Lebensabschnitte (3) Missverständnisse

Ich war noch nicht lange im Internat als Uli, die die ehrenvolle Aufgabe hatte zur Chorprobe zu läuten, mich darum bat, da sie selbst verhindert war. Dazu gab es ein kleines Glöckchen, mit dem im Schulgebäude geläutet wurde und alle Chormitglieder machten sich auf den Weg.
Vor der Kapelle hing die große Glocke, die nur geläutet wurde, wenn die Schwestern zur Messe oder zum Stundengebet gerufen wurden und wenn eine Schwester gestorben war. Schweigend unterbrachen die Schwestern ihre Arbeit und machten sich auf zur Kapelle. Aus der Vogelperspektive hätte das sicher ausgesehen, als komme ein ganzer Schwarm Ameisen an einem bestimmten Punkt zusammen, denn außer dem Gesicht und den Händen sah man bei einer Schwester keine nackte Haut.

Nun, ich wollte Uli würdig vertreten und läutete. Allerdings war es die Kirchenglocke und nicht die kleine, die immer im Schulgebäude auf der Fensterbank stand.
Das große Rätselraten lösten wir nicht. Wir grinsten und schwiegen.

Lebensabschnitte (2)

“Gott will, dass der Mensch seinen Spaß hat.”
Theresa von Avila
(1515-1582)

Das war schon eine ganz andere und fremde Welt, in die ich mich da begeben hatte.
In den ersten Tagen hatte ich große Mühe, mich in dem Haus, in dem etwa dreihundert Schwestern und einhundertzwanzig Schülerinnen lebten, überhaupt zurechtzufinden. Ständig verlief ich mich. Immer wieder geriet ich an große Türen, an denen “Klausur” stand. Da war auch unsere Schülerinnenwelt zu Ende und der Eintritt strengstens verboten.
Die Namen vieler Schwestern musste ich mir aufschreiben und sozusagen auswendig lernen, sie hörten sich an wie fremdartige lateinische Vokabeln.
Ab Klasse 7 siezten uns die meisten Schwestern. Bei den Lehrerinnen kam uns das schon sehr eigenartig vor und die meisten konnten wir bekehren, uns zu duzen.

Mit Hilfe einer älteren Mitschülerin, einer Art “Patentante” (im Klosterdeutsch Schutzengel) wusste ich nach ein paar Tagen, wo ich meine Räume wie Speisesaal, Schlafsaal, Klassenräume, Kirche und Garten fand. Auch die Besonderheiten des Hauses wurden mir sehr schnell deutlich. Es war nicht erlaubt, laut auf den Fluren zu reden. Besonders der Kirchenflur war ein Ort der Stille. Wollte man jemandem etwas mitteilen, zupfte man ihn am Ärmel und zog ihn in den nächsten Türrahmen, um flüsternd das Wesentliche zu besprechen.

‘Ora et labora’ – Bete und Arbeite – galt in gewisser Weise auch für uns Schülerinnen. Unser Tag war so durchstrukturiert, dass für Heimweh und andere dummen Gedanken keine Zeit blieb.
In der Woche war die Nacht um halb sechs zu Ende. Um kurz nach sechs stellten wir uns in Reihen vor der Kapelle auf, um dann zur Morgenmesse vorne vor den Schwestern Platz zu nehmen. Am Sonntag hatte die Nacht etwas mehr Zeit. Irgendwann wurde am Mittwoch eine Abendmesse eingeführt, nach der es immer heißen Kakao und Brötchen gab und das Aufstehen am Morgen verschob sich auch um eine Stunde. Jede Minute Schlaf war eine kostbare Minute.

Nach dem Frühstück wurden die Betten gemacht, der Schlafsaal aufgeräumt und dann ging es in den Unterricht. Drei Stunden Unterricht, eine Frühstückspause, drei weitere Stunden Unterricht und dann war der Unterrichtstag geschafft.
Nach dem Mittagessen hatten wir eine “Erholungszeit” im großen Klostergarten und danach mussten wir bis zum Abendessen in unsere Klassenzimmer, um die Hausaufgaben zu machen. Diese Zeit wurde nur durch Chorproben und Instrumentalunterricht unterbrochen. Jede, die einen Hauch musikalisches Empfinden hatte, lernte ein Instrument und sang im Chor.
Nach dem Abendessen hatten wir noch Freizeit und dann ging es zeitig ins Bett. Irgendwann hatten wir in unserem Aufenthaltsraum auch einen Fernseher und waren ganz begierig darauf, am Wochenende einen Blick in die Welt da draußen zu werfen.

Am Wochenende hatten wir am Nachmittag “Ausgang” in den nächsten Ort, der auch ein paar Geschäfte hatte. Dazu holten wir uns von unserem Taschengeldkonto ein wenig Geld (mit zwanzig DM mussten wir einen Monat auskommen), meldeten uns ab, schnupperten weltliche Luft und meldeten uns nach unserer Rückkehr wieder an. Dieses Procedere erschien uns oft doch sehr kleinlich, aber wer Klassen auf Klassenfahrten begleitet (als Lehrkraft oder als Elternteil) stellt auch das nicht mehr in Frage.

In so einem großen Kloster wurde fast alles selbst hergestellt. Somit war es ungeschriebenes Gesetz, dass auch am Sonntag unsere Hilfe immer erforderlich war. In der Küche und in der Bäckerei wurden immer helfende Hände gebraucht. Die Bäckerei war immer mein Lieblingsort. Wenn frisch gebacken wurde, roch es im ganzen Haus nach Kuchen. Und natürlich fiel in der Bäckerei immer mal ein Stück nebenher ab. Da war das Kartoffelschälen oder Abwaschen in der Großküche doch weniger spannend.

Am Nachmittag machten wir meist einen längeren Spaziergang (Pflicht von Klasse 7-10) und danach hatten wir immer noch Zeit für uns. Das Briefeschreiben fiel meist auf den Sonntagnachmittag und die Andacht beendete das Wochende.
Wir Mädchen waren ja in sämtlichen Bundesländern beheimatet, so dass am Wochenende niemand nach Hause fuhr. Besuche waren erlaubt und manchmal war es schon bitter, so weit von zu Hause weg zu wohnen und keinen Besucht zu bekommen.

An den Stundengebeten der Schwestern nahmen wir nur bedingt teil. Die Messe morgends war Pflicht und die Vesper zwei Mal in der Woche und natürlich am Sonntag auch.
Neben dem Beten und Arbeiten gab es auch viele Anlässe zu lachen, daher passt das Zitat der Theresa von Avila durchaus auch zum Klosterleben.

Kirchenflur

Wenn Vergangenes wieder lebendig wird… (2)

Mit dieser Mail begann mein Kopfkino seine Arbeit. Fräulein (damals bestanden unverheiratete Frauen noch auf der Anrede ‚Fräulein’) K. war unsere Religionslehrerin und ich hatte Angst vor ihr. Von Zeit zu Zeit bekam sie im Unterricht epileptische Anfälle und ich saß wie erstarrt auf meinem Platz. Einmal stand sie am Fenster und steckte sich ein Stück Kreide in den Mund, ein anderes Mal zog sie einem Schüler den Stuhl unter dem Hintern weg.
Wer wusste damals schon, was epileptische Anfälle sind und wie man damit umgeht?
Ich jedenfalls habe ihre Nähe gemieden.

In dieser Zeit hatte ich so manchen Tadel einzustecken. Im Zeichenunterricht , die Kunstlehrerin hatte kurz mal den Raum verlassen, malte ich mit meinem Pinsel auf der Wange einer Mitschülerin herum und wir hatten einen höllischen Spaß. Ich bekam dafür einen Tadel.
Hatte man sich mit der Kunstlehrerin angelegt, war man gleich auch grundlos bei der Sport-/Handarbeitslehrerin und bei der Biologielehrerin unten durch. Drei wahre „Damen vom Grill“! Mein Handarbeitstrauma hielt bis ins Erwachsenenalter an.

In meiner grenzenlosen Hilfsbereitschaft schrieb ich bei einer Mathematikarbeit die Lösung fein säuberlich auf einen kleinen Zettel, den ich meiner Freundin auf einem Lineal, das sie gerade unbedingt brauchte, herüber reichte. Auf dem Nachhauseweg, wir schoben unsere Räder, weil wir gleichzeitig mit einer Eistüte in der anderen Hand beschäftigt waren, gestand sie mir, sie habe den Zettel im Heft vergessen.
Meine Handschrift war eindeutig, Lügen wäre zwecklos gewesen und ich bekam einen Tadel und „Wegen Täuschungsversuch – ungenügend“.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, stand ich ziemlich oft in der Ecke, in einer Ecke vor der Klasse, aber mit dem Rücken zur Klasse.

Viel später am Berliner Gymnasium liefen auch allerhand schräge Vögel herum. Vor der Biologielehrerin stand man schon vor dem Unterricht stramm. Kaum hatte die Stunde begonnen, zückte sie ihr Notenbuch, starrte durch ihre randlose Studienrätinnenbrille auf das Namensregister und murmelte: „ Wen nehm wa denn heute ma?“ Traf es einen Jungen, folgte garantiert ein „Na, Männecken, dann kommse mal nach vorn und referiern se ma!“ Wehe, man verfiel in den Neuköllner Jargon, so folgte alsbald „Könnense nich Hochdeutsch reden? Wer solln dat verstehn?“

Die Physiklehrerin erschien eines Morgens im Unterrock zum Unterricht, er war dunkelblau, und wir ließen sie in dem Glauben, alles sei in Ordnung. Hätten wir ihre Welt durcheinanderbringen sollen?

Der Englischlehrer, Brille Glatze und Choleriker durch und durch, warf immer mit einem dicken Schlüsselbund durch die Klasse, wenn jemand redete. Ein Wunder, dass nie jemand getroffen wurde. Dafür berührte er mich unsittlich, als er bei einer Englischarbeit unter meiner Strumpfhose einen Spickzettel vermutete. Um die sechs zu rechtfertigen, schob er kurzerhand den ohnehin kurzen Minirock drei Zentimeter höher, um das corpus delicti mit eigenen Augen zu sehen. Bingo!!!

Der Lateinlehrer, ein begeisterter Romreisender, vergaß gelegentlich die Gallischen Kriege und schweifte gerne zu den besten Lokalitäten mit der schmackhaftesten Pasta in Rom ab. Trotzdem bestanden wir alle das große Latinum.

Und wenn jetzt jemand sagt: ‚Und so etwas wird selbst Lehrerin’, suche ich mir einen Psychologen und mache eine Reise in die Untiefen meiner Seele. Vielleicht liegt dort irgendwo ein Trauma begraben???

chroni1 chroni2Bildquelle

Wenn Vergangenes wieder lebendig wird…

Gestern erreichte mich eine E-Mail, dessen Absender mir namentlich etwas sagte. Doch in den Untiefen meines Bewusstseins blieben die Vorstellungen nebulös. Heute erreichte mich die Aufklärung.

Was war ich doch für ein flotter Feger! Das muss unmittelbar vor meinem Wechsel ins Internat gewesen sein :-) .

“Liebe…,
ja, wir kennen uns aus B. Wir hatten gemeinsam Kommunion und waren dann zusammen auf der Realschule. Fräulein K. hat uns in Religion gerne zusammen gesetzt. Du hattest mir einen Zahn ausgehauen und ich habe dir eine Ohrfeige verpasst. Solche Ereignisse verbinden doch, oder? …

Lebensabschnitte

Lebensabschnitte

Es war der 11. März 1968. Ich hatte die Nacht über vor Aufregung kaum geschlafen. Neben Abschiedsschmerz spürte ich eine tiefe Beunruhigung darüber, ob mein Entschluss richtig war.

Mein Vater lebte und arbeitete bereits in Berlin und suchte eine Wohnung für uns. In den Sommerferien sollte unser Umzug von Nordrhein-Westfalen ins ferne Berlin stattfinden, das für mich damals nur ein roter Klecks auf der Deutschlandkarte war und in den Nachrichten Furcht erregend schien.

Da wollte ich keinesfalls hin.
Ich war im Ruhrgbiet geboren, aufgewachsen und hatte meine Wurzeln dort. Ich war geerdet und nun sollte ich diesem entzogen und in eine große ferne Stadt verpflanzt werden?

Meine Tante hatte gerade meine beiden Großcousinen nach Holland ins Internat gebracht und schwärmte davon, wie schön es dort sei und welch einen guten Ruf diese Schule hätte. Sie nervte mich regelrecht, so dass ich wenige Wochen zuvor zu meiner Mutter sagte „Komm, wir schauen uns das wenigstens mal an!“ Meinen Vater im fernen Berlin übergingen wir , das heißt, er erfuhr alles nur fernmündlich. Auch die schnelle Zusage und Aufnahme. Ich hatte mich entschieden, dahin zu wollen und meine Mutter überzeugt.

Dann ging alles ganz schnell.
Die Vorstellung, meine beiden Cousinen dort zu treffen, eine behütete Bleibe zu haben und nicht nach Berlin zu müssen – außer in den Ferien – gefiel mir gut.
Die Tatsache, dass mein Vater beruflich versetzt worden war und wir alles hinter uns lassen mussten, das langsame Sterben meiner Urgroßmutter und mein „Umzug“ nach Holland war doch etwas viel und strapaziös für alle.

Und nun war der Tag da. Meine Mutter und ich fuhren nach Holland und ich sollte für die kommenden vier Jahre eine Internatsschule besuchen, eine Klosterschule.

Steyl

Willi denkt…

Willi denkt…

Meinem Aufenthalt auf dem Land habe ich ja ganz entspannt entgegen gesehen, doch die ersten Tage waren nicht einfach – für keinen von uns.
Es ging und geht mir gut, ganz ohne Frage, aber meine Hundeeltern haben sich aus dem Staub gemacht und mich in völliges Neuland gesetzt.
Andere Menschen um mich herum, ein Haushund, der sein Revier verteidigt, andere Zeiten, einfach alles ist anders.
In den ersten zwei Tagen war ich ganz orientierungslos, aber schließlich ich fand mich zurecht. Ich hatte unsägliches Heimweh und das brachte ich auch lautstark zum Ausdruck. Ich hatte Depressionen.

Dass ich hier nun so viel laufen sollte, hatte man mit mir auch nicht abgesprochen und so fing ich am zweiten Tag bereits an zu streiken. Ich legte mich einfach hin und ging nicht weiter. Außerdem war es kalt und ich begann am ganzen Körper zu zittern. Ja, ich gebe zu, ich bin ein verwöhnter Stadtwohnungshund und wenn wir nicht gerade unterwegs sind, liege ich am liebsten an meiner warmen Heizung.
Meine Pflegemutter war ganz erschrocken und hatte schon Befürchtungen, meine Lebensgeister verließen mich nun. Und das, wo meine Hundeeltern am anderen Ende der Welt weilten und immer fleißig Fotos schickten.
Nun, zweimal hat mich meine Hundemutter nach Hause getragen. Dann war ihr das zu bunt. Das kleine und große Geschäft lässt sich ja in unmittelbarer Nähe erledigen, ansonsten habe ich es geschafft, dass Marci und ich im Garten herumlaufen und uns in den letzten zwei Tagen immer ein schönes Sonnenplätzchen im Garten gesucht haben.

Man bedenke, dass ich in Menschenjahren 91 Jahre zähle und sicher schon die Pflegestufe zwei beanspruchen könnte. Meine Hundemutter wird mich sicher wieder drei Mal am Tag durch die Gegend scheuchen und bis dahin ruhe ich mich hier aus.

Mittlerweile fühle ich mich jedoch sauwohl. Marci und ich spielen viel miteinander, bis wir beide aus der Puste sind, der Hundepflegevater geizt – im Gegensatz zu meinen Eltern – nicht mit dem einen oder anderen Leckerchen. Figürlich kann ich mir das leisten.

Wenn meine Hundeeltern allerdings noch einmal für längere Zeit wegfahren – und das werde ich ihnen deutlich klarmachen – nehmen sie mich entweder mit oder sie warten, bis ich jenseits der Regenbogenbrücke bin. Oder aber – ich darf wieder hierher kommen. Wenn ich am Dienstag abgeholt werde, muss ich doch mal leise fragen, ob ich mich auch gut benommen habe.
„Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ – das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere.

Willi