Ein ungleiches Paar

Der Waldmeister war unglücklich. Das war nur allzu verständlich, denn er fristete sein Schattendasein unbeachtet. Selbst seine feinen duftenden Blüten wurden von niemandem gewürdigt.
So schloss er abends seine kleinen Blütenkelche und schlief mit feuchten Augen ein.

Er erwachte und blinzelte verschlafen in die aufgehende Sonne. Ihm war, als hätte ihn jemand gerufen. Ratlos schaute er sich um. Mit einem tiefen Seufzer verfiel er wieder in seine Waldmeisterdepression und überlegte, wie er den Tag verbringen könnte.

„Hallo Waldmeister, hast du Bohnen in den Ohren?“
Erneut blickte sich der kleine Waldmeister um.
„Hier bin ich, hier oben!“

Er reckte seine weißen Blütenköpfchen in alle Richtungen und staunte. Die Blüte der Sonnenblume hatte sich ein wenig geöffnet und hielt ihr leuchtendes Gesicht der Sonne entgegen.

„Bist du aber schön!“, entfuhr es ihm.
„Und du machst ein Gesicht, wie sieben Tage Regenwetter“, entgegnete die Sonnenblumenblüte mit einem leisen Vorwurf in der Stimme.

„Du hast gut reden. Du bist so schön und du hast einen wunderbaren Ausblick. Ich hier unten sehe so gut wie gar nichts. Ich bin zu klein und mich beachtet niemand.“ Seine Stimme wurde brüchig, er kämpfte mit den Tränen.

„Du bist auch schön, lieber Waldmeister und du duftest so intensiv. Wenn ich größer werde, muss ich aufpassen, dass mir niemand die Augen zerhackt. Hast du eine Ahnung, wie weh das tut?“

Darüber hatte sich der Waldmeister noch keine Gedanken gemacht.
„Was hast du gemacht, damit du so groß wirst, liebe Sonnenblume?“
„Darf ich dir einen Tipp geben, lieber Waldmeister? Davon wirst du vielleicht nicht größer, aber zufriedener: ICH BETE DIE SONNE AN.“
Der kleine Waldmeister blinzelte in die Morgensonne und lächelte.

© Text und Fotos: G. Bessen

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Eine Osterhasengeschichte – Limericks

Es war einmal ein Osterhase
der saß in einer Einbahnstraße.
Er blies auf dem Kamm
und schlief, dann und wann.
Er wartete auf seine Base.

Die Base aus Wuppertal-Barmen
fing leider schon bald an zu lahmen.
Die Pfote tat weh,
gebrochen ein Zeh.
Oh, habt mit der Häsin Erbarmen!

Die Hilfe kam aus dem Osten,
und ließ sich den Einsatz was kosten.
Mit Farben, ganz neu,
von kleegrün bis Heu,
Nichts auf verlorenem Posten!

Die Eier, ein Traum aus Farben,
mit Linien, Kreisen und Waben.
Noch schnell etwas Lack,
ins Körbchen gepackt.
Fertig sind die Ostergaben.

© G. Bessen, Foto Pixabay

Rund um den Jahresbeginn … Limericks

Es gab eine Silvesterfete,
die kostete ganz schön viel Knete.
Jeder wurde satt,
vom Alkohol platt.
Niemand mag mehr Sekt und Pastete.

Es kam Tante Lisbeth vom Inn,
ihr Leben schien ganz ohne Sinn.
So weh tat das Herz,
vor Kummer und Schmerz.
Sie ertränkte ihr Leid mit Gin.

Ein Glücksschwein aus Nordrhein-Westfalen,
das konnte gut Aktbilder malen.
Bot sie zum Verkauf,
bekam Geld zuhauf,
und konnte die Miete bezahlen!

Der Ludwig aus dem schönen Meißen
trank sehr gerne Wein, doch nur weißen.
Er stand an der Bar,
da wurde ihm klar,
er wollte Ludwiga bald heißen.

Drei Könige ziehen durchs Land,
der Regen durchnässt ihr Gewand.
Kein Brot, keine Wurst,
sie haben nur Durst.
Sie heben nur bittend die Hand.

© G. Bessen 2018

 

 

Limerick – Pilzzeit

Limerick – Pilzzeit

EIN PILZ STAND ALLEINE IM WALD.
ER FROR, DENN DIE NACHT WAR SCHON KALT.
ER SORGTE SICH SEHR
UND SCHAUTE UMHER,
NICHTS GAB IHM DEN WÄRMENDEN HALT.

©Text und Fotos: G. Bessen

 

Es wollte ein Chefkoch aus Bühren
die Freundin mit Pilzen verführen.
Erst ass sie sich satt,
dann lag sie so matt,
er konnte den Puls nicht mehr spüren.

Brigitte Fuchs

Blättertanz

Blättertanz

Der quirlige  Herbstwind hatte blendende Laune und strotzte nur so vor Energie. Die Sonne lächelte ihm freundlich zu, als ahne sie bereits, was er im Schilde führte. Er nahm Anlauf, sprang in die Luft und riss die welkenden bunten Blätter auf dem Waldboden mit sich.
„Nicht so schnell“, stöhnte das eine oder andere Blatt seufzend auf. „Wir haben nicht mehr so viel Kraft.“
„Haltet Euch aneinander fest, so geht niemand von Euch verloren!“ Der Herbstwind lächelte den Blättern aufmunternd zu und führte sie zu einer Wiese. Dort sammelten sie sich erneut und mit einer kleinen Beschleunigung seiner Geschwindigkeit ermunterte der Wind sein Gefolge.

Die Blätter fassten sich an, hielten aneinander fest und ließen sich vom Wind durch die Luft wirbeln. Zwischendurch sank das eine oder andere Blatt zu Boden, ruhte sich aus und wurde dann erneut zum Blätterreigen abgeholt.
So viel Spaß hatten die Blätter noch nie gehabt. Der Wind ließ sie langsam auf die Wiese schweben.
„Danke für dieses wunderbare Vergnügen, lieber Wind“, raunten die Blätter dem Wind zu, der sich bei allen Blättern einzeln verabschiedete.
Nun fielen die Blätter in ihren wohlverdienten letzten Ruheschlaf.

Die Blätter, die dieses Stadium noch nicht erreicht hatten, klammerten sich angstvoll an ihre Äste. Sie hatten das Treiben mit gemischten Gefühlen beobachtet.
„Ob er uns auch abholt, wenn unsere Zeit gekommen ist?“, fragten sie sich gegenseitig.
„Ihr habt noch Zeit“, flüsterten die Äste, „und bis dahin steht Ihr unter unserem persönlichen Schutz.“
Die grünen, gelben und roten Blätter waren erleichtert und schaukelten beruhigt in der leichten Brise des Windes.

© Text und Fotos: G. Bessen

Septemberblues

Septemberblues

Müde kam der Tag aus der Nacht gehumpelt. Er hatte heute so gar keine Lust, sich zu entfalten. Jeder stellte enorme Ansprüche an ihn, die zu erfüllen er derzeit kaum in der Lage war. Er sollte strahlen, nur positive Gedanken versprühen, die Menschen bei guter Laune halten und möglichst nicht vergehen. Aber wie sollte er ihnen klarmachen, dass er mit der Jahreszeit  ein Problem hatte, selber unter einer rezidivierenden Herbstdepression litt und kaum Antrieb hatte.

„Ich kann dir nicht helfen, so gern ich es auch möchte“, tröstete ihn die Nacht, die es kaum mit ansehen konnte, wie sich der Tag Morgen für Morgen quälte. „Ich kann doch nicht einfach bleiben und dich unbegrenzt schlafen lassen. Jeden Morgen hänge ich ein paar weitere Sekunden an und auch am Abend löse ich dich ab, so schnell ich kann. Aber mehr ist nicht drin!“

„Ja, ich weiß, du gibst dein Bestes, liebe Nacht und doch weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Schwester Sonne lässt uns einfach sitzen. Wer weiß, auf welcher Umlaufbahn sie gerade tänzelt?  Bruder Regen hat es sich hier so richtig bequem gemacht und denkt gar nicht daran, seine Wolken zur Räson zu rufen. Die bunten Blätter, die die Kinder so gern für ihre Herbstbasteielen sammeln, liegen träge und schwer am Boden und machen keinerlei Anstalten, sich überhaupt bewegen zu lassen, geschweige denn, sich zum Basteln anzubieten. Die Tiere bekommen lange Zähne, wenn sie Eicheln und Kastanien so patschnass und feucht in ihre Winterquartiere schleppen sollen.  Die erste Grippewelle hat bereits die Igel befallen. Und der Wind, der in der Lage wäre, die schweren Wolken wegzupusten, scheint auf Reisen zu sein. Alles, was die Menschen erwarten, bleibt an mir hängen. Es ist bald Mitte September  und alles sollte hell, freundlich und leuchtend sein.“

„Ich verstehe dich gut, lieber Tag, doch was nicht geht, das geht eben nicht. Glaubst du, die Menschen können jeden Tag zu hundert Prozent leisten, was andere von ihnen verlangen? Auch sie haben gute und schlechte Tage. Tage, an denen sie vor Kraft Bäume ausreißen könnten und wiederum Tage, an denen sie sich einfach unter der Bettdecke verkriechen und nichts sehen und hören wollen. Nimm es nicht so schwer, lieber Tag. Leiste das, was du leisten kannst und denke auch an dich. Wenn du schlapp machst, was ist dann? Für zwei kann ich nicht da sein. Wir beide sind ein gut eingespieltes Team und das bleiben wir auch, so lange wir offen und ehrlich miteinander umgehen und aufeinander aufpassen. Ich lege mich jetzt hin, damit ich für später fit bin. Du musst jetzt los, lieber Tag.“

Der Tag schaute nicht mehr so verdrießlich. Das Gespräch mit der Nacht  hatte ihm Kraft gegeben und er nahm seinen Platz ein.

Nichts auf dieser Welt war noch verlässlich. Tag und Nacht jedoch sollten es bleiben.

© Text und Foto: G.Bessen

Xanthippe

Xanthippe

Xanthippe soll ja das zänkische Weib
des griechischen Philosophen
Sokrates gewesen sein…

Sie stand bereit,
bis früh um vier,
versteckt hinter
der Wohnungstür.

Das Nudelholz
in ihrer Hand,
den Blick aufs Türschloss,
wie gebannt.

Da kam er,
schloss ganz leise auf,
trat ein und riss
die Augen auf.

Sie holte aus,
schlug einmal zu,
traf seinen Kopf
und hatte Ruh.

Er stürzte
und fiel sofort hin,
sofort schwand ihm
jeglicher Sinn.

Bewegungslos,
nichts regte sich.
Sie trat heran
und bückte sich.

Er war ins Jenseits
vorgegangen,
sie muss nun
nicht mehr ständig bangen,

des Nachts an ihrer
Türe stehen,
in seine trunkenen
Augen sehen.

Doch jede Nacht
ruft er mit Klagen,
will sich in ihre
Träume wagen.

© Text und Foto: G. Bessen