Ewigkeitssonntag – Totensonntag

„Den eigenen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.“
(Mascha Kaleko)

 

Wenn die Tage kürzer werden
und es früh schon dunkel wird,
gehören die Gedanken denen,
die längst nicht mehr bei uns sind.

Wie sie unser Leben prägten,
uns geformt Jahrzehnte lang,
mal mit Sanftmut, mal mit Strenge,
ohne uns je aufzugeben. 

Drum wir zünden Kerzen an,
stehen still an ihrem Grab,
voller Dankbarkeit und Liebe,
besonders heut’, an diesem Tag.

Selbst, wenn sie nicht  mehr bei uns sind,
in unseren Herzen leben sie.
Und die Kerzen auf den Gräbern
leuchten voller Harmonie.

©Text und Foto:  G.Bessen

 

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20

Einladung  von   Christiane   zur letzten regulären Etüde in diesem Jahr,  für die aus 3 Wörtern eine Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern entstehen soll.

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern

Magische Orte

„Nimm Platz“, forderte mich die hölzerne Bank mit einem stummen Impuls auf. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Eigentlich hatte ich keine Zeit, wenn ich daran dachte, was dieser Tag von mir noch abverlangen würde. In alten Akten konnte ich jedoch später noch stöbern, sie lagen ohnehin verstaubt und regungslos im Keller des Gerichtes herum und wurden von einem immerzu griesgrämig dreinschauenden Vorzimmerbeamten bewacht. Ich zögerte, innerlich unruhig und hin- und hergerissen. Doch ich konnte mich dem Zauber dieses Ortes nicht erwehren und nahm Platz. Schließlich war der Tag in seiner jahreszeitlichen Helligkeit und in seinem sanften Licht begrenzt.

Für einen Moment schloss ich die Augen, atmete tief durch und spürte, wie mich eine befreiende Ruhe durchflutete. Alle meine Sinne waren bereit, das vor mir und um mich herum sichtbare Schauspiel des leuchtenden Novembers in mich aufzunehmen und darin zu versinken. Der milde Herbsttag hielt mich umfangen und die Kraft der Umgebung durchströmte mich wie eine Quelle der Wiedergeburt. Stille umfing mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort letztendlich gesessen hatte. Als ich die Augen öffnete, lag der See wie schlafend vor mir. Nur ein ganz leichtes Säuseln des Windes und ein sanftes Schaukeln der Blätter verrieten mir, dass ich mitten in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt war.

Erfüllt mit neuer Kraft und Tatendrang machte ich mich auf den Weg in mein Büro und dankte dem Himmel für diese Kraft spendenden Minuten.

© Text und Fotos : G. Bessen, 233 Wörter

Angeeckt

Angeeckt
Die Gefühle nicht versteckt
Den Worten ihren Lauf gelassen
Ohne dabei zu erblassen.

Dem anderen
Hab’ ich mitgeteilt
Dass er zu weit geht
Meilenweit.

Die Botschaft
Hat er wohl verstanden
Es ist an ihm
Nun doch zu handeln.

Mir ist jetzt
Wohlig warm ums Herz
Mich plagt kein
Übler Magenschmerz.

© Text und Foto: G.Bessen

 

 

Briefe von Dir

Briefe von Dir
bleiben mir
aus einer Zeit,
so nah und doch so weit.

Wir waren jung,
naiv, verliebt,
voll Staunen,
dass es so was gibt.

Ich weiß nicht,
wo Du heute bist
und wer
an Deiner Seite ist.

Briefe von Dir
bleiben mir,
zarte Worte
auf vergilbtem Papier.

 © Text und Foto: G. Bessen

Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.20 |

Die Wörter für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2020 stiftete zum ersten Mal Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten:

Nachtlicht
lieblich
teilen

Mit diesen 3 Begriffen in maximal 300 Wörtern entsteht eine Etüde, zu der Christiane wieder mal eingeladen hat.

11.11.

Der Morgen brach an wie so mancher Morgen in den letzten Monaten. Es war ungewöhnlich still und der Mond begann, die letzten Schimmer seines ohnehin diffusen Nachtlichtes einzusammeln. Die Welt lag noch in tiefem Schlummer und schien keine Eile zu haben, das mit Überschwang zu ändern.

Dieser beginnende Tag war legendär und von reichem Brauchtum geschmückt. Einst ein wichtiger Markttag im Mittelalter und früher der Beginn der vorweihnachtlichen Fastenzeit, hatte auch der heilige Martin sicher jedes Jahr seine Freude, wenn Kinder mit ihren selbst gebastelten Laternen singend durch die Straßen zogen, Pferd und Reiter mit glänzenden Augen folgten und sich auf die Martinsbrezeln und heißen Kakao freuen durften. Ganz froh war es vielen Martinsgänsen ums Herz, denn in diesem Jahr waren viele von ihnen unerwartet mit lebensrettenden Maßnahmen beschenkt worden.

Und die närrische Zeit, jedes Jahr um 11 Uhr 11 mit Getöse ausgerufen, würde sich heute wohl eher mit einem lieblichen Säuseln zufriedengeben müssen.

Alles war anders an diesem 11. November, aber musste es daher schlechter sein?

Wie immer im November rieselten die trockenen gelben Blätter von den Bäumen und legten sich in den Schoß von Mutter Natur zur winterlichen Ruhe. Der naturgegebene Verlauf des Jahres nahm auf die Menschen ohnehin keine Rücksicht.

Die dem Menschen auferlegte Stille lässt zur Ruhe kommen und darüber nachdenken, was wir eigentlich wirklich brauchen. Sind es die heroischen Taten, vielfältige Erlebnisse und lauten Spektakel, die unser Leben definieren oder können wir uns wieder darauf besinnen, fast unscheinbare Begebenheiten ins rechte Licht zu rücken, kleine Ursachen mit großer Wirkung zu erleben und das miteinander zu teilen, was unsere Welt ein wenig heller und lebenswerter macht?

Ein DANKE, ein freundliches Lächeln, eine Geste der Hilfsbereitschaft reichen oft schon aus. Nicht die großen Sprünge sind entscheidend, viele kleine Schritte machen einen Weg ebenso zum unvergesslichen Erlebnis.

300 Wörter

© G. Bessen

9. November

9. November 1989

Als die Mauer fiel,
brandete Jubel auf.

Als die Mauer fiel,
überflutete Hoffnung das Land.

Als die Mauer fiel,
fielen wir uns in die Arme.

Als die Mauer fiel,
begann eine neue Zeit.

Wann endlich fällt
die Mauer in unseren Köpfen?

© Gisela Baltes

Quelle: http://impulstexte.de/

9. November 2020

Als Corona kam,
traf uns der Schock bis ins Mark.

Als der Lockdown kam,
stand unsere Gesellschaft zusammen.

Als die Zahlen rückläufig wurden,
blühten wir auf wie Sommerblumen.

Wann endlich begreifen wir,
dass nur ein Miteinander
aus dieser tiefen Krise führt?

© G. Bessen 11/2020

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20

Der Einladung von Christiane zum Schreiben von Etüden möchte ich nach langer Zeit wieder einmal folgen. Die Wörter für die Textwochen 43/44 des Schreibjahres 2020 stiftete zum ersten Mal Judith mit ihrem Blog Mutiger leben. Sie lauten:

Schmutzfink
fabelhaft
mopsen

Wie übergroße Schneeflocken rieselten die zarten gelben Blätter der Birken zu Boden, und die Zweige des Magnolienbaumes mit seiner fabelhaften hellen Blattfärbung schaukelten sachte im Wind. Als mache es dem Wind einen Heidenspaß, den Bäumen die bunten Blätter zu mopsen, sie sachte zu Boden zu tragen und  kleine Hügel damit zu bauen, erfreute  sich der alte Mann seit Stunden an diesem Naturschauspiel. Ein sanftes Lächeln lag um seine von Falten umrahmten Augen.

Und er sah sich selbst als kleiner Junge, zu allen Jahreszeiten ein Schmutzfink, wie seine Mutter ihn oft zärtlich betitelte, wenn er von seinen Streifzügen durch Felder und Wiesen mit leuchtenden Augen und rosigen Wangen nach Hause kam. Die Natur war sein Leben, und er verbrachte oft noch Stunden draußen, wenn andere Kinder noch an ihren Hausaufgaben oder längst im Schlafanzug schon vor dem Fernseher saßen. Er war stets in guter Obhut, denn Paula, seine treue Schäferhündin, war immer an seiner Seite und passte auf ihn auf.

Letztlich war Paula mit dreizehn Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, doch seine Liebe zur Natur und zu den Streifzügen blieben angstfrei und ungebrochen.

Nun stand er selbst mitten im Herbst seines Lebens und blickte zufrieden zurück auf das, was an Leben und Erlebtem hinter ihm lag. Seine eingeschränkte Mobilität ließ ihn nicht mehr aktiv an allem teilhaben, doch er hatte so viel inneren Reichtum angesammelt, von dem er zehren und seine Gegenwart genießen konnte. Angekommen in der eigenen Mitte und ganz bei sich, scherte ihn nicht, was die Zukunft bringen würde.

Er konnte ohnehin wenig Zukünftiges beeinflussen und gab sich ganz dem Jetzt hin. Was kommen sollte, käme ohnehin. Das war seine Philosophie.

Ein Eichhörnchen jagte den Baumstamm hinauf, blickte sich keck nach allen Seiten um und rannte weiter. Konnte es Schöneres geben, als das zufriedene Leben im Hier und Jetzt?

300 Wörter

© G. Bessen