Auf dem Weihnachtsweg: 1. Dezember

Freitagsgesichter

An diesem Freitagmorgen hingen die grauen Wolken so schwer und tief vom Himmel, als wollten sie sich auf den Asphalt der Straße legen. Seit zwei Tagen kündigte der Wetterbericht den Wintereinbruch an, mit starken Windböen, Schneefällen und überfrierender Nässe.
Nahmen die Menschen die Warnungen ernst? Es war ein Verkehr wie an jedem Freitagmorgen, nicht mehr und nicht weniger.
Auf dem Weg in die Innenstadt hatte Svenja an jeder roten Ampel einige Momente Zeit, das Treiben um sich herum genau zu beobachten.

Die Menschen an der Bushaltestelle hatten, trotz unterschiedlicher Ziele, alle die gleiche Erwartung. Alle Blicke gingen in eine Richtung, in die, aus welcher der Bus kommen würde. Die Hände tief in den Jackentaschen oder in wärmende Handschuhe verpackt, ließ der eine oder andere den Blick gen Himmel wandern. Die ersten Regentropfen klatschten hernieder und wer an einen Regenschirm gedacht hatte, brauchte keine Angst zu haben, nass zu werden. Als sie im Rückspiegel ihres Autos den Bus kommen sah, erhellten sich die Gesichter der Menschen an der Bushaltestelle deutlich. Die bisherige Lethargie wich einem plötzlichen Bewegungsdrang.

An einer anderen Ampel strömten die Menschen mit vollen Taschen und Körben aus einem Supermarkt zur Bushaltestelle oder zum eigenen Auto auf dem Parkplatz. Freitag, der Tag, der das Wochenende einläuten und ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubern sollte. Aber nur die Kinder, die mit ihren schweren Schulranzen zur Schule gingen oder schon Unterrichtsschluss hatten, waren fröhlich gestimmt. Zwei Tage ausschlafen, keine Hausaufgaben, ein Grund zur Freude! In den Gesichtern der Erwachsenen las sie eher Hektik und Missmut. Das bevorstehende Wochenende war in deren Gesichtsausdrücken noch nicht angekommen. Und wer das Wochenende alleine verbringen musste, war nicht automatisch fröhlich. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Freitag auch den Beginn der diesjährigen Adventszeit einläutete.

An der Ampel vor dem DRK-Krankenhaus bot sich ein anderes Bild. Raucher vor der Krankenhaustür, einer sogar mit einem fahrbaren Tropf. Ein perverses Bild, den Kranken im Bademantel und mit Tropf zu beobachten, der mehr an seiner Zigarette als an seinem Leben hing. Ein eifriges Hin- und Herlaufen des weiß gekleideten Krankenhauspersonals von einem Gebäude zum anderen lockerte diesen Anblick etwas auf.
Der Regen wurde stärker. Unter dem Vordach einer Dönerbude diskutierten zwei abgerissene Gestalten mit glasigen Augen, wild gestikulierend mit ihren Bierflaschen. Das Treiben um sie herum, der Regen, der langsam in dicke Schneeflocken überging, schien sie nicht zu interessieren. Menschen, die schon morgens an der Bierflasche hängen, haben die Welt um sich herum meist schon längst vergessen.

Je näher Svenja der Innenstadt kam, desto dicker wurden die Schneeflocken. Der Himmel schien alle Schleusen geöffnet zu haben. Unwillkürlich musste sie an das Märchen von Frau Holle denken. In ihrem Auto saß sie warm und trocken. Die Menschen draußen zogen ihre Hälse immer tiefer in ihre Jacken und Mäntel, ein unangenehmer Wind trieb ihnen die Schneeflocken mitten ins Gesicht. So manche Nase war gerötet und begann zu triefen.

Am Breitscheidplatz waren die Holzbuden aufgebaut. Der Weihnachtsmarkt lief bereits auf Hochtouren. Wer dachte noch an den Anschlag genau hier im vergangenen Dezember, bei dem elf Menschen ihr Leben verloren hatten? Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erhob sich wie ein drohender Zeigefinger in die schneebeladenen Wolken.

Es war fast zehn Uhr morgens und noch immer schwebte ein Hauch von Dämmerung über der Stadt. Es wollte heute gar nicht hell werden. Unendlich viele Lichterketten schmückten den Kurfürstendamm. Weihnachten war nicht mehr weit. Ein Jahr neigte sich dem Ende entgegen und in den Gesichtern der Menschen lebte der Augenblick. Hektik, die letzten Wochenendeinkäufe nach Hause zu bringen, Sehnsucht, an ein warmes trockenes Plätzchen zu gelangen und in Ruhe dem Wochenende entgegen zu blicken, Missmut über das feuchte Wetter, dessen unangenehme Kälte von unten nach oben kroch. Nicht besser sah es auf der Straße aus, ein Auto drängte sich hinter das andere, Radfahrer, die noch schnell bei Rot waghalsig über die Ampel preschten, neben ihr die aufgeregte junge Frau, die ununterbrochen rechts in ihr Handy sprach, mit links das Lenkrad hielt und den Kopf von links nach rechts warf, um den Überblick über den Verkehr zu behalten.

Plötzlich kurz vor der großen Kreuzung ein Drängeln nach rechts und links, halb auf den Gehsteig und ein einsetzendes, wütendes Hupkonzert, dass die Sirene des herankommenden Krankenwagens fast übertönte.
Wieder ein Blick zur Seite. Der linke Nachbar zeigte seinem Vordermann einen Vogel, ihr Hintermann, offenbar sehr in Eile, schaute genervt in seinen Rückspiegel und trommelte nervös auf seinem Lenkrad herum.
Von Ruhe und Gelassenheit keine Spur.

Svenja versuchte bewusst, sich in einen anderen Tag hineinzudenken, in einen warmen Sommertag mit strahlend blauem Himmel, die Cafés am Straßenrand gut besucht mit freundlichen Menschen, die die Sonne und das Verweilen bei einer heißen Tasse genossen. Und plötzlich wurde es ganz hell um sie.

© G. Bessen, Foto:pixabay

 

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Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Niemand wusste Genaues über das zurückgezogen lebende  Ehepaar im Hochhaus ‚Am Weiher 6’ und es interessierte eigentlich auch niemanden. So war es üblich in dem Hochhaus mit den einunddreißig Stockwerken, fünf unterschiedlich große Wohnungen auf jeder Etage.  Man kannte bestenfalls den Nachbarn rechts und links, warf sich im Fahrstuhl einen flüchtigen Gruß zu – wenn überhaupt – und ging seiner Wege.

Das Ehepaar, das seit fünf Jahren in einer Zweizimmerwohnung gegenüber dem Fahrstuhl lebte, hatte keine Kontakte, auch nicht zu den unmittelbaren Nachbarn. Die jedoch wussten an diesem Morgen eine Menge zu berichten und trugen alles zusammen, was sie aus ihren spärlichen Beobachtungen, dem Hören-Sagen anderer erfahren hatten und was auch nicht zu überhören war….

So trug es sich zu, dass Frau M. drei Nachmittage in der Woche, teils in sehr aufreizender Kleidung und stark geschminkt, das Haus verlassen und erst spät in der Nacht zurück gekommen sei. Herr M. verließ das Haus ganz selten und wenn, dann in Begleitung seiner Frau, denn er war stark gehbehindert und konnte sich nur mit zwei Krücken fortbewegen. Allerdings war nicht zu überhören, dass er täglich zum Müllschlucker auf dem Flur humpelte und lautstark Flaschen hineinwarf.

Man munkelte etwas von „ die vielen Flaschen können doch nur Schnapsflaschen sein“ – „wer weiß, ob sie nicht auf den Strich gegangen ist, von irgend etwas mussten die ja leben und seinen Alkoholismus finanzieren“.

Der unmittelbare Nachbar rechts von ihnen erinnerte sich plötzlich an „seine laute Stimme, die regelmäßig zu hören war, gefolgt von einem Weinen der Frau“. „Sie trug häufig eine Sonnenbrille, auch wenn keine Sonne schien. Vielleicht hat er sie verprügelt, so dass sie ihre blauen Augen verdecken musste.“

Ob sie je Besuch hatten? „Nein, sie haben sehr zurück gezogen gelebt. Besuch hatten sie nie, wahrscheinlich auch keine Kinder.“

Kommentarlos schrieb der junge Kriminalbeamte auf, was die Menschen aus dem Haus ‚Am Weiher 6’ ihm mitteilten, während der zerschundene Körper der Frau mit dem gebrochenen Genick  in die Gerichtsmedizin abtransportiert wurde. Ein Spaziergänger hatte die Leiche früh um sechs, nach einem Sturz vom Balkon aus der zwölften Etage, entdeckt.

Mord oder Selbstmord? Ein Fall wie so viele in der Anonymität der Großstadt. Der Kriminalbeamte hoffte auf eine schnelle Aufklärung.

©G. Bessen

Bereit sein

 

Es gibt keine Grenzen.
Nicht für den Gedanken,
nicht für die Gefühle.
Die Angst setzt die Grenzen.

(Ingmar Bergman)

Bereit sein

Es war ein ganz normaler Sonntagmorgen und doch spürte Antonia beim Aufstehen, dass dieser Tag ein besonderer werden würde. Wie jeden Morgen schlurfte sie nach dem Waschen und Anziehen in ihre gemütliche Küche, setzte heißes Wasser auf und brühte sich einen starken Filterkaffee. Von ihrer kleinen Küche, mit dem abgewetzten schwarz-weiß gefliesten Boden, kam sie direkt auf die Terrasse. Sie sog die frische Morgenluft tief ein und begrüßte die Spatzen, die sich eifrig im Vogelhäuschen nach frischen Körnern umsahen.

Es ging auf Ende November zu. Die Sonne ging gerade hinter der alten Kastanie auf und schickte ein paar wärmende Strahlen zu ihr herüber. Es war unglaublich mild, viel zu warm für diese Jahreszeit. Sie rückte eine alte Wolldecke auf der Holzbank zurecht, die sie im Sommer hatte streichen wollen. Aber die Fingergelenke hatten so geschmerzt, dass sie dieses Vorhaben erst einmal verschoben hatte.

Mit leicht zitternden Händen umschloss sie die Kaffeetasse, die sie sich den Schoß gestellt hatte. Sonntags trug sie immer ein schwarzes, knöchellanges Kleid mit einem weißen Spitzenkragen. Sie hatte es sich zur Goldenen Hochzeit gekauft, weil Michael  es so geliebt hatte. Nach seinem Tod hatte sie es ihm zuliebe wieder herausgeholt, denn der Sonntag war der Tag in der Woche gewesen, den sie ganz allein miteinander verbrachten und sich durch nichts und niemanden stören ließen. Und als sie in den blauen Himmel blickte, war ihr, als lächelte Michael ihr zu. Heute fühlte sie sich ihm besonders nahe.

Irgendetwas war heute anders, aber sie konnte nicht  erspüren, was es war. Sie blieb lange auf ihrer Gartenbank sitzen und  schaute sich  in ihrem kleinen Garten um. Alles war wie sonst und doch war alles anders.  Sie lauschte in ihren Körper hinein und spürte den langsamen Kräfteverfall von Tag zu Tag mehr. Ihr Gehirn arbeitete immer noch wie ein präzises Uhrwerk, doch manchmal war ihr, als setzte ihr Denkvermögen für kurze Zeit aus. War der Schwindel vorüber, verwarf sie alle trüben Gedanken, die sich in solchen Momenten aufzudrängen versuchten. Michael  würde mit ihr schimpfen, wenn er wüsste, dass sie seit seinem Tod nicht mehr beim Arzt war. Die Ärzte hatten ihm nicht mehr helfen können und sie glaubte schon lange nicht mehr an ihre eigene Heilung. Nicht, dass sie ernsthaft krank war, aber mit Anfang achtzig  hat man naturbedingt das eine oder andere Zipperlein. Alle Tabletten, die sie nehmen musste, gegen Bluthochdruck,  Magenbeschwerden, Gicht und Cholesterin hatte sie in die Toilette geworfen und zugesehen, wie die kleinen bunten Pillen zerschmolzen und eine Flüssigkeit wie Himbeersaft hinterließen. Nach einer Weile  hatte sie den Himbeersaft hinuntergespült und sich über den gewonnenen Platz in ihrer Nachttischschublade gefreut.

Antonia war eine Frau, die immer alles genauestens geregelt haben wollte. Sie ging in Gedanken alles durch, was sie in der letzten Zeit erledigt hatte. Zufrieden, auch nichts vergessen zu haben, schlurfte sie in die Küche und brühte sich eine zweite Tasse Kaffee.

Ein Toastbrötchen mit Honig war alles, was sie zu sich nahm.

Sie vernahm die Stille um sich herum und ihr fiel auf, dass sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit das Radio nicht eingeschaltet hatte. Merkwürdig, sie hatte – im Gegensatz zu sonst – keinerlei Bedürfnis, Nachrichten zu hören. Auch die Sonntagszeitung, die sicherlich in ihrem Briefkasten steckte, holte sie nicht rein.

‚Ob es so weit war’? ,schoss es ihr durch den Kopf. Sie räumte ihren Teller, das Messer  und ihre Tasse ins Spülbecken, wusch  ab und stellte alles sorgfältig wieder in den Schrank.

Sie schlurfte in die gemütliche Wohnstube und schaute im Schreibfach ihres Sekretärs nach. In einer kleinen bunten Metallkiste mit  bunten Weihnachtsmotiven lagen diverse Briefe für verschiedene Empfänger. Oben in der rechten Ecke klebten fein säuberlich Briefmarken.

Sie nahm die Briefe heraus und legte sie auf den Wohnzimmertisch.

Nur einen Brief mit einem cremefarbenen Umschlag, ohne Briefmarke, behielt sie in der Hand. Er bekam einen gesonderten Platz auf einem Schränkchen gegenüber der Eingangstür, sichtbar für jeden, der den Flur von außen betrat. Neben den Brief stellte sie eine Flasche Eierlikör, den ihre Nachbarin Ilse so gerne mochte.

Antonia schloss die Fenster, zog die schweren Vorhänge zu und setzte sich in ihren Fernsehsessel. So war es gut. Wenn Ilse irgendwann kam und das würde spätestens morgen sein, würde sie den Brief und den Eierlikör finden und wissen, was zu tun sei.

Ja, heute war der Tag, Antonia spürte es genau. Sie hatte so oft in letzter Zeit Zwiesprache mit dem lieben Gott gehalten, dass er sie endlich holen möge. Sie war bereit.

Antonia legte sich ihre Decke über den Körper und schloss die Augen. Um sie herum war es ganz still. Sie dachte an Michael, nach dem sie sich so sehr sehnte und plötzlich sah sie ein gleißendes Licht. Die Umrisse von Michaels Gesicht nahmen immer mehr Konturen  an. Wie ein Anker wirkten  seine graublauen Augen.  Antonia versank darin und glitt sanft in die Ewigkeit hinüber.

 

© G.Bessen

 

 

Eine Frage der Würde – eine Beobachtung

Eine Frage der Würde

Es war warm, nicht zu warm, doch sommerlich warm. Der Rasensprenger stand mitten auf der kurz geschorenen Rasenfläche und verspritzte seine kühlenden Tropfen, die kurz in der Sommersonne glitzerten, bevor sie im grünen Polster versanken. Ein paar Vögel kreisten mit wachen Augen über der Fläche, in der Hoffnung, ein Leckerchen zu finden. Der alte Mann saß in seinem Rollstuhl, den Blick geradeaus gerichtet, in ein Jenseits, das nur ihm zugänglich war. Auf dem faltigen Gesicht lag eine Traurigkeit, die in völligem Kontrast zu den zwei anderen Menschen an seinem Tisch stand. Zwei Männer in den Vierzigern saßen dem alten Mann gegenüber.

„Freust du dich, dass wir da sind?“

Der alte Mann blieb stumm. Nur ein leichtes Zucken in seinen Augen verriet, dass er sich angesprochen fühlte. Er antwortete nicht, nahm erneut seine Kuchengabel in die leicht zittrigen Hände und stochterte lustlos in seiner Torte herum.

„Wir sind gekommen, um mit dir Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Du hast heute Geburtstag.“

Gespannt warteten die Söhne über ein anerkennendes und dankbares Zeichen ihres kranken Vaters. Er blickte sie nur an – wortlos, ausdruckslos.

„Kannst du dich an den Namen deiner Schwester erinnern?“, fragte der Jüngere der beiden Brüder.

„Frag doch nicht, den weiß er sowieso nicht“ , setzte der ältere Bruder hinzu, ohne die Lautstärke seiner kräftigen Stimme zu verändern. Er übernahm nun unaufgefordert die Gesprächsführung.

„Das hat sie uns mitgegeben, deine Schwester Elli, das sollst du dir mal anhören.“

Er schob seinem Vater einen Laptop neben dem Kuchenteller  und ein Videoclip mit einer miauenden Katze erschien auf dem Bildschirm. Eine für meine  Ohren unangenehme Begleitmusik erklang vom Nebentisch.

„Nun schau doch mal hin! Das hat sie uns extra für dich mitgegeben.“

Der alte Mann blieb regungslos in seinem Rollstuhl sitzen. Er war immer noch in seiner Welt versunken.

„Das ist doch toll, findest du nicht?“ , versuchte der jüngere Sohn das Gespräch mit seinem Vater erneut in Gang zu setzen.

„Lass sein, es hat keinen Zweck.“

Sie gaben es auf, unterhielten sich fortan nur noch miteinander, während der alte Mann weiterhin vor dem Laptop saß, den Blick in die Ferne gewandt.

So wie man kleine Kinder vor dem Fernseher ‚parkt’, damit sie abgelenkt sind und Ruhe geben, kann es auch Erwachsenen gehen, die durch Krankheit mit einer Welt konfrontiert werden, in der sie längst nicht mehr leben oder leben wollen.

Ich weiß nicht, wie krank der alte Mann war und was er mitbekommen hat, vielleicht wollte er auch nichts mitbekommen und hoffte insgeheim, dass seine Söhne ihren Pflichtbesuch schnellstens beendeten und ihn wieder in sein vertrautes Pflegeheim brachten.

© G.Bessen

abc.etüden 38.17(2)

Die  Wörter
für die abc.etüden
sind gestiftet von   Herbert

Achtsamkeit
verwurschteln
rosa-grün

 

 

 

 

abc.etüden/Die werdende Oma

Der freudige Gedanke, zum ersten Mal Oma zu werden, ließ sie kaum noch los.

Die werdende Mutter musste eine Litanei von Verhaltensregeln über sich ergehen lassen.

„Mama, ich bin schwanger, aber nicht krank“, tönte es noch in Paulas Ohren und sie überlegte, ob ihre Mutter sie auch so mit Vorsichtsmaßnahmen bombardiert hatte, wie sie es derzeit mit Lisa machte.

Paula fluchte leise vor sich hin, denn eine Masche war ihr von der Stricknadel verloren gegangen und die zu finden und ordnungsgemäß in das rosa-grüne Babyjäckchen einzufädeln, erforderte ihre ganze Achtsamkeit.

Je krampfhafter sie sich um die Masche bemühte, desto mehr verwurschtelte sie das Gebilde in ihren Händen.

Genervt betrachtete Paula das Konstrukt in ihren Händen und plötzlich tat ihr das ungeborene Enkelkind schon leid. So eine blöde Farbe – das passte doch gar nicht zusammen, rosa und grün. Nach einem Babyjäckchen sah das Ganze eigentlich auch nicht aus und Paula hatte noch keine Ahnung, wie sie kleine Ärmelchen daran stricken sollte.

Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gestrickt hatte und ihr fiel ein, dass sie sich mit Stricken in so mancher Vorlesung wach gehalten hatte. Kurz entschlossen ribbelte sie den Babyjäckchenversuch auf, gab die Wollknäuel ihren beiden Katzen zum Spielen und zündete sich, sichtlich erleichtert, eine Zigarette an.

© G. Bessen

Wehmut

Sie konnte ihren Blick nicht von der letzten Blütenpracht der Sommerblumen losreißen und um ihren Mund lag ein wehmütiger Zug. Ihr Gesicht und ihre Augen spiegelten, was sie dachte. Als fühlte sie, dass ich in ihrer Nähe stand und sie beobachtete, drehte sie sich um, schaute mich mit traurigen Augen an und sagte: “Der Sommer ist wohl vorbei.“
Sie hatte ihn genossen. Ihre Gesichtshaut war tiefbraun, ihre vom Leben gezeichneten Züge hatten sich vertieft. Doch ihre zahlreichen Falten zu dem kurzen Haarschnitt vermittelten das Bild einer Frau, die viel erlebt und sich von nichts aus der Fassung bringen ließ.

Was ging in ihr vor, was sie nicht sagte? Die Hoffnung, einen weiteren Sommer erleben zu dürfen?
Das Alter verändert den Menschen, macht ihn sensibler für das, was immer näherkommt, der Abschied für immer, wenn der Körper sein Leben gelebt hat, die Kraft nachlässt und die Lebensuhr abläuft. Genau das konnte ich in ihrem Blick lesen.

Sie straffte sich, als gäbe sie sich einen inneren Ruck, nahm ihre Tasche und wir verabschiedeten uns, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im kommenden Sommer.

©Text und Foto: G. Bessen

Septemberblues

Septemberblues

Müde kam der Tag aus der Nacht gehumpelt. Er hatte heute so gar keine Lust, sich zu entfalten. Jeder stellte enorme Ansprüche an ihn, die zu erfüllen er derzeit kaum in der Lage war. Er sollte strahlen, nur positive Gedanken versprühen, die Menschen bei guter Laune halten und möglichst nicht vergehen. Aber wie sollte er ihnen klarmachen, dass er mit der Jahreszeit  ein Problem hatte, selber unter einer rezidivierenden Herbstdepression litt und kaum Antrieb hatte.

„Ich kann dir nicht helfen, so gern ich es auch möchte“, tröstete ihn die Nacht, die es kaum mit ansehen konnte, wie sich der Tag Morgen für Morgen quälte. „Ich kann doch nicht einfach bleiben und dich unbegrenzt schlafen lassen. Jeden Morgen hänge ich ein paar weitere Sekunden an und auch am Abend löse ich dich ab, so schnell ich kann. Aber mehr ist nicht drin!“

„Ja, ich weiß, du gibst dein Bestes, liebe Nacht und doch weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Schwester Sonne lässt uns einfach sitzen. Wer weiß, auf welcher Umlaufbahn sie gerade tänzelt?  Bruder Regen hat es sich hier so richtig bequem gemacht und denkt gar nicht daran, seine Wolken zur Räson zu rufen. Die bunten Blätter, die die Kinder so gern für ihre Herbstbasteielen sammeln, liegen träge und schwer am Boden und machen keinerlei Anstalten, sich überhaupt bewegen zu lassen, geschweige denn, sich zum Basteln anzubieten. Die Tiere bekommen lange Zähne, wenn sie Eicheln und Kastanien so patschnass und feucht in ihre Winterquartiere schleppen sollen.  Die erste Grippewelle hat bereits die Igel befallen. Und der Wind, der in der Lage wäre, die schweren Wolken wegzupusten, scheint auf Reisen zu sein. Alles, was die Menschen erwarten, bleibt an mir hängen. Es ist bald Mitte September  und alles sollte hell, freundlich und leuchtend sein.“

„Ich verstehe dich gut, lieber Tag, doch was nicht geht, das geht eben nicht. Glaubst du, die Menschen können jeden Tag zu hundert Prozent leisten, was andere von ihnen verlangen? Auch sie haben gute und schlechte Tage. Tage, an denen sie vor Kraft Bäume ausreißen könnten und wiederum Tage, an denen sie sich einfach unter der Bettdecke verkriechen und nichts sehen und hören wollen. Nimm es nicht so schwer, lieber Tag. Leiste das, was du leisten kannst und denke auch an dich. Wenn du schlapp machst, was ist dann? Für zwei kann ich nicht da sein. Wir beide sind ein gut eingespieltes Team und das bleiben wir auch, so lange wir offen und ehrlich miteinander umgehen und aufeinander aufpassen. Ich lege mich jetzt hin, damit ich für später fit bin. Du musst jetzt los, lieber Tag.“

Der Tag schaute nicht mehr so verdrießlich. Das Gespräch mit der Nacht  hatte ihm Kraft gegeben und er nahm seinen Platz ein.

Nichts auf dieser Welt war noch verlässlich. Tag und Nacht jedoch sollten es bleiben.

© Text und Foto: G.Bessen