Auf der Suche …

Ich suche Herrn Winter,
mit all seiner Pracht.
Bisher hat Frau Holle
uns kaum angelacht.

Der Wind klagt sein Lied,
der Himmel weint,
ich weiß nicht, wo noch
eine Sonne scheint.

Wenn kalt und schneereich
Herr Winter käme
und uns den Graustich
vom Himmel nähme,

mit klarer Luft
und klirrender Kälte,
bekäme Herr Winter
keinesfalls Schelte.

© G. Bessen
Foto: pixabay

 

Briefe von Dir

Briefe von Dir
bleiben mir
aus einer Zeit,
so nah und doch so weit.

Wir waren jung,
naiv, verliebt,
voll Staunen,
dass es so was gibt.

Ich weiß nicht,
wo Du heute bist
und wer
an Deiner Seite ist.

Briefe von Dir
bleiben mir,
zarte Worte
auf vergilbtem Papier.

 © Text und Foto: G. Bessen

9. November

9. November 1989

Als die Mauer fiel,
brandete Jubel auf.

Als die Mauer fiel,
überflutete Hoffnung das Land.

Als die Mauer fiel,
fielen wir uns in die Arme.

Als die Mauer fiel,
begann eine neue Zeit.

Wann endlich fällt
die Mauer in unseren Köpfen?

© Gisela Baltes

Quelle: http://impulstexte.de/

9. November 2020

Als Corona kam,
traf uns der Schock bis ins Mark.

Als der Lockdown kam,
stand unsere Gesellschaft zusammen.

Als die Zahlen rückläufig wurden,
blühten wir auf wie Sommerblumen.

Wann endlich begreifen wir,
dass nur ein Miteinander
aus dieser tiefen Krise führt?

© G. Bessen 11/2020

Tratsch im Treppenhaus

In diesem Haus ging es zu wie in der berühmt-berüchtigten ‚Lindenstraße’. Die Mietergemeinschaft, die nach Fertigstellung des Neubaues Anfang der sechziger Jahre dort eingezogen war, hatte sich auf Irmchen und Hildegard reduziert. Ein Teil bewohnte inzwischen den städtischen Friedhof, ein anderer Teil lebte im Seniorenheim.

Irmchen und Hildegard hatten längst vor, sich auch einen Platz im Seniorenheim zu suchen, doch der häufige Mieterwechsel im Haus bot ihnen immer interessante Neuigkeiten, die ihren knapp achtzigjährigen Horizont erweiterten. Das Haus hatte mittlerweile viel vom inneren und äußeren Glanz eingebüßt, aber es war trocken, stabil gebaut und unverwüstlich, wie die beiden älteren Damen aus der Gründerzeit. Die Mieten waren erschwinglich, die Wohnungen hell und freundlich und so zog es Studenten und andere junge Leute ins Haus. Und im Zeitalter der multikulturellen Gesellschaft war das Haus ein ganz normales Mietshaus mit jugendlichem weltoffenem Flair.

Irmchen und Hildegard waren seit Jahrzehnten Nachbarinnen und inzwischen unzertrennliche Freundinnen, nachdem sich die alte Garde so nach und nach verabschiedet hatte. Der tägliche Höhepunkt ihres manchmal recht eintönigen Rentnerdaseins war der Besuch im Cafe gegenüber. Dort trafen sie sich Nachmittag für Nachmittag bei einem Kännchen Kaffee und einem Stück Torte. An einem extra für sie reservierten Tisch saßen sie dem Haus in der Goethestraße Nummer drei gegenüber und beobachteten, was sich Neues ereignete. Sie kannten die wenigsten Mieter persönlich, aber durch ihre täglichen Beobachtungen wussten sie mehr über die einzelnen Mieter, als so manch anderer.

Die Haustür öffnete sich und eine junge Mieterin, die erst vor wenigen Tagen in eine Zweizimmerwohnung gezogen war, trat mit einer Babytasche aus dem Haus. „Guck mal, das ist die Neue mit dem Negerbaby“, flüsterte Irmchen aufgeregt. Hildegard warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du siehst soviel fern und hast immer noch nicht begriffen, dass das Wort Neger heute ein Schimpfwort ist.“ Irmchen machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Na und? Zu unserer Zeit hat man Neger gesagt und es auch nicht als Schimpfwort benutzt und dabei bleib ich. Das Baby ist ausgesprochen niedlich. Ein Mädchen mit schwarzen Kulleraugen und kleinen schwarzen Löckchen. Ganz bezaubernd.“

Hilgedard biss herzhaft in ihre Schwarzwälder Kirschtorte und murmelte: „Hast du schon einen Vater zu dem Kind gesehen?“ „Nö. Die junge Frau scheint alleine mit dem Kind eingezogen zu sein.“ „Ganz schön mutig, als Weiße alleine mit einem farbigen Kind.“

Die junge Mutter mit ihrem Kind hatte sich gerade aus der Sichtweite der älteren Damen begeben, als ein junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Türke das Haus verließ. Nun funkelten Hildegards Augen. „Das ist vielleicht einer! Meinst du, der grüßt, wenn er mich sieht? Scheinbar ist das heute nicht mehr in. Wenn überhaupt, dann sagt er höchstens ‚Hallo’ oder sagt was auf Türkisch. Ich finde das unmöglich, du nicht, Irmchen?“ „Was erwartest du in der heutigen Zeit, wo jeder nur an sich denkt? Da kannst du froh sein, wenn jemand auch nur den Ansatz zum Gruß macht. “Während der junge Mann in seinen verdreckten und verbeulten Golf einstieg fiel Hildegard noch etwas ganz Lebenswichtiges ein. „Ich pass ja auf, ob jeder auch das Treppenhaus wischt, wenn er dran ist. Die Frau von dem jungen Mann hat letzte Woche nicht geputzt. Und das bei dem Dreckwetter.“ „Das ist unerhört! Ob sie es vergessen hat?“ „Weiß nicht. Ich hab schon mal daran gedacht, zu klingeln, um sie daran zu erinnern. Aber eigentlich geht mich das nichts an.“ „Wie gut, dass wir die junge Studentin haben, die für uns regelmäßig putzt.“ „Wir bezahlen sie ja auch gut, sonst könnte sie sich ihr Auto sicherlich nicht leisten.“

Eine ganze Weile tat sich nichts. Vor lauter Langeweile bestellte sich Irmchen noch ein Plunderstückchen mit Pudding. Gerade, als sie herzhaft hineinbeißen wollte, parkte ein Taxi vor der Haustür. „Da kommt jemand“, flüsterte Hildegard. Eine junge Frau im eleganten grauen Hosenanzug bezahlte den Taxifahrer, der ihr galant die Tür zum Aussteigen aufhielt und ihr dann einen Koffer und eine Reisetasche aus dem Kofferraum hob. „Schau mal an, da ist sie ja wieder.“ Aufgeregt starrten beide durch die Scheibe.

„Ob sie in Urlaub war?“ „Möglich. Aber ich glaube eher, sie hatte ihren Mann mal für einige Zeit verlassen.“ Hildegard starrte Irmchen entsetzt an. „Wie kommst du darauf?“ „Ich habe es dir doch erzählt, erinnerst du dich nicht?“ Irmchen blickte ihre Freundin besorgt an. Wurde sie langsam vergesslich? „Als ich vor vier Wochen von Doktor Meinhardt kam, flanierte ihr Mann in weiblicher Begleitung gerade an der Praxis vorbei, als ich herauskam. Und an den folgenden Tagen habe ich Frau… wie heißt sie gleich…Schulze-Stemmberg ständig mit ihrem Mann streiten gehört. Und plötzlich war Abend für Abend wieder Ruhe, genau seit vier Wochen.“ „Ich habe mich auch oft mit meinem Rudi gestritten. Und als er anfing schwer zu hören, wurde es auch mal lauter. Er hat sich lange geweigert, einen Hörapparat zu tragen.“ „Ja“, sinnierte Irmchen. „ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich meinen Fernseher gar nicht einschalten brauchte, weil ich jedes Wort von euch mithören konnte.“

Langsam wurde es Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Aus Erfahrung wussten sie, dass jetzt nichts mehr zu erwarten war, denn die anderen Mitbewohner kamen später oder zu unregelmäßig, als dass sie weiteres Warten gelohnt hätte. Sie bezahlten und gingen nach Hause Aus dem Fahrstuhl trat die Frau des jungen Türken, lächelte die beiden Damen kurz an und machte sich auf den Weg nach draußen. „Halt“, rief Irmchen und hob zur Bekräftigung ihren Gehstock. „Bitte warten Sie.“ Die junge Frau drehte sich unsicher um und kam langsam zurück. „Verzeihen Sie, aber in diesem Haus wird zum Wochenende immer das Treppenhaus geputzt. Sie haben es in der letzten Woche sicher vergessen? Bitte, denken sie in Zukunft daran, ja? Wir wollen uns doch hier alle wohl fühlen.“

Die junge Frau errötete leicht. „Bitte entschuldigen. Aber ich hatte Samstag Kind bekommen und nicht konnte putzen. Musste schlafen viel, war Geburt sehr schwer.“ „Das ist schon in Ordnung. Alles Gute für Ihr Kind. Was ist es denn?“ „Wieder Junge, dabei ich wollte haben Mädchen. Muss gehen einkaufen.“ Hildegard und Irmchen blickten sich gegenseitig fassungslos an.

Wie konnte das passieren, dass sie eine Hochschwangere übersehen hatten?? Sie mussten unbedingt besser aufpassen.

© G. Bessen

 

Ein Montag in der großen Stadt

Ein Montag in der großen Stadt

„Du hast ja eine süße Steckdosennase!“ Obwohl das kleine schreiende Etwas die Worte der Verkäuferin sicher nicht verstanden hatte, hörte es augenblicklich auf zu schreien und die sichtlich genervte junge Mutter konnte in aller Ruhe ihren Einkauf einpacken.

Frisch gebügelt verschwindet das hellblau gestreifte Hemd unter einer Klarsichtfolie und die junge Büglerin greift sich das nächste Objekt der Begierde. Währenddessen tauscht sie weiter eifrig ihre Erlebnisse mit der deutlich älteren Kollegin an der Nähmaschine aus. Beide können so ungestört weiterarbeiten, solange kein Kunde den Postdienst dieses kleinen Ladens in Anspruch nehmen will.

Ein großer Einkaufswagen nähert sich von links. Auf der unteren Ablage ein leerer Coca- Cola-Kasten, in der Mitte eine große Tüte und oben ein Babykörbchen mit einem fröhlich glucksenden Kleinstkind, das seinem jungen Vater mit dessen Halbglatze und seinem grau durchzogenen Pferdeschwanz irgendetwas für Erwachsene Unverständliches zuruft.

„Unser heutiges Angebot: deutsche Erdbeeren, die 500-Gramm-Schale für 1,79 € anstatt für 2,59“

Die beiden Verkäuferinnen am Bäckerstand lächeln jeden entgegen kommenden Kunden freundlich an, doch es ist eher Mittagstischzeit und wer hart einkauft, muss auch deftig essen.

Was kommt heute auf den Tisch?

Die vorüber fahrenden Einkaufswagen lassen doch tief in die noch leeren häuslichen Töpfe blicken.

Robin Look – der preisgünstige Brillenmarkt hat regen Zulauf. Sommersonderangebote und ohnehin nur einen Euro pro Brillenfassung lässt so manches Schnäppchen zu.

Beim Frisör ist tote Hose, die Damen langweilen sich, die Kunden bleiben aus. Wenn ich das Alter der beiden Friseurinnen  so bedenke (ich kann natürlich nur vermuten), würde ich sie auch höchstens meine alten Puppen frisieren lassen, aber nicht mich.

In der Apotheke passiert nichts Weltbewegendes. Der Patient sorgt heutzutage selbst für seine Gesundheit und kauft sich seine Mittelchen.

Ich trinke meinen Cappuccino aus, stelle wohlerzogen die Tasse in den dafür vorgesehenen Geschirrschrank ab, nehme meine Tasche und steuere auf den Ausgang zu.

Ein ganz normaler Montag Vormittag in einem Einkaufszentrum in Berlin-Weißensee.

© G.Bessen (Archiv), Foto: Pixabay

 

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Mutterliebe

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Missmutig blickte Maya auf den liebevoll gedeckten Tisch, knallte sich lautstark auf ihren Stuhl und blickte ihre Mutter wütend an.

„Warum gibt es jeden Tag Kartoffeln? Die hängen mir ja schon langsam zum Hals raus. Warum gibt es nicht mal Nudeln, Pizza, Döner oder so was? Kartoffeln, wie langweilig!“

„Wenn Du unbedingt Nudeln möchtest, dann koch doch welche. Sich jeden Tag an den gedeckten Tisch zu setzen und noch zu meckern, ist keine Kunst und trägt nicht gerade zu einem harmonischen Familienleben bei.“ Nicole hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Sie wollte ihre pubertierende Tochter nicht bevormunden, aber sie ärgerte sich maßlos darüber, dass ihre Bemühungen so ignoriert wurden und sie sich stattdessen noch dumm kommen lassen sollte.

„Mir schmecken Kartoffeln, Mama. “ Mayas jüngere Schwester Lena gab Nicole das, was sie dringend brauchte, Zuspruch und Anerkennung.

Nicole bemühte sich, ihre innere Ruhe zu erlangen. Maya hatte ja keine Ahnung, weshalb sie als besorgte Mutter so viel Wert auf eine abwechslungsreiche und dabei kalorienarme Ernährung bei ihrer Tochter legte. Sie hatte neulich an Mayas 16. Geburtstag so einige anzügliche Bemerkungen von Klassenkameraden aufgeschnappt, und ihr war nicht entgangen, dass Maya ein Fan von Fast Food und Zucker in allen Variationen geworden war.

Die Pubertät war eine extrem schwierige Zeit, und wenn Nicole sich mit Maya über eine Kartoffeldiät zu ihrem eigenen Wohlbefinden auseinandergesetzt hätte, wären ohnehin die Fetzen geflogen. Maya lehnte zur Zeit fast alles ab, was ihre Mutter als gut und richtig empfand. Nicole erinnerte sich nur ungern an ihre eigene Pubertät und die ständigen Querelen mit ihrer Mutter zurück und hoffte, so ihrem Ziel auch näher zu kommen.

Dazu bedarf es aber weiterhin Geduld, Langmut und ein liebendes mütterliches Herz, auch, wenn es manchmal an seine Grenzen kam.

296 Wörter

Ein Engel auf Erden

Beinahe lautlos schloss er die Tür des Kapellenvorraumes hinter sich, tauchte die Fingerspitzen der rechten Hand in das kleine Weihwasserbecken und bekreuzigte sich. Nachdem er in der vordersten Bank Platz genommen hatte, schaute er auf die Uhr. Gleich war es soweit, gleich würde sie kommen.

Jeden Mittag saß er hier, wartete darauf, dass die Uhr der kleinen Klosterkapelle zwei schlug und die betende Schwester vor dem Altar abgelöst wurde.  Jeden Mittag starrte er auf die Seitentür, die vom Flur des Klosters in den hinteren Teil der Kapelle führte. Da kam sie, durchschritt lautlos den stillen Raum, machte vor dem Altar zusammen mit der anderen Schwester eine kurze Verbeugung  und kniete sich auf das kleine Bänkchen nieder, um nun für eine halbe Stunde in Meditation und Gebet zu versinken. Genau fünf Sekunden brauchte sie, um von der Tür zum Altar zu gelangen und fünf Sekunden am Tag konnte er ihr Gesicht sehen. Ein junges, schmales Gesicht, makellos schön,  schmale dunkle Augenbrauen über den auf den Boden gehefteten Augen, volle Lippen, die immer den Ansatz eines Lächelns andeuteten. Viel mehr konnte er nicht sehen.

Das weiße Stirnband, an dem der cremefarbene  Schleier befestigt war, und das rosafarbene Ordenskleid, das bis zu den Knöcheln reichte, verhüllten nahezu alles andere an ihr. Manchmal, wenn das Sonnenlicht durch das bunte Fensterglas auf ihr Haupt fiel, glaubte er, unter ihrem Schleier den Schatten eines langen dunklen Zopfes zu erkennen. Sie war mittelgroß, schlank und schien eher zu schweben als zu gehen. Eine halbe Stunde kniete sie nun vor dem Altar, ihm seitlich zugewandt, etwa sieben Meter von ihm durch ein dunkles  Eisentor getrennt. In dieser halben Stunde betrachtete er sie von der Seite. Jede zarte Linie ihres Seitenprofils hätte er malen können, so sehr hatte sich dieses Gesicht in sein Bewusstsein  geprägt.

In dieser halben Stunde vergaß er die Welt um sich herum, fühlte sich in ihre geistige Welt  involviert  und fand durch sie in der Stille dieses Raumes Kraft und Stärke. Er fühlte sich  wie in einer Oase inmitten einer lebensfeindlichen Wüste.

Wie oft hatte er sich gefragt, was eine junge Frau veranlasste, ihr Leben völlig abgeschieden hinter Klostermauern zu verbringen und ihr Leben ausschließlich Gott zu weihen. ‚Ora et labora’ – ‚Bete und arbeite’, kann das die Erfüllung für einen jungen Menschen  sein? Er konnte es nicht nachvollziehen, selbst nachdem  er sich mit den Biografien großer Ordensleute befasst hatte. Aber es gab sie immer wieder, gerade auch in der heutigen Zeit, junge Menschen, die es vorzogen, auf Ehe und Familie, Wohlstand und Konsum zu verzichten und den Rest ihres Lebens im Kloster zu verbringen.

Obwohl er niemanden aus der kleinen Kommunität der Schwestern kannte, hatte er Einblick in ihr Leben gewonnen. Sonntags morgens in der Früh, wenn die Besucherkapelle um kurz vor sechs Uhr geöffnet wurde, nahm er an der Laudes, dem ersten Chorgebet der Schwestern teil.  Er verstand kein Latein, aber die gregorianischen Gesänge der zweiundzwanzig Schwestern, die mit ihren hellen Stimmen die Stille der Kapelle durchbrachen, berührten sein Herz jedesmal von Neuem.

Zum anschließenden Gottesdienst füllte sich die Besucherkapelle mit anderen Gästen.  Danach zogen sich die Schwestern, bis auf eine, die sich auf das kleine Bänkchen vor den Altar kniete, ins Kloster zurück.

Er wohnte unweit des kleinen Klosters und hatte von seinem Balkon  einen direkten Blick in den hinteren Teil des Klostergartens, in dem sich ein kleiner Kreuzweg befand, ein Weg, den die Schwestern gingen, meist dabei den Rosenkranz betend, um an den Leidensweg Christi zu denken. Im Abstand von wenigen Metern zeigte jeweils ein kleines, aus Holz geschnitztes Bild am Wegesrand  die jeweilige Station an. Diesen Weg gingen die Schwestern einzeln, schweigend und betend.

Einmal am Tag, nachmittags von fünfzehn bis sechzehn Uhr, schien es eine Stunde der Freizeit zu geben. In einem kleinen Holzpavillon sah er dann mehrere Schwestern zusammen sitzen, sich unterhaltend und lachend, wie ganz normale Menschen, ein frappierender Kontrast zu der Ruhe und Stille im Gebet.

Mehr sah er nicht, denn das Kloster und der Klostergarten  waren von einer hohen Mauer umgeben, inmitten der lärmenden Großstadt ein Garten Eden, der für jedermann, der ihn entdeckte, eine Anlaufstelle war.

Inzwischen fragte er sich nicht mehr nach den Motiven für ein Leben im Kloster, er war dankbar, dass es sie gab, die Engel auf Erden, die unscheinbar mitten unter uns leben und  uns, mit all unseren Sorgen und Nöten in ihr Gebet einschließen.

Als sie um halb drei von einer anderen Schwester abgelöst worden war, stand er auf, straffte die Schultern und verließ  genau so leise, wie er gekommen war, die Kapelle wieder.

Er hatte innerlich aufgetankt, war mit Ruhe und innerem Frieden  angefüllt. Er machte sich auf den Heimweg, um sich wieder voll und ganz seinen häuslichen Aufgaben zu widmen, der Pflege seiner dem Tod geweihten Frau.

©Text und Foto:  G.Bessen

Schreibeinladung für die Textwoche 01.19 | Extraetüde

Eine Einladung von Christiane, bevor uns das neue Jahr am kommenden Sonntag die berühmten drei  Wörter beschert …

Die Regel: Ihr nehmt die Begriffe des abgelaufenen Monats, das sind sechs, sucht euch davon fünf aus und verpackt die in einen Text von maximal 500 Wörtern.Hier sind also die Dezember-Wörter, ursprünglich gespendet von Elke H. Speidel und dergl:

Winterbaum, nasskalt, nachtrauern
Regenbogen, transparent, bluten.

 

Nachlese

Von wegen ‚winter wonderland’ ! Das Lied ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, seit sie es in der Silvesternacht gehört hatte: …

“Sleigh bells ring, are you listening
In the lane, snow is glistening
A beautiful sight, we’re happy tonight
Walkin‘ in a winter wonderland” …

Es war nasskalt und der eisige Januarwind pfiff durch das nackte Geäst der Giganten, die schwarz und bedrohlich in der beginnenden Dämmerung rechts und links der Straße standen. Unheimlich sahen diese Winterbäume aus. Dabei war es doch noch gar nicht lange her, dass sie knochentrocken unter der Last des heißen Sommers gestöhnt hatten und sich nach nichts mehr, als etwas Wasser gesehnt hatten.

Wo waren sie geblieben, die Zeiten, als die natürlichen Elemente miteinander gekämpft hatten und nach einem heftigen Gewitter ein Regenbogen in leuchtenden Farben quer über dem Himmel stand? Welches Herz ging da nicht ganz weit auf?

Was war los mit uns und unserer Gesellschaft?

Der Klimawandel –  lange bekannt, doch weiterhin erfolgreich ignoriert. Naturkatastrophen – wie schrecklich, aber zum Glück nicht bei uns! Kriege – auch davon sind wir bisher verschont geblieben! Böller in der Silvesternacht – je lauter, desto knalliger und aufpassen muss schon jeder selbst auf sich! Die Liste von Nachrichten war unendlich, unübersichtlich und auf den ersten Blick hochgradig abschreckend geworden.

Nachrichten schwappen in Dauerschleife durch die Medien in unsere Wohnzimmer, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten und die Augen schließen möchte. Auch privat ist im vergangenen Jahr nicht immer und bei allen alles glatt gelaufen. Nicht nur die eine oder andere Nase, nein, so manches Herz musste bluten.

Ob jemand dem vergangenen Jahr nachtrauern möchte oder die Akte 2018 schließt und sie in die unterste Herzensschublade legt, kann nur jede(r) für sich selbst entscheiden.

Die Welt ist kleiner und globaler geworden und was unsere Vorfahren damals nicht wussten, überfällt uns heute dank modernster Technik mit einer Macht, die vielen Angst einjagt.

Und doch gab es sie immer schon, auch vor uns, die Kriege, die Machtspiele, die Umweltzerstörung, die Naturkatastrophen und die Klimaschwankungen.  Aber es gab auch immer Glaube, Hoffnung und Liebe und wenn uns das, was uns die Luft zum Atmen nehmen will, zu ersticken droht, so sollten wir daran denken, dass Generationen vor uns auch gute und weniger gute Zeiten gemeistert und überlebt haben.

Wenn wir uns mehr auf das WIR besinnen und uns als ICH nicht als den Nabel der Welt betrachten würden, könnten wir gemeinsam einen guten Schritt in die richtige Richtung wagen …

413 Wörter

© G. Bessen

 

Jahresbilanz

Er war in den letzten Augusttagen im Sternzeichen der Jungfrau geboren und von Natur aus pingelig und überaus korrekt.

Jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr setzte er sich mit einer Kanne  Tee mit Rum in sein Arbeitszimmer, spitzte einen roten Stift für seine berufliche Jahresbilanz und einen grünen für seine private Bilanz. Dann nahm er zwei Bögen kariertes Papier, schrieb BERUF  auf das eine Blatt, unterstrich das Wort akribisch genau mit einem Lineal und machte dasselbe mit dem zweiten Blatt, nur dass er da PRIVAT eintrug.

Er hatte das Gefühl, dass er in diesem Jahr lange an seiner Bilanz sitzen würde, denn in diesem Jahr hatten tiefgreifende Änderungen sein Leben  beeinflusst.

Als Versicherungsvertreter einer renommierten Versicherung hatte er seinem Konzern einen guten Dienst erwiesen. Er hatte sich die Füße wund gelaufen, sich Fransen an den Mund geredet und in der Tat unzählige Versicherungsverträge zum Abschluss gebracht. Die Menschen wollten in einer unsicheren Zeit gegen alles versichert sein. Und er hatte die rhetorische Gabe, jeden Zweifel auszuräumen, alle Bedenken zu zerstreuen und Fragen sicher zu beantworten. Und zum Abschluss eines zustande gekommenen Vertrages hatten sich seine Kunden immer herzlich bedankt, nachdem sie ihn während eines Beratungsgespräches  fürstlich bewirtet hatten. Seine Firma hatte ihn mit einer großzügigen Prämie zum Jahresende bedacht.

Er war stolz auf sich. Der Papierbogen mit der beruflichen Bilanz  verzeichnete am Ende ein dickes rotes Plus und er lehnte sich zufrieden zurück.

Sich seiner privaten Bilanz zu stellen, kostete ihn einige Überwindung. So sehr er auch seine Kunden überzeugen konnte, zu Hause war er eher der Schweigsame und Zugeknöpfte. Abends war er meist hundemüde, wenn er nach Hause kam. Er wusste, wie oft seine Familie vergebens mit dem Abendessen auf ihn gewartet hatte. Aber Kundengespräche ließen sich zeitlich nicht exakt terminieren. Er hatte zu wenig Zeit für seine Familie gehabt. Und so nahm er es hin, dass seine Frau mit den Kindern, die ihm immer mehr fremd wurden, auszog.

Um sich seiner Trauer nicht zu sehr stellen zu müssen, arbeitete er noch mehr. Die stillen Abende zu Hause konnte er nicht ertragen. Er gab sich die Schuld am Scheitern seiner Ehe und bezahlte einen großzügigen Unterhalt für seine Familie.

Anfangs kamen seine Kinder immer noch am Wochenende zu ihm, aber sie hatten keine Lust, ständig bei ihrem Vater zu sitzen. Sie wollten auch mit ihren Freunden zusammen sein und das ging oft nur am Wochenende. Es tat ihm weh, aber er verstand es.

Die gemeinsamen Freunde zogen sich nach und nach zurück. Er wusste, dass sie lieber mit seiner lebenslustigen und offenen Frau zusammen waren. Das nahm er hin. Schließlich wollte er auch nicht zwischen zwei Stühlen sitzen.

Nachdem er im Herbst nach einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gekommen war, hatten die Ärzte nach eingehenden Untersuchungen ein Burn Out festgestellt und ihm eine Auszeit angeraten. Was sollte er alleine zu Hause? Er hatte sich zwei Wochen Urlaub gegönnt, hatte sich unter Palmen am Meer ausgeruht und war wieder arbeiten gegangen. Seine Blutfettwerte, der erhöhte Blutdruck und seine Fettleber hatten sich sicher im Urlaub auch erholt, glaubte er.

Heiligabend hatte er mit einem verwitweten Bekannten verbracht, der auch nichts mit sich anzufangen wusste und Silvester würde er sich mit einem guten Buch ins Bett legen.

Und dann kam das neue Jahr, mit neuen Herausforderungen und neuen Aufgaben.

Die Freude über seine positive berufliche Bilanz verblasste sehr schnell, als er vor dem Desaster seines Privatlebens stand. Er starrte auf das Blatt mit der grünen Schrift, bis die Tränen, die seine Wangen hinunterliefen, die Schrift verschleierten.

Er suchte die Nummer seines Hausarztes heraus und wollte gleich morgen früh telefonisch um einen Termin bitten. Er würde sich krankschreiben lassen, so lange bis er den Kampf um seine Ehe und Familie gewonnen hatte.

Das war sein einziger und felsenfester Vorsatz für das neue Jahr.

© G. Bessen

Dem Jahresende entgegen …

Wie gut, dass es vor Ostern noch eine Fastenzeit gibt…

Ein Wohlgenährter aus Essen
war offensichtlich verfressen.
Er aß gerne fein
und meist auch allein.
Das Teilen schien ihm zu vermessen.

© G. Bessen, Fotos pixabay