abc.etüden 38.17(2)

Die  Wörter
für die abc.etüden
sind gestiftet von   Herbert

Achtsamkeit
verwurschteln
rosa-grün

 

 

 

 

abc.etüden/Die werdende Oma

Der freudige Gedanke, zum ersten Mal Oma zu werden, ließ sie kaum noch los.

Die werdende Mutter musste eine Litanei von Verhaltensregeln über sich ergehen lassen.

„Mama, ich bin schwanger, aber nicht krank“, tönte es noch in Paulas Ohren und sie überlegte, ob ihre Mutter sie auch so mit Vorsichtsmaßnahmen bombardiert hatte, wie sie es derzeit mit Lisa machte.

Paula fluchte leise vor sich hin, denn eine Masche war ihr von der Stricknadel verloren gegangen und die zu finden und ordnungsgemäß in das rosa-grüne Babyjäckchen einzufädeln, erforderte ihre ganze Achtsamkeit.

Je krampfhafter sie sich um die Masche bemühte, desto mehr verwurschtelte sie das Gebilde in ihren Händen.

Genervt betrachtete Paula das Konstrukt in ihren Händen und plötzlich tat ihr das ungeborene Enkelkind schon leid. So eine blöde Farbe – das passte doch gar nicht zusammen, rosa und grün. Nach einem Babyjäckchen sah das Ganze eigentlich auch nicht aus und Paula hatte noch keine Ahnung, wie sie kleine Ärmelchen daran stricken sollte.

Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gestrickt hatte und ihr fiel ein, dass sie sich mit Stricken in so mancher Vorlesung wach gehalten hatte. Kurz entschlossen ribbelte sie den Babyjäckchenversuch auf, gab die Wollknäuel ihren beiden Katzen zum Spielen und zündete sich, sichtlich erleichtert, eine Zigarette an.

© G. Bessen

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Wehmut

Sie konnte ihren Blick nicht von der letzten Blütenpracht der Sommerblumen losreißen und um ihren Mund lag ein wehmütiger Zug. Ihr Gesicht und ihre Augen spiegelten, was sie dachte. Als fühlte sie, dass ich in ihrer Nähe stand und sie beobachtete, drehte sie sich um, schaute mich mit traurigen Augen an und sagte: “Der Sommer ist wohl vorbei.“
Sie hatte ihn genossen. Ihre Gesichtshaut war tiefbraun, ihre vom Leben gezeichneten Züge hatten sich vertieft. Doch ihre zahlreichen Falten zu dem kurzen Haarschnitt vermittelten das Bild einer Frau, die viel erlebt und sich von nichts aus der Fassung bringen ließ.

Was ging in ihr vor, was sie nicht sagte? Die Hoffnung, einen weiteren Sommer erleben zu dürfen?
Das Alter verändert den Menschen, macht ihn sensibler für das, was immer näherkommt, der Abschied für immer, wenn der Körper sein Leben gelebt hat, die Kraft nachlässt und die Lebensuhr abläuft. Genau das konnte ich in ihrem Blick lesen.

Sie straffte sich, als gäbe sie sich einen inneren Ruck, nahm ihre Tasche und wir verabschiedeten uns, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im kommenden Sommer.

©Text und Foto: G. Bessen

Septemberblues

Septemberblues

Müde kam der Tag aus der Nacht gehumpelt. Er hatte heute so gar keine Lust, sich zu entfalten. Jeder stellte enorme Ansprüche an ihn, die zu erfüllen er derzeit kaum in der Lage war. Er sollte strahlen, nur positive Gedanken versprühen, die Menschen bei guter Laune halten und möglichst nicht vergehen. Aber wie sollte er ihnen klarmachen, dass er mit der Jahreszeit  ein Problem hatte, selber unter einer rezidivierenden Herbstdepression litt und kaum Antrieb hatte.

„Ich kann dir nicht helfen, so gern ich es auch möchte“, tröstete ihn die Nacht, die es kaum mit ansehen konnte, wie sich der Tag Morgen für Morgen quälte. „Ich kann doch nicht einfach bleiben und dich unbegrenzt schlafen lassen. Jeden Morgen hänge ich ein paar weitere Sekunden an und auch am Abend löse ich dich ab, so schnell ich kann. Aber mehr ist nicht drin!“

„Ja, ich weiß, du gibst dein Bestes, liebe Nacht und doch weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Schwester Sonne lässt uns einfach sitzen. Wer weiß, auf welcher Umlaufbahn sie gerade tänzelt?  Bruder Regen hat es sich hier so richtig bequem gemacht und denkt gar nicht daran, seine Wolken zur Räson zu rufen. Die bunten Blätter, die die Kinder so gern für ihre Herbstbasteielen sammeln, liegen träge und schwer am Boden und machen keinerlei Anstalten, sich überhaupt bewegen zu lassen, geschweige denn, sich zum Basteln anzubieten. Die Tiere bekommen lange Zähne, wenn sie Eicheln und Kastanien so patschnass und feucht in ihre Winterquartiere schleppen sollen.  Die erste Grippewelle hat bereits die Igel befallen. Und der Wind, der in der Lage wäre, die schweren Wolken wegzupusten, scheint auf Reisen zu sein. Alles, was die Menschen erwarten, bleibt an mir hängen. Es ist bald Mitte September  und alles sollte hell, freundlich und leuchtend sein.“

„Ich verstehe dich gut, lieber Tag, doch was nicht geht, das geht eben nicht. Glaubst du, die Menschen können jeden Tag zu hundert Prozent leisten, was andere von ihnen verlangen? Auch sie haben gute und schlechte Tage. Tage, an denen sie vor Kraft Bäume ausreißen könnten und wiederum Tage, an denen sie sich einfach unter der Bettdecke verkriechen und nichts sehen und hören wollen. Nimm es nicht so schwer, lieber Tag. Leiste das, was du leisten kannst und denke auch an dich. Wenn du schlapp machst, was ist dann? Für zwei kann ich nicht da sein. Wir beide sind ein gut eingespieltes Team und das bleiben wir auch, so lange wir offen und ehrlich miteinander umgehen und aufeinander aufpassen. Ich lege mich jetzt hin, damit ich für später fit bin. Du musst jetzt los, lieber Tag.“

Der Tag schaute nicht mehr so verdrießlich. Das Gespräch mit der Nacht  hatte ihm Kraft gegeben und er nahm seinen Platz ein.

Nichts auf dieser Welt war noch verlässlich. Tag und Nacht jedoch sollten es bleiben.

© Text und Foto: G.Bessen

Einer von ihnen

Einer von ihnen

Seit Wochen war er das Tagesgespräch im Ort.

Er, den normalerweise  niemand beachtete, der für die anderen lediglich der Dorftrottel, der Vollpfosten, der Schulabbrecher und der Nichtsnutz war. Er, aus der Familie eines Vaters mit einem Alkoholproblem und Hartz 4 und einer Mutter, die eines Tages getürmt war und alles hinter sich gelassen hatte. Allen hatte er mit seinen knapp 16 Lenzen bewiesen,  dass er schlau war, dass ihm so leicht niemand auf die Schliche kommen konnte.

Seit in seinem Dorf die Wahlplakate für die anstehende Bundestagswahl aufgestellt worden waren, schlich er sich nachts davon, mit Spraydosen und Stiften bewaffnet und machte sich daran, die Gesichter der Politiker zu verändern.  Was interessierte ihn denn die Wahl? All diese Pappnasen, die versprachen und doch nichts hielten. Mit denen hatte er, Lars aus einem kleinen Ort in Meck-Pom, ohnehin nichts zu schaffen. Sollten die doch machen, was sie wollten.

Wenn es abends dunkel wurde und sein alter Herr seinen schweren Körper mit dem entsprechenden Alkoholpegel ins Bett geschleppt hatte, stiegen bei Lars Herz-Frequenz und Blutdruck an und er zog los.

Auch wenn er nichts besonders gut konnte, aber Gesichter verändern, sie abmalen und karikieren, das konnte er, wenn er auch sonst nicht viel in der Birne hatte – so glaubten es die anderen. Den größten Kitzel verschaffte es ihm, bisher nicht erwischt worden zu sein.

Am nächsten Tag sprachen die Leute im Dorf über nichts anderes und feixten sich mittlerweile eins, weil die Polizei so völlig im Dunkeln tappte. Lars ging mit offenen Ohren durchs Dorf, er hatte Zeit genug, seitdem er seine Lehrstelle hingeschmissen hatte und seinem Vater langsam auch egal wurde, wo sich sein Sohn tagsüber herumtrieb, solange nur genug Alkohol im Haus war. Lars war erleichtert, auf diese Weise auf dem Laufenden zu bleiben, ohne dass jemand wusste, dass er hinter der Aktion stand.

Die verunstalteten Plakate waren in den ersten Tagen erneuert worden, aber das war mittlerweile sinnlos geworden.

Es war später Abend geworden uns Lars machte sich auf den Weg. Als er sein Fahrrad hinter einer Baumgruppe abgestellt hatte und sich mit seinen Sprühdosen und Eddings auf das Plakat seiner heutigen Aufgabe  hin bewegte, stutzte er. Er starrte auf das Plakat der Kanzlerin neben einer Gaslaterne, die ihn mit einem Heiligenschein um ihren Kopf freundlich anlächelte.

Zögernd trat er näher. Da hatte ihm doch jemand ein Schnippchen geschlagen und ihm regelrecht ins Handwerk gepfuscht.

‚Nicht mit mir’ , dachte Lars zornig. ‚Das ist meine Baustelle.’

Er nahm den schwarzen Edding und setzte gerade an, den Heiligenschein zu schwärzen, als mehrere Lichtstrahler angingen. Ihm wurden die Arme auf den Rücken gelegt und als Lars hörte, wie sich die Handschellen um seine Handgelenke schlossen, wusste er, dass das Spiel aus war.

Aber am nächsten Tag würde das ganze Dorf über ihn reden und das allein war ihm ausreichende Genugtuung.

© G. Bessen

FARB-LOS

Die Welt der Farben

Wir erleben unsere Welt in Farbe  und nicht in schwarz-weiß. Das ist keine Laune der Natur oder irgendwelcher Künstler oder Modeschöpfer, sondern dient uns Menschen und den Tieren  zur Orientierung und zum Überleben. Daraus hat die Werbung selbstverständlich ihren Nutzen gezogen und trifft gezielt auf  unser Unterbewusstsein, um uns von der Notwendigkeit des Erwerbens zu überzeugen.

 Farben prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Wie geht es aber Menschen, die nicht mehr sehen können?

Foto: Freestyler/pixelio.de

FARB-LOS

Alles war anders geworden.

Müde saß er in seinem Stuhl am Fenster und schaute hinaus in den Garten. Aber er sah keine  bunten Blätter, die der Herbstwind von den Bäumen trieb und die, wie in einem letzten Tänzchen, in der lauen Herbstluft sanft zur Erde schwebten.

Seine Augen sahen nur eine schwarze Wand.

Wenn er morgens aufwachte, sah er diese schwarze Wand. Den ganzen Tag über stand sie vor ihm, fast schon zum Greifen nahe und wenn er schlafen ging und die Augen schloss, stand sie immer noch da – unverrückbar, unzerstörbar.

Seit Jahren gehörte sie zu ihm und immer noch lehnte er sie ab, lehnte sich innerlich gegen sie auf, versuchte sie zu bekämpfen – vergebens.

Seine Seele litt und war krank geworden. Diese Wand hatte sich über sie gelegt und wie ein schwarzes Tuch unabänderlich eingehüllt.

Nicht nur sein Leben hatte sich verändert.

Die Rollen in der Familie hatten sich vertauscht.

Er, der liebevolle und fürsorgliche Partner und Vater, zu dem die Familie immer aufgeschaut hatte, war zu einem Menschen geworden, der stets und ständig Hilfe und Pflege brauchte.

Das, was sein Leben mit ausgemacht hatte, seine Liebe zur Literatur, zur Kunst und zur Musik, war nur noch eine schmerzhafte Erinnerung und eine weitere große Lücke in seinem Leben, die er  nicht mehr füllen konnte.

Seine Arbeit, seine Reisen, beruflich und auch privat mit der Familie, all das war ihm genommen worden.

Er hatte sich zurückgezogen, von allem, was ihm früher wichtig gewesen war und  von fast allen Menschen, die ihm stets lieb und teuer waren.  Er kreiste in seinem Inneren nur um sich selbst, traurig, verbittert und in einem ständigen Kampf mit seinem Schicksal.

„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?!“

Dieses Bibelzitat hatte sich auch in seinem Kopf fest gesetzt.

Die Familie hatte alles versucht, ihn aus seiner Lethargie zu locken, bisher vergeblich.

Doch ihr neuer Plan könnte funktionieren.

Sarah, das ehemalige Au-pair-Mädchen der Familie, hatte inzwischen ein festes Engagement als Geigerin im Wiener Mozart Orchester und hatte auch erste kleine Erfolge als Solistin.

Sie weilte für ein paar Tage bei ihrer Familie in Hannover  und ruhte sich aus, bevor das Orchester Mitte September auf Tournee ging.

Als Charlotte sie anrief und ihr vom akuten Zustand ihres Vaters in seiner Freudlosigkeit berichtete, überlegte Sarah keine Sekunde lang.

„Natürlich werde ich am Wochenende kommen,“ versprach Sarah. „Ich denke, euer Plan könnte Erfolg haben.“

Als Werner erfuhr, dass am Sonntag ein Gast zum Mittagessen eingeladen worden war, zog er sich mürrisch in sein Zimmer zurück.

„Ich habe doch gesagt, ich will niemanden sehen. Begreift das doch endlich!“

Bei dem Wort „sehen“ blickten sich Charlotte und ihre Mutter Sofia still an. Wie so oft wurden sie schmerzlich daran erinnert, dass Werner gar nicht daran dachte, sein Schicksal zu akzeptieren.

„Du lebst aber nicht alleine in diesem Haus und es kann sich auch nicht alles nur um dich drehen,“ entfuhr es Charlotte, die es einerseits kaum ertragen konnte, ihren einst so lebensbejahenden und kontaktfreudigen Vater so leiden zu sehen, andererseits aber auch für ihre Mutter und ihre eigene Familie ein halbwegs normales Leben weiterführen wollte.

Charlotte warf ihrer Mutter, die so eine Reaktion hatte kommen sehen, einen aufmunternden Blick zu und ging nach oben in ihre Wohnung.

Werner wollte am Sonntag nicht aufstehen, er hatte sich wieder in seine innere Dunkelheit eingehüllt und dachte verzweifelt darüber nach, wie sein Leben weitergehen sollte.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, kannte er sich selbst nicht mehr wieder und legte Reaktionen an den Tag, die er früher bei anderen immer kritisiert hatte. Aber er konnte nicht anders und auch das lag ihm wie ein Stein auf seiner Brust und schien ihn zu zerquetschen.

Er hatte alles im Leben erreicht, was ein Mann erreichen konnte. Sofia  stand ihm in jeder Lebenslage zur Seite, wie sie es seit fast fünfzig Jahren immer getan hatte. Beruflich hatte er viel erreicht. In seiner kurzen Karriere als Lokalpolitiker hatte er viel für sein Bundesland und seine Heimatstadt bewirkt und die Menschen haben ihn respektiert und geliebt. Er hatte zwei wunderbare Kinder, Charlotte und Michael,  und mittlerweile vier gesunde Enkelkinder.

Aber der Augeninfarkt, der ihn zur Erblindung geführt hatte, hat seinem alten Leben und all den Aktivitäten, die ihm wichtig waren, ein jähes Ende bereitet. Er weinte, wie so oft,  still in sein Kissen und schlief ein.

Werner träumte. Zumindest glaubte er das, bis er realisierte, dass er mit offenen Augen in seinem Bett lag.

Er vernahm die zarten Töne einer Geige, ein Stück aus Mozarts Zauberflöte. Wie lange hatte er diese Melodien aus den Werken seines Lieblingskomponisten nicht mehr gehört? Er lag ganz still und lauschte. Seine Seele begann zu schwingen und ein warmes Gefühl durchströmte ihn.

Es trieb ihn, den Ursprung dieser Töne zu suchen. Er stand auf, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Sarah, Sofia und Charlotte sahen ihn gespannt  und erwartungsvoll an und freuten sich über das Lächeln in seinem plötzlich rosigen Gesicht.

Sarahs Besuch hatte etwas in ihm bewegt. Eine längst verschüttet geglaubte Seite in seiner Seele hatte wieder zu klingen begonnen. Von diesem Tag an saß er stundenlang in seinem Zimmer und lauschte der  klassischen Musik mehrerer von ihm verehrten Komponisten.

Sofia und er unternahmen wieder Spaziergänge durch den herbstlichen Wald und setzten sich oft auf eine Bank in die warme Spätsommersonne. Sofia erzählte ihm, wie die Natur sich veränderte und Mutter Erde immer mehr zur Ruhezeit überging. Er hielt bunte Blätter in seinen Händen, ertastete die glatte Oberfläche der frisch gefallenen Kastanien und spürte die wärmende Sonne auf der Haut.

Als Sofia ihm mit ihrem besonderen Talent der detailgetreuen Schilderung von längst vergangenen Reisen erzählte, wurde sein Inneres  heller und bunter, auch wenn seine Augen an der schwarzen Wand nicht vorbeikamen.

Er lernte, sein Schicksal zu akzeptieren und sich mit seiner Einschränkung zu arrangieren.

Seine Depressionen wurde er nicht gänzlich  los, aber er hatte immer mehr Momente der Freude und schaffte es, seine Erinnerungen lebendig zu halten.

Seine Seele begann zu gesunden.

 

© G.Bessen 9/17

Kaffeegenuss

 

 Wenn der Morgen erwacht

Kaffeeduft
liegt in der Luft,
erfüllt den Raum
im Morgengrau’n.

Ohne Kaffee
döse ich
um diese Zeit
ganz fürchterlich.

Bin überhaupt
nicht ansprechbar,
ein Morgenmuffel,
ist doch klar!

Erst wenn das
heiße Milchgetränk
die Speiseröhre
runter rennt,

den Magen wärmt,
die Seele weckt,
hab’ ich den
neuen Tag entdeckt.

Ich zünde eine
Kerze an,
behalt’ den
Schlafanzug
noch an.

Gieß’ mir die
zweite Tasse voll
und fühl’ mich
warm und wach
und einfach toll!

©Text und Foto: G. Bessen

Etüdensommerpausenintermezzo (3)

Etüdensommerpausenintermezzo (3)

 mit den Wörtern:

Badelatschen
Hitzefrei
Höhenfeuer
Liegestuhl
Qualle

Qualm
Schwimmflügel
Sommersprossen
Ventilator
Wassermaler

Schicksalsschläge

So konnte es auf keinen Fall weitergehen.

Ihr Lieblingsplatz war der Sessel am Fenster geworden, doch obgleich sie in den Garten  hinausstarrte, sah sie nichts. Ihre Augen waren blind vor Tränen, ihre Stimme stumm vor Schmerz  und ihre Gefühle durch den Schock wie eingefroren.

Der Regen, der seit Tagen ohne Unterlass fiel, hatte ihren Keller geflutet und die Utensilien aus den Regalen geschwemmt. Wenn der Regen nicht aufhörte, säße sie bald mit nassen Füßen in ihrem Sessel am  Fenster. Auch das wäre ihr egal .

Jeder Wassermaler hätte vor Freude seinen Pinsel gezückt und die Kellerbilder gern als abstrakte Kunst  für die Nachwelt auf die Leinwand gebannt.

Seitdem es passiert war, nahm sie ihre Außenwelt kaum noch wahr. Immer wieder spulten sich die Geschehnisse düster und unheilvoll vor ihrem inneren Auge ab. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle gab keinen Ton frei, als seien ihre Stimmbänder gar nicht mehr vorhanden.

Wie lange war es her? Vier Wochen? Sechs Wochen?
War das überhaupt noch wichtig?

Clarissa war aus der Schule gekommen, sie war gerannt und ihr blonder Pferdeschwanz hüpfte zeitgleich mit ihrem kleinen aufgeregten Herzen um die Wette.

„Mamaaaaaa, wo bist du? Wir haben hitzefrei bekommen! Gehen wir baden?“

Lisa blickte in das vor Aufregung glühende Gesicht ihrer Tochter. Selbst Clarissas unzählige Sommersprossen leuchteten  wie kleine Sterne.

„Pack deinen Rucksack, ich mache uns etwas zu essen und dann fahren wir los!“

Die Gärtnerei musste am heutigen Nachmittag mal wieder ohne ihre Chefin auskommen. Lisa führte zwei kurze Telefonate und freute sich, dass sie sich immer wieder hundertprozentig auf ihre beiden Angelstellen verlassen konnte und sich für Clarissa den einen oder anderen Nachmittag freischaufeln konnte.

Clarissa hatte ihren kleinen Rucksack schnell gepackt. Den Badeanzug hatte sie bereits an, die Badelatschen und die Schwimmflügel hatte sie zusammen mit einem Handtuch in ihren kleinen Rucksack gepackt und ihr Liegestuhl für Kinder war ohnehin mit dem für ihre Mutter seit längerem im Kofferraum.

Wer unmittelbar in Ostseenähe wohnt, kann sich besonders  im Sommer glücklich schätzen.

Lisa liebte die kleine verträumte Bucht, in die sich kaum Touristen verliefen. Unter den Einheimischen galt sie als der heiße Tipp, wo man noch unter sich war. Niemand war bisher da, Clarissa und Lisa hatten die kleine Bucht ganz für sich. Nachdem Clarissa von Kopf bis Fuß Mit Sonnenmilch eingeschmiert war, ihre Schwimmflügel wie zwei neonfarbene Quallen an ihren Oberarmen leuchteten, hüpfte sie vergnügt ins Wasser.

„Bleib bitte ganz vorne, ja?“

„Aber sicher, Mama, das musst du mir nicht immer wieder  sagen.“

Lisa nahm sich eine Zeitschrift aus der Tasche, stellte ihren  kleinen, mit Batterien betriebenen Mini-Ventilator an und vertiefte sich in den neuesten Promiklatsch. Sie musste eingeschlafen sein. Sand klebte auf ihrem eingekremten Körper und gab ihr das Empfinden, ein Fischstäbchen zu sein. Plötzlich setzte sie sich ruckartig auf.

„Clarissa!“ Nichts.

Hektisch blickte Lisa um sich. Clarissa war nirgendwo zu sehen.

Lisa sprang auf, rannte den kleinen Strand der Bucht entlang und blickte sich angestrengt nach allen Seiten um – keine Spur war von Clarissa zu sehen. Sie schrie sich die Lunge aus dem Hals, rannte, als sei der Leibhaftige hinter ihr her , bis sie jäh stoppte und auf das Meer hinausstarrte. Etwas in einem knalligen Orange war auf dem Meer zu sehen, als wippe es auf und ab.

Lisas Geschrei hatte zwei junge Männer herangelockt , die die Situation sofort erfassten und sich in die Fluten stürzten. Sie brachten den kleinen leblosen Körper an Land und taten alles, um ihn ins Leben zurückzuholen – vergeblich.

Clarissa war tot.

An diesem Tag starb auch Lisa. Jegliche Lebensfreude war aus ihrem Körper entwichen, sie konnte nicht begreifen, was geschehen war und die Last der Schuld fraß sich tief  und unauslöschlich in ihre Seele. Die Sehnsucht nach ihrer Tochter beherrschte Lisas Gedanken.

Sie wollte nicht mehr leben.

Die Nachbarn auf der anderen Straßenseite sahen den Qualm zuerst und rochen den Benzingeruch, der sich bis über die Straße zog.

Als die Feuerwehr eintraf, brannte das Haus bereits lichterloh und setzte sich wie ein Höhenfeuer gegen den unaufhaltsamen Regen durch.

© G. Bessen