Novembernebel

VON
NEBELSCHWADEN
EINGEHÜLLT
GEDANKEN
SCHEMENHAFT
IDEEN
UNDURCHSICHTIG
ABSICHTEN
UNKLAR
BIS DER NEBEL
SICH VERZIEHT
UND DER KLARHEIT
RAUM GIBT

nebel

©Text und Foto: G.Bessen

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Der Lauf des Tages

Der Lauf des Tages

Der Morgen blinzelt
aus grauverhangenen Augen.
Sein Schnaufen lässt
die Blätter tanzen.
Trübe ist der Tagesblick,
voller Sorgen sein Gesicht.
Er weint.
Die Nacht umfängt mich
in Dunkelheit und Stille.
Fürsorglich.

© G. Bessen

abc-Etüde 45.46.18

Ein neuer Sonntag, eine neue Schreibeinladung von Christiane. Die neuen Wörter für die Textwochen 45 und 46 des Schreibjahres 2018 stiftete Bettina vom Wortgerinnsel. Sie lauten:

Knirps
grotesk
notieren

 

 

Nur nicht klein bleiben!

 „Du hast wohl nicht genug Senge gekriegt!“ – „He, bleibst du so, oder wächst du noch?“

Beleidigende Aussprüche dieser Art war Marius seit der Grundschulzeit gewöhnt und dass er von vielen nur der „Knirps“ genannt wurde, machte ihm schon lange nichts mehr aus.

Doch er hatte einen langen Weg hinter sich, die vielen Verletzungen, die auf seiner kleinen verwundbaren Seele hässliche Narben hinterlassen hatten, zu verschmerzen.

Als Kind fand er es grotesk, wenn er mit seinen Eltern unterwegs war, ja, er schämte sich sogar, denn sein Vater war extrem groß und seine Mutter war kleinwüchsig wie er.

Als der Vater mit einer anderen Frau eine neue Familie gründete, in der größenmäßig alles stimmte und den gängigen Vorstellungen entsprach, kamen Marius und seine Mutter auch gut alleine klar.

Seine körperliche Besonderheit versuchte Marius mit geistiger Intelligenz auszugleichen, mit Erfolg. Nach einem Abitur mit Bestnoten und der eigenen bitteren Erfahrung, beim Kauf von passender Kleidung für Kleinwüchsige doch sehr viele Unannehmlichkeiten inkauf nehmen zu müssen, stand sein Berufswunsch fest.

Er durchkreuzte die gängigen Maßstäbe der Modeindustrie, dass Menschen heutzutage groß, schön und schlank sein müssten, und begann mit Eifer und Freude, Modedesign zu studieren. Modemessen in ganz Europa waren seine Leidenschaft und er begann, sich alles, was in irgendeiner Form für ihn nützlich war, zu notieren und zu dokumentieren.

Mit der unermüdlichen Unterstützung seiner Mutter gelang es ihm nach einem erfolgreichen Studium, sich mit einem kleinen Geschäft in der Innenstadt von Kassel selbstständig zu machen. Er entwarf Kleidung für kleine Menschen, die er gemeinsam mit seiner Mutter nähte und in seinem eigenen Laden verkaufte. Nach wenigen Jahren zog Marius Geschäftsidee immer größere Kreise und sein Konzept war aufgegangen. Die Industrie begann in größerem Umfang Kleidung für Kleinwüchsige zu produzieren.

Der Knirps, wie er als Kind oft verächtlich genannt wurde, war ganz groß geworden.

300 Wörter

© G. Bessen

abc-Etüde 43.44.18(4)

Die Wörter für die Textwochen 43 und 44 des Schreibjahres 2018 von Bernd redskiesoverparadise setzen ja eine Flut von Etüden frei und die Geschichten stürmen die Charts …  Eingeladen hat, wie immer, Christiane.

Es geht immer noch um:

Pfründe
mondän
lassen

Jedem das Seine

Sein Leben ist ein Leben im puren Luxus, ja, man könnte sagen: Maßgeschneidert, fast schon mondän. Er kann alle Viere gerade sein lassen, ohne sich um irgendetwas kümmern zu müssen. Wer kann sich diesen Luxus leisten?Und wenn wir schon bei ‚leisten’ sind: Pfründe und alles, was damit in Zusammenhang steht, interessieren ihn nicht die Bohne.

Apropos Bohne: Im übertragenen Sinne hat er sie in den Ohren. Also bitte, nicht wirklich, nur sinnbildlich gesprochen! Manche Menschen haben ja auch offensichtlich Tomaten auf den Augen, aber nicht wirklich rote Bällchen, höchstens rote Bäckchen! Bohnen in den Ohren bedeutet: er hört fast nichts, was durchaus auch von Vorteil ist, denn einen eigenen Kopf hat er auch und den darin enthaltenen Verstand nutzt er intensiv, nur für sich. Man sieht es ihm förmlich an, wenn sich die Gehirnwindungen bewegen und die großen schwarzen Kulleraugen auf einem ruhen – fragend, auffordernd und voller Liebe.

Das ist durchaus sein positivster Charakterzug: Er sucht die Nähe, würde am liebsten den ganzen Tag kuscheln und sich selbst als lebendige Wärmflasche verschenken, ist absolut treu und dankbar – auf seine Weise.

Sein Luxusleben ist eine der Gerechtigkeit geschuldeten Belohnung auf das Leben davor, das er fünf Jahre lang führte, nicht ungeliebt von den Zweibeinern der Familie, aber gemobbt von einem vierbeinigen Geschlechtsgenossen, sodass die Flucht zu uns ein reines Überlebensexperiment war, fast ein gewagter Grenzübertritt.

So wie der römische Staatsmann Gaius Julius Caesar schon formulierte: „Veni, vidi, vici“ („ich kam, ich sah, ich siegte“), so dachte wohl auch Murphy, seit zwei Jahren unser geschätzter und geliebter Mitbewohner, dessen Vorzüge bereits im Zitat des verehrten Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, genannt Loriot, keiner weiteren Erläuterung bedürfen:

„Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“.

Und so bestreitet unser Mops sein Leben, in Ruhe, fressend, schlafend und … na ja …!  (300 Wörter)

Heute denken wir an unsere Dackeldame Cara,
die wir heute vor 5 Jahren mit nur 7 Jahren
über die Regenbogenbrücke schicken mussten.

Text und Fotos: G. Bessen

abc- Etüde 43.44.18 (3)

 

Auf dem Weg (2)

Das Loch, in das Peter gefallen war, schien ihm sehr tief. Um ihn herum waren die Wände rabenschwarz und wenn er glaubte, irgendwo einen Haltepunkt gefunden zu haben, an dem er sich hochhangeln konnte, passierte es immer wieder, dass er abrutschte und von vorne beginnen musste.

Doch er war bereit, sich helfen zu lassen. Seitdem er Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen hatte, war er ganz hin und weg von dessen Erfahrungen und bereitete sich auf eine andere Art des Verreisens vor, als er es bisher gewohnt war.

Peter hatte die Welt gesehen und war stets von einem mondänen Hotel ins nächste gezogen, hatte seine verlässlichen Pfründe – er hatte immer wieder Glück an der Börse gehabt – gut in die Welt gestreut, aber Erfüllung hatte er, wenn er ehrlich zu sich selbst war, nicht gefunden.

Sobald Bodo grünes Licht gegeben hatte, zog Peter mit Rucksack und derben Schuhen los. Er lebte schon so lange in Berlin, doch das Land Brandenburg war ihm fremd. Daher hatte ihn der Jakobsweg von Berlin über Wilsnack bis Tangermünde mit etwa zweihundert Kilometern gleich angesprochen, ihn, der religionslos und völlig ungeübt im Ausdauersport war.

Nach zwei Tagen, mit ersten Blasen an den Füßen, erreichte er das Storchendorf Linum und das große Rhinluch, das noch von den Leuten des „Alten Fritz“ entwässert wurde und gerade zu dieser Jahreszeit von Tausenden von Kranichen auf Nahrungssuche wimmelte, bevor sie in wärmere Gefilde ziehen können. Reiher, Fischadler, Graugänse, Biber Ottern und Rotwild hatten hier das Sagen, und der Mensch ließ sie gewähren.

Von dieser Erkenntnis blitzartig getroffen, wusste Peter, dass er auf einem neuen, einem richtigen Weg war, der seine Seele wieder gesunden lassen würde. Er kostete jede Minute an diesem überwältigenden Fleckchen Erde aus und saugte den Anblick dieses Fleckchens Erde auf wie ein ausgetrockneter Schwamm.

300 Wörter

© Text und Fotos (2017)G. Bessen