Auf der Suche …

 

Was suchen wir in unserem Leben noch?

Haben wir alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben? Können und wollen wir uns nun gemütlich im Sessel zurücklehnen oder ist in uns noch eine Unruhe, eine Neugier auf das, wozu wir bisher aus Zeitgründen nie gekommen sind?

Der Spannungsbogen reicht vom:

„Ich bin zufrieden mit dem, was ist habe.“

„Das kann doch noch nicht alles gewesen sein.“

Bleiben wir Suchende und damit auch Lebendige…

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Manche Menschen
werden im Leben
bisweilen SCHICKSALHAFT
anderen zugeführt,
die sie dann irgendwann
dringend nötig haben.

© Klaus Huber

Aus aktuellem Anlass …

Regenbogenbunt

Regenbogenbunt
erfüllt Liebe
Himmel und Erde,
Segen ist allen zugesagt.
Gott liebt grenzenlos
und ohne Unterschiede.

Mann liebt Frau liebt Mann,
Frau liebt Frau,
Mann liebt Mann,
Maulwurf liebt Maulwurf,
Maulwurf liebt Grille.

Lieben – Menschen, ein Buch, Radfahren, Paris,
Katzen, Pizza, …, dich und mich.
Lieben und segnend Gutes wünschen.
Wir lieben die Welt
und leben gemeinsam in ihr,

Liebe ist grenzenlos,
Segen bleibt unbeschränkt.
Segnen und Lieben
in unendlicher Vielfalt,
regenbogenbunt.

© maria Sassin

Zivilcourage A. D. 33

Damals vor fast 2000 Jahren
saß eine am Wegrand
sah den Gefesselten
wusste um seine Unschuld
stand auf und stellte sich
an seine Seite.

Sie wischte seinen Schweiß fort.

Das ist ewig her
doch man erzählt davon noch heute.
Nur Besonderheiten leben so lange.

Es scheint
Gemeinschaft mit unrecht Leidenden
erfordert zu viel Mut
um Tagesordnung zu sein.

Es braucht nicht nur große Helden
mit spektakulären Befreiungstaten –
winzige Gesten der Solidarität reichen
die Flamme der Hoffnung zu nähren.

Wir könnten sie tun.

© Maria Sassin

Vogel sein

vor sich hin pfeifen
einfach aus lust und liebe
grad wie die amsel
glaub mir das wärs

flügel haben
sich tragen lassen vom wind
grad wie die möwe
ja glaub mir das wärs

wie aber einander umarmen
ohne arme ohne hände
himmel was solls
pfeifen wir auf die flügel

© Harald Grill

Aus: »baustellen des himmels. Gedichte«, Edition Toni Pongratz 126

Die Perlenkette

Wie jeden Morgen saß sie auf der Bank vor ihrem kleinen Haus am Waldrand, dick eingehüllt in zwei wärmende Wolldecken. Der Schnee des Winters war geschmolzen und sie lauschte dem vielstimmigen Gezwitscher der Vögel, die auf einen baldigen Frühling hoffen ließen. Wie einen Rosenkranz hielt sie die zarte, weiße Perlenkette in ihren von harter Arbeit gezeichneten Händen und ließ Perle für Perle durch ihre Finger gleiten.

Ein Jahr war es nun her, dass Johann ihr vorausgegangen war. Dabei hatte sie insgeheim immer gehofft, vor ihm zu sterben. Erneut ohne ihn zu sein, würde sie kein zweites Mal verkraften, dessen war sie sich sicher. Doch das Schicksal hatte anders entschieden. Ein Teil von ihr war mit ihm gestorben, und sie hoffte inständig, dass der liebe Gott sie auch bald zu sich holen würde. Mit einem zärtlichen Blick betrachtete sie die Kette in ihren Händen, die sie seit zweiundsechzig Jahren jeden Sonntag anlegte. Ihre Gedanken wanderten zurück in eine längst vergangene Zeit…

Sie war gerade achtzehn, als sie den fröhlichen Johann auf dem Hof ihrer Eltern kennenlernte. Jeden Sonntag in der Früh kam er mit dem verrosteten Fahrrad seines Vaters, um frische Eier und Milch zu holen. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch ihre junge, aufkeimende Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt, als Johann an die Front gerufen wurde. Jahrelang bangte sie um sein Leben. Nur selten hörte sie von ihm. Jeder Brief, den sie von ihm erhielt, füllte ihre Seele mit so viel Kraft und Energie, dass sie die schwere körperliche Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern bewältigen konnte, um einigermaßen zu überleben. Ihr Vater kam aus dem Krieg nicht zurück.

Nach den endlos scheinenden Kriegswirren wartete sie noch zwei endlos lange Jahre auf Johann. Sie hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als Johann verwundet und von den Schrecken des Krieges traumatisiert aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Unbeholfen kramte er aus den Tiefen seines Rucksackes ein zerlumptes Handtuch hervor, in dem eine jahrelang gehütete Kostbarkeit versteckt war: eine Kette mit einem passenden Armband aus zarten hellen Perlen, die er selbst aufgefädelt hatte, für Anna, seine große Liebe.

Mit diesem Geschenk machte er ihr einen Heiratsantrag und Anna- nahm in an.

Sie hatten gerade ihre diamantene Hochzeit gefeiert, als es mit Johanns Gesundheit von einem Tag auf den anderen bergab ging. Er hatte nicht lange leiden müssen. Als Anna sich am offenen Sarg von ihm verabschiedete, legte sie ihm das Perlenarmband über seine kalten, gefalteten Hände.

Nun war auch ihr Körper bereit, seine letzte Reise anzutreten. Tag für Tag schwanden ihre Kräfte. Sie ließ die Perlenkette kaum noch aus der Hand, denn sie hoffte, dass Johann sie lächelnd erwarten und ihr die Perlenkette wie früher jeden Sonntag um den Hals legen würde.

© G. Bessen

Winterlich

Im Winter nehmen wir
die Stimmenvielfalt
in der Natur
nicht wahr.
Und doch ist sie da.

Verhalten
und eingebettet
in den Kreislauf
der Jahreszeiten,
sammelt sie Kraft,
um uns
mit ihrer Harmonie
zu betören,
wenn die Zeit
gekommen ist.

© Text und Foto: G.Bessen 1/2021