Schafskälte

„Opa, ich muss Dir was erzählen!“ Aufgeregt kommt die sechsjährige Nicole in die Küche gerannt und setzt sich auf einen Stuhl an den Tisch, an dem ihr Großvater damit beschäftigt ist, sein Kreuzworträtsel zu lösen. „Liebchen, was ist denn los? Du bist ja ganz aufgeregt?“ Opa Heinrich legt seinen Stift weg und wendet sich seiner Enkeltochter interessiert zu. „Die Schafe auf Opa Werners Wiese sind bunt.“ „Wie … bunt?”, fragt Opa Heinrich erstaunt und überlegt, ob seine Enkelin vielleicht Fieber hat. „Na, bunt. Die Wiese sieht aus wie ein Osternest. Alle Schafe haben einen bunten Pullover an.“ „Nicole, das kann nicht sein. Die Schafe von Opa Werner sind gestern geschoren worden.“ „Ja, deshalb sind sie heute bunt. Ich bin nach der Schule bei Opa Werner gewesen und habe ihn gefragt, warum seine Schafe alle Pullover anhaben.“ „Und? Was hat Opa Werner gesagt?”, wollte Opa Heinrich erstaunt wissen. „Er hat gesagt, dass er die Schafe gestern geschoren hat. Und weil nun die Schafskälte ist und die Schafe nicht frieren sollen, hat er jedem Schaf einen Pullover angezogen, bis es wieder wärmer wird.“ Opa Heinrich nickte Nicole zustimmend zu, beschloss aber, sich nach dem Mittagessen selbst davon zu überzeugen, was auf Opa Werners Hof für kuriose Dinge geschahen.

© G. Bessen 2009

Das ist Teamwork, die eine schreibt, die andere zeichnet.
Das passende Bild zu der Geschichte von Gudrun :

Schafweide

Lebensabschnitte (14) Bildungsaufträge

Bildungsaufträge – Deutschunterricht

Gute-Laune-Bild DienstagSr. H., unsere langjährige Deutschlehrerin, war ein kleines und zartes Persönchen, immer schlank und mit  ausgesprochenen Trippelschritten. Ich kann mich nicht erinnern, sie je mit flachen Schuhen erlebt zu haben. Obwohl sie manchmal ein wenig „abgehoben“ wirkte, stand sie doch mit beiden Beinen mitten im Leben.

Ihr haben wir es zu verdanken, dass wir alle reines Hochdeutsch sprechen konnten und können, sämtliche Dialekte (und unsere Saarländerinnen hatten ganz viele davon) wurden uns mit einer Engelsgeduld ausgetrieben. Sie war ein regelrechter Artikulationsfreak. Ihre Handschrift war fein säuberlich und gestochen scharf, bis ins hohe Alter. Das erwartete sie auch von uns.

Uli (ich darf hier ihre Geschichte erzählen) hatte ein nachhaltiges Erlebnis mir ihr. In der neunten Klasse musste jede von uns eine Lektüre lesen, zu der sie dann in freier Erzählung, am Lehrertisch sitzen und referieren durfte. Ulis Thema war „ Das Gesicht im Nebel“, eine Erzählung von Peter Dörfler (1878 – 1955).

Sie saß ganz mutig vorne am Lehrertisch und schaute in die mehr oder minder interessierten Gesichter ihrer Mitschülerinnen, während unsere „Honorige“ noch ganz lässig am Fenster stand. Dabei umfasste sie mit einer Hand den Ellenbogen des anderen Armes, dessen Hand wiederum das Gesicht stützte, eine Körperhaltung, die jedem Schüler ein ungutes Gefühl signalisierte, wenn man da vorne vor der Klasse wie auf einem Präsentierteller saß.

Während ihres Vortrages sagte Uli sinngemäß, dass eine Person den Schauplatz verließ und „wech“ ging. Sr. H. unterbrach sie und sagte „weg“! Uli glaubte, sie hätte sie akustisch nicht verstanden und wiederholte ihren Satz. „er ging wech…“. Und wieder unterbrach Sr. H. sie und mahnte: „weg“. Uli war das offenbar zu blöd und sie formulierte ihren Satz einfach um. „Ja, er ging fort!“ Uns zauberte der Satz ein ganz breites Grinsen ins Gesicht, während Sr. H. ihr eine Ungehörigkeit vorwarf, nicht richtig artikulieren zu wollen. Vielleicht fühlte sie sich in ihrem immer sehr ernst genommenen Bildungsauftrag mal nicht ganz ernst genommen? Damit war der Vortrag jedenfalls  beendet und Uli durfte wieder an ihren Platz. Bis heute weiß ich nicht, was das „Gesicht im Nebel“ für eine Bewandnis hatte.

Aus dieser überzogenen Reaktion schließe ich, dass es ein rein „blauer“ Montag war.

Lebensabschnitte (13) Vom ICH zum WIR (2)

Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken. Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn leuchtet der Ginster so gut. Vorbei – verjährt – doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, ist leise. Die Zeit entstellt alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben. Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb. Ich habe dich so lieb.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Wir waren eine gute Klasse. Natürlich verlief unser Internatsleben nicht immer reibungslos, Freundschaften bildeten sich, wechselten, es bildeten sich neue. Das ist normal. Aber worauf es ankam, der Zusammenhalt, das Füreinander-da-sein, das funktionierte immer. Niemand wurde ausgeschlossen. Nie hat jemand  eine Mitschülerin verpfiffen oder bewusst in die Pfanne gehauen. Auch die beiden Schwestern in unserer Klasse standen hinter uns. Natürlich haben sie uns auch mal in die Schranken gewiesen, aber niemals vor anderen. Sie hatten immer ein offenes Ohr für uns.

Kürzlich schrieb mir eine Mitschülerin, dass sie sich gut daran erinnere, wie intensiv die Klassengemeinschaft vorher getagt hatte, um zu sehen, ob ich überhaupt in die Klassengemeinschaft aufgenommen würde. Einmal kam eine neue Schülerin, die gar nicht zu uns passte. Sie blieb auch nicht lange. Ich erinnere mich, dass wir eines Tages aus Protest gegen sie nur in rot-weiß herumliefen. Sicher ein Akt pubertärer Revolte, aber als dann klar war, dass sie nach den nächsten Ferien nicht mehr wiederkäme, fanden wir sie gar nicht mehr so schlimm und es gab sogar ein wenig Bedauern, als sie ging.

Als die zehnte Klasse begann und somit die Zeit der Mittleren Reife und des Abschiedes einiger von uns näher rückte, wuchsen wir erst recht zusammen. Poesiealben wurden herumgereicht, jede verewigte sich in den Alben der anderen, Briefe wurden ausgetauscht und kleine Geschenke machten die Runde.

Nach unseren Schulabschlüssen gab es mehrere Klassentreffen und noch heute haben wir untereinander mit einigen solch einen Kontakt, dass wir bis auf vier, die völlig abgetaucht sind, alle schnell wieder zusammenkommen könnten. Und wenn ich an den letzten Oktober denke, als ich drei von dreizehn wiedergesehen habe, so war das doch ein spontanes Minitreffen.

Das, was unsere Klassengemeinschaft bis heute auszeichnet ist die Tatsache, dass wir uns nach über vierzig Jahren noch so vertraut sind, als hätte es die Zeit dazwischen gar nicht gegeben. Ich hoffe, das nächste Klassentreffen findet statt, bevor wir uns alle per Rollator durch die Gegend bewegen müssen.

Ehemaligentreffen 2004

Lebensabschnitte (12) Vom ICH zum WIR (1)

Vom ICH zum WIR (1)

Denkt Ihr oft an Eure eigene Schulzeit zurück?

Steckt man mittendrin, hofft man, dass man der Schule bald entwachsen ist und später sehnt man sich oft nach ihr zurück, nach den Ferien und auch nach denen, mit denen man einen Teil des Lebensweges gegangen ist.

Habt Ihr noch Kontakt zu ehemaligen MitschülerInnen?

Eine Klassengemeinschaft zeichnet sich durch eine gute Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen und eine offene Kommunikation aus. Respekt und Akzeptanz sind die Grundlagen dafür. In einer Klassengemeinschaft schaffen Werte wie Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Gewaltlosigkeit die Basis, als Klasse zusammen zu wachsen. An diesem Prozess muss jeder mitarbeiten.

Aber es ist auch normal, dass man nicht jeden gleich gern mag. In pubertären Zeiten wechseln die Freundschaften wie die Unterhosen, der Zickenalarm wird zur Dauerbelastung und oft kommen Entwicklungen dazu, die eine Klassengemeinschaft auf eine harte Probe stellen. Statt einer Klassengemeinschaft haben wir es mit einem wahllos zusammen gewürfelten Haufen zu tun, der zufällig in ein- und demselben Jahrgang ist und mit der Wechselhaftigkeit des Aprilwetters um die Wette eifert.

Das heutige Kurssystem hat zwar den Vorteil, dass Schüler eher nach ihren Fähigkeiten gefördert werden können, für das Zusammenwachsen einer Klasse ist es jedoch eher hinderlich.
Wenn sich am Ende der gemeinsamen Schulzeit Freundschaften gebildet haben, die weitere Lebensstürme unbeschadet überstehen, hat sich die gemeinsame Arbeit gelohnt.
Bei stayfriends kann man nach früheren Mitschülern suchen. Ich war da angemeldet und es haben sich auch einige gemeldet, doch deren Namen waren für mich reine Nebelschwaden und ich habe mich dort wieder abgemeldet.
Zehn Jahre nach unserem Abitur gab es ein Treffen mit meiner Berliner Abiturklasse, es war so nichtssagend, dass ich die Zeit dieses Abends sogar als vertane Zeit bereut habe.

Wie war das bei Euch?

Freundschaft