Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.21

Christiane lädt zu einer neuen Etüdenrunde ein. Die Wörter für die Textwochen 23/24 des Schreibjahres 2021 stiftete Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lauten:

Picknickdecke
verwegen
recherchieren

Der Frühling war in diesem Jahr, wie so vieles andere nahezu ausgefallen und von heute auf morgen hatte der Sommer seinen Einzug gehalten. Eben noch im tiefsten Lockdown öffneten sich plötzlich Türen, die lange verschlossen waren.

‚Das Leben ist zu kurz für irgendwann … ‚war ihr in einem neulich gelesenen Zitat im Gedächtnis geblieben. Nein, keine Zeit verlieren und das Leben beim Schopf packen!

Sie fand sich mutig, ja fast ein wenig verwegen, als sie heute früh beim Erwachen in die strahlende Sonne blinzelte, dem aufgeregten Ruf der Vögel lauschte und nach ihrem Smartphone griff.

Marty war sofort am Telefon, als hätte er bereits auf ihren Anruf gewartet.

Mareike verlor keine Zeit und kam gleich zur Sache, überrollte Marty mit ihrem ausgeklügelten Plan, einen Picknickkorb zu packen, das Fahrrad zu überholen und startklar zu machen und schärfte ihm ein, eine große bunte Picknickdecke mitzubringen.

Entweder war er noch nicht ganz wach oder stand, wie so oft, ein wenig mit dem Fuß auf der Leitung, denn er fragte etwas ratlos, ob sie denn nicht erst recherchieren sollten, was die neuen Regeln alles erlauben würden, bevor sie sich an einem Sonntagvormittag ins Getümmel stürzten.

„Wir dürfen heute nach unseren eigenen Regeln leben und einen Sommertag in Freiheit erleben“, antwortete Mareike in sich hinein schmunzelnd. „Ach, und denke bitte an ein Badetuch, ich habe eine Bucht am See entdeckt, die so einsam ist, dass sie geradezu paradiesisch anmutet. Bis später!“

Bevor Marty irgendetwas erwidern konnte, hatte sie aufgelegt und sich in die Vorbereitungen gestürzt. Es wäre doch gelacht, wenn sie ihm seine Schüchternheit heute nicht ein wenig therapieren könnte …

267 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 (2)

Christiane hat wieder zur Etüde eingeladen.  Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 

Die Zerreißprobe

Das Geräusch war kaum zu ertragen und hielt seinen Körper von Kopf bis Fuß in Schach. Es kroch bis in den Haaransatz. Von dort aus setzte es sich wie Erdbebenwellen über die gesamte schwitzende Kopfhaut fort und rann den Rücken hinunter, Wirbel für Wirbel. Die Oberschenkel waren so verkrampft, dass ein Kribbeln von den Schenkelinnenseiten über beide Kniekehlen und dann über die Waden bis in die Fußspitzen zu spüren war.

Er spürte seine beiden Schulterblätter, die sich nach außen drückten, als könnten sie dieses dumpfe, durchdringende Geräusch dadurch besänftigen. Seine überstreckte Halswirbelsäule zog sich immer wieder vorsichtig rechtsdrehend aus einer Art Umklammerung. Die Fingerknöchel, weiß und bleich, hoben sich von seinen sonst gut durchbluteten Händen deutlich ab.

Hektisch sog er die Luft durch die Nasenöffnung. Dabei blähten sich seine Nasenlöcher wie die Nüstern eines Pferdes hoch und runter. Die Augen hielt er geschlossen und doch hatte er das Gefühl, direkt in das gleißende Licht der Lampe zu schauen. Sein Gesicht war mit kaltem Schweiß überzogen und schien gleichzeitig feuerrot zu glühen.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Obwohl er nur wegwollte, hatte er keine Chance, seinen Körper zu bewegen. Er war starr vor Schreck, wie in einem Korsett gefangen.  Die Anspannung zog  sich durch jeden Muskel seines Körpers. Gleichzeitig rauschte der Puls in seinem Trommelfell bis in die Innenseiten seiner Schläfen.

Eine zunehmend eklige  Feuchtigkeit im Mund ließ ihn innerlich erzittern. Es war Blut, das konnte er förmlich riechen und er hatte das Gefühl eine dampfende Wolke umhüllte sein Haupt.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und eine schier grenzenlose Erleichterung überfiel ihn. Nun konnte sein Körper langsam in den Normalzustand zurückkehren.

„Das wäre geschafft! Dieses Biest wird Sie nicht mehr quälen!“, sagte der Zahnarzt und zeigte ihm den soeben entfernten Weisheitszahn. Und dann wurde es schwarz vor seinen Augen …

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21

Christiane hat wieder eingeladen. Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 Sie hätte es besser wissen müssen und sich nicht dazu hinreißen lassen dürfen. Aber der regelmäßige nachmittägliche Ausflug war einfach zu verlockend. Nun war es zu spät.

Als sie losgegangen war, schien die Sonne und der Himmel war voll von bauschigen Schönwetterwolken. Der Wolkenbruch, der sich vor wenigen Minuten über sie ergossen hatte, ließ den von den Sonnenstrahlen erwärmten Waldboden dampfen und die prasselnden Regentropfen hinterließen auf dem frischen Maigrün eine sanfte Tränenspur.

Der Sturm war noch nicht vorüber, denn die Baumwipfel der Kiefern sangen ihr eigenes Lied und die dünnen Baumstämme schwankten je nach Laune des Windes fast unmerklich, mal rechtsdrehend, dann wieder linksdrehend. Der Wettergott gab den Ton an und die Natur ergab sich ihm in völliger Demut.

Der Wald hinterließ schon lange einen erbärmlichen Eindruck. Überall lagen umgeknickte Baumstämme, wie Mikadostäbchen einfach umgepustet, herausgerissen aus dem zu trockenen märkischen Sandboden. Nur die zarten Triebe der Blätter an den Sträuchern und den jungen Birken gaben Hoffnung auf das neue Leben, das sich nicht unterkriegen ließ.

Ein dumpfes Grollen und ein zuckender Blitz ließen das kleine Wesen in ihren Armen erneut wild zappeln. Die Angst kroch wild durch seinen jungen Körper. Aber er durfte sich auf keinen Fall befreien und losreißen, wer weiß, wohin die Angst und sein Jagdinstinkt vor diesen fremden Gewalten ihn trieben. Auch wenn es ihr selbst wehtat, sie musste ihn festhalten.

Gefangen wie in einem Korsett, so musste sich das verletzte Wesen fühlen und irgendwann gab es seinen Widerstand auf. Ein erneuter Schauer ging hernieder, ein Gemisch aus dicken Regentropfen und dicken Hagelkörnern, die sich wie weiße Blütenblätter auf das helle Hundefell legten und infolge der Körperwärme sofort schmolzen.

Bald hatten sie es geschafft, und am Ende des breiten Waldweges schaute die Sonne hinter ein paar dunklen Wolken hervor und zauberte einen breiten leuchtenden Regenbogen.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren

Obwohl ich sie nicht sehe, spüre ich sie deutlich, jede einzelne von ihnen. Vom Kopf bis zu den Füßen entfalten sie leise und zielsicher ihre Macht über mich, halten mich fest und zwingen mich für die nächste halbe Stunde in die Unbeweglichkeit. Eine leichte Bewegung würde ihre Wirkung unterbrechen, würde sie nahezu haltlos machen.

Ein – aus – die Atemwelle kommen lassen. Nach einer Weile hat sich die Atmung reguliert und ich lasse atmen. Die Bilder hinter meinen geschlossenen Augenlidern bewegen sich langsamer, verblassen und ein tiefes Schwarz breitet sich aus. Die Ohren wenden sich der leisen Hintergrundmusik zu, nehmen sie auf und leiten sie ins Körperinnere wie in einen großen Resonanzkörper. Dort bleiben sie liegen, leise, melodisch und besänftigend.

Und dann kommt sie, die Schwerelosigkeit, die Tiefenentspannung. Der Körper hat sein Gewicht scheinbar völlig verloren. Ob er liegt oder schwebt, ist kaum zu spüren.
Die Augen fallen zurück in ihre Höhlen, das anfänglich kaum merkbare Zittern der Lider geht in eine tiefe Schwere über. Dann wird es ganz still um mich.

Ich zähle mit, siebzehn – achtzehn. Das sind alle. Ich bewege mich vorsichtig, richte mich auf, massiere mir die kribbelnden Hände, die durch die längere Unbeweglichkeit vor sich hinsurren, und versuche langsam, in den Alltag zurückzufinden.

Die warme Frühlingssonne scheint ins helle Zimmer und mit meinem bunten Sonnenhut in der Hand stelle ich mich dem noch jungen Tag, bereit, mit der strahlenden Sonne um die Wette zu eifern.

237 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die Wörter zu Christianes Schreibprojekt für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2021 stiftete endlich mal wieder Sabine (auch als Frau Flumsel bekannt) mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten:

Strickjacke
trügerisch
entdecken

 

Was für ein Anblick! Neles schmächtiger, von Krankheit gezeichneter Körper versank in der bunten, mittlerweile übergroßen Strickjacke, die Oma Helga liebevoll aus bunten Farben für sie gestrickt hatte.

Was hatte dieses liebreizende junge Mädchen schon alles erleiden müssen! Seit zwei Jahren war sie infolge der fortgeschrittenen Multiple Sklerose an den Rollstuhl gefesselt, anstatt mit ihren Freundinnen neugierig die Welt zu entdecken.

Es hatte die ganze Nacht über geschneit und Nele blickte hinaus in den verschneiten Garten. Sie konnte sich an der winterlichen Pracht nicht satt sehen, wie sie sich auch nicht erinnern konnte, so eine weiße Stille je bewusst erlebt zu haben. Erzählungen über eine weiße Weihnacht kannte sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Nun bekam sie eine Vorstellung davon, was Oma Helga damit meinte.

Auch wenn sich eine leise Traurigkeit auf Neles Gemüt legte, streichelte der Anblick der Winterlandschaft ihre Seele. Würde sie so etwas Schönes je wiedersehen? Die Krankheitsschübe, das ständige Auf und Ab waren trügerisch. Nele wusste, dass sie unheilbar krank war und doch hoffte sie immer wieder, eine geeignete Therapie zu bekommen, die ihr Leben wieder lebenswert machte. Sie brauchte diese Hoffnung wie ein Durstender das Wasser, sonst würde sie verrückt.

Und doch, je länger diese Krankheit an Körper und Seele nagte, umso tiefer wurden die Phasen der Akzeptanz. Es war ein Auf und Ab, ein Leben im Hamsterrad, ein Nicht-Entkommen-Können.

Das Netz der Liebe und Fürsorge ihrer Familie, das sie wie einen Kokon umspannte und umhüllte, gab ihr die Kraft weiterzuleben.

Nele fragte sich nicht mehr, welchen Sinn es hatte, dass ihr junges Leben eng begrenzt war, sie wollte jeden Tag, der ihr blieb, in Dankbarkeit erleben und ihren Weg gehen, wohin er sie auch führen würde. Nicht allein zu sein bis zur letzten Stunde war ihre Kraftquelle, der Brunnen, aus dem sie schöpfte.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 (2) | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

Die Landung war hart und unsanft. Paul konnte sich im ersten Moment nicht erklären, wo er war. Verschreckt schaute er sich um. Der Anblick, der sich ihm bot, war neu für ihn. Er konnte sich nicht erinnern, je so gestürzt zu sein. Er sah zu seiner Linken eine stattliche Anzahl Kraniche, deren Schnäbel mühevoll in den Boden hackten, um in dem vom Schnee bedeckten und gefrorenen Boden etwas Essbares zu finden. Unweit der Kraniche saßen Enten auf dem Feld, ebenso verzweifelt auf der Suche nach Nahrung.

Paul drehte seinen Kopf vorsichtig nach rechts und ein stechender Schmerz signalisierte, dass irgendetwas seinen Nacken blockierte. Seine Arme schmerzten und als er vorsichtig versuchte aufzustehen, gab sein linkes Bein nach und er sackte zurück auf den eisigen Boden.

Weder die Kraniche noch die Enten nahmen Notiz von ihm. Panik stieg in ihm auf. Nicht zu wissen, wo man war und bewegungsunfähig zu sein, war doch eine Nummer zu groß für ihn.

„He du komischer Vogel, wo kommst du denn her?“

Ein Kranich mit blitzenden Augen stand über Paul, blickte ihn forschend und gleichzeitig belustigt an. Paul bekam keinen Ton heraus.

„Überleg es dir, ich könnte dich ein Stück mitnehmen oder nach Hause bringen, wir fliegen gleich weiter.“

Paul überlegte fieberhaft. Wenn er auf Maries Fensterbrett saß und hinausschaute, war unweit ein kleiner Friedhof. Und drei Mal am Tag läuteten die Glocken. Umständlich erklärte er dem großen Kranich, dass er zur nächsten Kirche müsste, sich aber nicht bewegen könne. Der Kranich zögerte nicht lange, nahm Paul behutsam in seinen Schnabel und hob ab.

Als der Morgen graute, blinzelte Paul vorsichtig. Alles war warm und weich und er lag wie jeden Morgen sicher in Maries kleinen Armen. Sie schlief tief und fest. Der Vollmond zog sich still zurück und Paul begriff: Auch Affen können träumen.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

„Dieser bornierte Affe“ schimpfte Hilde lautstark.

„Worüber regst du dich denn schon wieder auf?“

Hubert war gerade eingedöst, als Hildes Wortschwall ihn unsanft weckte.

„Kriegst du denn gar nichts mit? Ich setze den Blinker und der da schnappt mir einfach den Parkplatz weg. Wo gibt es denn so was???“

 Hubert hatte es sich abgewöhnt, auf die emotionalen Ausraster seiner Frau einzugehen, wusste er doch, dass sie damit erst so richtig Fahrt aufnahm und nicht zu bremsen war. Er war auf sie und ihre Gnade angewiesen, zumindest die nächsten sechs Wochen, dann bekam er seinen Führerschein zurück und würde sich wie ein neuer Mensch fühlen.

„Fahr ein Stück weiter, da ist doch ein großer Parkplatz.“

„Das sehe ich gar nicht ein, wegen dem da so weit zu laufen.“

Hilde hatte das Familienauto direkt neben dem ‚Parkplatzmopser’ geparkt und forderte Hubert mit einem stummen Impuls auf, auszusteigen und sich um die Angelegenheit zu kümmern, sich womöglich mit dem unverfrorenen Herrn im Auto rechts von ihr zu duellieren.

Hilde blockierte mittlerweile den folgenden Verkehr und neben den giftigen Blicken des ‚bornierten Affen’, der offenbar nichts sehnlicher wünschte, als aussteigen zu können, hatte Hubert das Gefühl, im nächsten Moment hyperventilieren zu müssen. „Bitte sei so gut und fahre weiter. Du machst uns ja beide zum Affen“.

„Ich denke gar nicht daran!“, antwortete Hilde und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.

„Wenn du nicht sofort weiterfährst, steige ich aus, dann kannst du sehen, wie du mit dem Wochenendeinkauf klarkommst.“ „Und, wenn du nicht umgehend handelst, steige ich aus und dann kannst du sehen, wie du das Auto nach Hause bekommst. Die Polizei fackelt nicht lange, wenn sie Menschen ohne Führerschein erwischt.“

Das war zu viel. Hubert öffnete die Tür, zwängte sich mit rollenden Augen zwischen beiden Fahrzeugen hindurch und steuerte den nächsten Taxistand an.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7.

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein. Sie lauten:

Lautsprecher
orange
erschüttern

Die Lautsprecher schwiegen und in der Luft lag eine Schwere, die fast schon schmerzlich war. Die Nachmittagssonne färbte den Himmel orange-rot ein und man hätte fast geglaubt, ein stiller Februartag neige sich langsam und friedlich dem Ende zu.

Doch von Frieden war keine Rede. Die Menschen waren aufgewühlt, am Ende ihrer so lange schon strapazierten Geduld und wollten sich nicht länger einkerkern lassen. Immer wieder wurden sie vertröstet, sich im Sinne des Allgemeinwohles zurückzuhalten und noch eine Weile durchzuhalten. Schließlich war das Licht am Ende des Tunnels ja zu sehen, obgleich der Weg dahin noch voller Stolpersteine lag.

Sie hatten sich zusammengeschlossen und sich deutlich Luft gemacht, diejenigen, die nun die Nase von vermeintlicher Verzögerungstaktik und Hinhaltemanövern voll hatten, und leider stießen sie bei vielen auf offene Ohren. Längst brodelnde innere Aggressionen, die sich nun verbal und körperlich Luft machten, hatten ein Chaos angerichtet, das an die Bilder eines wütenden Mob aus jüngster Vergangenheit in Washington, D.C. erinnerte.

Das, was alle täglich in den Medien vernehmen und schmerzlich sehen konnten, das, was die Verhaltensweisen weiterhin rechtfertigten, ja sogar zu einem MUSS erklärten, schien viele ebenso wenig zu erschüttern wie Millionen hungernder und bildungsferner Menschen in anderen Teilen der Welt, für die kein Licht am Tunnelende, sondern immer noch rabenschwarze Nacht zu sehen war. Denn so wie es momentan aussah, würden auch sie das Schlusslicht in der Bekämpfung der weltweit aktuellen Lage sein.

Aber andere Länder sind weit weg und der Blick über den eigenen Tellerrand ähnelt einer Hochgebirgs-Gipfelbesteigung. Hier spielt das Leben und das ist kaputtgemacht worden. ‚Holen wir uns das zurück’ – das war die Parole des Nachmittags und dafür rottete sich der Mob zusammen.

Die Polizei versorgte ihre verwundeten Kolleginnen und Kollegen und ließ viele von ihnen ins Krankenhaus bringen, in der Hoffnung auf ärztliche Kapazitäten und kompetente Hilfe.

300 Wörter

 

Mit dem heutigen Tag hat die Pandemie in Deutschland 50.642 Todesopfer gefordert.

Setzen wir um 16.30 Uhr ein Zeichen des Gedenkens
und stellen wir nach dem Vorschlag des Bundespräsidenten ein Licht ins Fenster.

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Christiane lädt wieder zu ihrem Schreibprojekt ein: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2021 stiftete Ludwig Zeidler, der Erfinder der Etüden. Sie lauten:

Zetermordio
weichmütig
backen

 

Man konnte ihn keineswegs als weichmütig bezeichnen, im Gegenteil, seine imposante Gestalt ließ eher ehrfurchtsvoll zu ihm aufblicken. Sein Schritt war fest, seine Körperhaltung zeigte Entschlossenheit an und sein markantes Gesicht mit dem grauen kurzen Haar und den zahlreichen Lachfältchen um die leuchtend blauen Augen täuschten nicht darüber hinweg, dass „Kleine-Brötchen-Backen“ bei ihm ebenso wenig ankamen wie das Drumherumreden. Er lebte Klarheit, Ehrlichkeit und Konsequenz vor und das erwartete er auch von seinen Mitarbeiter*innen*. Seine Bürotür stand meist offen und ein Blick auf seinen stets trotz der vielen Arbeit aufgeräumten Schreibtisch war sogar einladend.

Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck und die Mitarbeiter des kleinen privaten Gymnasiums waren froh, ihn als Chef zu haben.

Obwohl ihm sämtliche hausfraulichen Talente fernlagen und er dafür seine geliebte und unbezahlbare Küchenfee hatte, stellte sich Nick Peterson am Sonntag vor dem ersten Schultag in die Küche und buk Pfannkuchen mit Pflaumenmus und Apfel-Kürbis-Marmelade als Füllung für seine Kolleginnen und Kollegen. Seine Frau Olivia saß währenddessen wie teilnahmslos am Küchentisch und las Zeitung, natürlich in Bereitschaft, ihrem stöhnenden und schwitzenden Mann schnell unter die bemehlten Arme greifen zu können.

Gewiss, der Silvesterabend war längst vorüber und von Süßem hatte nach den vielen Feiertagen scheinbar jeder genug genossen und auf den Hüften.

Trotzdem war ihm dieser außergewöhnliche Liebesdienst ein seelisches Bedürfnis.

Die Lagebesprechung am ersten Schultag im neuen Jahr in der großräumigen Aula wurde kein einfaches Unterfangen. Und bevor die vielen Ver- und Anordnungen für den weiteren Shutdown und die Umsetzung in den verschiedenen Unterrichtsmöglichkeiten besprochen und ausgewertet werden würden, wollte er die Kolleginnen und Kollegen mit heißem Kaffee und seinen selbst gebackenen Pfannkuchen verwöhnen.

So rechnete er sich aus, würde jedes Zetermordio bereits im Keim erstickt. Er spekulierte sogar auf einen erhöhten Motivationsschub, denn das Jahr war jung und der Ausblick nicht übel.

 

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20

Einladung  von   Christiane   zur letzten regulären Etüde in diesem Jahr,  für die aus 3 Wörtern eine Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern entstehen soll.

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern

Magische Orte

„Nimm Platz“, forderte mich die hölzerne Bank mit einem stummen Impuls auf. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Eigentlich hatte ich keine Zeit, wenn ich daran dachte, was dieser Tag von mir noch abverlangen würde. In alten Akten konnte ich jedoch später noch stöbern, sie lagen ohnehin verstaubt und regungslos im Keller des Gerichtes herum und wurden von einem immerzu griesgrämig dreinschauenden Vorzimmerbeamten bewacht. Ich zögerte, innerlich unruhig und hin- und hergerissen. Doch ich konnte mich dem Zauber dieses Ortes nicht erwehren und nahm Platz. Schließlich war der Tag in seiner jahreszeitlichen Helligkeit und in seinem sanften Licht begrenzt.

Für einen Moment schloss ich die Augen, atmete tief durch und spürte, wie mich eine befreiende Ruhe durchflutete. Alle meine Sinne waren bereit, das vor mir und um mich herum sichtbare Schauspiel des leuchtenden Novembers in mich aufzunehmen und darin zu versinken. Der milde Herbsttag hielt mich umfangen und die Kraft der Umgebung durchströmte mich wie eine Quelle der Wiedergeburt. Stille umfing mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort letztendlich gesessen hatte. Als ich die Augen öffnete, lag der See wie schlafend vor mir. Nur ein ganz leichtes Säuseln des Windes und ein sanftes Schaukeln der Blätter verrieten mir, dass ich mitten in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt war.

Erfüllt mit neuer Kraft und Tatendrang machte ich mich auf den Weg in mein Büro und dankte dem Himmel für diese Kraft spendenden Minuten.

© Text und Fotos : G. Bessen, 233 Wörter