Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 (2) | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

Die Landung war hart und unsanft. Paul konnte sich im ersten Moment nicht erklären, wo er war. Verschreckt schaute er sich um. Der Anblick, der sich ihm bot, war neu für ihn. Er konnte sich nicht erinnern, je so gestürzt zu sein. Er sah zu seiner Linken eine stattliche Anzahl Kraniche, deren Schnäbel mühevoll in den Boden hackten, um in dem vom Schnee bedeckten und gefrorenen Boden etwas Essbares zu finden. Unweit der Kraniche saßen Enten auf dem Feld, ebenso verzweifelt auf der Suche nach Nahrung.

Paul drehte seinen Kopf vorsichtig nach rechts und ein stechender Schmerz signalisierte, dass irgendetwas seinen Nacken blockierte. Seine Arme schmerzten und als er vorsichtig versuchte aufzustehen, gab sein linkes Bein nach und er sackte zurück auf den eisigen Boden.

Weder die Kraniche noch die Enten nahmen Notiz von ihm. Panik stieg in ihm auf. Nicht zu wissen, wo man war und bewegungsunfähig zu sein, war doch eine Nummer zu groß für ihn.

„He du komischer Vogel, wo kommst du denn her?“

Ein Kranich mit blitzenden Augen stand über Paul, blickte ihn forschend und gleichzeitig belustigt an. Paul bekam keinen Ton heraus.

„Überleg es dir, ich könnte dich ein Stück mitnehmen oder nach Hause bringen, wir fliegen gleich weiter.“

Paul überlegte fieberhaft. Wenn er auf Maries Fensterbrett saß und hinausschaute, war unweit ein kleiner Friedhof. Und drei Mal am Tag läuteten die Glocken. Umständlich erklärte er dem großen Kranich, dass er zur nächsten Kirche müsste, sich aber nicht bewegen könne. Der Kranich zögerte nicht lange, nahm Paul behutsam in seinen Schnabel und hob ab.

Als der Morgen graute, blinzelte Paul vorsichtig. Alles war warm und weich und er lag wie jeden Morgen sicher in Maries kleinen Armen. Sie schlief tief und fest. Der Vollmond zog sich still zurück und Paul begriff: Auch Affen können träumen.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

„Dieser bornierte Affe“ schimpfte Hilde lautstark.

„Worüber regst du dich denn schon wieder auf?“

Hubert war gerade eingedöst, als Hildes Wortschwall ihn unsanft weckte.

„Kriegst du denn gar nichts mit? Ich setze den Blinker und der da schnappt mir einfach den Parkplatz weg. Wo gibt es denn so was???“

 Hubert hatte es sich abgewöhnt, auf die emotionalen Ausraster seiner Frau einzugehen, wusste er doch, dass sie damit erst so richtig Fahrt aufnahm und nicht zu bremsen war. Er war auf sie und ihre Gnade angewiesen, zumindest die nächsten sechs Wochen, dann bekam er seinen Führerschein zurück und würde sich wie ein neuer Mensch fühlen.

„Fahr ein Stück weiter, da ist doch ein großer Parkplatz.“

„Das sehe ich gar nicht ein, wegen dem da so weit zu laufen.“

Hilde hatte das Familienauto direkt neben dem ‚Parkplatzmopser’ geparkt und forderte Hubert mit einem stummen Impuls auf, auszusteigen und sich um die Angelegenheit zu kümmern, sich womöglich mit dem unverfrorenen Herrn im Auto rechts von ihr zu duellieren.

Hilde blockierte mittlerweile den folgenden Verkehr und neben den giftigen Blicken des ‚bornierten Affen’, der offenbar nichts sehnlicher wünschte, als aussteigen zu können, hatte Hubert das Gefühl, im nächsten Moment hyperventilieren zu müssen. „Bitte sei so gut und fahre weiter. Du machst uns ja beide zum Affen“.

„Ich denke gar nicht daran!“, antwortete Hilde und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.

„Wenn du nicht sofort weiterfährst, steige ich aus, dann kannst du sehen, wie du mit dem Wochenendeinkauf klarkommst.“ „Und, wenn du nicht umgehend handelst, steige ich aus und dann kannst du sehen, wie du das Auto nach Hause bekommst. Die Polizei fackelt nicht lange, wenn sie Menschen ohne Führerschein erwischt.“

Das war zu viel. Hubert öffnete die Tür, zwängte sich mit rollenden Augen zwischen beiden Fahrzeugen hindurch und steuerte den nächsten Taxistand an.

300 Wörter

 

 

Januarkapriolen

Januarkapriolen

Rauf mit den Temperaturen,
runter mit den Temperaturen.

Schnee und Eis,
Nebel und Regen,
Winde, begierig zu erfassen,
was sich in den Weg stellt.

Wetterkapriolen
Klimawandel in Aktion
Verwirrung in der
Klarheit der Jahreszeit.

Wie wäre es mit der Einführung
eines bundesweiten Winterschlafes?
Momentan verpassen wir ja nichts.

© G. Bessen

Die Perlenkette

Wie jeden Morgen saß sie auf der Bank vor ihrem kleinen Haus am Waldrand, dick eingehüllt in zwei wärmende Wolldecken. Der Schnee des Winters war geschmolzen und sie lauschte dem vielstimmigen Gezwitscher der Vögel, die auf einen baldigen Frühling hoffen ließen. Wie einen Rosenkranz hielt sie die zarte, weiße Perlenkette in ihren von harter Arbeit gezeichneten Händen und ließ Perle für Perle durch ihre Finger gleiten.

Ein Jahr war es nun her, dass Johann ihr vorausgegangen war. Dabei hatte sie insgeheim immer gehofft, vor ihm zu sterben. Erneut ohne ihn zu sein, würde sie kein zweites Mal verkraften, dessen war sie sich sicher. Doch das Schicksal hatte anders entschieden. Ein Teil von ihr war mit ihm gestorben, und sie hoffte inständig, dass der liebe Gott sie auch bald zu sich holen würde. Mit einem zärtlichen Blick betrachtete sie die Kette in ihren Händen, die sie seit zweiundsechzig Jahren jeden Sonntag anlegte. Ihre Gedanken wanderten zurück in eine längst vergangene Zeit…

Sie war gerade achtzehn, als sie den fröhlichen Johann auf dem Hof ihrer Eltern kennenlernte. Jeden Sonntag in der Früh kam er mit dem verrosteten Fahrrad seines Vaters, um frische Eier und Milch zu holen. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch ihre junge, aufkeimende Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt, als Johann an die Front gerufen wurde. Jahrelang bangte sie um sein Leben. Nur selten hörte sie von ihm. Jeder Brief, den sie von ihm erhielt, füllte ihre Seele mit so viel Kraft und Energie, dass sie die schwere körperliche Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern bewältigen konnte, um einigermaßen zu überleben. Ihr Vater kam aus dem Krieg nicht zurück.

Nach den endlos scheinenden Kriegswirren wartete sie noch zwei endlos lange Jahre auf Johann. Sie hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als Johann verwundet und von den Schrecken des Krieges traumatisiert aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Unbeholfen kramte er aus den Tiefen seines Rucksackes ein zerlumptes Handtuch hervor, in dem eine jahrelang gehütete Kostbarkeit versteckt war: eine Kette mit einem passenden Armband aus zarten hellen Perlen, die er selbst aufgefädelt hatte, für Anna, seine große Liebe.

Mit diesem Geschenk machte er ihr einen Heiratsantrag und Anna- nahm in an.

Sie hatten gerade ihre diamantene Hochzeit gefeiert, als es mit Johanns Gesundheit von einem Tag auf den anderen bergab ging. Er hatte nicht lange leiden müssen. Als Anna sich am offenen Sarg von ihm verabschiedete, legte sie ihm das Perlenarmband über seine kalten, gefalteten Hände.

Nun war auch ihr Körper bereit, seine letzte Reise anzutreten. Tag für Tag schwanden ihre Kräfte. Sie ließ die Perlenkette kaum noch aus der Hand, denn sie hoffte, dass Johann sie lächelnd erwarten und ihr die Perlenkette wie früher jeden Sonntag um den Hals legen würde.

© G. Bessen

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7.

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein. Sie lauten:

Lautsprecher
orange
erschüttern

Die Lautsprecher schwiegen und in der Luft lag eine Schwere, die fast schon schmerzlich war. Die Nachmittagssonne färbte den Himmel orange-rot ein und man hätte fast geglaubt, ein stiller Februartag neige sich langsam und friedlich dem Ende zu.

Doch von Frieden war keine Rede. Die Menschen waren aufgewühlt, am Ende ihrer so lange schon strapazierten Geduld und wollten sich nicht länger einkerkern lassen. Immer wieder wurden sie vertröstet, sich im Sinne des Allgemeinwohles zurückzuhalten und noch eine Weile durchzuhalten. Schließlich war das Licht am Ende des Tunnels ja zu sehen, obgleich der Weg dahin noch voller Stolpersteine lag.

Sie hatten sich zusammengeschlossen und sich deutlich Luft gemacht, diejenigen, die nun die Nase von vermeintlicher Verzögerungstaktik und Hinhaltemanövern voll hatten, und leider stießen sie bei vielen auf offene Ohren. Längst brodelnde innere Aggressionen, die sich nun verbal und körperlich Luft machten, hatten ein Chaos angerichtet, das an die Bilder eines wütenden Mob aus jüngster Vergangenheit in Washington, D.C. erinnerte.

Das, was alle täglich in den Medien vernehmen und schmerzlich sehen konnten, das, was die Verhaltensweisen weiterhin rechtfertigten, ja sogar zu einem MUSS erklärten, schien viele ebenso wenig zu erschüttern wie Millionen hungernder und bildungsferner Menschen in anderen Teilen der Welt, für die kein Licht am Tunnelende, sondern immer noch rabenschwarze Nacht zu sehen war. Denn so wie es momentan aussah, würden auch sie das Schlusslicht in der Bekämpfung der weltweit aktuellen Lage sein.

Aber andere Länder sind weit weg und der Blick über den eigenen Tellerrand ähnelt einer Hochgebirgs-Gipfelbesteigung. Hier spielt das Leben und das ist kaputtgemacht worden. ‚Holen wir uns das zurück’ – das war die Parole des Nachmittags und dafür rottete sich der Mob zusammen.

Die Polizei versorgte ihre verwundeten Kolleginnen und Kollegen und ließ viele von ihnen ins Krankenhaus bringen, in der Hoffnung auf ärztliche Kapazitäten und kompetente Hilfe.

300 Wörter

 

Mit dem heutigen Tag hat die Pandemie in Deutschland 50.642 Todesopfer gefordert.

Setzen wir um 16.30 Uhr ein Zeichen des Gedenkens
und stellen wir nach dem Vorschlag des Bundespräsidenten ein Licht ins Fenster.