Schreibeinladung für die Textwochen 46.47.22 (3)

 

Vor den adventlichen Etüden lädt Christiane noch einmal ein!

Die letzte Wortspende für die Textwochen 46/47 des Jahres 2022 stammt von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lautet:

Rolle
halbherzig
belohnen

 

Aller guten Dinge sind drei …

Als Nora ihre ersten Wochen in Australien verbrachte, hatte Lena Mühe, ihre Wochenenden alleine sinnvoll zu füllen.

Mittlerweile hatte sich auch das verändert, denn ein Tag am Wochenende gehörte nun den Bewohnern des Altenheims. Lena hatte ihre Gitarre, Liederbücher, Spielesammlungen und Bastelmaterialien im Heim deponiert und war gern in die Rolle der Beschäftigungstherapeutin geschlüpft. Sie war überwältigt, mit wie viel Liebe und Dankbarkeit sie belohnt wurde.

Nur ihre alte Mutter konnte es nicht lassen, zu schmollen und zu sticheln. „Du kümmerst dich um fremde Leute, aber deine alte Mutter lässt du einfach im Stich!“ „Komm doch einfach mal mit, dann lernst du die Menschen dort kennen und hast auch ein paar Stunden Abwechslung!“ „Nur über meine Leiche! Da sind ja nur Alte und Kranke!“ Lena ließ sich davon nicht beirren.

Als aber die Heimleiterin persönlich bei Lenas Mutter anrief, sie einlud und sich nicht mit halbherzigen Ausflüchten abspeisen ließ, gab sich die alte Dame einen Ruck und begleitete Lena am folgenden Sonntag zur Feier des ersten Advents.

Kaum zu glauben, wie schnell die alte Dame auftaute, sich beim Singen und Spielen mitreißen ließ und bedauerte, dass der Nachmittag so schnell vorbei war.

Auch für sie wurden die Besuche dort zum Höhepunkt der Woche und Lena merkte sehr schnell, dass sich ihre Mutter zunehmend mit dem Gedanken beschäftigte, sich dort für ein Zimmer anzumelden.

Sie wusste, die Warteliste war lang. Aber Lenas Mutter wusste nicht, dass die Heimleitung Lena das Angebot gemacht hatte, das nächste frei werdende Zimmer für ihre Mutter zu reservieren, falls sie es beziehen wolle. Die Heimleitung befand, das wäre wenigstens eine kleine Entschädigung für die viele freie Zeit, die Lena den Menschen dort schenkte.

Und so geschah es, dass Lenas Mutter mit Beginn des neuen Jahres ein freundliches großes Zimmer mit Blick auf einen See beziehen konnte.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 46.47.22 (2)

Vor den adventlichen Etüden lädt Christiane noch einmal ein!

Die letzte Wortspende für die Textwochen 46/47 des Jahres 2022 stammt von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lautet:

Rolle
halbherzig
belohnen

 

Hier nun die Fortsetzung:

 „Sag mal, Mama, hast du jemanden kennengelernt?“

Lena verschluckte sich fast am Rotwein, mit dem sie sich nach getaner Arbeit belohnte und fragte ihre Tochter beim abendlichen Skypen, wie sie darauf käme, eher etwas zerstreut, fast halbherzig, wie Nora fand.

„Du bist megacool drauf. Vielleicht hast du dich ja daran gewöhnt, dass ich mal für einige Zeit in der Welt herumreise!?“

Lena lächelte und antwortete: „Mach dir um mich keine Sorgen, sondern genieße deine Zeit, sie geht schneller vorbei, als du denkst.“

Die Tage verflogen und Lena hatte alle Hände voll zu tun. Ihre Küche war zu einer wahren Backstube geworden und der Plätzchenduft waberte durch das ganze Haus. Auf ihrem Schreibtisch klebten Memo-Zettel in verschiedenen Farben. Sie war mit sich zufrieden, denn die Rolle als Organisatorin forderte sie heraus. Sie war in ihrem Element.

Am Morgen des Nikolaustages konnte sie es nicht erwarten, in ihre Dienststelle zu kommen, zwei Stunden früher als ihr Dienst begann. Ihre Kolleg*innen* hatten keine Mühe zur Unterstützung gescheut. Im Vernehmungszimmer lagen zahllose Tüten, die gepackt werden wollten.

Das Team der Dienststelle in Bahnhofsnähe hatte es sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, die Bewohner*innen* des Elisabethstiftes zu besuchen und zu beschenken. Kuchenbasare und Geldsammlungen hatten einen stattlichen Erlös eingebracht, die weibliche Kolleginnenschaft hatte in ihren Pausen nur noch Stricknadeln und Wolle in den Händen und so standen am frühen Nachmittag fünfundsiebzig Tüten mit Lenas Weihnachtsplätzchen, einem gestrickten Schal oder einer Mütze, Tannengrün, einem Schokoladenweihnachtsmann und Dominosteinen für den Nikolaus bereit.

Der Dienststellenleiter mit seinem weißen Vollbart war wie für die Rolle geschaffen und so setzte sich der schwer beladene Nikolaus mit mehreren Säcken in einen Funkwagen und fuhr mit kollegialer Polizeibegleitung und Lena zum Elisabethstift, wo die Heimleitung sie schon erwartete.

Die Freude der Menschen war unglaublich berührend. Kinderaugen hätten nicht intensiver leuchten können.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 46.47.22

Vor den adventlichen Etüden lädt Christiane noch einmal ein!

Die letzte Wortspende für die Textwochen 46/47 des Jahres 2022 stammt von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lautet:

Rolle
halbherzig
belohnen

 

Gedankenverloren starrte Lena aus dem Fenster, unschlüssig, ob sie die Rolle Backpapier nutzen oder weglegen sollte. Sie war hin und hergerissen und eigentlich hasste sie Halbherzigkeiten.

Aber seit Nora in Australien war, fühlte sie sich wie amputiert. Sie gönnte ihr das Studiensemester und hatte sie tatkräftig unterstützt, das Geld dafür anzusparen. Sie selbst hatte sie oft dafür belohnt, wenn sie neben ihrem Studium und ihrem Job in der kleinen Boutique für ihre gehbehinderte und demente Großmutter Besorgungen machte oder sie in bürokratischen Angelegenheiten unterstützte.

Wäre es doch Sommer, Lena würde es leichter fallen, die Zeit alleine besser zu überstehen. Doch jetzt, so kurz vor dem Advent, tauchten all die lieb gewonnenen Rituale und Vorbereitungen für das Fest vor ihrem geistigen Auge auf.

Wie gern hatten sie beide stundenlang Plätzchen gebacken und Sterne für den Weihnachtsbaum gebastelt. Mit viel Liebe und Geschmack hatten sie die Weihnachtsgeschenke verpackt und den Baum geschmückt, voller Erwartung auf den Heiligen Abend, wenn die Familie zusammenkam.

Nun war alles anders. Heiko war aus der ehelichen Wohnung ausgezogen und versuchte einen zweiten Frühling mit einer viel jüngeren Frau und deren Kindern. Lenas Mutter war nicht mehr mobil, verfiel zunehmend körperlich und auch ihr Geist war mittlerweile von einem großen Haus in ein kleines Zimmer gezogen.Die Familie war nicht mehr zusammen und Lena fröstelte bei dem Gedanken, Weihnachten allein zu verbringen.

Plötzlich hörte sie vor ihrem Küchenfenster Singen und Lachen. Eine kleine Gruppe aus dem Seniorenwohnheim in der Nähe war mit zwei Betreuerinnen unterwegs, Gehstöcke, Rollatoren und ein Rollstuhl zogen mit. Trotz der lausigen Kälte ging es den Damen und Herren offenbar gut, ihre Augen strahlten und sie genossen die Gemeinschaft.

Lenas Halbherzigkeit verwandelte sich in eine entschiedene Entschlossenheit und schon standen alle Backzutaten auf dem Tisch und warteten darauf, verarbeitet zu werden. Sie hatte einen Plan!

300 Wörter

 

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.22(2)

Die Wortspende zu Christianes Schreibeinladung für die Textwochen 42/43 des Jahres 2022 stammt von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lautet:

Billard
aktuell
gestalten

 

Des Messers Schneide (2)

Mittlerweile hatte sie eine halbe Flasche Rotwein intus und ihre Gedanken arbeiteten immer noch fieberhaft. Sie sah sich viele Jahre zuvor am Esstisch ihrer Eltern sitzen und ihnen verkünden, dass sie sich exmatrikuliert hatte und anstelle ihres Jurastudiums einen Billardsalon eröffnen wollte.

Auf Verständnis oder gar finanzielle Unterstützung stieß sie keineswegs bei ihren Eltern, die erwarteten, dass die einzige Tochter die elterliche Anwaltskanzlei mal übernehmen und nach dem Vorbild der Eltern als Vollblutjuristin gestalten würde.

Sie setzte trotz der elterlichen Widerstände ihren Plan zielstrebig um und der anfangs kleine Salon war zu einem Poolparadies geworden, in dem Menschen aller Altersgruppen nicht nur Billard und Snooker spielten, sondern darten und kickern konnten. Eine bequeme Loungeecke mit Leinwand, eine große Getränkeauswahl und die Möglichkeit für Privatfeiern mit oder ohne Buffet zog jeden Tag eine große Menschenmenge an. Das hatte nichts mehr mit Jura zu tun und doch war diese Anlaufstelle in der Stadtmitte ein Sammelbecken für Jugendliche geworden, die vielleicht sonst aus Langeweile und Perspektivlosigkeit auf die schiefe Bahn geraten würden.

Sie hatte ihren Traum verwirklicht und konnte von den Einnahmen gut leben, ohne selbst viel dafür zu tun. Nein, das warf sie nicht weg! Sie hatte ihre Leute, denen sie vertrauen konnte. Und sie selbst? Mit Mitte 30 war sie doch keineswegs zu alt, um ihr Jurastudium fortzusetzen und zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

Gleich morgen früh würde sie sich an der Uni erkundigen, unter welchen Voraussetzungen sie wieder studieren könnte und dann würde sie zu ihren Eltern fahren, um sie mit ihren aktuellen Plänen zu überraschen. Versöhnung nicht ausgeschlossen!

Sie entsorgte die Rasierklinge und machte es sich mit dem restlichen Rotwein auf der Couch gemütlich. Es gab wieder einen Lichtblick.

„Wo sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere.“ Das von Molière stammende Sprichwort schien sich wieder einmal zu bewahrheiten.

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.22

Die Wortspende zu Christianes Schreibeinladung für die Textwochen 42/43 des Jahres 2022 stammt von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lautet:

Billard
aktuell
gestalten

Des Messers Schneide

Seine wenigen Worte hatten sie bis ins Mark getroffen. Messerscharf hatten sie ihr ins Herz geschnitten. Sie fühlte sich ausgeblutet, von einer Hülle der Leere umfangen.

Alle Vorwarnungen hatte sie beiseitegeschoben, jetzt hallten sie durch den Raum wie kleine Kobolde, die sich in ihrem Leid suhlten und ihr Grimassen schnitten. ‚Lass die Finger von ihm, das geht nie gut.’ – ‚Er ist ein Windhund.’ – ‚Er ist auf der Jagd nach allem, was Röcke trägt.’ – ‚Was willst du mit einem, der so viel jünger ist und bei dem ersten Problem auf uns davon ist?’

Sie hatte ihre Lektion gelernt. Und doch blieb ein Rest dessen, was ihre einsame Seele gestreichelt hatte. Sie konnte zurückblicken auf Stunden, in denen sie beachtet und sich angenommen fühlte, auf Stunden voll zärtlicher Intimität und schmerzlicher Leidenschaft, auf Stunden, in denen sie ganz sie selbst war. Jedes Mal, wenn er zu ihr kam, brachte er ihr eine einzelne rote Rose mit und sie blühte in und mit ihr auf.

Jede einzelne Rose hatte sie getrocknet und in eine bauchige Vase gestellt. Dieser Anblick gestaltete sich mit einer Traurigkeit, die ihr die Augen öffnete. Sie sah sich in ihnen wie in einem Spiegel: ausgetrocknet und verwelkt.

Selbst heute hatte er es sich nicht nehmen lassen, eine Rose mitzubringen, allerdings kam er mit einer gelben Rose. Sie lag immer noch auf dem Esstisch, wie deplatziert auf der aktuellen Fernsehzeitung und das satte Gelb grinste sie förmlich an. Voller Zorn nahm sie eine Billardkugel und schlug auf die zarte Blüte ein, bis sie platt und verletzt vor ihr lag.

Sie ließ ihren cremefarbenen Bademantel fallen, stieg in das heiße Schaumbad und legte sich die beiden Gegenstände zurecht, die sie noch brauchte: ein Glas mit rubinrotem Wein und eine Rasierklinge.

Sie war fest entschlossen, das letzte Restchen Leben in ihr auszuhauchen.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 40.41.22 (2)

Christiane lädt wieder ein!

Die Wortspende für die Textwochen 40/41 des Jahres 2022 stammt von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lautet:

Zeitlupe
behäbig
verprassen

Der Oktoberwind säuselte leise, fast schon behäbig vor sich hin. Die Sonne wusste, weshalb er sich so verhielt und nicht ein Quäntchen Energie zu viel verprassen wollte.

In diesen Tagen standen die Sterne günstig und die atmosphärische Zirkulation verlief in ruhigen Bahnen.

Die Menschen nahmen bewusst, aber auch wehmütig Abschied vom heißen trockenen Sommer und versuchten in der neuen Jahreszeit das Bunte und Schöne, was die Natur ihnen bot, in sich aufzunehmen.

Die Sonne freute sich so darüber und setzte die farbigen Blätter der Bäume in ein so warmes Licht, dass die Augen sich nicht sattsehen konnten. Hin und wieder segelte ein Blatt in Zeitlupe zur Erde, so sanft und geräuschlos, als wolle es diese heilige Stille nicht stören.

Ein Jahr ging langsam auf sein Ende zu, darüber konnte auch der goldene Oktober nicht hinwegtäuschen. Doch die Hoffnung auf neues Leben nach einer wohlverdienten Ruhepause von Mutter Natur tröstete über die beginnende Vergänglichkeit hinweg.

Ein neues buntes Jahr würde kommen!

160 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 40.41.22

Christiane lädt wieder ein!

Die Wortspende für die Textwochen 40/41 des Jahres 2022 stammt von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lautet:

Zeitlupe
behäbig
verprassen

 

„Die Strafe folgt auf dem Fuß“! Dieses Zitat, das er sich von seiner Mutter bis zum Erbrechen anhören musste, wenn er mal wieder nicht nach ihrer Pfeife getanzt hatte, hämmerte in seinem Kopf.

Die Augen starr auf die Uhr gerichtet, schien die Zeit für ihn still zu stehen. Und doch bewegte sich der Sekundenzeiger – tick – tack – tick … Hin und wieder wurde jemand aufgerufen und verschwand durch eine geheimnisvolle Tür mit der Nummer 1 oder 2, doch mehr tat sich nicht. Das Leben in diesen Räumen verlief in Zeitlupe und er stand kurz entschlossen auf, versicherte sich der Zigaretten und des Feuerzeuges in seiner Jackentasche und ging nach draußen.

Was wollte er hier? Diese Warterei ging ihm auf die Nerven. Er inhalierte den würzigen Tabak tief bis in die letzten Lungenspitzen und sofort überkam ihn ein heftiger Hustenanfall. Da war es wieder, dieses Stechen und ein kurzer messerscharfer Schmerz durch den Oberkörper.

Vor zwei Jahren hatte er noch etliche Kilos mehr auf den Rippen und Hüften und einen entsprechend behäbigen Gang. Nun war er nur noch ein Strich in der Landschaft, fahrig in seinen Bewegungen und übernervös.

Er konnte sich nicht erinnern, nach seiner Kinder- und Jugendzeit je zum Arzt gegangen zu sein. Wozu auch? Es ging ihm doch eigentlich immer gut und wenn etwas war, verprasste er sein Geld in der Apotheke.  Dort bekam er alles, was er wollte.

Jetzt als frisch gebackener Rentner zog es ihn dann doch in eine Arztpraxis, denn sein Gewichtsverlust gab ihm zu denken. Für seinen Ruhestand hatte er andere Pläne als das Kranksein.

Er sah seine Mutter vor sich und hatte den besagten Spruch im Ohr.

Kurzentschlossen verzichtete er auf den ärztlichen Befund und ging nach Hause, um Koffer zu packen. In fünf Stunden ging sein Flieger nach Australien. Sterben ließ sich überall.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22 (3)

Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 für Christianes Etüden-Schreibprojekt stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

„Ein Kind in den Bauch reden“

Während ich ein paar welke Blätter aus der vollen Regentonne fische, klingelt das Telefon. Wieder diese ominöse Nummer, die ich nicht zuordnen kann. Neugierig melde ich mich.

„Ja, guten Tag, die Firma ‚Besser Hören’, sagt ein zartes, sensibles Männerstimmchen.

Ich verdrehe die Augen! Nicht nur, dass man mich mit Einladungen zu Hörtests bombardiert und zum Tragen von Hörgeräten animieren will, nein, es kommt noch besser!

„Aus meinen Unterlagen geht hervor, dass Sie vor einigen Monaten zu einem Hörtest bei uns waren und Ihre Hörfähigkeit mittlerweile eingeschränkt ist.“

Während dieser Ausführungen recherchiere ich über mein Smartphone die Vorwahl. Ich muss aufpassen, dass meine Stimmlage nicht zu schwanken beginnt, denn was dieser Mensch mir einreden will, stimmt vorne und hinten nicht.

„Guter Mann“, setze ich vorsichtig an, „dieser Hörtest liegt Jahre zurück und nicht einige Monate. Ferner wurde nur eine klitzekleine Kleinigkeit festgestellt, dass ich die hohen Töne nicht mehr so gut höre und noch weit von einem Hörgerät entfernt bin.

Und da ich in Brandenburg lebe, wie Sie ja sicher wissen, denn Sie rufen mich ja an, werde ich mir wohl kaum die Mühe machen, eine Fernreise zu einem Hörtest zu machen.

Vielleicht machen Sie einfach beim nächsten Mal Ihre Hausaufgaben gründlicher!

Und …“, ich hole noch einmal tief Luft, „ wenn ich das Gefühl habe, meine Hörfähigkeit testen lassen zu müssen, werde ich mich schon kümmern beim Hörgeräteakustiker meines Vertrauens. Einen schönen Tag noch nach Niedersachsen!“

Der Gatte hat mir diese Sache eingebrockt, schon vor Jahren, als er meinte, ich würde langsam schwerhörig und ich zum Hörtest fuhr.

Manches will Frau einfach nicht hören!

Der Gatte hatte dieses Telefonat mitbekommen und begann kommentarlos zu grinsen.

Wenn der wüsste, dass ich schon bald einen Termin für uns beide machen würde!

Da wollen wir doch mal sehen, wer hier wirklich schlecht hört!

300 Wörter

Anmerkung: Diese Geschichte ist mir in dieser Woche so passiert, der Namen der Firma ist jedoch geändert.

Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22

Nun gehen wir stramm auf einen frühen Herbst zu, das Wetter ist wenig einladend und so sollten wir uns Christianes freundlicher Einladung zum Etüdenschreiben wieder zuwenden. Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

Als wir jung waren, hatten wir Flausen im Kopf und wollten die Welt auf den Kopf stellen. Heute steht die Welt auf dem Kopf und wir haben Mühe, diese Schieflage zu beheben. Alles ist im Wandel, vieles ist nicht mehr selbstverständlich und unseren lieb gewordenen Gewohnheiten entsprechend.

Seit Stunden weint der Himmel ununterbrochen sein Klagelied, Blitz und Donner lassen sich kaum noch bändigen. Viele Tiere in Wald und Flur zeigen ihren Unmut über die düstere Wetterlage und ihre Energiereserven geraten in eine gefährliche Schieflage. Die Bäume entledigen sich zunehmend ihres noch überwiegend grünen Blätterkleides. Entweder war es zu trocken, zu heiß oder zu nass oder wie jetzt, viel zu kalt für diese Jahreszeit.

Anstatt einen warmen und sonnigen Altweibersommer zu genießen, machen sich die Menschen große Sorgen, wie sie diesen Winter überstehen sollen. Energie ist ein Luxusartikel geworden, eine Ressource, mit der lange unsensibel und verschwenderisch umgegangen wurde und mit der jetzt jeder äußerst sparsam umgehen sollte.

In den heißen Sommerwochen drohte so manche leere Regentonne in den Gärten bei starkem Wind zu schwanken, nun gibt es Regenwasser im Überfluss, das nicht überall aufgefangen wird und sinnlos überschwappt und sogar viele wertvolle Flächen überschwemmt.

Und wer hat Schuld an allem? Wem kann man den „Schwarzen Peter“ zuschieben? Selbstreflexion ist vielen Menschen zum Fremdwort geworden, ebenso wie die Frage, wo all das mal enden soll?

Wachstum ist nicht unendlich, sondern hat deutliche Grenzen. Kriegsschauplätze sind zur Tagesordnung geworden und schwappen in jedes Wohnzimmer, oft sogar mit Auswirkungen auf den familiären Frieden, der von unterschiedlichen Meinungen oftmals Risse bekommt. Schuld hat niemand oder vielleicht alle? Lösungen erwarten alle, aber welche sind gerecht und sozial und stellen alle zufrieden? Wer ist bereit, den Blickwinkel zu verändern und den Radius über dem eigenen Tellerrand zu erweitern, um zu retten, was noch zu retten ist?

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.22

Eine neue Runde für Christianes Etüden.

Meine heutige schließt sich dank der passenden Wörter inhaltlich an die letzte an.

Die Wortspende für die Textwochen 10/11 des Jahres 2022 stammt von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice. Sie lautet:

Zylinder
rau
blühen

Der Traum war ausgeträumt, die Pandemie aber noch lange nicht vorbei. Neue Wellen wurden schon für den kommenden Sommer und Herbst angekündigt. Die Urlaubsträume blieben offensichtlich Träume, denn die Welt war so sehr aus den Angeln gehoben, dass es jetzt nur hieß: zupacken und mithelfen.

Er hängte seinen Zylinder an den Haken, seine Familie und sein Dienstherr mussten nun für vier Wochen ohne ihn auskommen. Im Notfall musste er ein paar Studenten als Sargträger anheuern, denn gestorben wurde weiterhin. Allerdings waren die Wege in den Tod nicht immer eben, sondern oft bitter und rau. Dem blutigen Tod und seiner grässlichen Fratze würde er bald in einer ganz neuen Dimension gegenüberstehen.

Was er bisher im Fernsehen gesehen hatte, würde ihm nun real begegnen, darauf war er gefasst. Obwohl er als Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes schon viel Leid und Elend erlebt hatte, war er als Kind in die Wohlstandsgesellschaft hineingeboren worden, wie die meisten von uns.

Er schaute aus dem Fenster in den Vorgarten und betrachtete staunend die Krokusse, die im Schein der Märzsonne wetteifernd blühten und mit ihren leuchtenden Farben einen unsinnigen Krieg ein paar Hundert Kilometer entfernt irreal erscheinen ließen.

Er riss sich von diesem herrlichen Anblick los und versuchte das Bild in seinem Herzen als kleines Trostpflaster mitzunehmen.

Ein letzter Blick blieb für das hergerichtete Gästezimmer. Drei Betten frisch bezogen, mit Kuscheltieren auf den Kinderbettkopfkissen, die darauf warteten, einer verzweifelten Mutter mit ihren Kindern Schutz und Hilfe zu bieten.

Es klingelte. Die Kollegen mit dem Transporter voller Hilfsgüter für die Menschen in bitterster Not erwarteten ihn. Eine Reise mit unbekanntem Ausgang, aber mit viel Hoffnung im Herzen im Sinne der Mitmenschlichkeit konnte beginnen.

Mögen seine Liebsten, die den heutigen Tag im Zoo verbrachten und so dem schweren Abschied ausweichen konnten, eine Heerschar von Schutzengeln an ihrer Seite haben.

300 Wörter