Elfchen in Corona-Zeiten

WEITE
KEIN HORIZONT
EINE SCHEINBARE ENDLOSIGKEIT
DAS WARTEN FÄLLT SCHWER
EINSAMKEIT

 

BLAU
DIE AUGEN
SKEPTISCH DER BLICK
DAS VERSTECK SCHEINT SICHER
ANGST

 

MORGENS
EIN LÄCHELN
DEM NEUEN TAG
DAS ALLES GEHT VORÜBER
ZUVERSICHT

 

Elfchen ©G. Bessen 3/2020, Fotos pixabay

Aufbruch

Da bricht was auf an Zweigen,
gestern noch im Winterschlaf – und heute?

Da stürzt was ein im Leben,
gestern noch Unbekümmertheit – und heute?

Da treibt die Verzweiflung wilde Blüten
und heute bahnt sich Hoffnung zögerlich ihren Weg.

G.Bessen 3/2020

 

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (2)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

 

Sonnenuntergang
warm
fliegen

Der unsichtbare Gegner

Der junge Bademeister machte den Eindruck, als hätte er es mit einem direkten, aber unsichtbaren Gegner zu tun, dem er es deutlich zeigen wollte.

Zum Aufguss in der Mittagszeit hatte er eine Mischung aus Anis, Fenchel und Limone mitgebracht, und während er das heiße Wassergemisch in drei großen Kellen auf den Ofen spritzte und zufrieden auf dem Thermometer registrierte, dass 90 Grad warm genug sein sollten, nahm er das große weiße Badetuch in seine rechte Hand, begann es mit verbissenen Drehungen immer schneller und schneller zu drehen, als würde er dem Riesen Goliath gegenüberstehen und ihm persönlich ins Gesicht schlagen wollen. Die warmen Duftwellen begannen, wie heißer Wüstensand durch die Saunakabine zu fliegen.

Die wenigen Stammgäste, die sich noch hergetraut hatten, saßen über drei Etagen verteilt. Der Schweiß rann ihnen am Körper herunter. Es war still, auch lange nach dem Aufguss, bei dem das Schweigen oberstes Gebot ist. Möglicherweise dachte jeder daran, wie er der drohenden Katastrophe Corona die Stirn bieten könnte. Das Training des Immunsystems war auf keinen Fall verkehrt. In dieser Hitze würde sich jeder Virus freiwillig aus dem Staub machen.

Nach einem fantastischen Regenbogen klarte der Himmel am späten Nachmittag auf. Der beginnende Sonnenuntergang schien ein Stück Normalität über den Dächern von Berlin verkünden zu wollen. Doch der Schein wurde immer mehr zum Trugbild, denn stündlich verliert das pulsierende Leben in der Hauptstadt seine Lebendigkeit.

Corona hat es fest im Griff.

236 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

Sonnenuntergang
warm
fliegen

 

Weggabelungen

Lukas hatte sich wie auf einem Verschiebebahnhof gefühlt. Mit dem Abitur frisch in der Tasche, hatte er akribisch genau sein ‚Gap Year’ in Australien und Neuseeland geplant, vorbereitet und dafür gespart. Ein Jahr das Leben in ‚Down Under“ zu erforschen, Land und Leute kennenzulernen, arbeiten und reisen und sich auf den Weg zur eigenen Berufsfindung zu machen, das war ein lang gehegter Traum von ihm, dem freundlichen jungen Mann aus Rostock.

Die verheerenden Buschbrände in Australien ließen erste Zweifel in ihm aufkommen, ob es sinnvoll sei, gerade jetzt nach Australien zu fliegen oder abzuwarten. Dabei hatte er solch eine Sehnsucht, dem zu milden, aber nasskalten deutschen Winter zu entfliehen und irgendwo warm und trocken an einem menschenleeren Strand zu sitzen.

Dann kam das Coronavirus und etwa zeitgleich stolperte er über eine Anzeige in einem Blättchen, das bei seiner Oma auf dem Tisch lag: Kloster auf Zeit in der Abtei Münsterschwarzach.

Was es nicht alles gibt, dachte Lukas kurz und verschwendete erst einmal keinen weiteren Gedanken daran. Er hatte, wie auch seine Eltern, mit der Kirche nie etwas zu tun gehabt, war nicht einmal getauft und doch googelte er nach ein paar Tagen intensiv, was es denn mit Münsterschwarzach so auf sich hatte.

Man lud ihn nach Münsterschwarzach ein, unverbindlich zu einem Kennenlerngespräch und Lukas fuhr hin. Die Gegend um Würzburg war ihm bisher vollkommen unbekannt und als er nach einem Schnupperwochenende in seine Hansestadt zurückkam, war er erfüllt von neuen Eindrücken.

Das lag nun zwei Wochen zurück.

Heute war er im Kloster angekommen, bereit für das dreimonatige Abenteuer ‚ora et labora’. Er hatte seinen Koffer ausgepackt, öffnete das Fenster seines spartanisch eingerichteten Zimmers, zog die milde Frühlingsluft tief in seine Lungen und genoss den Sonnenuntergang.

Australien konnte warten. Menschen mit ungewöhnlichen Lebensformen konnte er quasi vor der Haustür finden und kennenlernen.

300 Wörter

 

* Gap Year – ein Lückenjahr zwischen Abitur und Berufseinstieg

* Abtei Münsterschwarzach