PERFECT TIMING

Perfect timing

Im Abstand von drei Minuten versuchen unterschiedliche Alarmsignale den komatösen Zustand zu beenden. Als Antwort gibt es lediglich einen unsanften Stups, zielgerichtet auf eine nahe Schlummertaste.

„Heute ist Freitag, der 15. November,… es ist sieben Uhr und fünf Minuten … Wolkendecke,… gelegentliche Aufheiterungen … Höchsttemperatur 6 Grad …“ dann der ultimative Klick und alles läuft wie am Schnürchen. Wenige Augenblicke später röhrt die Kaffeemaschine vor sich hin und eine heiße, braune Flüssigkeit gleitet sanft und wohl riechend in die Glaskanne. Mittlerweile wird auch der Rest der Mannschaft wach. Der Hausherr verschwindet verschlafen im Badezimmer, ein müder Vierbeiner sitzt an der Eingangstür, macht einen Katzenbuckel, streckt und rekelt sich und schaut verschlafen in den kühlen Garten, unschlüssig, ob er das erste ‚Austreten‘ mit einem weiteren Schlummer im Körbchen eintauschen sollte.

Nach der ersten Tasse Kaffee lässt das Rheuma in den Augen nach und die Lebensgeister erwachen, Sinn für Sinn.

Noch jeden Morgen müssen die jahrzehntelang eingeübten Handgriffe sitzen, vom Betten machen bis zum Duschen. Beim Haarewaschen wird das Outfit des heutigen Tages gedanklich durchgespielt, in Abhängigkeit von den zu erwartenden In- oder Outdoor-Aktivitäten und eventuell zusätzlichen spontanen Unternehmungen.

Jeans sind immer die praktischste Variante, dazu etwas Kurzärmeliges und eine Weste oder leichte Strickjacke oder ein Pullover. Wenn das Grobe soweit in Sack und Tüten ist, kommen die Feinheiten.

Die zweite Tasse Kaffee wandert mit ins Bad, denn der Kampf mit den Kontaktlinsen beginnt. Fatal, wenn man bei noch nicht hinreichender Konzentration rechts und links verwechselt. Dann ist der Blick den ganzen Tag aus der Bahn geworfen. Und nicht jeden Morgen sind Kontaktlinsen bereit, an Ort und Stelle zu haften. Der Herr des Hauses wartet jeden Morgen auf den gellenden Aufschrei „Komm mal bitte und bring die Taschenlampe mit.“ Kontaktlinsen auf weißen Bodenfliesen zu suchen, macht am Morgen wach, aber so was von hellwach.

DER Schrei kommt nicht, dafür aber ein unmissverständliches „Sch…“. Der Herr des Hauses hält den Atem an, ist sprungbereit, um jede erdenkliche Form der Ersten Hilfe zu leisten. Die Dame des Hauses sprintet hoch, reißt die Kleiderschranktür auf und greift mit einer einsetzenden Schimpfkanonade nach einem neuen Oberteil.

„Was ist passiert?“, fragt der Herr des Hauses ein wenig nervös. Statt einer Antwort bekommt er das dunkle Shirt mit einem deutlichen Zahnpastaklecks in Busenhöhe vor die Nase gehalten. Der gut gemeinte Versuch, die Sache zu entschärfen, wie „Hat die Erde heute wieder eine besondere Anziehungskraft?“, wird lediglich mit einem stummen bösen Blick beantwortet. Er kann sich getrost seiner Aufgabe widmen, das Frühstück weiter vorzubereiten.

„Ich glaube es nicht!“ Die Tonlage verrät: Gewitter im Anmarsch. Der Vierbeiner hat es sich anders überlegt, hat die angelehnte Tür gesehen und marschiert eine Runde durch den Garten. Die Regel „Ich-bleibe-an-der-Tür-sitzen-bis-die-feuchten-Pfoten-sauber-gewischt-sind“, hat ihm heute Morgen niemand zugeflüstert und ist damit gerade außer Kraft gesetzt.

Mit einem freudigen Satz springt er an Frauchens Hosenbeinen hoch, als hätte er sie ewig nicht gesehen. Die hellblaue Jeans wäre das gefundene Fressen für jede Spurensicherung. Deutlich zeichnen sich die schmutzigen Pfoten am rechten und am linken Hosenbein ab.

Der Frauchen-Blick spricht Bände, die blaue Jeans wird durch eine schwarze ersetzt. Der Herr des Hauses geht vorsorglich in Deckung, denn würde er nun doch seine Lieblingsbemerkung loslassen „Schatz, du bist spät dran!“, wäre ein Donnerwetter wohl zwangsläufig die Folge. Zwischen einer herunter geschlungenen Scheibe Toast, einem erneuten schnellen Zähneputzen und dem Griff nach Tasche und Autoschlüssel ist eines klar: Der Morgen ist aus dem Zeittakt geraten.

Der Herr des Hauses versucht nicht hinzuhören, als die Gattin viel zu schnell vom Hof reitet. Das arme Auto, denkt er nur. Ohne Hindernisse ist der Weg zum Ziel in 20 Minuten zu schaffen, die normale Zeit beträgt 30 Minuten. Auf der Straße durch den Wald, der um diese Zeit noch unter Nebelschwaden liegt, sind die Risiken enorm. Von rechts und links können sie kommen, einzeln oder in Rudeln. Keine Radfahrer, keine Autos, auch keine Weihnachtsbäume von oben, sondern Wildschweine und anderes Getier. Die Augen laufen zu Höchstleistungen auf, denn die Kontaktlinsen haben sich formvollendet an den Tränenfilm des Auges angepasst und schwimmen gleichförmig in der Augenflüssigkeit mit.

Am Ortseingangsschild hat die vernünftige Fahrweise mit Tempo fünfzig wieder Vorrang, an dieser Stelle gibt es häufig so etwas wie ‚Wetterleuchten‘ und das ist auf Dauer eine Menge Geld.

Nun noch eine seit Wochen aufgestellte Baustellenampel. Aus völlig unerfindlichen Gründen ist das Rechtsabbiegen plötzlich nur noch für Einsatzfahrzeuge gestattet. Baustellenampel grün, – der Blick nach rechts – den Blinker gesetzt und abgebogen (gelernt hat sie das von einer Nachbarin, die sich den morgendlichen Umweg von mindestens fünf Minuten und drei Ampeln inzwischen erspart). Außerdem ist man auf dem Weg zum Arzt im Einsatz und somit auch ein Einsatzfahrzeug.

Die allerletzte Hürde ist die Parkplatzsuche. Die verlorene Doppel-Anziehzeit ist wieder aufgeholt, der dringend benötigte Parkplatz wartet bereits wie ein Geschenk und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass alles wieder im Zeitfenster ist.

Pünktlich zum Termin steht sie vor der Zahnarztpraxis. Nach einem fröhlichen „Guten Morgen“ mit Zahnpastalächeln kann der Tag beginnen.

Und – wer abends nicht ins Bett kommt, weil er eine Nachteule ist, wird am Morgen nicht zur Lerche, auch nicht als Rentnerin.

© G. Bessen

 

 

13 Kommentare

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