Abhängen

Vielleicht hänge ich noch ein paar Tage dran und rum, jedoch sicherlich nicht durch …

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Ein seltsames Trio

Ein seltsames Trio

Es war ein merkwürdiges Trio, das einst am Aschermittwoch vor etlichen Jahren  das Krankenzimmer Nummer 13 bezog. Drei junge Frauen, die sich nicht kannten und denen eine Operation bevorstand.

Die Operationsmethoden waren zu jener Zeit noch nicht so ausgefeilt wie heute und der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden“ hatte damals noch einen tieferen Sinn.

Luise, die gleich das Bett an der Tür ihr Eigen nannte, hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und sah gelassen ihrer vierten Operation entgegen.

In das mittlere Bett legte sich Renate, deren Schäferhund ein Stück der Ohrmuschel beim Toben  abgebissen hatte und die hoffte, dass ihr Ohr bald wieder in formvollendeter Schönheit von einem Ohrring geschmückt werden würde.

Das Bett am Fenster blieb für Marianne übrig, die vor ihrer Nasenoperation noch ausgiebig Fasching gefeiert hatte, bevor sie sich unters Messer begeben wollte.

Es fehlte noch jemand mit einer Augenkrankheit  zu einem ‚Sinn-losen Quartett’.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nach diesem Motto sahen die drei Damen dem kommenden Operationstag entgegen und freundeten sich zwischen Untersuchungen, Anästhesievorgesprächen, Mittag- und Abendessen miteinander an. Schließlich würden sie die kommenden Tage gemeinsam in dem Dreibettzimmer der Benjamin-Franklin-Uniklinik verbringen. Den heutigen Abend konnten sie noch in schwereloser Leichtigkeit erleben.

Während Luise und Renate sich keine großen Gedanken machten und das Unabänderliche auf sich zukommen ließen, hatte Marianne die Unruhe ergriffen. Schließlich musste sie sich von einer leicht gekrümmten Nase verabschieden, die sie seit ihrem zehnten Lebensjahr mit sich herumtrug. Was sie hatte, wusste sie, wie es danach aussehen würde, konnte sie nur erhoffen.

Das Märchen, Routine-OPs mache bereits der Pförtner, hatte sie nie geglaubt.

Die Ärztin, die sie am nächsten Tag operieren wollte, kam mit einer Gruppe Medizinstudenten am späten Nachmittag ins Zimmer und machte die Patienten zu einem Anschauungsobjekt. Nie würde Marianne den Augenblick vergessen, in dem zehn junge Männer neugierig um ihr Bett herumstanden und sie begafften, als sei sie von einem anderen Stern.

Mit zehn Jahren hatte sie mit ihren Freundinnen ein Wettspringen auf dem Spielplatz veranstaltet. Siegerin war, wer vom Klettergerüst am weitesten in den Sandkasten springen konnte. Alles verlief ohne Blessuren, bis sie durch einen Fehltritt am Gerüst abrutschte und auf die Holzumrandung des Sandkastens fiel, mit dem Gesicht, besser mit dem Nasenbein, zuerst.

Zuerst sah alles gar nicht schlimm aus. Das Nasenbein war gebrochen. So etwas heilt wieder zusammen, aber nicht unbedingt gerade. So passierte es, dass die Nase zu einem ganz  leichten Rechtsabbieger wurde. Es war nicht weiter schlimm. Und wer es nicht wusste, bemerkte es nicht einmal. Unangenehm wurde es erst bei Infekten, wenn durch das rechte Nasenloch zu wenig Luft kam.

„Kein Problem“, sagten die Ärzte, „das kann operiert werden, aber frühestens, wenn die Nase ausgewachsen ist.“ So vergingen die Jahre, bis Marianne sich mit knapp zwanzig Jahren zu einer Nasenkorrektur entschloss. Die Krankenkasse übernahm die Kosten, da es zwar eine Schönheitsoperation, aber aus dringenden medizinischen Gründen notwendig war.

Am Morgen der Operation  war das Trio sehr schweigsam. Marianne wurde als erste abgeholt, kurz darauf folgte Renate und zum Schluss Luise. Mittags lagen alle drei in einem komaähnlichen Zustand wieder in ihrem Zimmer.

Renate hatte ihren Narkoserausch mittags  bereits ausgeschlafen und blinzelte zu ihrer Bettnachbarin Marianne. Erschrocken richtete sie sich auf. War sie das wirklich? Die  Bettdecke bis zum Hals hochgezogen erblickte Renate nicht viel mehr als einen dicken Gips mitten in Mariannes Gesicht. Luise schlief ebenfalls und hatte Renate den Rücken zugewandt.

‚Na, wenigstens leben wir alle noch’, dachte sie zufrieden, fasste sich vorsichtig an ihr verbundenes linkes Ohr und schlief weiter.

Nachmittags kam das Leben in das Zimmer Nummer 13 zurück.

Luise tauschte das OP-Flatterhemd mit einem Jogginganzug und verkündete, sie gehe jetzt in die Cafeteria, sie habe Hunger auf ein Stück Kuchen.

„Bist du verrückt? Das darfst du doch sicher nicht. Und überhaupt – wie willst du das mit deinem halb verklebten Mund denn essen?“, fragte Renate entsetzt.

„Lutschen“, antwortete Luise mit einem schiefen Grinsen und war bald danach verschwunden. Renate bekam kurz darauf Besuch und verschwand mit ihrem Vater im Aufenthaltsraum. Marianne beschloss im Bett zu bleiben und dort auf ihre Eltern zu warten. Sie hatte das Gefühl, als habe ihr Gesicht die Form eines Fußballes angenommen. Vorsichtig befühlte sie ihr Gesicht. In der Nase steckten offenbar zwei Tamponagen, deren Enden etwas aus den Nasenlöchern herausragten. Die Nase selbst war eingegipst.

Mariannes Besucher machten so entsetzte Gesichter, dass sie erahnen konnte, wie sie aussah. An einen Schönheitswettbewerb war vorläufig nicht zu denken. Sie ließ sich einen kleinen Handspiegel geben und bereute es im gleichen Moment. Frankenstein war eine Schönheit gegen sie. Das Gesicht war geschwollen, die Augen rot unterlaufen, der Gips saß wie eine hässliche Kröte mitten im Gesicht.

Es dauerte einige Tage, bis die Schwellungen nachließen. Das Gesicht wurde bunt wie eine Aquarellzeichnung und als die Nase abschwoll, bekam Marianne einen kleineren Gips, mit dem sie entlassen wurde. Renates Ohr war wieder dran und sie freute sich auf ihren Hund, mit dem Vorsatz, in Zukunft vorsichtiger beim Spiel mit ihm zu sein. Auch Luise war mit ihrem jetzigen Aussehen schon sehr zufrieden und sah einer weiteren Korrektur gelassen entgegen.

Die Drei verabschiedeten sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Trotz ihrer unterschiedlichen  Blessuren hatten sie viel Spaß zusammen gehabt und blieben den Schwestern der Station sicher noch lange in lustiger Erinnerung.

© G.Bessen

„Manche mögen es heiß“

Es war  still, nur eine kaum hörbare Entspannungsmusik untermalte die Ruhe. Sie saß aufrecht und hatte die Augen geschlossen. Sie spürte die Atemwelle, die durch ihre Nase, dann durch die Luftröhre bis in den Bauchraum  ihren Weg fand. Die Luft war eukalyptusgeschwängert. Sie sog den wohlriechenden, ätherischen Ölduft  tief durch ihre Nasenflügel ein und ließ die Luft  mit einem kaum hörbaren ‚fffff’ zwischen den Zähnen  wieder entweichen.

Langsam bildete sich ein feiner Schweißfilm auf ihrer Haut. In Gedanken ging sie vom Nacken bis zum Po ihre Wirbelsäule durch, Wirbel für Wirbel. Sie konnte förmlich fühlen, wie jeder Wirbel wieder an seine ihm angedachte Stelle rückte und sanft von der Bandscheibe und der Muskulatur umhüllt wurde.

Sie liebte diese Momente der Ruhe und der Entspannung und war innerlich ganz weit weg. Vor ihrem inneren Auge sah sie das türkisblaue Meer in seiner Unendlichkeit. Eine laue Brise versetze die langen Wedel der Kokospalmen in eine leicht schwingende Bewegung. Der weiße Sandstrand zeugte von einer unendlich langen Geschichte. Hier wollte sie verweilen und das Bild der Entspannung unauslöschlich in ihre Seele brennen, als inneres Refugium, wenn der Alltag sie wieder einmal zu sehr in den Griff nahm.

Der feine Schweißfilm auf der Haut hatte sich in glänzende Tropfen verwandelt, die in kleinen Rinnsalen unaufhörlich ihren Körper hinab rannen und lautlos in  ihrem Badetuch versickerten.

Langsam öffnete sie die Augen, dehnte sich ein letztes Mal und freute sich  auf eine eiskalte Dusche.

Nichts ist so entspannend wie ein Saunabad bei hundert Grad.

© G. Bessen

 

 

 

Szenen einer Ehe

„Willst du heute Abend schon wieder weg?“
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Ulla fürs Kino verabredet bin.“
„Ich finde, du könntest mal wieder einen Abend zu Hause bleiben.“
„Wenn du unternehmungslustiger wärst, könnten wir abends öfter gemeinsam weggehen.“
„Ich bin gerne zu Hause. Und vergiss nicht, dass ich zehn Stunden am Tag arbeite.“
„Oh nee, als wenn ich nicht arbeiten würde! Und der Haushalt macht sich auch nicht von alleine. Nebenher kaufe ich noch ein, koche, wasche die Wäsche, bügele deine Hemden….“
„So meinte ich das auch nicht. Was schaut ihr euch denn an?“
„Einen Frauenfilm.“
„Da wäre ich sowieso fehl am Platz.“
„Was machst du heute Abend?“
„Ich werde die Zeitung lesen, das meiste habe ich nur überflogen. Im Fernsehen kommt eine interessante Wirtschaftsreportage, die will ich mir ansehen.“
„Dann ist es doch egal, ob ich zu Hause bleibe oder ins Kino gehe. Ach übrigens, vergiss nicht, dass morgen der Elternabend ist. Du wolltest hingehen.“
„Morgen??? Ausgeschlossen. Ich habe um siebzehn Uhr eine Arbeitsbesprechung und ich weiß nicht, wie lange sie dauert.“
„Wir hatten das aber abgesprochen.“
„Kannst du nicht hingehen?“
„Schon wieder? Ich war beim letzten Mal da und beim vorletzten Mal. Du hast Tobias’ Lehrerin noch nicht kennengelernt. Außerdem habe ich morgen keine Zeit.“
„Wieso? Was hast du morgen denn schon wieder vor?“
„Morgen ist Mittwoch und Mittwochabend gehe ich zum Sport. Und das schon regelmäßig seit drei Monaten. Vielleicht mache ich danach noch ein oder zwei Saunagänge. Das würde dir übrigens auch gut tun.“
„Sport ist Mord! Ist das eigentlich eine gemischte Sauna?“
„Wenn die Sportkurse gemischt sind, ist auch die Sauna gemischt. Was für eine blöde Frage! Hast du ein Problem damit?“
„Und wenn ich eines damit hätte, würdest du doch trotzdem hingehen, oder?“
„Ja, denn ich gehe dahin, weil ich mich entspannen will und weil es mir gut tut.“
„Was machen wir denn nun mit dem Elternabend?“
„Ich habe dir den Termin in deinen Kalender eingetragen, nachdem du gesagt hast, dass du hingehst. In einen Terminkalender sollte man auch gelegentlich schauen.“
„Hast du heute eine miese Laune!“
„Ich habe keine miese Laune. Ich bin verabredet und muss gleich los.“
„Dann musst du gehen, wenn dir andere wichtiger sind als ich! Ich kann morgen definitiv nicht!“
„Ich auch nicht! Tobias ist auch dein Sohn!“
„Das hoffe ich doch!“
„Nun mach mal halblang, ja?“
„Ich rufe die Lehrerin an und frage sie, ob sie mit mir das Wichtigste am Telefon besprechen kann. Was sollen wir machen, wenn wir beide nicht können?“
„Du denkst auch, ein Lehrer hat einen Vierundzwanzigstundenjob?? Kommt gar nicht infrage!“
Missmutig schaute er ihr nach, als sie mit einem kurzen ‚Bis später’ lautstark die Tür hinter sich zu knallte.
© G.Bessen

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18. (2)

Christiane und Ludwig laden wieder ein:

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

Der Jahreswechsel

Missmutig blickte Udo auf den Kalender, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und seufzte, denn es dauerte noch zwei Tage, bis der normale Alltag wieder in sein Leben einziehen würde, bis er sich wieder unter Menschen begeben, einkaufen oder seinen täglichen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Was für ein Irrsinn, was für eine Heuchelei, das neue Jahr mit Böllern und Raketen, mit Alkohol und Partys bis zum Umfallen zu begrüßen, in einer Welt, in der ohnehin nichts mehr stimmte, Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden, Liebe und Hass so in ein Ungleichgewicht geraten waren, dass es einem nur noch schlecht werden konnte!

Dieses vorsatzgeschwängerte Neujahrsläuten empfand er mittlerweile als genauso dekadent wie mancher Menschen Freude über den eigenen Geburtstag, denn ein Jahr älter zu werden und dem Ende der Wurst immer näher zu rücken, war doch nun wirklich kein Grund zur Freude, besonders dann nicht, wenn man alleine war und gewisse Zukunftsängste sich nicht mehr wegatmen oder schön trinken ließen.

„Du oller Miesepeter! Hast du vergessen, wie viele Silvesternächte wir mit Freunden durchgefeiert und auch durchgetanzt haben, bis wir am Neujahrsmorgen völlig fertig nur noch ins Bett gefallen sind? Unser Bleigießen ist immer daneben gegangen, denn wir brachten nur undefinierbare Bleiklumpen zustande und die Interpretationen, was das alles so sein könnte, waren immer die Lacher der Silvesternacht.

Unsere runden Geburtstage, die wir schon monatelang akribisch vorbereitet hatten, waren immer etwas ganz Besonderes und haben uns so viel Freude bereitet, dass wir noch lange darüber gesprochen und uns immer wieder die Fotos angesehen haben. Als die Kinder geboren wurden, ihre Ausbildung beendet hatten und ihre eigenen Familien gründeten, waren wir so stolz auf uns und der Meinung, dass wir zusammen eine Menge Gutes zustande bekommen haben und uns doch ein wenig auf die eigene Schulter klopfen könnten.

Und nun sitzt du da, verbiestert, vergrämt und mit Gott und aller Welt unzufrieden und jammerst mir die Ohren voll, doch das geht so nicht, denn du hattest ein Leben vor mir und hast auch noch ein Leben nach mir.

Es war mir nicht vergönnt, länger an deiner Seite bleiben zu dürfen, doch wenn du glaubst, dass ich auf dich warte und du kommst dann in diesem Zustand zu mir, kannst du eigentlich auch für immer am Leben und auf der Erde bleiben.“

Nachdenklich betrachtete er das Foto seiner verstorbenen Frau Sabine neben dem Kalender auf seinem Schreibtisch und wusste, dass er diese regelmäßigen ‚Kopfwaschaktionen’ von woher auch immer dringend brauchte, um sein unfreiwilliges Singleleben wieder in die richtige Form zu bringen.

© G.Bessen

Auf dem Weihnachtsweg: 23. Dezember

Was bedeutet Weihnachten?

Martin stand unschlüssig mit seinem Mikrofon in der Einkaufspassage. Unzählige Menschen eilten zielstrebig in die vorweihnachtlich geschmückten Geschäfte, andere kamen mit diversen Tüten wieder heraus, voll bepackt, als würde es morgen nichts mehr zu kaufen geben. Er war seit drei Tagen Praktikant beim RBB und hatte die ehrenvolle Aufgabe, Menschen zu befragen, was sie von Weihnachten hielten.
Der eisige Dezemberwind pfiff ihm um die Nase. Er war ein wenig ratlos, denn er hatte so etwas noch nie gemacht. Aber er hatte schließlich ein gutes Abitur abgelegt, war nicht auf den Mund und noch weniger auf den Kopf gefallen und so straffte er die Schultern, ignorierte die Kälte und trat an die Tür des großen und sehr frequentierten Kaufhauses.
Ein älterer Mann mit einer Wollmütze war sein erster Ansprechpartner – so dachte Martin.
„Guten Tag, darf ich Sie fragen…?“ „Nein, dürfen Sie nicht!!“ Der ältere Mann warf Martin einen wütenden Blick zu, schlug seinen Mantelkragen hoch und ging mit langen Schritten grußlos an Martin vorbei. Klappe – die Erste! Das konnte ja heiter werden!! Eine junge hübsche Frau trat aus dem Kaufhaus und blickte sich suchend um. Martin musste sich beherrschen, um nicht völlig in ihren rehbraunen Augen zu versinken und nahm einen erneuten Anlauf. „Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie fragen, was Ihnen Weihnachten bedeutet?“ „Wie bitte? Ach so, ja. Moment bitte. Weihnachten? Ich freue mich auf ein paar freie Tage, die ich mit meinem Freund genießen werde. Ich bin beruflich nämlich viel unterwegs. War’s das?“ Die junge Frau hatte jemanden entdeckt, der sie offenbar abholen wollte, warf Martin ein kurzes und bezauberndes Lächeln zu und eilte davon.

Ein Pärchen, etwa in Martins Alter, kam lachend aus dem Geschäft, direkt auf Martin zu. „Darf ich Sie etwas fragen?“ „Gerne, wenn es nicht allzu lange dauert.“ Sie schauten Martin erwartungsvoll an. „ Ich sammle Meinungen, was den Menschen Weihnachten bedeutet. Möchten Sie mir Ihre Einstellung dazu sagen?“ „Wir fliegen jedes Jahr zu Weihnachten auf die Malediven, um diesem ganzen Geschenkewahnsinn zu entgehen. Dafür sparen wir das ganze Jahr. Das ist für uns Weihnachten.“ Vor Martins geistigem Auge tauchten Palmen, ein Kilometer langer Sandstrand und kristallklares Wasser auf. Im nächsten Augenblick aber auch seine spartanisch eingerichtete Studentenbude und seine ewig unterernährte Geldbörse. Ein Kälteschauer riss ihn unsanft in die Realität zurück.
Wenn das so weiterginge, konnte er seinem Sender nichts Besonderes präsentieren. Martin hielt Ausschau nach weiteren Gesprächspartnern. Drei Jungen, Martin schätzte sie auf zwölf oder dreizehn Jahre, drückten sich mit großen Augen am Schaufenster die Nasen platt. Vielleicht konnten die ihm etwas erzählen. „Hey, darf ich euch mal was fragen?“ Verwundert drehten sich die Jungen zu ihm um und schauten neugierig auf sein Mikrofon. „Bald ist ja Weihnachten. Hat das für euch eine besondere Bedeutung?“ „ Weihnachten ist Weihnachten, da bekommt man Geschenke und ich möchte endlich ein Smartphone haben.“ Der Größte der drei hatte gleich das Wort übernommen. „Wieso willste das wissen?“ Der Kleinste schaute Martin herausfordernd an. „Ich mache eine Umfrage für meinen Sender und sammle Meinungen zum Weihnachtsfest. Hast du auch einen besonderen Wunsch?“ Der Kleinste senkte die Augen. „Bei uns gibt’s nichts. Meine Eltern sind Hartz IV und haben kein Geld.“ Martin schluckte. Diese Antwort verschlug auch ihm die Sprache. „Weihnachten hat ja eigentlich eine andere, christliche Bedeutung. Habt ihr davon schon mal gehört?“
„Nö, keinen Plan. Ich mach mir gar nichts daraus und bin froh, wenn das vorbei ist. Bei uns ist Weihnachten immer schrecklich. Dann ist mein Vater mal da und meine Eltern streiten sich sowieso nur. Wenn er dann wieder weg ist, heult meine Mutter nur rum. Das brauche ich echt nicht, das nervt.“ Der Mittlere hatte sich zu Wort gemeldet und erwartete offenbar weitere Fragen von Martin. Doch Martin wusste nicht, was er die drei Jungen noch fragen sollte. Er hatte mehr erfahren, als ihm lieb war. „Na, zumindest habt ihr an Weihnachten schulfrei und müsst nicht in die Schule. Danke, Freunde, dass ihr so offen ward.“ „Kein Problem.“ Die Jungen zogen weiter. Berührungsängste hatten sie nicht, aber offenbar auch keinen weiteren Gesprächsbedarf.
Martin brauchte unbedingt etwas Heißes zu trinken, bevor ihm Finger und Füße abzufallen drohten. Er packte sein Mikrofon weg und nahm Kurs auf einen Tchibo Laden. Ein heißer Kaffee würde ihn wieder auftauen und beleben. Er setzte sich ans Fenster neben einen Mann mittleren Alters, der sich mit geübten Fingern ein paar Zigaretten drehte. „Was willste denn wissen, Kumpel? Ich habe dich schon eine Weile beobachtet, wie du da mit deinem Mikro herumfuchtelst.“

Martin schaute sich den Mann genauer an. Seine Kleidung war heruntergekommen, seine Finger vom Nikotin gelb gefärbt und in seinem grauen Vollbart steckten ein paar Brötchenkrümel. Aber seine Augen waren hell und freundlich. „Was ich wissen will? Mein Sender will wissen, was die Leute so von Weihnachten halten, aber bisher habe ich keine brauchbare Antwort bekommen.“ „Ich fürchte, das wirst du auch nicht. Schau dich doch um! Was siehste? Geschäftskassen, die laut klingeln, Leute in Hetze und Eile, auf der Suche nach Geschenken, Tüten voller Esswaren, damit sich die liebe Familie so richtig den Wanst vollhauen kann. Was erwartest du hier in einer Einkaufspassage, in der vor Weihnachten mehr Hektik herrscht als zum Winter- oder Sommerschlussverkauf.“ Martin sah seinen Nachbarn an. Er hatte recht. „Soll ich dir auch nen heißen Kaffee mitbringen? Du siehst aus, als könntest du einen vertragen.“ „Wenn’s dein Budget verkraften kann, sage ich nicht nein.“ Martin kam mit zwei dampfenden Kaffeebechern und vier belegten Brötchenhälften zurück. Den Teller schob er in die Mitte und bedeutete seinem Nachbarn zuzugreifen. „Das ist Weihnachten“, murmelte der und genoss sichtlich sein Schinkenbrötchen mit Ei. „Wie meinst du das?“ „Ich schätze, du bist Student. Hast wahrscheinlich chronischen Geldmangel und trotzdem teilst du dir die Brötchen und den Kaffee mit einem Kerl, der dein Vater sein könnte und den du absolut nicht kennst.“ „Da magst du recht haben. Meinst du, die Menschen denken nicht an das Fest der Liebe, der Familie, des Miteinander? Das hat doch viel mit Weihnachten zu tun.“ „Wenn du dich mit deinem Mikro vor eine Kirche stellst, bekommst du mit Sicherheit ganz andere Antworten als hier. Doch, was willst du wirklich hören?“

Martin blickte seinen Nachbarn nachdenklich an. Ja, was wollte er hören? Er wollte seinem Sender einen Beitrag bieten, in dem die Menschen begeistert von Weihnachten, vielleicht auch freudig von ihren Plänen für das Fest berichteten. Doch die Realität war eine andere. Weihnachten war in jedermanns Kopf, ein durchaus nicht wegzudenkendes kalendarisches Thema, dem sich niemand entziehen konnte, doch Hektik, Ansprüche, Fluchtgedanken, Resignation und Kapitulation, inmitten von Lichtern, Glocken und Glitzer war das, was die Menschen beschäftigte. Und nicht das Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem, das die Welt so nachhaltig verändert hatte. Davon spürte Martin nichts.

 

© G.Bessen  in: ‚Wenn das Jahr zu Ende geht’, 2014