Rund um den Jahresbeginn … Limericks

Es gab eine Silvesterfete,
die kostete ganz schön viel Knete.
Jeder wurde satt,
vom Alkohol platt.
Niemand mag mehr Sekt und Pastete.

Es kam Tante Lisbeth vom Inn,
ihr Leben schien ganz ohne Sinn.
So weh tat das Herz,
vor Kummer und Schmerz.
Sie ertränkte ihr Leid mit Gin.

Ein Glücksschwein aus Nordrhein-Westfalen,
das konnte gut Aktbilder malen.
Bot sie zum Verkauf,
bekam Geld zuhauf,
und konnte die Miete bezahlen!

Der Ludwig aus dem schönen Meißen
trank sehr gerne Wein, doch nur weißen.
Er stand an der Bar,
da wurde ihm klar,
er wollte Ludwiga bald heißen.

Drei Könige ziehen durchs Land,
der Regen durchnässt ihr Gewand.
Kein Brot, keine Wurst,
sie haben nur Durst.
Sie heben nur bittend die Hand.

© G. Bessen 2018

 

 

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Limerick – Pilzzeit

Limerick – Pilzzeit

EIN PILZ STAND ALLEINE IM WALD.
ER FROR, DENN DIE NACHT WAR SCHON KALT.
ER SORGTE SICH SEHR
UND SCHAUTE UMHER,
NICHTS GAB IHM DEN WÄRMENDEN HALT.

©Text und Fotos: G. Bessen

 

Es wollte ein Chefkoch aus Bühren
die Freundin mit Pilzen verführen.
Erst ass sie sich satt,
dann lag sie so matt,
er konnte den Puls nicht mehr spüren.

Brigitte Fuchs

Blättertanz

Blättertanz

Der quirlige  Herbstwind hatte blendende Laune und strotzte nur so vor Energie. Die Sonne lächelte ihm freundlich zu, als ahne sie bereits, was er im Schilde führte. Er nahm Anlauf, sprang in die Luft und riss die welkenden bunten Blätter auf dem Waldboden mit sich.
„Nicht so schnell“, stöhnte das eine oder andere Blatt seufzend auf. „Wir haben nicht mehr so viel Kraft.“
„Haltet Euch aneinander fest, so geht niemand von Euch verloren!“ Der Herbstwind lächelte den Blättern aufmunternd zu und führte sie zu einer Wiese. Dort sammelten sie sich erneut und mit einer kleinen Beschleunigung seiner Geschwindigkeit ermunterte der Wind sein Gefolge.

Die Blätter fassten sich an, hielten aneinander fest und ließen sich vom Wind durch die Luft wirbeln. Zwischendurch sank das eine oder andere Blatt zu Boden, ruhte sich aus und wurde dann erneut zum Blätterreigen abgeholt.
So viel Spaß hatten die Blätter noch nie gehabt. Der Wind ließ sie langsam auf die Wiese schweben.
„Danke für dieses wunderbare Vergnügen, lieber Wind“, raunten die Blätter dem Wind zu, der sich bei allen Blättern einzeln verabschiedete.
Nun fielen die Blätter in ihren wohlverdienten letzten Ruheschlaf.

Die Blätter, die dieses Stadium noch nicht erreicht hatten, klammerten sich angstvoll an ihre Äste. Sie hatten das Treiben mit gemischten Gefühlen beobachtet.
„Ob er uns auch abholt, wenn unsere Zeit gekommen ist?“, fragten sie sich gegenseitig.
„Ihr habt noch Zeit“, flüsterten die Äste, „und bis dahin steht Ihr unter unserem persönlichen Schutz.“
Die grünen, gelben und roten Blätter waren erleichtert und schaukelten beruhigt in der leichten Brise des Windes.

© Text und Fotos: G. Bessen

Septemberblues

Septemberblues

Müde kam der Tag aus der Nacht gehumpelt. Er hatte heute so gar keine Lust, sich zu entfalten. Jeder stellte enorme Ansprüche an ihn, die zu erfüllen er derzeit kaum in der Lage war. Er sollte strahlen, nur positive Gedanken versprühen, die Menschen bei guter Laune halten und möglichst nicht vergehen. Aber wie sollte er ihnen klarmachen, dass er mit der Jahreszeit  ein Problem hatte, selber unter einer rezidivierenden Herbstdepression litt und kaum Antrieb hatte.

„Ich kann dir nicht helfen, so gern ich es auch möchte“, tröstete ihn die Nacht, die es kaum mit ansehen konnte, wie sich der Tag Morgen für Morgen quälte. „Ich kann doch nicht einfach bleiben und dich unbegrenzt schlafen lassen. Jeden Morgen hänge ich ein paar weitere Sekunden an und auch am Abend löse ich dich ab, so schnell ich kann. Aber mehr ist nicht drin!“

„Ja, ich weiß, du gibst dein Bestes, liebe Nacht und doch weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Schwester Sonne lässt uns einfach sitzen. Wer weiß, auf welcher Umlaufbahn sie gerade tänzelt?  Bruder Regen hat es sich hier so richtig bequem gemacht und denkt gar nicht daran, seine Wolken zur Räson zu rufen. Die bunten Blätter, die die Kinder so gern für ihre Herbstbasteielen sammeln, liegen träge und schwer am Boden und machen keinerlei Anstalten, sich überhaupt bewegen zu lassen, geschweige denn, sich zum Basteln anzubieten. Die Tiere bekommen lange Zähne, wenn sie Eicheln und Kastanien so patschnass und feucht in ihre Winterquartiere schleppen sollen.  Die erste Grippewelle hat bereits die Igel befallen. Und der Wind, der in der Lage wäre, die schweren Wolken wegzupusten, scheint auf Reisen zu sein. Alles, was die Menschen erwarten, bleibt an mir hängen. Es ist bald Mitte September  und alles sollte hell, freundlich und leuchtend sein.“

„Ich verstehe dich gut, lieber Tag, doch was nicht geht, das geht eben nicht. Glaubst du, die Menschen können jeden Tag zu hundert Prozent leisten, was andere von ihnen verlangen? Auch sie haben gute und schlechte Tage. Tage, an denen sie vor Kraft Bäume ausreißen könnten und wiederum Tage, an denen sie sich einfach unter der Bettdecke verkriechen und nichts sehen und hören wollen. Nimm es nicht so schwer, lieber Tag. Leiste das, was du leisten kannst und denke auch an dich. Wenn du schlapp machst, was ist dann? Für zwei kann ich nicht da sein. Wir beide sind ein gut eingespieltes Team und das bleiben wir auch, so lange wir offen und ehrlich miteinander umgehen und aufeinander aufpassen. Ich lege mich jetzt hin, damit ich für später fit bin. Du musst jetzt los, lieber Tag.“

Der Tag schaute nicht mehr so verdrießlich. Das Gespräch mit der Nacht  hatte ihm Kraft gegeben und er nahm seinen Platz ein.

Nichts auf dieser Welt war noch verlässlich. Tag und Nacht jedoch sollten es bleiben.

© Text und Foto: G.Bessen

Xanthippe

Xanthippe

Xanthippe soll ja das zänkische Weib
des griechischen Philosophen
Sokrates gewesen sein…

Sie stand bereit,
bis früh um vier,
versteckt hinter
der Wohnungstür.

Das Nudelholz
in ihrer Hand,
den Blick aufs Türschloss,
wie gebannt.

Da kam er,
schloss ganz leise auf,
trat ein und riss
die Augen auf.

Sie holte aus,
schlug einmal zu,
traf seinen Kopf
und hatte Ruh.

Er stürzte
und fiel sofort hin,
sofort schwand ihm
jeglicher Sinn.

Bewegungslos,
nichts regte sich.
Sie trat heran
und bückte sich.

Er war ins Jenseits
vorgegangen,
sie muss nun
nicht mehr ständig bangen,

des Nachts an ihrer
Türe stehen,
in seine trunkenen
Augen sehen.

Doch jede Nacht
ruft er mit Klagen,
will sich in ihre
Träume wagen.

© Text und Foto: G. Bessen

 

 

Aus dem Leben einer Postkarte

Es ist Urlaubszeit. Viele machen sich nicht mehr die Mühe, Karten zu schreiben, aber so manche Reisende pflegen diesen schönen Brauch. Hören wir, was eine Postkarte dazu sagt:

Endlich hatte sich jemand meiner erbarmt. Tagelang hatte ich in diesem heißen Metallständer, der prallen Sonne unmittelbar ausgesetzt, vor mich hin geschwitzt und schon befürchtet, meine satten, leuchtenden  Farben würden sich unter dem Einfluss des Lichtes auflösen. Eine junge Frau kaufte mich endlich  und steckte mich in ihre dunkle, kühle Handtasche. Ein Päuschen zum Erholen! Selig schmiegte ich mich zwischen Lippenstift, Haarspange  und Tempotaschentücher und schloss für ein Weilchen die Augen. Ich war gespannt, wo meine Reise hingehen würde. Das ist das größte Erlebnis im Leben einer Postkarte, gekauft, geschrieben und möglichst um den halben Erdball geschickt zu werden. Etwas unsanft wurde ich aus meiner gemütlichen Position befreit und landete mitten auf einem harten Holztisch, mitten in der sengenden Mittagssonne.

„Was soll ich denn schreiben?“, frage die junge Frau ratlos ihren Begleiter, der gelangweilt sein Bierglas zwischen seinen Händen hin und herdrehte. „Was weiß ich? Das Übliche eben, Wetter schön, Hotel sauber und Essen genießbar.“ Ich fasste es nicht! Ich, die von  intensiven Farben leuchtende Postkarte mit den schönsten Ecken der  landschaftlich so reizvollen  Insel war nur für einen lapidaren Bla-Bla-Gruß ausgewählt worden? Möglicherweise waren die Empfänger Verwandte, die genau so oberflächlich reagierten. „Guck mal, eine Karte aus Spanien. Na, viel haben sie ja nicht geschrieben.“ Ich sah mich schon, unbeachtet meiner reizvollen Vorderseite, mit einem verächtlichen Blick auf die Bla-Bla-Grüße in den nächsten Papierkorb wandern. Die junge Frau nahm seufzend einen Kugelschreiber und schrieb mit wenigen Worten das, was ihr Begleiter ihr kurzerhand mit wenigen Worten über den Tisch geschleudert hatte. Sie schien eine kleine, zierliche Handschrift zu haben, denn ich spürte, dass noch soviel  weiße  Fläche zum Beschreiben frei geblieben war.

„Hallo, seid doch nicht so einfallslos!“, rief ich verzweifelt und meine vier Ecken begannen unbemerkt zu zittern. So sehr ich mich auch anstrengte, einen stummen Impuls an die junge Frau zu geben, es war umsonst. Sie bespeichelte  eine Briefmarke, klebte sie in meine obere rechte Ecke und haute mit der Faust noch einmal nach, damit die Briefmarke auch kleben blieb. Grobian! Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass das Porto nicht ausreichend war, denn die Briefmarke fühlte sich so leicht an. Verzweifelt sah ich meine Weltreise im Wasser versinken, denn mit einem nicht ausreichenden Porto durfte ich bestimmt nicht um den halben Erdball reisen. Ich verschwand wieder in der Handtasche, diesmal nicht ganz so komfortabel, denn ich fühlte die Stacheln einer Haarbürste und roch  süße, klebrige Bonbons. Ich war so deprimiert, dass mein erwartungsvolles Reisefieber in eine heftige Postkartendepression umschlug und ich mich meinem Schicksal fügte. Meine Reise dauerte wider Erwarten lange, aber das interessierte mich schon gar nicht mehr. Unendlich müde schloss ich die Augen und ließ mich treiben.

Die letzte Station war ein kuscheliges Plätzchen zwischen Zeitungen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nichts entziffern, diese Sprache war mir völlig fremd. Plötzlich riss ich verwundert die Augen auf. Eine warme Hand berührte mich, und drehte mich mehrfach mit ihren Händen um. „Schau mal, Tobias, hier ist Post für dich“, vernahm ich die freundliche Stimme einer älteren Frau.

Zwei kleine Hände nahmen mich behutsam in den Griff und ich lauschte dem begeisterten Staunen eines kleinen Jungen. „Ist das schön! Schau mal Oma, so ein großer See!“ „Das ist ein Meer, Tobias, viel größer als die Ostsee. Sicher wohnen da ganz außergewöhnliche Fische und Meerespflanzen.“

Der kleine Tobias hielt mich ehrfürchtig in den Händen. Ich konnte sein zartes Gesicht mit den hellblauen Augen und dem blonden Haar erkennen  und musste mich  mit aller Kraft bemühen, die Tränen der Rührung zurück zu halten. „Steht da auch etwas drauf?“ Tobias hatte mich umgedreht und sah seine Oma Hilfe suchend an. „Aber ja, Liebchen. Mutti und Papa schreiben, dass sie dich sehr vermissen und  große Sehnsucht nach dir haben. Sie freuen sich sehr auf dich.“ „Das ist schön. Ich freue mich auch, wenn sie wieder da sind, obwohl ich auch sehr gern bei dir bin.“

Ich landete nicht im Papierkorb. Tobias stellte mich behutsam vor die Lampe auf seinen Nachttisch und ich bewachte ihn voller Dankbarkeit  – jede Nacht.

© Gaby Bessen