Abhängen

Vielleicht hänge ich noch ein paar Tage dran und rum, jedoch sicherlich nicht durch …

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abc-etüde Textwoche 8/18

Danke an Christiane für die Einladung und an Ludwig für die Illustration.

Die Wörter für die Textwoche 08.18 wurden von Petra Schuseil und ihrem Wesentlich-Werden-Blog (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) gespendet und lauten:

Pimpinelle (hier nachlesen)
stürmisch
glucksen.

 

Die Pimpinelle

Die zierlichen Köpfe der Familie  Pimpinelle schaukelten im Wind, denn es war recht stürmisch geworden. Für den Betrachter, der am Feldrand stand, bot sich ein amüsantes Bild. Es schien, als sei hier ein unbekannter Künstler mit einer perfekten Choreografie wie Phönix aus der Asche erstanden. Der aufmerksame Beobachter konnte jedoch noch mehr wahrnehmen. Die Familie der kleinen Wiesenknöpfe, denn so hieß die Familie der Pimpinelle im Volksmund, lauschte der Melodie des Windes und schunkelte im ¾-Takt einer Walzermelodie mal nach rechts, mal nach links.

Dabei schienen die kleinen Blüten vor Freude zu glucksen, so einen Spaß machte ihnen die Bewegung in der Hitze des späten Sommertages. Doch die Idylle war trügerisch, denn bereits am Horizont tauchten dunkle Wolken auf, die sich wenig später erbarmungslos mit dicken und schweren Tropfen über die fröhliche Pimpinellenschar ergießen und  die Jüngsten unter ihnen erbarmungslos mitreißen würden.

Das waren die Gesetze der Natur und sie nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden. Doch bis es so weit war, erfreute sich die Blütenschar ihres noch jungen und bewegungsreichen Lebens. Manchmal ist ein kurzes erfülltes Leben wertvoller als ein langes und freudloses.

©G. Bessen

 

 

abc-etüde Textwoche 7/18

Christiane hat wieder eingeladen:

Für die abc.etüden, Woche 07.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd und lauten: Ohnmachtsanfall, angekohlt, piddeln.

Alter schützt vor Torheit nicht

Oma Gitti war das, was man eine toughe  Oma nannte, ohne Rücksicht auf Verluste und zu jeder Schandtat bereit.

Ihre Freundinnen und Freunde hatten bereits den Friedhof als letzten Wohnsitz erwählt oder fristeten ihr Dasein im Seniorenheim mit Pflegeanschluss. Nicht so Oma Gitti, die sich tapfer jeden Tag mehrere Stunden mit ihrem neuen Laptop befasste um den Anschluss an die große weite Welt nicht zu verlieren.

Sie konnte nicht leugnen, dass sie jeden Tag mehrmals einem Ohnmachtsanfall nahe war, wenn sie sich bemühte, den Irrungen und Wirrungen des WWW zu folgen und auch noch verstehen zu wollen. Oma Gitti hatte alle Zeitungen abbestellt und doch fühlte sie sich nicht selten angekohlt, wenn sie die neuesten Nachrichten oder  Promi-News las oder sich auf Seiten bewegte, von denen sie nicht einmal zu träumen gewagt hatte.

Ihr Neffe war erfolgreicher  Blogger und hatte es  ihr schmackhaft  gemacht, den Weiten des WWW von ihrem so aufregenden Leben zu erzählen. Somit piddelte Oma Gitti bei wordpress an einer kostenlosen Blogseite herum, bis ihr das Layout wirklich gefiel und sie sich entspannt zurücklehnen konnte. Was sie auch anstellte, die Werbung, die sich immer wieder einstellte, bekam sie nicht weg, da konnte sie piddeln, was sie wollte.  Nach ihren ersten Blogbeiträgen meldeten sich Menschen, die unbedingt mehr wissen wollten, sie ermutigten und ein regelrechtes Feuerwerk der Begeisterung in ihr entfachten. Und als die „Blogspione“ ihren Blog entdeckten und sie zur interessantesten Bloggerin des Jahres gekürt hatten, fiel Oma Gitte doch wahrhaftig in Ohnmacht und verlor kurzseitig das Bewusstsein, aber nur ganz kurz, ein Freudenohnmachtsanfall, der schnell vorbei war.

©G. Bessen

abc-etüde Textwoche 6.18.2

Christiane lädt ein, Ludwig illustriert und ich durfte die Wörter spenden

knallvergnügt
verzichten
Unterhemd

Tolle Tage

Rolf war an diesem Morgen alles andere als ‚knallvergnügt’, als er die Augen öffnete und sich verwundert umsah, in welchem Bett er dieses Mal gelandet war, denn er konnte sich an nichts erinnern und in seinem Kopf hämmerte es obendrein, als sei eine ganze Schar Spechte fröhlich am Werk.
Es war immer wieder das Gleiche, der sonst so biedere Finanzbeamte und Ehemann ließ an Karneval so richtig die Sau raus und wirklich nichts anbrennen, während seine Gattin Sabine – eine Karnevalsmuffeline – die tollen Tage mit einer Freundin zu einem Wellnessurlaub auf Sylt nutzte.
Als gebürtiger Rheinländer konnte, und wollte er darauf nicht verzichten und so plante er das ganze Jahr über akribisch, welches Kostüm ihm so viel Sicherheit garantierte, dass ihn auch wirklich niemand aus seiner Behörde erkannte.

Schweißperlen standen plötzlich in seinem Gesicht, als er genauer betrachtete, was er am Körper trug, denn sein schwarzes Baumwollunterhemd und sein passender Slip waren durch eine Art Hausanzug aus Seide ersetzt worden.
Er sank resigniert zurück in die Kissen und versuchte verzweifelt, sich an Einzelheiten des gestrigen Abends zu erinnern – vergeblich – Filmriss.

Als die Schlafzimmertür aufflog und ein knallvergnügter blonder junger Mann mit einem Frühstückstablett in der Hand und einem fröhlichen ‚Guten Morgen, mein Lieber’ auf den Lippen zielgerichtet auf das Bett zusteuerte, spürte Rolf, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg.

Alles, nur nicht das, durchfuhr es ihn, wobei der junge Mann, der sich nun auf seine Bettkante platzierte und ihm eine Tasse dampfenden Kaffees in die Hand drückte, nicht jemand war, den man in solchen Kreisen von der Bettkante stoßen würde.

Doch bei aller Toleranz war das absolut nicht seine Neigung und Rolf blickte sein Gegenüber fragend an, in der Hoffnung, er würde ihm schnellstens auf die für ihn so lebenswichtigen Sprünge helfen.

„Wie bin ich … ähm … hier gelandet und wer bist Du?“, kam es Rolf zögerlich … die Lippen, „und … ähm … haben wir …“, und dann stockte er, denn er fand nicht die richtigen Worte und der heiße Kaffee auf seiner pelzigen Zunge machte ein Weitersprechen ebenfalls unmöglich.
„Nein Schatz, leider, haben wir nicht, aber ich war so frei, dir ein Dach über dem Kopf anzubieten und dich mitzunehmen, nachdem wir am Tresen beide bis zum Umkippen auf deine Kosten getrunken und gequatscht haben, was ich als sehr bereichernd empfand und nun frühstücke erst einmal, damit du wieder in dein Leben zurückfindest.“

©G. Bessen

 

Zeit

Zeit
Zeiten
Ge-Zeiten
Zeitfresser
Zeitmesser
Zeitgewinn
Zeitvertreib
Zeiteinteilung
Zeitvergeudung
Zeiterscheinung
Zeitmanagement

Die Zeit rast,
ich hinterher,
versuch sie zu fassen,
sie stellt sich quer.
Sie verhöhnt mich,
lacht mich aus.
Ich geb’ es auf,
und lass’ sie walten,
sich deshalb zu ärgern,
bringt unnötig Falten.

© G.Bessen

 

 

 

abc-etüde Textwoche 6.18

Christiane lädt ein, Ludwig illustriert und ich durfte die Wörter spenden

knallvergnügt
verzichten
Unterhemd

Glühwürmchenblinkeffekte

 Der Winter war irgendwie ausgefallen, die Weihnachtszeit jedoch nicht, und so manche Menschen taten sich schwer daran, sich ihrer Weihnachtsbeleuchtung zu entledigen, denn jeden Abend um Punkt 18 Uhr, wenn Max seine erste Schreibtischrunde mit den Unterrichtsvorbereitungen für den kommenden Tag beendete, um zu Abend zu essen, flackerte es einmal kurz und kräftig, und bei Familie Meyer schräg gegenüber gingen die bunten Lichterketten auf dem Balkon an und in den mit Tanne geschmückten Kästen leuchtete es blau, grün und rot.
Familie Peters nebenan hatte wohl ähnliche Trennungsschmerzen, denn nur wenige Minuten später als bei Familie Meyer leuchtete ein goldgelber Mond, in dessen Sichel ein rot gekleideter Weihnachtsmann schaukelte, über der Fensterfront hingen weiß leuchtende Eiszapfen und dunkelblaue Eiskristalle und über der Balkontür leuchtete ein knallroter Herrnhuter Stern.
Max und Josephine hatten zwar auch zu Weihnachten Lichterketten an den Fenstern, aber dezent und in einem warmen Gelbton, doch sobald Silvester und Neujahr vorbei waren und das frische  Jahr knallvergnügt und mit unbändiger  Kraft vor ihnen lag, wollten sie auf eine verlängerte Weihnachtszeit verzichten und entweihnachteten ihre gemütliche Dreizimmerwohnung recht schnell.

Die dunkle Jahreszeit war noch längst nicht vorüber und ein wenig Licht am Abend war angenehm, doch warum so ein Glühwürmchenmöchtegerneffekt, der die Augennerven bis aufs Äußerste reizte und womöglich noch Augenkrebs auslöste?

Es waren ja nicht nur die Nachbarn gegenüber, deren Lichter auf eine penetrante Art und Weise leuchteten, der ganz normale Straßenverkehr und das wilde Geblinke der Ampelphasen taten ihr Übriges, sodass Max am Abend aus reinem Selbstschutz für seine Augen und seine Nerven die dunkelblauen Übergardinen zuzog, um die Atmosphäre seines Arbeitsplatzes nicht zu gefährden.

Es würde nur noch wenige Monate dauern und Max würde das bisherige Arbeitszimmer ins Wohnzimmer integrieren, damit Klein-Max oder Klein-Josephine abends in seinen oder ihren wohlverdienten Schlaf fallen würde.

Doch, Max zuckte bei diesen Überlegungen zusammen, würde es seinem Kind keinen Schaden zufügen, wenn das Kinderzimmer für das Baby  genau zur Straßenseite hinausging, mit all dem Straßenlärm und unzähligen  möglicherweise auf Dauer verlängerten weihnachtszeitlichen Lichtquellen, die dem Kind schon jetzt einen späteren Therapieplatz garantierten?

‚Du hast  ja  schon einen Berufsschaden’, durchfuhr es den Junglehrer, wenn er an all die Kinder aus seiner Klasse dachte, die bereits jetzt  schon in irgendwelchen Verhaltens-, Spiel und Gesprächstherapien saßen, um ihre Defizite aufzuarbeiten.

Ein Schweißausbruch am ganzen Körper zwang ihn, sich seines Unterhemdes zu entledigen.

Seinem Kind würde das nicht passieren, das nahm er sich fest vor und gleich morgen würde er mit Josephine eine Art Finanzplan machen und überlegen, wie ihre finanziellen Möglichkeiten für ein kleines Häuschen im Grünen aussahen.

© G. Bessen