Kaffeegenuss

 

 Wenn der Morgen erwacht

Kaffeeduft
liegt in der Luft,
erfüllt den Raum
im Morgengrau’n.

Ohne Kaffee
döse ich
um diese Zeit
ganz fürchterlich.

Bin überhaupt
nicht ansprechbar,
ein Morgenmuffel,
ist doch klar!

Erst wenn das
heiße Milchgetränk
die Speiseröhre
runter rennt,

den Magen wärmt,
die Seele weckt,
hab’ ich den
neuen Tag entdeckt.

Ich zünde eine
Kerze an,
behalt’ den
Schlafanzug
noch an.

Gieß’ mir die
zweite Tasse voll
und fühl’ mich
warm und wach
und einfach toll!

©Text und Foto: G. Bessen

Etüdensommerpausenintermezzo (3)

Etüdensommerpausenintermezzo (3)

 mit den Wörtern:

Badelatschen
Hitzefrei
Höhenfeuer
Liegestuhl
Qualle

Qualm
Schwimmflügel
Sommersprossen
Ventilator
Wassermaler

Schicksalsschläge

So konnte es auf keinen Fall weitergehen.

Ihr Lieblingsplatz war der Sessel am Fenster geworden, doch obgleich sie in den Garten  hinausstarrte, sah sie nichts. Ihre Augen waren blind vor Tränen, ihre Stimme stumm vor Schmerz  und ihre Gefühle durch den Schock wie eingefroren.

Der Regen, der seit Tagen ohne Unterlass fiel, hatte ihren Keller geflutet und die Utensilien aus den Regalen geschwemmt. Wenn der Regen nicht aufhörte, säße sie bald mit nassen Füßen in ihrem Sessel am  Fenster. Auch das wäre ihr egal .

Jeder Wassermaler hätte vor Freude seinen Pinsel gezückt und die Kellerbilder gern als abstrakte Kunst  für die Nachwelt auf die Leinwand gebannt.

Seitdem es passiert war, nahm sie ihre Außenwelt kaum noch wahr. Immer wieder spulten sich die Geschehnisse düster und unheilvoll vor ihrem inneren Auge ab. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle gab keinen Ton frei, als seien ihre Stimmbänder gar nicht mehr vorhanden.

Wie lange war es her? Vier Wochen? Sechs Wochen?
War das überhaupt noch wichtig?

Clarissa war aus der Schule gekommen, sie war gerannt und ihr blonder Pferdeschwanz hüpfte zeitgleich mit ihrem kleinen aufgeregten Herzen um die Wette.

„Mamaaaaaa, wo bist du? Wir haben hitzefrei bekommen! Gehen wir baden?“

Lisa blickte in das vor Aufregung glühende Gesicht ihrer Tochter. Selbst Clarissas unzählige Sommersprossen leuchteten  wie kleine Sterne.

„Pack deinen Rucksack, ich mache uns etwas zu essen und dann fahren wir los!“

Die Gärtnerei musste am heutigen Nachmittag mal wieder ohne ihre Chefin auskommen. Lisa führte zwei kurze Telefonate und freute sich, dass sie sich immer wieder hundertprozentig auf ihre beiden Angelstellen verlassen konnte und sich für Clarissa den einen oder anderen Nachmittag freischaufeln konnte.

Clarissa hatte ihren kleinen Rucksack schnell gepackt. Den Badeanzug hatte sie bereits an, die Badelatschen und die Schwimmflügel hatte sie zusammen mit einem Handtuch in ihren kleinen Rucksack gepackt und ihr Liegestuhl für Kinder war ohnehin mit dem für ihre Mutter seit längerem im Kofferraum.

Wer unmittelbar in Ostseenähe wohnt, kann sich besonders  im Sommer glücklich schätzen.

Lisa liebte die kleine verträumte Bucht, in die sich kaum Touristen verliefen. Unter den Einheimischen galt sie als der heiße Tipp, wo man noch unter sich war. Niemand war bisher da, Clarissa und Lisa hatten die kleine Bucht ganz für sich. Nachdem Clarissa von Kopf bis Fuß Mit Sonnenmilch eingeschmiert war, ihre Schwimmflügel wie zwei neonfarbene Quallen an ihren Oberarmen leuchteten, hüpfte sie vergnügt ins Wasser.

„Bleib bitte ganz vorne, ja?“

„Aber sicher, Mama, das musst du mir nicht immer wieder  sagen.“

Lisa nahm sich eine Zeitschrift aus der Tasche, stellte ihren  kleinen, mit Batterien betriebenen Mini-Ventilator an und vertiefte sich in den neuesten Promiklatsch. Sie musste eingeschlafen sein. Sand klebte auf ihrem eingekremten Körper und gab ihr das Empfinden, ein Fischstäbchen zu sein. Plötzlich setzte sie sich ruckartig auf.

„Clarissa!“ Nichts.

Hektisch blickte Lisa um sich. Clarissa war nirgendwo zu sehen.

Lisa sprang auf, rannte den kleinen Strand der Bucht entlang und blickte sich angestrengt nach allen Seiten um – keine Spur war von Clarissa zu sehen. Sie schrie sich die Lunge aus dem Hals, rannte, als sei der Leibhaftige hinter ihr her , bis sie jäh stoppte und auf das Meer hinausstarrte. Etwas in einem knalligen Orange war auf dem Meer zu sehen, als wippe es auf und ab.

Lisas Geschrei hatte zwei junge Männer herangelockt , die die Situation sofort erfassten und sich in die Fluten stürzten. Sie brachten den kleinen leblosen Körper an Land und taten alles, um ihn ins Leben zurückzuholen – vergeblich.

Clarissa war tot.

An diesem Tag starb auch Lisa. Jegliche Lebensfreude war aus ihrem Körper entwichen, sie konnte nicht begreifen, was geschehen war und die Last der Schuld fraß sich tief  und unauslöschlich in ihre Seele. Die Sehnsucht nach ihrer Tochter beherrschte Lisas Gedanken.

Sie wollte nicht mehr leben.

Die Nachbarn auf der anderen Straßenseite sahen den Qualm zuerst und rochen den Benzingeruch, der sich bis über die Straße zog.

Als die Feuerwehr eintraf, brannte das Haus bereits lichterloh und setzte sich wie ein Höhenfeuer gegen den unaufhaltsamen Regen durch.

© G. Bessen

Etüdensommerpausenintermezzo (2)

Etüdensommerpausenintermezzo (2)

 Da die abc.etüden gerade in der Sommerfrische bzw. Sommerpause sind, soll es ja hier nicht still bleiben. Daher hat Christiane zum Etüdensommerpausenintermezzo geladen, die nachfolgenden Wörter vorgegeben und wir Schreiberlinge sollen daraus eine Geschichte schreiben. Es müssen alle Wörter verarbeitet werden und Regen soll eine zentrale Rolle spielen.

Urlaubsfeeling

Die Freude über das Zeugnis der 14-jährigen Tochter hielt sich arg in Grenzen. Petra tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie selbst als Pubertierende andere Flausen im Kopf gehabt hatte als die Schule und sich das bei ihr auch von alleine gegeben hatte – irgendwann.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, knipste den Ventilator an und betrachtete das Sammelsurium von Wäsche auf dem Bett, das sie nun in zwei Koffern verstauen musste.

Die von der Schule gestresste Tochter  Vanessa lag immer noch in aller Ruhe im Liegestuhl im Garten, wippte mit den Füßen offenbar nach den Klängen ihrer grauenhaften Musik, die sie sich über Kopfhörer in die Gehirngänge dröhnen ließ, anstatt ihre Reisetasche zu packen.

Sohnemann Paul, das Nesthäkchen mit den unzähligen Sommersprossen im zarten Gesicht,  betrachtete mit wachsendem Interesse die Nacktschnecken auf dem Rasen, denn die ständigen Schauer hatten diese braunen  Schleimmonster zu ausgiebigen Völkerwanderungen animiert.

Petra setzte alle Hoffnung auf ihren  Gatten, der sicher bald käme und ihr tatkräftige Unterstützung beim Packen leisten würde.

„Bin daaaaaa!“, ertönte es plötzlich an der Eingangstür und Christians Kopf erschien kurz in der Schlafzimmertür.

„Schön, dass du schon da bist. Ich…“. Weiter kam sie nicht.

„Ich habe mir selbst hitzefrei gegeben, diese Schwüle hält ja niemand aus. Sei nicht böse, ich springe mal kurz in den Pool und dann lege ich mich ein Stündchen hin, ja?“ Und schon war er wieder weg. Petra seufzte. ‚Wir wollen ja nur morgen früh an die Nordsee fahren und es ist noch nichts gepackt’. Sie war mal wieder der Dödel vom Dienst, was scheinbar niemanden interessierte.

„Mama, warum zickt Vanessa so rum? Sie sagt, ich kann gar nicht schwimmen und in der Nordsee verbrennt man sich“, fragte Sohnemann Paul mit weinerlicher Stimme.

„Wenn du deine Schwimmflügel anhast, schwimmst du schon ganz gut. Und wieso solltest du dich verbrennen?“ Petra nahm ihren Jüngsten in den Arm und strich ihm behutsam über die blonden Locken.

„Sie sagt, da sind so komische Tiere, die verbrennen einen.“

„In der Nordsee gibt es Feuerquallen. Man sollte sie nicht unbedingt anfassen, das könnte auf der Haut brennen. Aber zu dieser Jahreszeit halten sie sich meist in der Tiefe auf und du brauchst keine Angst haben.“

‚Das kleine Luder! Immer muss sie Paul Angst machen.’

Petra wappnete sich innerlich, um mit ihrer Großen ein Wörtchen zu reden, als sie einen Aufschrei aus dem Garten hörte.  Es hatte ganz plötzlich wieder angefangen zu regnen und Vanessa war mit ihren neonfarbenen Badelatschen offenbar im feuchten Gras ausgerutscht und lag in voller Länge im Gras.

„Hast du dir wehgetan“?, fragte Petra vom Fenster aus und blickte ihre Tochter skeptisch an.

„Keine Ahnung“!, war die knappe Antwort.

Es donnerte. Petra musste lächeln, als sie beobachtete, wie Vanessa und Christian in Windeseile ihre „sieben Sachen“ packten und schnell ins Trockene eilen wollten. Christian hatte sich gerade eine Zigarette angezündet, der Qualm zog kerzengerade zum Schlafzimmerfenster empor. Nun musste er sich entscheiden, nass im Regen zu rauchen oder den Glimmstengel angesichts des häuslichen Rauchverbotes auszumachen. Paul schaute angestrengt in den tiefgrauen Himmel.

„Kommt gleich ein Höhenfeuer?“, fragte er Petra und blickte sie gespannt an.

„Du meinst sicher einen Blitz, oder?“

„Ja, das Wort war mir nicht eingefallen.“ Paul strahlte sie an.

„Wann gibt es etwas zu essen?“, maulte nun auch Vanessa. Petra platzte fast der Kragen. Sie lief die Treppe nach unten, blickte sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter an.

„Es gibt dann etwas zu essen, wenn jeder von euch seinen Koffer gepackt hat und etwas kocht, den Pizza-Service bestellt oder anderweitig etwas zu Essen organisiert. Klappt das nicht, könnte ihr morgen früh alleine an die Nordsee fahren. Dann mache ich nämlich Urlaub von der Familie. Und nun werde ich mit Paul den ‚Wassermaler’ beobachten und mir ansehen, welchen Teil unseres Gartens er dieses Mal überschwemmt!“

© G. Bessen

Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Da die abc.etüden gerade in der Sommerfrische bzw. Sommerpause sind, soll es ja hier nicht still bleiben. Daher hat Christiane zum Etüdensommerpausenintermezzo geladen, die nachfolgenden Wörter vorgegeben und wir Schreiberlinge sollen daraus eine Geschichte schreiben. Es müssen alle Wörter verarbeitet werden und Regen soll eine zentrale Rolle spielen.

Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle,
Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler

Der Wassermaler

Die Zeichen standen auf Sturm, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwarze Gewitterwolken hatten sich gefährlich um die Bergwipfel gelegt und ein kühler Wind pfiff durch das Tal. Clarissa, Leonie und Marie standen vor der Hütte und blickten stumm zum Himmel empor.„ Kommt, lasst und hineingehen, der Wind frischt auf.“ Leonie zog sich ihre Jacke enger um den Oberkörper, kehrte den anderen den Rücken zu und ging zielstrebig zur Hütte.

„Na, wie sieht es aus?“, fragte Ele, die in der Hütte geblieben war und bereits den Tisch für das Abendessen gedeckt hatte.

„Ich fürchte, ein schlimmes Unwetter kommt auf uns zu. Hoffen wir, dass es uns nicht den morgigen Tag verhagelt“, antwortete Leonie etwas unwirsch.

Die vier Schulfreundinnen hatten sich nach der gemeinsamen Schulzeit in alle Winde verstreut, doch zum 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweiz, trafen sie sich jedes Jahr für drei Tage in der schmucken Berghütte, die Leonie von ihren Eltern geerbt hatte. Und jedes Jahr hatten die vier sich unendlich viel zu erzählen.

Unweit der Hütte war ein kleiner See, mit einer Farbe, die an leuchtende Smaragde erinnerte. Man erzählte sich, dass viele Jahre lang ein Wassermaler um den Feiertag herum zu diesem See kam und stundenlang vor diesem herrlichen Geschenk der Natur  saß und den See vor der gewaltigen Kulisse der Schweizer Alpen  malte. Dabei gelang es ihm, die zeitlich verschiedenen Sonnenstände und deren Lichtreflexe im See farblich so gekonnt einzufangen, dass der Erlös seiner verkauften Bilder ihm etwa ein Jahr lang ein sorgenfreies Leben ermöglichte.

Wenn er seine Bilder fertig hatte, blieb er meist noch ein paar Tage und wohnte in einem kleinen Zelt. Tagsüber lag er oft stundenlang in seinem Liegestuhl und döste oder las. Er ernährte sich überwiegend von selbst geangelten Fischen. Niemand wusste, woher er kam und – was noch schlimmer war – was aus ihm geworden war, denn der Wassermaler kam schon seit drei Jahren nicht mehr.

Eines Tages hatten zwei Buben des Wassermalers Badelatschen vor seinem leeren Zelt gefunden, der Wassermaler jedoch war weit und breit nicht zu sehen. Beide  hatten ihren Eltern etwas von ‚hitzefrei’ erzählt, doch in Wahrheit hatten sie einfach die Schule geschwänzt, um sich einen netteren Vormittag am See zu gönnen. Sie hatten an alles gedacht, was zwei Jungen den Ausflug an den See verschönern sollte. Der Jüngere war noch kein sicherer Schwimmer und so hatte er  zwei Schwimmflügel und eine lila Qualle aus Plastik  zum Festhalten zu seiner  eigenen Sicherheit eingepackt.

Er war ein Blondschopf, mit Sommersprossen über das ganze Gesicht verteilt, und  hatte schon Holz gesammelt, während  der andere bereits die Angel fertig machte, in der Hoffnung, zwei große Forellen zu fangen.

Vom Wassermaler selbst fehlte jede Spur. Nur ein kleiner Rest von  Qualm über einem noch glimmenden Feuer deutete darauf hin, dass er wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen war. Die Polizei hatte weiträumig alles abgesucht, auch Taucher hatten im See vergeblich nach ihm gesucht – der geheimnisvolle Fremde blieb verschwunden. Die wenigen Habseligkeiten des Malers wurden  in die Asservatenkammer der Polizei gebracht, wo sie weiterhin ein freudloses Dasein fristeten.

Mitten beim Abendessen krachte der Donner durch die Bergwelt  und Blitze zuckten grell durch die Wolkendecke. Der Regen prasselte unerbittlich auf die kleine Hütte und ein Sturm heulte um das Haus.

„Alleine würde ich hier verrückt werden! Gut, dass ihr alle hier seid. Auf uns!“ Leonie hob erwartungsvoll das Rotweinglas und blickte ihre Freundinnen lächelnd an.

„Prosit!“ – „Zum Wohl!“ – „Schön, dass es euch gibt!“

Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach jäh die Trinkpause der jungen Frauen. Erschrocken blickten sie einander an.

„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Marie mit einem ängstlichen Blick in Richtung Tür. Das Klopfen wurde energischer. Nur das Surren des Ventilators durchschnitte die plötzlich still zu stehende Luft.

Leonie stand auf, legte mit einem warnenden Blick zu den anderen den Finger an die Lippen und bedeutete den Mädchen still zu sein. Hinter der Tür fragte sie mit fester Stimme: „ Wer ist da?“

„Bitte, lassen Sie mich hinein, ich bin vom Regen völlig durchnässt und brauche Hilfe“, antwortete eine tiefe Männerstimme  von draußen. Die Mädchen hatten sich inzwischen leise hinter Leonie versammelt, bewaffnet mit Gegenständen, die im Zweifelsfalle ein blitzschnelles Zuschlagen ermöglicht hätten. Leonie öffnete die Tür und blickte in zwei dunkelbraune Augen, die unruhig flackerten und eine graue Haarmähne, die bis zu den Schultern reichte und tropfnass war.

„Danke, vielen Dank.“ Der Fremde hatte sich zielstrebig an Leonie vorbei geschoben und stand nun drei weiteren Frauen gegenüber, die ihn anstarrten, als sei er der Wettergott persönlich.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich wusste nicht wohin. Das Unwetter hat mich völlig  überrascht. Mein Name ist übrigens  Michael.“ Michael blickte verschämt unter sich und beobachtete die Pfütze, die sich kontinuierlich unter ihm ausbreitete.

„Kommen Sie!“ Leonie hatte als erste von allen ihre Sprache wiedergefunden und zog ihn ins Badezimmer.

„Nehmen Sie eine heiße Dusche, ich bringen Ihnen etwas Trockenes zum Anziehen. Sie holen sich ja sonst den Tod.“

Kurze Zeit später saß Michael in einem flauschigen Bademantel, umringt von vier Jungen Frauen und trank einen heißen Grog.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen  danken soll. Obwohl ich schon mehrfach hier am See war, hatte ich plötzlich die Orientierung verloren und bin eine ganze Weile in Panik herumgelaufen, weil ich nicht mehr so richtig wusste, wo ich bin. Aber das hat ja wohl alles damit zu tun, mit damals…“  Sein Blick wurde starr und schien ganz nach innen gerichtet zu sein.

„Was meinen Sie mit damals?“, fragte die sonst meist stille Clarissa. Michael blickte sie lange an. Dann begann er zu erzählen – eine Geschichte, die haarsträubender nicht hätte sein können.

Er war der verschollene Wassermaler. Als er vor drei Jahren hier gewesen war, wollte er noch am ersten August bleiben, um die Höhenfeuer auf den Berggipfeln nicht zu verpassen. In der Nacht wurde er brutal überfallen. Es waren mehrere, stark alkoholisierte Männer, die ihn halb tot geschlagen hatten. In einem Krankenhaus in Zürich war er nach mehreren Wochen auf der Intensivstation und nach einem zweijährigen Koma wieder aufgewacht. Seitdem war er ununterbrochen damit beschäftigt, seine Erinnerung wiederzugewinnen und sein in etliche Scherben zerfallenes Leben wie ein Puzzle wieder zusammenzufügen.

© G. Bessen

 

Sommerzeit – Reisezeit – all inclusive

Sommerzeit – Reisezeit – all inclusive

Die Bürger unseres Landes, bei denen am Ende des Geldes immer noch so viel Monat übrig ist, müssen messerscharf kalkulieren, wenn sie ihre Nase mal in fremdländische Luft halten möchten. Liest man die Zeitungen oder schaut man die Nachrichten, möchte man nur noch, nach Luft schnappend,  die Flucht ergreifen. Doch wohin? Wo hat das Wetter in diesem Jahr keine Kapriolen geschlagen, und wo sind die Jahreszeiten noch wirkliche Jahreszeiten, so wie  wir den Jahresverlauf der Erde um die Sonne jahraus, jahrein gewöhnt sind?

Da man nie weiß, wie die Türkei, Russland, Großbritannien und die USA ihre Krisen in den Griff bekommen, sollte man die Gelegenheit nutzen, dort Urlaub zu machen, solange noch Touristen ins Land und wieder hinaus gelassen werden, die Gefahr von Naturkatastrophen relativ niedrig ist und nicht gerade Bombenstimmung herrscht. Das schränkt die Auswahl der Urlaubsländer schon gewaltig ein! Darüber hinaus sollte es eine Frage der Ehre sein, nicht jedem Land deutsche Devisen in den Rachen zu schmeißen, wenn die Menschenrechte gar nichts mehr zählen.

Immer noch sehr beliebt sind all-inclusive-Angebote. Wenn es schon keine Wetter- und Sicherheitsgarantien mehr gibt, kann man die Kosten auf ein Minimum reduzieren. Man fliegt am besten nur mit Handgepäck in Länder, die durch die Globalisierung und billige Arbeitskräfte genügend Waren anbieten, um sich für das nächste Jahr billig einzukleiden. Wenn man die Landessprache nicht kennt, muss man sich mit den Menschen im Gastgeberland nicht unterhalten und sich keine weiteren Gedanken um deren Lebensverhältnisse machen. Im Gegenteil, mit gutem Gewissen fördert man  dort die Wirtschaft und bringt kostbare Devisen ins Land.

Im Hotel wird man rundum versorgt, und da alles all inclusive ist, kann man sich den nötigen Winterspeck anfuttern und essen und trinken bis zum Umfallen. Mit den hoteleigenen Badetüchern reserviert man am besten schon in der Nacht seine Liege am Pool für den nächsten Tag  und packt sie am Ende des Urlaubs noch ein. Hotelzimmer  bieten meist auch viele  andere Utensilien, wie Aschenbecher, Haushaltsartikel, oder so banale Dinge wie   Duschbad, Seife und Badehauben an. All das kann man zu Hause oder auf einem Kurztrip im eigenen Land  ja auch verwenden.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie renitent Urlauber Verbotsschilder ignorieren (das kennen wir ja auch von zu Hause, wenn man mal den deutschen Rad- oder Autofahrer gerade noch bei dunkelorange mit dem Handy am Ohr über die Ampel huschen sieht).

Wer am Tag baden oder in der Sonne liegen will, muss auch mal etwas essen. Dick geschmierte Brötchen verschwinden gut belegt am Frühstückstisch, eingepackt in eine Papierserviette, in der Handtasche. Der restliche freie Platz wird mit Obst ausgefüttert und so kommt man, mit prall gefüllter Handtasche und dem eigens zusammen gestellten Lunchpaket,  gut durch den Tag. Der Blick auf die Speisekarte ist  planungstechnisch sehr wichtig, ob man das Essen im Hotel präferiert oder abends außer Haus isst. Pommes mit Currywurst oder Eisbein mit Sauerkraut haben, ebenso wie McDonalds und anderes Fast Food, mittlerweile in allen Ländern Einzug gehalten. Mit der unbekannten einheimischen Küche will sich so mancher Tourist erst gar nicht anlegen, ausländische Krankenhäuser haben ja einen noch schlechteren Ruf als die eigenen, in die viele ein- aber nicht mehr lebend ausgeliefert werden.

Das Leben in der Sonne, wenn in Deutschland die Herbst- und Winterstürme toben, ist der pure Luxus. Da kann man zu Hause mit der Sonnenbräune prahlen, die vielfältigen All –inclusive-Angebote im Hotel preisen und die Rettungsringe stolz präsentieren. Da soll mal einer sagen, man hätte keinen preiswerten Urlaub gehabt!  Alles nur eine Frage der Einstellung. Ganz Gewitzte liegen mit der Kamera auf der Lauer, nicht um die Sehenswürdigkeiten eines Landes zu fotografieren. Dazu bleibt keine Zeit, wenn man seine bezahlten Mahlzeiten, seine Liege am Pool und das gemütliche abendliche all-inclusive-Trinken nicht verpassen will. Man braucht schließlich Belege, wenn sich mal ein Insektchen ins Zimmer verirrt hat oder die Inneneinrichtung nicht das bietet, was der Reisekatalog versprochen hat.

Hat man genügend Belege und eine entsprechende Versicherung, lässt sich im Nachhinein doch so mancher Euro zurückerklagen. Man sollte nicht glauben, welch einen Spaß es machen kann, mit dem erdachten Rückerstattungsbetrag die nächste Reise bereits gedanklich zu planen. Die Beschwerdebriefe  schon auf dem Laptop vorbereitet, müssen vor Ort nur noch mit den entsprechenden Fakten und Fotos ergänzt werden. Der Anwalt des Vertrauens sitzt schon in den Startlöchern.

Sobald man Gleichgesinnte gefunden hat, kann der Urlaub einen Mordsspaß machen.

Wozu Land und Leute kennen lernen?

Wozu überhaupt in die Ferne reisen, wenn das Gute so nah liegt?

Mehr als fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall erschließen sich immer noch Gebiete, auf die man Jahrzehnte lang verzichten musste. Deutschland als Urlaubsparadies? Das bleibt für die Zeit der Rente – sofern man eine erwarten darf –  und man sein sauer Erspartes nicht zur Befriedigung von Politikerhirngespinsten längst zwangsinvestiert  hat. Da es immer noch viele in unserem Land gibt, die die Mauerstückchen in ihrem Kopf konservieren und jammern, dass es uns allen heute so schlecht geht und es immer weiter bergab geht, bleibt für viele nur die Flucht, weg aus dem Entwicklungsland Deutschland, dahin wo die Sonne scheint und man seine gewaltigen Probleme vergessen kann – all inclusive.

Was ich bisher an Angeboten vermisst habe und was auf jeden Fall zu diesem Sommer gehört, scheint es all inclusive noch nicht zu geben…

 

© G. Bessen, überarbeitet 2017

 

Aus dem Leben einer Postkarte

Es ist Urlaubszeit. Viele machen sich nicht mehr die Mühe, Karten zu schreiben, aber so manche Reisende pflegen diesen schönen Brauch. Hören wir, was eine Postkarte dazu sagt:

Endlich hatte sich jemand meiner erbarmt. Tagelang hatte ich in diesem heißen Metallständer, der prallen Sonne unmittelbar ausgesetzt, vor mich hin geschwitzt und schon befürchtet, meine satten, leuchtenden  Farben würden sich unter dem Einfluss des Lichtes auflösen. Eine junge Frau kaufte mich endlich  und steckte mich in ihre dunkle, kühle Handtasche. Ein Päuschen zum Erholen! Selig schmiegte ich mich zwischen Lippenstift, Haarspange  und Tempotaschentücher und schloss für ein Weilchen die Augen. Ich war gespannt, wo meine Reise hingehen würde. Das ist das größte Erlebnis im Leben einer Postkarte, gekauft, geschrieben und möglichst um den halben Erdball geschickt zu werden. Etwas unsanft wurde ich aus meiner gemütlichen Position befreit und landete mitten auf einem harten Holztisch, mitten in der sengenden Mittagssonne.

„Was soll ich denn schreiben?“, frage die junge Frau ratlos ihren Begleiter, der gelangweilt sein Bierglas zwischen seinen Händen hin und herdrehte. „Was weiß ich? Das Übliche eben, Wetter schön, Hotel sauber und Essen genießbar.“ Ich fasste es nicht! Ich, die von  intensiven Farben leuchtende Postkarte mit den schönsten Ecken der  landschaftlich so reizvollen  Insel war nur für einen lapidaren Bla-Bla-Gruß ausgewählt worden? Möglicherweise waren die Empfänger Verwandte, die genau so oberflächlich reagierten. „Guck mal, eine Karte aus Spanien. Na, viel haben sie ja nicht geschrieben.“ Ich sah mich schon, unbeachtet meiner reizvollen Vorderseite, mit einem verächtlichen Blick auf die Bla-Bla-Grüße in den nächsten Papierkorb wandern. Die junge Frau nahm seufzend einen Kugelschreiber und schrieb mit wenigen Worten das, was ihr Begleiter ihr kurzerhand mit wenigen Worten über den Tisch geschleudert hatte. Sie schien eine kleine, zierliche Handschrift zu haben, denn ich spürte, dass noch soviel  weiße  Fläche zum Beschreiben frei geblieben war.

„Hallo, seid doch nicht so einfallslos!“, rief ich verzweifelt und meine vier Ecken begannen unbemerkt zu zittern. So sehr ich mich auch anstrengte, einen stummen Impuls an die junge Frau zu geben, es war umsonst. Sie bespeichelte  eine Briefmarke, klebte sie in meine obere rechte Ecke und haute mit der Faust noch einmal nach, damit die Briefmarke auch kleben blieb. Grobian! Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass das Porto nicht ausreichend war, denn die Briefmarke fühlte sich so leicht an. Verzweifelt sah ich meine Weltreise im Wasser versinken, denn mit einem nicht ausreichenden Porto durfte ich bestimmt nicht um den halben Erdball reisen. Ich verschwand wieder in der Handtasche, diesmal nicht ganz so komfortabel, denn ich fühlte die Stacheln einer Haarbürste und roch  süße, klebrige Bonbons. Ich war so deprimiert, dass mein erwartungsvolles Reisefieber in eine heftige Postkartendepression umschlug und ich mich meinem Schicksal fügte. Meine Reise dauerte wider Erwarten lange, aber das interessierte mich schon gar nicht mehr. Unendlich müde schloss ich die Augen und ließ mich treiben.

Die letzte Station war ein kuscheliges Plätzchen zwischen Zeitungen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nichts entziffern, diese Sprache war mir völlig fremd. Plötzlich riss ich verwundert die Augen auf. Eine warme Hand berührte mich, und drehte mich mehrfach mit ihren Händen um. „Schau mal, Tobias, hier ist Post für dich“, vernahm ich die freundliche Stimme einer älteren Frau.

Zwei kleine Hände nahmen mich behutsam in den Griff und ich lauschte dem begeisterten Staunen eines kleinen Jungen. „Ist das schön! Schau mal Oma, so ein großer See!“ „Das ist ein Meer, Tobias, viel größer als die Ostsee. Sicher wohnen da ganz außergewöhnliche Fische und Meerespflanzen.“

Der kleine Tobias hielt mich ehrfürchtig in den Händen. Ich konnte sein zartes Gesicht mit den hellblauen Augen und dem blonden Haar erkennen  und musste mich  mit aller Kraft bemühen, die Tränen der Rührung zurück zu halten. „Steht da auch etwas drauf?“ Tobias hatte mich umgedreht und sah seine Oma Hilfe suchend an. „Aber ja, Liebchen. Mutti und Papa schreiben, dass sie dich sehr vermissen und  große Sehnsucht nach dir haben. Sie freuen sich sehr auf dich.“ „Das ist schön. Ich freue mich auch, wenn sie wieder da sind, obwohl ich auch sehr gern bei dir bin.“

Ich landete nicht im Papierkorb. Tobias stellte mich behutsam vor die Lampe auf seinen Nachttisch und ich bewachte ihn voller Dankbarkeit  – jede Nacht.

© Gaby Bessen