Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.20 | Wortspende von BerlinAutor

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.20 | Wortspende von BerlinAutor

Die Wörter für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2020 kommen von René, der mit seinen meist auf Berlin bezogenen Etüden jetzt auf seinen neuen Zweitblog „BerlinAutor“ umgezogen ist. Seine Begriffe lauten:

Schabernack
breit
erheben

 

Weiberfastnacht

Er hielt seinen, in akribischer Feinheit, durchdachten Plan für genial und hatte Wochen damit verbracht, sich sein Kostüm zusammenzustellen. Nun schaute er zufrieden auf sein Werk und war sicher, dass ihn niemand erkennen würde.

Als er Wind davon bekommen hatte, dass seine Kollegin Nikki ihren 50. Geburtstag am Tag der Weiberfastnacht nachfeiern würde, sprang sein Kopfkino an.

Breit grinsend und bestens ausgerüstet für seinen Schabernack, zog er sich an und schminkte sich sorgfältig. Das Taxi kam und brachte ihn in einen Teil des Prenzlauer Berges, den er absolut nicht kannte. Seine auf nicht legalem Weg erworbene Eintrittskarte wurde anstandslos am Eingang eingerissen, und so verschaffte er sich Zugang zu einer bunten und fröhlichen Welt, die nach einem feuchtfröhlichen Abendspaß nahezu schrie.

Schrille Gestalten, verkleidet von Kopf bis Fuß belagerten gierig das kunstvoll angerichtete Buffet oder schmiegten die Körper auf der Tanzfläche eng aneinander.

Es war nicht auszumachen, wer Weiblein oder Männlein war. Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass dieses Fest eine reine Frauenparty sein sollte. Das war der Reiz, der ihn antrieb, sich hier hinein zu mogeln.  Und er genoss. Die Stimmung war so gut, dass er nicht ausschloss, mit zunehmend später Stunde könnte die eine oder andere Hülle sogar fallen. Er tanzte ausgelassen, und die Lautstärke der Musik kam ihm zu Hilfe, keine große Konversation machen zu müssen, die ihn als Mann vielleicht verraten hätte.

Doch dann verschwamm alles vor seinen Augen, die Musik wurde leiser, bis er nur noch ein Rauschen vernahm. Er versuchte, sich zu erheben, torkelte und stürzte. Ein Schwall kaltes Wasser brachte ihn zur Besinnung. Er erstarrte. Er lag auf einem breiten Bett, splitternackt, an Händen und Füßen mit Handschellen gefesselt. Über ihn beugten sich bunte Masken und ein schallendes Gelächter umfing ihn.

„Böser Junge muss büßen“, erkannte er Nikkis Stimme verführerisch flüsternd an seinem Ohr.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2020 kommen von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice. Ihre neuen Begriffe lauten:

Grippe
gebleicht
knuddeln

 

Inhaltshinweise: Dieser Text kann Bilder erzeugen, die für sensible Menschen belastend sein können (hier:Suizidgedanken)! Die entstehenden Bilder können Flashbacks auslösen und bisher blockierte Erinnerungen freisetzen. Der Autor übernimmt keine Haftung für entstehende psychische oder seelische Schäden. Lesen Sie den Text bitte nicht, wenn Sie entsprechend sensibel oder sensitiv sind.

 Merle

„Erzählt mir etwas über Merle.“

Die junge Frau blickte erwartungsvoll in die Gesichter der vor ihr sitzenden Mädchen und Jungen, doch sie senkten ihre Köpfe und schwiegen. Nach einer Weile der Stille hob ein Mädchen mit einem blonden Lockenkopf ihr verweintes Gesicht und stammelte: „ Merle wurde von manchen Jungen höherer Klassen  verspottet. Sie sagten oft auf dem Schulhof …“. Die Stimme des Mädchens stockte. Sie hob erneut an:

„Du Xanthippe, du Gerippe, hüte dich vor einer Grippe!“

„Warum haben die Jungen denn so etwas gesagt?“

„Merle wurde immer dünner und immer blasser. Selbst im Sommer sah ihr Gesicht wie ausgebleicht aus.“

Ein anderes Mädchen meldete sich:

„Ich glaube, es hatte mit Merles Familie zu tun. Niemand durfte sie zuhause besuchen. Sie ließ niemanden an sich heran. Manchmal hätte ich sie am liebsten in den Arm genommen, um sie einfach mal zu knuddeln. Aber wenn man ihr zu nah kam, wich sie zurück, wie ein aufgescheuchtes Reh.“

„Merles Eltern haben nicht viel Geld. Ich habe ihr immer heimlich etwas von meinem Pausenbrot zugesteckt, denn sie hatte selten etwas zu essen mit.“

Die Befragung der Mitschüler und der unterrichtenden Fachlehrer dauerte den Vormittag über an und ganz langsam dämmerte es der jungen Polizistin, dass hier über ein Mädchen gesprochen wurde, dessen kurzes Leben sich immer klarer herauskristallisierte.

Merle war ein Mädchen gewesen, das zuhause mit Pflichten für die jüngeren vier Geschwister völlig überfordert gewesen war und weder zum Lernen noch für sich selbst ein wenig Zeit und Raum einfordern konnte. Arbeitslosigkeit und Krankheit der Eltern führte die Familie immer mehr an den finanziellen Abgrund und Merle auf das Dach des fünfgeschossigen Schulgebäudes.

Mit einem Sprung lange vor der ersten Unterrichtsstunde beendete sie ihr kurzes und so unglückliches Leben. Der Hausmeister fand sie, bevor der Ansturm der Schülerschaft den Schulhof erreichte.

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang (2)

Die Wörter für die Textwochen 04/05 des Schreibjahres 2020 kommen zum ersten Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Die neuen Begriffe lauten:

Papiertiger
belanglos
plätschern

Johannes stand neben sich. Sein momentanes Leben plätscherte irgendwie an ihm vorbei.

Die Lehrer hatten es aufgegeben, ihn daran zu erinnern, dass neben seiner körperlichen Anwesenheit auch eine geistige nötig war, wenn er vorhatte, im kommenden Schuljahr das Abitur zu bestehen. Gewiss, er war hochbegabt und fleißig – so kannten ihn alle Lehrer – aber nun lief Johannes regelrecht neben der Spur. Da seine Anwesenheit in der Schule regelmäßig und freiwillig war, er hatte seine Pflichtschuljahre absolviert, war bisher niemand auf die Idee gekommen, seine Eltern zu informieren. Was sollten die Lehrer ihnen auch sagen?

„Verzeihen Sie, es geht uns eigentlich nichts an, aber Ihr Sohn sitzt jede Stunde im Klassenraum, ist aber weder ansprechbar, noch trägt er zum aktiven Unterrichtsgeschehen bei.  Wenn er nicht aus dem Fenster starrt, bastelt er kleine Papierschiffchen und lässt sie über den Schülerschreibtisch fahren. Alles um ihn herum scheint für ihn belanglos zu sein.“

Johannes war nicht wirklich ansprechbar. Auf konkrete Fragen seitens der Lehrer kam bestenfalls ein „Mir geht es gut“. Die Mitschüler hatten es bereits aufgegeben, ihn anzusprechen. Er war nur noch der „Papiertiger“, körperlich anwesend, aber geistig in ganz anderen Sphären.

Und Johannes selbst ?

Er hatte beschlossen, einfach mal abzutauchen und seine erste große Liebe mit allen Sinnen in Tagträumen wieder und wieder zu erleben. Inhalte von Rahmenlehrplänen waren derzeit ebenso hinderlich wie das aktive Einbringen im Unterricht. Mit seiner rosaroten Brille auf der Nase und seinem Rückzug auf Wolke sieben ließ es sich momentan gut leben.

Fehlstunden bekam er keine und für die anstehenden Leistungsnachweise würde er schon rechtzeitig ein bisschen lernen, wenn Nele ihm dazu ein wenig Zeit ließ …

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang(1)

Ein neues Jahr und neue Etüden. Christiane lädt wieder herzlich ein! Die Aufgabe ist, 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern unterzubringen

Die Wörter für die Textwochen 04/05 des Schreibjahres 2020 kommen zum ersten Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Die neuen Begriffe lauten:

Papiertiger
belanglos
plätschern

 

Der Papiertiger

Es war klar, dass er eine harte Zeit hinter sich gehabt haben musste, als er langsam und sehr dünn am helllichten Tag durch den Garten schlich. Einen Igel am Tage zu finden, ist nicht gerade belanglos, sondern ein Warnzeichen. Er ließ sich mühelos einfangen. Ergeben ließ er sich von allen Seiten bestaunen, betasten und untersuchen, aber äußere Verletzungen hatte er nicht. Tochter Lena sprudelte sofort über vor Ideen, wo der kleine und offenbar kranke Igel in ihrem Zimmer wohnen könne.

Wir hatten alle Mühe, den fünfjährigen Zwillingen zu erklären, dass Igel keine Haustiere sind, sondern in freier Natur leben wollen und nachtaktiv sind. Allerdings wollten wir alles versuchen, den armen kleinen Kerl wieder aufzupeppen. Darin waren wir uns als Familie sofort einig.

Sein provisorisch errichtetes  ‚Krankenbett’, eine Kiste, ausgelegt mit einem Stapel altem Zeitungspapier, brachte ihm den Kosenamen Papiertiger ein.
Handwarmes Katzenfutter mit Haferflocken vermischt schien ihm zu schmecken und nach ein paar Tagen schienen neue Lebensgeister die Trägheit und Erschöpfung zu verdrängen.

Eines Morgens war unser Papiertiger einfach verschwunden. Leon und Lena konnten es kaum fassen und brachen in Tränen aus. Sie begaben sich sofort auf die Suche, doch es war sinnlos. Der Papiertiger war offenbar in sein Revier zurückgekehrt.

Wir dachten oft an ihn und sprachen auch von ihm. Als ich eines Abends ein ganz leises Plätschern hörte und vor der Tür nachsehen ging, traute ich meinen Augen kaum. Zwei Igel,  einer davon war eindeutig unser genesener Papiertiger, hatten sich erst über das Katzenfutter hergemacht und bis auf den letzten Krümel alles vertilgt und nun spülten sie die Reste mit frischem Wasser herunter. Was wohl der Kater dazu sagen würde, wenn er nach Hause käme?

Ich war ganz sicher, dass wir im nahenden Winter ein Igelpärchen im Garten beherbergen würden und wer weiß, was daraus noch entstehen würde?

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.19 (2)

Schreibeinladung von Christiane :

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2019 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die neuen Begriffe lauten:

Unbehaustheit
schwermütig
haschen

 

Zeitgeist

Heutzutage scheint das ‚Hotel Mama und Papa’ Hochkonjunktur zu haben. Nicht selten genießen die jungen Leute das elterliche Nest mit warmer Stube, gemeinschaftlich am gedeckten Tisch, sofern es der Familienterminplan zulässt. Bei stets gefülltem Kühlschrank, die Wäsche gewaschen und gebügelt im Schrank und nur bedingt erforderlicher häuslicher Mitverantwortung lässt sich das gut aushalten, bis die Ausbildung beendet ist oder die finanziellen Rücklagen eine eigene Wohnung mit dem gewünschten Komfort versprechen. Der edle Ritter auf dem weißen Pferd ist eher ein Relikt der Vergangenheit geworden.

Mit dem Abitur in der Tasche und einer erfolgten Immatrikulation an der Uni zog es Freundinnen und Freunde meiner Generation genau da weg. Nicht, dass das Verhältnis zu den Eltern schlecht oder gespalten war. Das Ausziehen war meist nur für die Eltern eine große Hürde und der schwermütige Blick in den mütterlichen Augen hing bei jedem Besuch wie ein Damoklesschwert in der Luft. Es ging auch nicht darum, zu haschen, zu kiffen oder andere Unsinnigkeiten anzustellen. Nein, wir wollten frei sein, selbstbestimmt leben, unsere eigene Welt entdecken und das Leben stemmen.

Eine Einzimmerwohnung im Hinterhaus einer Berliner Mietskaserne, oft auch noch mit einer Toilette auf halber Treppe, ohne Bad, mit einem Waschbecken in der Küche und dem Schleppen von Kohlen und Briketts gern in Kauf genommen – das war Freiheit pur, das war Studentenleben. Junge Leute heute würden so eine Wohnsituation eher als Unbehaustheit definieren, doch uns störte das damals nicht.

Solche Wohnungen waren preislich erschwinglich. Dass man für seinen Lebensunterhalt nebenher jobben ging – BAföG bekam ja nicht jeder – war selbstverständlich.

Mit wenig Geld in der Tasche, den eigenen vier Wänden und der Freiheit war das Studentenleben ein durchaus schönes und reich an Erfahrungen!

277 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.19

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.19 | Wortspende von Café Weltenall

Die Wörter für die Textwochen 43/44 des Schreibjahres 2019 kommen seit langer Zeit mal wieder von Ulli Gau aus ihrem Café Weltenall. Die neuen Begriffe lauten:

Vogelflug
ängstlich
schwingen

Christiane hätte gern eine Etüde mit der Vorgabe, 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern unterzubringen.

Aufbruch 

Langsam begann der ‚goldene Oktober’ sich zu verabschieden. Gestärkt für den weiten Flug in den Süden warteten Tausende Graukraniche darauf, ihre Reise in den Süden anzutreten. Wie jedes Jahr versammelten sie sich unter lautem Getöse im Naturschutzgebiet des Rhinluch, versorgten sich mit Nahrung auf den abgeernteten Maisfeldern und machten sich bereit.

Doch in diesem Jahr war es anders. Es wurde merklich kühler im Brandenburger Land und die Vögel zögerten ihren Abflug hinaus.

Es wurde gemunkelt, dass der Vogelflug, ähnlich wie im letzten Jahr, sehr beschwerlich würde. Der lange trockene Sommer letztes Jahr hatte so manche wichtige Quelle versiegen lassen und unter den Zugvögeln unzählige Opfer gefordert.

Der nun vergangene Sommer war nicht ganz so trocken gewesen, aber veränderte Klimaverhältnisse hatten Einfluss auf die Flugbedingungen einer langen Reise, und es verwunderte niemanden, dass so manches Kranichpaar ängstlich auf seinen aufgeregten Nachwuchs blickte. Waren die Jungtiere kräftig und widerstandsfähig genug, eine so lange Reise zu überstehen? Und die Alten? Würden sie den Strapazen neuer extremer Wetterverhältnisse gewachsen sein?

Viele Kranichfamilien dachten daran, wie man es bereits von einigen Storchenfamilien gehört hatte, sich hier nach Möglichkeiten umzusehen und zu bleiben, denn die hiesigen Winter hatten längst ihren eisigen Schrecken verloren.

Lange Frostperioden und Dauerschneedecken waren vielerorts zu einer Rarität geworden. Doch in diesem Zwischenstadium des globalen Klimas  blieb es riskant, solch eine Entscheidung zu treffen.

Der oberste Kranichrat hatte bereits vor Wochen beschlossen, gut trainierte Späher auszusenden. Das Brandenburger Land war flach und weit und bot eine freie Sicht auf Feinde wie auch auf Möglichkeiten, den Winter hier zu verbringen.

Jeden Morgen breiteten Späher ihre Schwingen aus und flogen davon, aber die Kunde ihrer Rückkehr verbreitete sich wie ein Lauffeuer und auch die Tatsache, dass sich der Aufbruch nicht länger hinausschieben ließ. Offenbar war die Zeit hier zu überwintern noch lange nicht reif.

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 41/42

Die Wörter zu Christianes Schreibeinladung für die Textwochen 41/42 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von fraggle und seinem Blog reisswolfblog. Die neuen Begriffe lauten:

Gewächshaus
jodhaltig
fälschen

 

Auswege

 Sobald sie ihren Koffer ausgepackt hatte und umgezogen war, lief sie an den Strand, breitete die Arme aus und stürzte sich voller Elan in ihren Urlaub.

Sonne, Wasser und Wind, Salz auf den Lippen und auf der Haut, die jodhaltige Luft dieses Reizklimas tief in die Lungen einsaugend – so konnte sie alles um sich herum vergessen und ausziehen wie ein lumpiges Kleid. Hier würde sie genesen, ihr inneres, einst blühendes Gewächshaus wieder in Ordnung bringen und alles, was sich im Laufe der vergangenen Jahre als Schadstoffe und Giftmüll dort abgelagert hatte, ausmerzen und ausrotten.

Ihre Beziehung war zu einer Belastungsprobe geworden, die sie von einer jungen und temperamentvollen Frau zu einer kranken Greisin gemacht hatte. So empfand sie ihren Anblick jedes Mal, wenn sie in den Spiegel blickte. Auch, wenn es Jahre gedauert hatte, sich aus den Fangarmen ihrer Ehe zu befreien, sie hatte es geschafft, wenn auch nicht mit legalen Mitteln.

Heutzutage war es dank des Internet möglich, alles zu erfahren, was man wissen wollte, wenn man sich von erdrückenden Lasten befreien wollte. Sie war entsetzt, was sie alles fand und wie sie mit wenig Aufwand jegliche innere Zerstörungswut ausleben konnte.

Doch soweit musste sie nicht gehen. Rechnungen und Papiere zu fälschen, war ihr zu einer vertrauten Gewohnheit geworden, sodass sie sogar den Blick dafür verlor, was letztendlich noch richtig oder falsch war. Sie hatte ihr Ziel erreicht, er war im übertragenen Sinn gestolpert, mehrfach, in unterschiedlicher Intensität, und als er nicht mehr aufstehen konnte, hatte sie Anzeige erstattet. Nun saß er lebenslänglich hinter Schloss und Riegel und sie war frei. Auf diesen Moment hatte sie verbissen und mit letzter Kraft hingearbeitet.

Finanziell hatte sie für die nächsten Jahre ausgesorgt und ihr Körper und ihre Seele hatten nur noch eines im Sinn: zu gesunden und Freiheit zu schmecken.

300 Wörter

© G. Bessen

 

 

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 21/22/2019 (2)

Die Wörter für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2019 kommen vom Team dergl und ihrem Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel.

Malkasten
gleitend
torpedieren

 

Aus der Schulzeit geplaudert

Ich hatte sicher schon mal erzählt, dass ich als Kind eher ein Junge als ein Mädchen war und mich Garagendächer und Bäume mehr zum Klettern reizten, als artig und still zu sein. Meine handwerklichen Fähig- und Fertigkeiten in Fächern wie Handarbeit und Zeichnen hielten sich in Grenzen und so hatte ich oft andere Dinge im Sinn, wenn unsere Zeichenlehrerin uns mit Pinseln, Malkästen und Aufträgen für die jeweilige Zeichenstunde torpedierte. Manchmal erntete ich für meine ‚anderen Dinge’ einen Tadel. War es doch spannender, Farben aus dem Malkasten in anderen Gesichtern als auf dem Papier zu verteilen.

Die Zeichenlehrerin war ein konservatives älteres ‚Fräulein’ mit wasserstoffblondem, dauergewelltem Haar und einer Nickelbrille vor den eisblauen, kalten Augen, die ihrem Gesicht ein typisches Lehrerinnenerscheinungsbild gab.

Wir hatten keine Angst vor ihr, doch wir fürchteten sie. Die Notengebung war für uns damals oft alles andere als einsichtig und jeder Widerspruch zwecklos. Und wir waren nicht die Schülergeneration, die Mama und Papa für jeden Furz in die Schule schickte. Im Gegenteil, wir hielten unsere Schandtaten möglichst geheim und hofften und beteten, dass es nichts gab, was eine elterliche Unterschrift, einen Anruf oder gar einen Brief nach sich zog.

Die Zeichenlehrerin war die enge Verbündete der Turnlehrerin, die ihrerseits auch Handarbeit in Form von Stricken und Nähen an der Nähmaschine unterrichtete, und war man bei einer durch, hatte man bei der anderen auch nichts mehr zu lachen. Anstelle von gleitenden Übungen wie beim Yoga wurden wir zu dem dumpfen Rhythmus von Tamburin mit Holzschlägel quer durch die Turnhalle gejagt, bis uns die Zunge aus dem Hals hing. Das schien der zuschauenden Turnlehrerin enormen Spaß zu machen.

Die Dritte im Bund war die Biolehrerin und die drei erinnerten mich später oft an die ‚Drei Damen vom Grill’, mit der Ausnahme, dass Grillwürstchen nicht zukunftbestimmend sind, Zeugnisnoten schon.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Mutterliebe

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Missmutig blickte Maya auf den liebevoll gedeckten Tisch, knallte sich lautstark auf ihren Stuhl und blickte ihre Mutter wütend an.

„Warum gibt es jeden Tag Kartoffeln? Die hängen mir ja schon langsam zum Hals raus. Warum gibt es nicht mal Nudeln, Pizza, Döner oder so was? Kartoffeln, wie langweilig!“

„Wenn Du unbedingt Nudeln möchtest, dann koch doch welche. Sich jeden Tag an den gedeckten Tisch zu setzen und noch zu meckern, ist keine Kunst und trägt nicht gerade zu einem harmonischen Familienleben bei.“ Nicole hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Sie wollte ihre pubertierende Tochter nicht bevormunden, aber sie ärgerte sich maßlos darüber, dass ihre Bemühungen so ignoriert wurden und sie sich stattdessen noch dumm kommen lassen sollte.

„Mir schmecken Kartoffeln, Mama. “ Mayas jüngere Schwester Lena gab Nicole das, was sie dringend brauchte, Zuspruch und Anerkennung.

Nicole bemühte sich, ihre innere Ruhe zu erlangen. Maya hatte ja keine Ahnung, weshalb sie als besorgte Mutter so viel Wert auf eine abwechslungsreiche und dabei kalorienarme Ernährung bei ihrer Tochter legte. Sie hatte neulich an Mayas 16. Geburtstag so einige anzügliche Bemerkungen von Klassenkameraden aufgeschnappt, und ihr war nicht entgangen, dass Maya ein Fan von Fast Food und Zucker in allen Variationen geworden war.

Die Pubertät war eine extrem schwierige Zeit, und wenn Nicole sich mit Maya über eine Kartoffeldiät zu ihrem eigenen Wohlbefinden auseinandergesetzt hätte, wären ohnehin die Fetzen geflogen. Maya lehnte zur Zeit fast alles ab, was ihre Mutter als gut und richtig empfand. Nicole erinnerte sich nur ungern an ihre eigene Pubertät und die ständigen Querelen mit ihrer Mutter zurück und hoffte, so ihrem Ziel auch näher zu kommen.

Dazu bedarf es aber weiterhin Geduld, Langmut und ein liebendes mütterliches Herz, auch, wenn es manchmal an seine Grenzen kam.

296 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19 (-3-)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19  Die zauberhaften Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2019 kommen von Natalie und ihrem Blog, dem Fundevogelnest. Die neuen Begriffe lauten:

Nieselregen
weich
irren

Wüstenblumen

 Gedankenverloren starrte Henk auf sein halb volles Weinglas. Seit Merle ausgezogen war, hatte sich eine schwermütige Stimmung auf seine Seele gelegt und seine Tagesbilanz fiel allabendlich wüstenhaft aus. Leer, farblos und lebensunlustig, ja, so fühlte er sich seit Tagen.

Der wolkenverhangene Himmel und der Nieselregen, der seit Stunden weich und lautlos fiel, passte zu seinem Stimmungsbild. Wenn er nicht bald umkehrte, würde er in eine Depression rutschen und möglicherweise zum Alkoholiker werden.

Er musste die Trennung akzeptieren, denn alles Reden hatte den Schleier der Missverständnisse und Ungereimtheiten nicht auflösen können. Offensichtlich passten Merle und er nicht zusammen und diese Erkenntnis betraf unzählige andere Paare auch.

Sein Blick fiel auf die Fensterbank und blieb an Merles Kakteen hängen. Sie hatte nie einen grünen Daumen gehabt und alle Pflanzen waren bei ihr verdurstet oder ertrunken, sodass sie ihr Glück irgendwann mit Kakteen versuchte, bei denen man ja nicht viel falsch machen konnte.

Henks Gesicht wurde weich. Er spürte, irgendetwas bewegte sich in ihm. Er nahm sich seine heutige Tagesbilanz noch einmal genauer vor und fand plötzlich, dass sie gar nicht so negativ ausfiel, wie noch vor ein paar Minuten.

Er hatte eine ordentliche Betriebskostenrückerstattung bekommen, was seinem Bankkonto gut gefallen würde. Peter, ein alter Freund, den er schon fast aus den Augen verloren hatte, rief heute an und berichtete beglückt von seinem ersten Enkelkind. Edda, eine betagte Nachbarin und vorzügliche Bäckerin, hatte ihm ein Stück Apfelkuchen vor die Tür gestellt, das noch unberührt in der Küche auf ihn wartete.

Henk mochte sich irren, doch als er erneut auf Merles Kakteen schaute, hatte er das Gefühl, als würden sich an ihnen kleine Blüten öffnen und zum Leben erwachen und seine kleine Welt bekam ein paar neue Farbtupfer. Eine unbändige Lust auf Kaffee und Apfelkuchen erfasste ihn und gab ihm einen unerwarteten Energieschub.

300 Wörter