abc.etüden

Textstaub hat ein neues Projekt vorgestellt.

  • Texte zur Liebe
  • maximal 10 Sätze
  • jeden Sonntag gibt er drei Wörter vor, die im Text vorkommen sollen (siehe unten)
  • aktuell: Rotwein,Schnee, Buchladen

 

abc.etüden/ Bringen Scherben Glück?

‚Wie ungeschickt von mir!’ Sie starrte mit zusammengebissenen Lippen auf ihre rechte Hand, von der drei kleine Rinnsale tiefroten Blutes in den frisch gefallenen Schnee tropften und eine Linie wie einen ‚Roter Faden’ hinterließen.

Sie hatte in der Vorfreude, die erste Liebe ihres jungen  Lebens zu treffen nicht bemerkt, wie krampfhaft sie die beiden Rotweingläser in ihre Hand gepresst und somit eines der beiden zerdrückt hatte.

Er war noch nicht zu sehen. Mit dem Fuß schob sie die Scherben des zerbrochenen Glases an die Hauswand, darum würde sie sich später kümmern. Das zweite Glas war heil geblieben und das stellte sie zusammen mit der Rotweinflasche neben den Eingang des kleinen Buchladens, vor dem sie verabredet waren.

Der Inhaber, ein Georg-Wilsberg-Typ,  leistete vorbildlich erste Hilfe, zog drei kleine Glassplitter vorsichtig mit der Pinzette aus dem verletzten Handrücken und verband ihr die schmerzende Hand.

„Ich kümmere mich später um die Scherben. Lassen Sie Ihre Verabredung nicht warten.“

„Danke für alles“, hauchte sie mit hochrotem Kopf und einem erwartungsvollen Glänzen in den Augen und eilte zur Tür.

Fast wäre sie mit einem jungen Mann zusammengestoßen, der in der linken Hand eine Weinflasche und in der rechten ein halb voll gegossenes Rotweinglas hielt und sie mit einem warmen Lächeln begrüßte.

Flieg, Vogel flieg…

Flieg, Vogel flieg

In meinen Tagträumen
hefte ich mich gern
an deine kräftigen Schwingen
und vertraue mich dir an.

In der Kühle der Nacht
bin ich unter dir geborgen.
Warm und behütet schützt du mich
vor den Schatten der Dunkelheit.

Das Ziel unserer Reise ist ein Ort
mit  Raum für jeden,
der noch an das Wunder
des Lebens glaubt.

© G. Bessen

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Ur-Vertrauen

Ur-Vertrauen

Und die Sonne sprach zu mir:
Ich wärme dich, wenn du frierst.
Und der Mond sprach zu mir:
Ich leuchte dir den Weg, wenn du dich verirrst.
Und die Sterne sprachen zu mir:
Wir leiten dich, wie einst die Weisen aus dem Morgenland.

Und der Regen sprach zu mir:
Ich sorge für dich, dass deine Quelle nie versiegt.
Und der Wind sprach zu mir:
Ich weise dir den Weg, falls du Gefahr läufst, von ihm abzukommen.
Und der Schnee sprach zu mir:
Ich lasse dich weich fallen, falls du doch strauchelst.

Und die Himmelsgewalten lächelten mir zu.

Nur die Menschen zeigen zwei Gesichter
und immer wieder sehe und höre ich genau hin,
ob ich ihnen wirklich vertrauen kann.

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© G. Bessen 1/17

Wie ein Rufer in der Wüste

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Geborstene Erde,
versandetes Land.
Nirgendwo Menschen.
Kein Regen,
nur Risse im Sand.
Sand unter,
was liegt darunter?
Bleiche Gerippe,
gespaltene Knochen.
Weder Tiere noch Pflanzen,
Dünen aus Sand.
Dürre, Verwüstung,
nur trocknender Wind.
Entvölkerte Wüste,
einst fruchtbares Land.
Versengende Hitze,
keinerlei Leben.
In Bergen
von treibendem Sand
verschwand es
im Laufe der Jahre
lautlos
und wenig bekannt.

© Bruni Kantz, 2008

Wüste

Wüste

Auch wenn die Wüste leblos scheint,
der Himmel selten Tränen weint,
ist sie ein Raum auf dieser Welt,
der sich nicht mehr an Grenzen hält.

Sand, so weit das Auge reicht,
Fels, durch Niederschlag erweicht,
Täler, einst in voller Pracht,
so mancher nur noch bitter lacht.

Ach, Mensch, wovon willst du dort leben?
Die Erde kann dir kaum was geben.
Vertrocknet, ausgedörrt, fast tot,
unendlich groß der Menschen Not.

Die Wüste dehnt sich weiter aus,
verlässt ihr zugewiesenes Haus.
Was haben Menschen nur getan,
in ihrem räuberischen Wahn?

© G. Bessen, 2017

wuesteFoto: pixabay

Schutzengel Haiku

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LICHT IN DER STILLE
MENSCHEN AN DEINER SEITE
SO FÜRCHTE DICH NICHT

© Haiku: G. Bessen

Damiel – der Engel

Er friert nicht
Er schwitzt nicht
Er ist ein Engel

Der zwischen Menschen
geht und auch zwischen
ihnen steht

Wen er berührt
spürt ein Wohlgefühl
wie ein federleichtes
Wölkchen das sachte
vorüberzieht

Als das Kind Kind war
konnte es den Engel
noch sehen …

© Bruni Kantz

Anmerkung: Die erste Zeile des letzten Verses
sind Worte des Engels Damiel
aus dem verzauberten Film
*Der Himmel über Berlin* und
sie entstammen der Feder von
Peter Handke.