scheinbar ist das heute nicht mehr in. Wenn überhaupt, dann sagt er höchstens ‚Hallo’ oder sagt was auf Türkisch. Ich finde das unmöglich, du nicht, Irmchen?“ „Was erwartest du in der heutigen Zeit, wo jeder nur an sich denkt? Da kannst du froh sein, wenn jemand auch nur den Ansatz zum Gruß macht. “Während der junge Mann in seinen verdreckten und verbeulten Golf einstieg fiel Hildegard noch etwas ganz Lebenswichtiges ein. „Ich pass ja auf, ob jeder auch das Treppenhaus wischt, wenn er dran ist. Die Frau von dem jungen Mann hat letzte Woche nicht geputzt. Und das bei dem Dreckwetter.“ „Das ist unerhört! Ob sie es vergessen hat?“ „Weiß nicht. Ich hab schon mal daran gedacht, zu klingeln, um sie daran zu erinnern. Aber eigentlich geht mich das nichts an.“ „Wie gut, dass wir die junge Studentin haben, die für uns regelmäßig putzt.“ „Wir bezahlen sie ja auch gut, sonst könnte sie sich ihr Auto sicherlich nicht leisten.“

Eine ganze Weile tat sich nichts. Vor lauter Langeweile bestellte sich Irmchen noch ein Plunderstückchen mit Pudding. Gerade, als sie herzhaft hineinbeißen wollte, parkte ein Taxi vor der Haustür. „Da kommt jemand“, flüsterte Hildegard. Eine junge Frau im eleganten grauen Hosenanzug bezahlte den Taxifahrer, der ihr galant die Tür zum Aussteigen aufhielt und ihr dann einen Koffer und eine Reisetasche aus dem Kofferraum hob. „Schau mal an, da ist sie ja wieder.“ Aufgeregt starrten beide durch die Scheibe.

„Ob sie in Urlaub war?“ „Möglich. Aber ich glaube eher, sie hatte ihren Mann mal für einige Zeit verlassen.“ Hildegard starrte Irmchen entsetzt an. „Wie kommst du darauf?“ „Ich habe es dir doch erzählt, erinnerst du dich nicht?“ Irmchen blickte ihre Freundin besorgt an. Wurde sie langsam vergesslich? „Als ich vor vier Wochen von Doktor Meinhardt kam, flanierte ihr Mann in weiblicher Begleitung gerade an der Praxis vorbei, als ich herauskam. Und an den folgenden Tagen habe ich Frau… wie heißt sie gleich…Schulze-Stemmberg ständig mit ihrem Mann streiten gehört. Und plötzlich war Abend für Abend wieder Ruhe, genau seit vier Wochen.“ „Ich habe mich auch oft mit meinem Rudi gestritten. Und als er anfing schwer zu hören, wurde es auch mal lauter. Er hat sich lange geweigert, einen Hörapparat zu tragen.“ „Ja“, sinnierte Irmchen. „ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich meinen Fernseher gar nicht einschalten brauchte, weil ich jedes Wort von euch mithören konnte.“

Langsam wurde es Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Aus Erfahrung wussten sie, dass jetzt nichts mehr zu erwarten war, denn die anderen Mitbewohner kamen später oder zu unregelmäßig, als dass sie weiteres Warten gelohnt hätte. Sie bezahlten und gingen nach Hause Aus dem Fahrstuhl trat die Frau des jungen Türken, lächelte die beiden Damen kurz an und machte sich auf den Weg nach draußen. „Halt“, rief Irmchen und hob zur Bekräftigung ihren Gehstock. „Bitte warten Sie.“ Die junge Frau drehte sich unsicher um und kam langsam zurück. „Verzeihen Sie, aber in diesem Haus wird zum Wochenende immer das Treppenhaus geputzt. Sie haben es in der letzten Woche sicher vergessen? Bitte, denken sie in Zukunft daran, ja? Wir wollen uns doch hier alle wohl fühlen.“

Die junge Frau errötete leicht. „Bitte entschuldigen. Aber ich hatte Samstag Kind bekommen und nicht konnte putzen. Musste schlafen viel, war Geburt sehr schwer.“ „Das ist schon in Ordnung. Alles Gute für Ihr Kind. Was ist es denn?“ „Wieder Junge, dabei ich wollte haben Mädchen. Muss gehen einkaufen.“ Hildegard und Irmchen blickten sich gegenseitig fassungslos an.

Wie konnte das passieren, dass sie eine Hochschwangere übersehen hatten?? Sie mussten unbedingt besser aufpassen.

© G. Bessen

 

Schreibeinladung für die Textwochen 21/22/2019 (2)

Die Wörter für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2019 kommen vom Team dergl und ihrem Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel.

Malkasten
gleitend
torpedieren

 

Aus der Schulzeit geplaudert

Ich hatte sicher schon mal erzählt, dass ich als Kind eher ein Junge als ein Mädchen war und mich Garagendächer und Bäume mehr zum Klettern reizten, als artig und still zu sein. Meine handwerklichen Fähig- und Fertigkeiten in Fächern wie Handarbeit und Zeichnen hielten sich in Grenzen und so hatte ich oft andere Dinge im Sinn, wenn unsere Zeichenlehrerin uns mit Pinseln, Malkästen und Aufträgen für die jeweilige Zeichenstunde torpedierte. Manchmal erntete ich für meine ‚anderen Dinge’ einen Tadel. War es doch spannender, Farben aus dem Malkasten in anderen Gesichtern als auf dem Papier zu verteilen.

Die Zeichenlehrerin war ein konservatives älteres ‚Fräulein’ mit wasserstoffblondem, dauergewelltem Haar und einer Nickelbrille vor den eisblauen, kalten Augen, die ihrem Gesicht ein typisches Lehrerinnenerscheinungsbild gab.

Wir hatten keine Angst vor ihr, doch wir fürchteten sie. Die Notengebung war für uns damals oft alles andere als einsichtig und jeder Widerspruch zwecklos. Und wir waren nicht die Schülergeneration, die Mama und Papa für jeden Furz in die Schule schickte. Im Gegenteil, wir hielten unsere Schandtaten möglichst geheim und hofften und beteten, dass es nichts gab, was eine elterliche Unterschrift, einen Anruf oder gar einen Brief nach sich zog.

Die Zeichenlehrerin war die enge Verbündete der Turnlehrerin, die ihrerseits auch Handarbeit in Form von Stricken und Nähen an der Nähmaschine unterrichtete, und war man bei einer durch, hatte man bei der anderen auch nichts mehr zu lachen. Anstelle von gleitenden Übungen wie beim Yoga wurden wir zu dem dumpfen Rhythmus von Tamburin mit Holzschlägel quer durch die Turnhalle gejagt, bis uns die Zunge aus dem Hals hing. Das schien der zuschauenden Turnlehrerin enormen Spaß zu machen.

Die Dritte im Bund war die Biolehrerin und die drei erinnerten mich später oft an die ‚Drei Damen vom Grill’, mit der Ausnahme, dass Grillwürstchen nicht zukunftbestimmend sind, Zeugnisnoten schon.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwoche 02.03.19

Schreibeinladung für die Textwochen 02.03.19 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Die neuen Wörter für die Textwochen 02/03 des Schreibjahres 2019 spendete der  Etüdenerfinder Ludwig Zeidler.

Die Begriffe lauten:

Abfallglück
Verfallsdatum
unschuldig

 Minimalismus

Seine wenigen Besitztümer hatten kein Verfallsdatum, im Gegenteil, trotz wachsender Müllberge im Land und zunehmender Umweltverschmutzung weltweit lebte er im sogenannten Abfallglück.

Er hatte alles verloren. Lange hatte er gebraucht, um diesen Schicksalsschlag überhaupt annähernd zu erfassen und zu begreifen. Von Verarbeitung wollte er gar nicht sprechen.

Sein kleines Mädchen hatte niemandem etwas getan. Sie war, wie alle kleinen Mädchen, unschuldig und hatte gerade intensiv begonnen, die große weite Welt wie alle Fünfjährigen zu erkunden, nahm alles Neue wie ein trockener Schwamm in sich auf und freute sich schon sehr auf die Schule.

Und dann kam er, eine Bestie, die man bis heute nicht gefunden hatte und die womöglich straffrei ausgehen würde. Er hatte sie mit Gewalt genommen und ihren toten Körper wie einen Müllsack entsorgt, sein kleines Mädchen, seinen ganzer Vaterstolz und letztlich auch sein Leben.
Der Abstieg ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem sich seine Frau vor Kummer das Leben genommen hatte, versuchte er den Seinigen im Alkohol zu ertränken. Und nicht lange danach fand er sich ohne Arbeit, ohne Dach über dem Kopf und ohne Geld in der Tasche auf der Straße wieder, ein Schicksal, das er mit Tausenden in Deutschland teilte.
Doch wen interessierte das eigentlich?Er war zu feige gewesen, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen und als er andere Betroffene kennenlernte, lernte er auch diese Menschen zu respektieren und sich mit ihnen verbunden zu fühlen.

In einem leer stehenden Haus lebten sie mittlerweile zu zehnt mit dem Allernotwendigsten, zusammengesammelt aus Kleiderkammern, Sperrmüll und Almosen vom Sozialamt.
Was als Strömung ‚Minimalismus’ als neuer Trend durch die Gesellschaft zog, war für ihn seit Jahren bitterer Alltag und beinhaltete sogar ironischerweise einen Hauch von Freiheit.
Sein Hab und Gut war schnell gepackt. Einen Unterschlupf für die Nacht fand er überall.

294 Wörter

© G. Bessen

 

Jahresbilanz

Er war in den letzten Augusttagen im Sternzeichen der Jungfrau geboren und von Natur aus pingelig und überaus korrekt.

Jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr setzte er sich mit einer Kanne  Tee mit Rum in sein Arbeitszimmer, spitzte einen roten Stift für seine berufliche Jahresbilanz und einen grünen für seine private Bilanz. Dann nahm er zwei Bögen kariertes Papier, schrieb BERUF  auf das eine Blatt, unterstrich das Wort akribisch genau mit einem Lineal und machte dasselbe mit dem zweiten Blatt, nur dass er da PRIVAT eintrug.

Er hatte das Gefühl, dass er in diesem Jahr lange an seiner Bilanz sitzen würde, denn in diesem Jahr hatten tiefgreifende Änderungen sein Leben  beeinflusst.

Als Versicherungsvertreter einer renommierten Versicherung hatte er seinem Konzern einen guten Dienst erwiesen. Er hatte sich die Füße wund gelaufen, sich Fransen an den Mund geredet und in der Tat unzählige Versicherungsverträge zum Abschluss gebracht. Die Menschen wollten in einer unsicheren Zeit gegen alles versichert sein. Und er hatte die rhetorische Gabe, jeden Zweifel auszuräumen, alle Bedenken zu zerstreuen und Fragen sicher zu beantworten. Und zum Abschluss eines zustande gekommenen Vertrages hatten sich seine Kunden immer herzlich bedankt, nachdem sie ihn während eines Beratungsgespräches  fürstlich bewirtet hatten. Seine Firma hatte ihn mit einer großzügigen Prämie zum Jahresende bedacht.

Er war stolz auf sich. Der Papierbogen mit der beruflichen Bilanz  verzeichnete am Ende ein dickes rotes Plus und er lehnte sich zufrieden zurück.

Sich seiner privaten Bilanz zu stellen, kostete ihn einige Überwindung. So sehr er auch seine Kunden überzeugen konnte, zu Hause war er eher der Schweigsame und Zugeknöpfte. Abends war er meist hundemüde, wenn er nach Hause kam. Er wusste, wie oft seine Familie vergebens mit dem Abendessen auf ihn gewartet hatte. Aber Kundengespräche ließen sich zeitlich nicht exakt terminieren. Er hatte zu wenig Zeit für seine Familie gehabt. Und so nahm er es hin, dass seine Frau mit den Kindern, die ihm immer mehr fremd wurden, auszog.

Um sich seiner Trauer nicht zu sehr stellen zu müssen, arbeitete er noch mehr. Die stillen Abende zu Hause konnte er nicht ertragen. Er gab sich die Schuld am Scheitern seiner Ehe und bezahlte einen großzügigen Unterhalt für seine Familie.

Anfangs kamen seine Kinder immer noch am Wochenende zu ihm, aber sie hatten keine Lust, ständig bei ihrem Vater zu sitzen. Sie wollten auch mit ihren Freunden zusammen sein und das ging oft nur am Wochenende. Es tat ihm weh, aber er verstand es.

Die gemeinsamen Freunde zogen sich nach und nach zurück. Er wusste, dass sie lieber mit seiner lebenslustigen und offenen Frau zusammen waren. Das nahm er hin. Schließlich wollte er auch nicht zwischen zwei Stühlen sitzen.

Nachdem er im Herbst nach einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gekommen war, hatten die Ärzte nach eingehenden Untersuchungen ein Burn Out festgestellt und ihm eine Auszeit angeraten. Was sollte er alleine zu Hause? Er hatte sich zwei Wochen Urlaub gegönnt, hatte sich unter Palmen am Meer ausgeruht und war wieder arbeiten gegangen. Seine Blutfettwerte, der erhöhte Blutdruck und seine Fettleber hatten sich sicher im Urlaub auch erholt, glaubte er.

Heiligabend hatte er mit einem verwitweten Bekannten verbracht, der auch nichts mit sich anzufangen wusste und Silvester würde er sich mit einem guten Buch ins Bett legen.

Und dann kam das neue Jahr, mit neuen Herausforderungen und neuen Aufgaben.

Die Freude über seine positive berufliche Bilanz verblasste sehr schnell, als er vor dem Desaster seines Privatlebens stand. Er starrte auf das Blatt mit der grünen Schrift, bis die Tränen, die seine Wangen hinunterliefen, die Schrift verschleierten.

Er suchte die Nummer seines Hausarztes heraus und wollte gleich morgen früh telefonisch um einen Termin bitten. Er würde sich krankschreiben lassen, so lange bis er den Kampf um seine Ehe und Familie gewonnen hatte.

Das war sein einziger und felsenfester Vorsatz für das neue Jahr.

© G. Bessen

Eine Frage der Würde – eine Beobachtung

Eine Frage der Würde

Es war warm, nicht zu warm, doch sommerlich warm. Der Rasensprenger stand mitten auf der kurz geschorenen Rasenfläche und verspritzte seine kühlenden Tropfen, die kurz in der Sommersonne glitzerten, bevor sie im grünen Polster versanken. Ein paar Vögel kreisten mit wachen Augen über der Fläche, in der Hoffnung, ein Leckerchen zu finden. Der alte Mann saß in seinem Rollstuhl, den Blick geradeaus gerichtet, in ein Jenseits, das nur ihm zugänglich war. Auf dem faltigen Gesicht lag eine Traurigkeit, die in völligem Kontrast zu den zwei anderen Menschen an seinem Tisch stand. Zwei Männer in den Vierzigern saßen dem alten Mann gegenüber.

„Freust du dich, dass wir da sind?“

Der alte Mann blieb stumm. Nur ein leichtes Zucken in seinen Augen verriet, dass er sich angesprochen fühlte. Er antwortete nicht, nahm erneut seine Kuchengabel in die leicht zittrigen Hände und stochterte lustlos in seiner Torte herum.

„Wir sind gekommen, um mit dir Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Du hast heute Geburtstag.“

Gespannt warteten die Söhne über ein anerkennendes und dankbares Zeichen ihres kranken Vaters. Er blickte sie nur an – wortlos, ausdruckslos.

„Kannst du dich an den Namen deiner Schwester erinnern?“, fragte der Jüngere der beiden Brüder.

„Frag doch nicht, den weiß er sowieso nicht“ , setzte der ältere Bruder hinzu, ohne die Lautstärke seiner kräftigen Stimme zu verändern. Er übernahm nun unaufgefordert die Gesprächsführung.

„Das hat sie uns mitgegeben, deine Schwester Elli, das sollst du dir mal anhören.“

Er schob seinem Vater einen Laptop neben dem Kuchenteller  und ein Videoclip mit einer miauenden Katze erschien auf dem Bildschirm. Eine für meine  Ohren unangenehme Begleitmusik erklang vom Nebentisch.

„Nun schau doch mal hin! Das hat sie uns extra für dich mitgegeben.“

Der alte Mann blieb regungslos in seinem Rollstuhl sitzen. Er war immer noch in seiner Welt versunken.

„Das ist doch toll, findest du nicht?“ , versuchte der jüngere Sohn das Gespräch mit seinem Vater erneut in Gang zu setzen.

„Lass sein, es hat keinen Zweck.“

Sie gaben es auf, unterhielten sich fortan nur noch miteinander, während der alte Mann weiterhin vor dem Laptop saß, den Blick in die Ferne gewandt.

So wie man kleine Kinder vor dem Fernseher ‚parkt’, damit sie abgelenkt sind und Ruhe geben, kann es auch Erwachsenen gehen, die durch Krankheit mit einer Welt konfrontiert werden, in der sie längst nicht mehr leben oder leben wollen.

Ich weiß nicht, wie krank der alte Mann war und was er mitbekommen hat, vielleicht wollte er auch nichts mitbekommen und hoffte insgeheim, dass seine Söhne ihren Pflichtbesuch schnellstens beendeten und ihn wieder in sein vertrautes Pflegeheim brachten.

© G.Bessen

Einer von ihnen

Einer von ihnen

Seit Wochen war er das Tagesgespräch im Ort.

Er, den normalerweise  niemand beachtete, der für die anderen lediglich der Dorftrottel, der Vollpfosten, der Schulabbrecher und der Nichtsnutz war. Er, aus der Familie eines Vaters mit einem Alkoholproblem und Hartz 4 und einer Mutter, die eines Tages getürmt war und alles hinter sich gelassen hatte. Allen hatte er mit seinen knapp 16 Lenzen bewiesen,  dass er schlau war, dass ihm so leicht niemand auf die Schliche kommen konnte.

Seit in seinem Dorf die Wahlplakate für die anstehende Bundestagswahl aufgestellt worden waren, schlich er sich nachts davon, mit Spraydosen und Stiften bewaffnet und machte sich daran, die Gesichter der Politiker zu verändern.  Was interessierte ihn denn die Wahl? All diese Pappnasen, die versprachen und doch nichts hielten. Mit denen hatte er, Lars aus einem kleinen Ort in Meck-Pom, ohnehin nichts zu schaffen. Sollten die doch machen, was sie wollten.

Wenn es abends dunkel wurde und sein alter Herr seinen schweren Körper mit dem entsprechenden Alkoholpegel ins Bett geschleppt hatte, stiegen bei Lars Herz-Frequenz und Blutdruck an und er zog los.

Auch wenn er nichts besonders gut konnte, aber Gesichter verändern, sie abmalen und karikieren, das konnte er, wenn er auch sonst nicht viel in der Birne hatte – so glaubten es die anderen. Den größten Kitzel verschaffte es ihm, bisher nicht erwischt worden zu sein.

Am nächsten Tag sprachen die Leute im Dorf über nichts anderes und feixten sich mittlerweile eins, weil die Polizei so völlig im Dunkeln tappte. Lars ging mit offenen Ohren durchs Dorf, er hatte Zeit genug, seitdem er seine Lehrstelle hingeschmissen hatte und seinem Vater langsam auch egal wurde, wo sich sein Sohn tagsüber herumtrieb, solange nur genug Alkohol im Haus war. Lars war erleichtert, auf diese Weise auf dem Laufenden zu bleiben, ohne dass jemand wusste, dass er hinter der Aktion stand.

Die verunstalteten Plakate waren in den ersten Tagen erneuert worden, aber das war mittlerweile sinnlos geworden.

Es war später Abend geworden uns Lars machte sich auf den Weg. Als er sein Fahrrad hinter einer Baumgruppe abgestellt hatte und sich mit seinen Sprühdosen und Eddings auf das Plakat seiner heutigen Aufgabe  hin bewegte, stutzte er. Er starrte auf das Plakat der Kanzlerin neben einer Gaslaterne, die ihn mit einem Heiligenschein um ihren Kopf freundlich anlächelte.

Zögernd trat er näher. Da hatte ihm doch jemand ein Schnippchen geschlagen und ihm regelrecht ins Handwerk gepfuscht.

‚Nicht mit mir’ , dachte Lars zornig. ‚Das ist meine Baustelle.’

Er nahm den schwarzen Edding und setzte gerade an, den Heiligenschein zu schwärzen, als mehrere Lichtstrahler angingen. Ihm wurden die Arme auf den Rücken gelegt und als Lars hörte, wie sich die Handschellen um seine Handgelenke schlossen, wusste er, dass das Spiel aus war.

Aber am nächsten Tag würde das ganze Dorf über ihn reden und das allein war ihm ausreichende Genugtuung.

© G. Bessen

FARB-LOS

Die Welt der Farben

Wir erleben unsere Welt in Farbe  und nicht in schwarz-weiß. Das ist keine Laune der Natur oder irgendwelcher Künstler oder Modeschöpfer, sondern dient uns Menschen und den Tieren  zur Orientierung und zum Überleben. Daraus hat die Werbung selbstverständlich ihren Nutzen gezogen und trifft gezielt auf  unser Unterbewusstsein, um uns von der Notwendigkeit des Erwerbens zu überzeugen.

 Farben prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Wie geht es aber Menschen, die nicht mehr sehen können?

Foto: Freestyler/pixelio.de

FARB-LOS

Alles war anders geworden.

Müde saß er in seinem Stuhl am Fenster und schaute hinaus in den Garten. Aber er sah keine  bunten Blätter, die der Herbstwind von den Bäumen trieb und die, wie in einem letzten Tänzchen, in der lauen Herbstluft sanft zur Erde schwebten.

Seine Augen sahen nur eine schwarze Wand.

Wenn er morgens aufwachte, sah er diese schwarze Wand. Den ganzen Tag über stand sie vor ihm, fast schon zum Greifen nahe und wenn er schlafen ging und die Augen schloss, stand sie immer noch da – unverrückbar, unzerstörbar.

Seit Jahren gehörte sie zu ihm und immer noch lehnte er sie ab, lehnte sich innerlich gegen sie auf, versuchte sie zu bekämpfen – vergebens.

Seine Seele litt und war krank geworden. Diese Wand hatte sich über sie gelegt und wie ein schwarzes Tuch unabänderlich eingehüllt.

Nicht nur sein Leben hatte sich verändert.

Die Rollen in der Familie hatten sich vertauscht.

Er, der liebevolle und fürsorgliche Partner und Vater, zu dem die Familie immer aufgeschaut hatte, war zu einem Menschen geworden, der stets und ständig Hilfe und Pflege brauchte.

Das, was sein Leben mit ausgemacht hatte, seine Liebe zur Literatur, zur Kunst und zur Musik, war nur noch eine schmerzhafte Erinnerung und eine weitere große Lücke in seinem Leben, die er  nicht mehr füllen konnte.

Seine Arbeit, seine Reisen, beruflich und auch privat mit der Familie, all das war ihm genommen worden.

Er hatte sich zurückgezogen, von allem, was ihm früher wichtig gewesen war und  von fast allen Menschen, die ihm stets lieb und teuer waren.  Er kreiste in seinem Inneren nur um sich selbst, traurig, verbittert und in einem ständigen Kampf mit seinem Schicksal.

„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?!“

Dieses Bibelzitat hatte sich auch in seinem Kopf fest gesetzt.

Die Familie hatte alles versucht, ihn aus seiner Lethargie zu locken, bisher vergeblich.

Doch ihr neuer Plan könnte funktionieren.

Sarah, das ehemalige Au-pair-Mädchen der Familie, hatte inzwischen ein festes Engagement als Geigerin im Wiener Mozart Orchester und hatte auch erste kleine Erfolge als Solistin.

Sie weilte für ein paar Tage bei ihrer Familie in Hannover  und ruhte sich aus, bevor das Orchester Mitte September auf Tournee ging.

Als Charlotte sie anrief und ihr vom akuten Zustand ihres Vaters in seiner Freudlosigkeit berichtete, überlegte Sarah keine Sekunde lang.

„Natürlich werde ich am Wochenende kommen,“ versprach Sarah. „Ich denke, euer Plan könnte Erfolg haben.“

Als Werner erfuhr, dass am Sonntag ein Gast zum Mittagessen eingeladen worden war, zog er sich mürrisch in sein Zimmer zurück.

„Ich habe doch gesagt, ich will niemanden sehen. Begreift das doch endlich!“

Bei dem Wort „sehen“ blickten sich Charlotte und ihre Mutter Sofia still an. Wie so oft wurden sie schmerzlich daran erinnert, dass Werner gar nicht daran dachte, sein Schicksal zu akzeptieren.

„Du lebst aber nicht alleine in diesem Haus und es kann sich auch nicht alles nur um dich drehen,“ entfuhr es Charlotte, die es einerseits kaum ertragen konnte, ihren einst so lebensbejahenden und kontaktfreudigen Vater so leiden zu sehen, andererseits aber auch für ihre Mutter und ihre eigene Familie ein halbwegs normales Leben weiterführen wollte.

Charlotte warf ihrer Mutter, die so eine Reaktion hatte kommen sehen, einen aufmunternden Blick zu und ging nach oben in ihre Wohnung.

Werner wollte am Sonntag nicht aufstehen, er hatte sich wieder in seine innere Dunkelheit eingehüllt und dachte verzweifelt darüber nach, wie sein Leben weitergehen sollte.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, kannte er sich selbst nicht mehr wieder und legte Reaktionen an den Tag, die er früher bei anderen immer kritisiert hatte. Aber er konnte nicht anders und auch das lag ihm wie ein Stein auf seiner Brust und schien ihn zu zerquetschen.

Er hatte alles im Leben erreicht, was ein Mann erreichen konnte. Sofia  stand ihm in jeder Lebenslage zur Seite, wie sie es seit fast fünfzig Jahren immer getan hatte. Beruflich hatte er viel erreicht. In seiner kurzen Karriere als Lokalpolitiker hatte er viel für sein Bundesland und seine Heimatstadt bewirkt und die Menschen haben ihn respektiert und geliebt. Er hatte zwei wunderbare Kinder, Charlotte und Michael,  und mittlerweile vier gesunde Enkelkinder.

Aber der Augeninfarkt, der ihn zur Erblindung geführt hatte, hat seinem alten Leben und all den Aktivitäten, die ihm wichtig waren, ein jähes Ende bereitet. Er weinte, wie so oft,  still in sein Kissen und schlief ein.

Werner träumte. Zumindest glaubte er das, bis er realisierte, dass er mit offenen Augen in seinem Bett lag.

Er vernahm die zarten Töne einer Geige, ein Stück aus Mozarts Zauberflöte. Wie lange hatte er diese Melodien aus den Werken seines Lieblingskomponisten nicht mehr gehört? Er lag ganz still und lauschte. Seine Seele begann zu schwingen und ein warmes Gefühl durchströmte ihn.

Es trieb ihn, den Ursprung dieser Töne zu suchen. Er stand auf, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Sarah, Sofia und Charlotte sahen ihn gespannt  und erwartungsvoll an und freuten sich über das Lächeln in seinem plötzlich rosigen Gesicht.

Sarahs Besuch hatte etwas in ihm bewegt. Eine längst verschüttet geglaubte Seite in seiner Seele hatte wieder zu klingen begonnen. Von diesem Tag an saß er stundenlang in seinem Zimmer und lauschte der  klassischen Musik mehrerer von ihm verehrten Komponisten.

Sofia und er unternahmen wieder Spaziergänge durch den herbstlichen Wald und setzten sich oft auf eine Bank in die warme Spätsommersonne. Sofia erzählte ihm, wie die Natur sich veränderte und Mutter Erde immer mehr zur Ruhezeit überging. Er hielt bunte Blätter in seinen Händen, ertastete die glatte Oberfläche der frisch gefallenen Kastanien und spürte die wärmende Sonne auf der Haut.

Als Sofia ihm mit ihrem besonderen Talent der detailgetreuen Schilderung von längst vergangenen Reisen erzählte, wurde sein Inneres  heller und bunter, auch wenn seine Augen an der schwarzen Wand nicht vorbeikamen.

Er lernte, sein Schicksal zu akzeptieren und sich mit seiner Einschränkung zu arrangieren.

Seine Depressionen wurde er nicht gänzlich  los, aber er hatte immer mehr Momente der Freude und schaffte es, seine Erinnerungen lebendig zu halten.

Seine Seele begann zu gesunden.

 

© G.Bessen 9/17

abc.etüden

textartprojektTextstaub hat ein neues Projekt vorgestellt.

  • Texte zur Liebe
  • maximal 10 Sätze
  • jeden Sonntag gibt er drei Wörter vor, die im Text vorkommen sollen (siehe unten)
  • aktuell: Rotwein,Schnee, Buchladen

 

abc.etüden/ Bringen Scherben Glück?

‚Wie ungeschickt von mir!’ Sie starrte mit zusammengebissenen Lippen auf ihre rechte Hand, von der drei kleine Rinnsale tiefroten Blutes in den frisch gefallenen Schnee tropften und eine Linie wie einen ‚Roter Faden’ hinterließen.

Sie hatte in der Vorfreude, die erste Liebe ihres jungen  Lebens zu treffen nicht bemerkt, wie krampfhaft sie die beiden Rotweingläser in ihre Hand gepresst und somit eines der beiden zerdrückt hatte.

Er war noch nicht zu sehen. Mit dem Fuß schob sie die Scherben des zerbrochenen Glases an die Hauswand, darum würde sie sich später kümmern. Das zweite Glas war heil geblieben und das stellte sie zusammen mit der Rotweinflasche neben den Eingang des kleinen Buchladens, vor dem sie verabredet waren.

Der Inhaber, ein Georg-Wilsberg-Typ,  leistete vorbildlich erste Hilfe, zog drei kleine Glassplitter vorsichtig mit der Pinzette aus dem verletzten Handrücken und verband ihr die schmerzende Hand.

„Ich kümmere mich später um die Scherben. Lassen Sie Ihre Verabredung nicht warten.“

„Danke für alles“, hauchte sie mit hochrotem Kopf und einem erwartungsvollen Glänzen in den Augen und eilte zur Tür.

Fast wäre sie mit einem jungen Mann zusammengestoßen, der in der linken Hand eine Weinflasche und in der rechten ein halb voll gegossenes Rotweinglas hielt und sie mit einem warmen Lächeln begrüßte.