Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.19 (2)

Schreibeinladung von Christiane :

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2019 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die neuen Begriffe lauten:

Unbehaustheit
schwermütig
haschen

 

Zeitgeist

Heutzutage scheint das ‚Hotel Mama und Papa’ Hochkonjunktur zu haben. Nicht selten genießen die jungen Leute das elterliche Nest mit warmer Stube, gemeinschaftlich am gedeckten Tisch, sofern es der Familienterminplan zulässt. Bei stets gefülltem Kühlschrank, die Wäsche gewaschen und gebügelt im Schrank und nur bedingt erforderlicher häuslicher Mitverantwortung lässt sich das gut aushalten, bis die Ausbildung beendet ist oder die finanziellen Rücklagen eine eigene Wohnung mit dem gewünschten Komfort versprechen. Der edle Ritter auf dem weißen Pferd ist eher ein Relikt der Vergangenheit geworden.

Mit dem Abitur in der Tasche und einer erfolgten Immatrikulation an der Uni zog es Freundinnen und Freunde meiner Generation genau da weg. Nicht, dass das Verhältnis zu den Eltern schlecht oder gespalten war. Das Ausziehen war meist nur für die Eltern eine große Hürde und der schwermütige Blick in den mütterlichen Augen hing bei jedem Besuch wie ein Damoklesschwert in der Luft. Es ging auch nicht darum, zu haschen, zu kiffen oder andere Unsinnigkeiten anzustellen. Nein, wir wollten frei sein, selbstbestimmt leben, unsere eigene Welt entdecken und das Leben stemmen.

Eine Einzimmerwohnung im Hinterhaus einer Berliner Mietskaserne, oft auch noch mit einer Toilette auf halber Treppe, ohne Bad, mit einem Waschbecken in der Küche und dem Schleppen von Kohlen und Briketts gern in Kauf genommen – das war Freiheit pur, das war Studentenleben. Junge Leute heute würden so eine Wohnsituation eher als Unbehaustheit definieren, doch uns störte das damals nicht.

Solche Wohnungen waren preislich erschwinglich. Dass man für seinen Lebensunterhalt nebenher jobben ging – BAföG bekam ja nicht jeder – war selbstverständlich.

Mit wenig Geld in der Tasche, den eigenen vier Wänden und der Freiheit war das Studentenleben ein durchaus schönes und reich an Erfahrungen!

277 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“

 

3 Begriffe in maximal 300 Wörtern, dazu lädt Christiane wieder ein. Die Wörter für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2019 kommen heute von mir und lauten:

Himmelsleuchten
recycelbar
ausreisen

 

Im Wandel der Zeit

Zechenhaushinterhöfe, Schrebergärten und Brieftaubenschläge, das wollte man als junger Mensch nicht wirklich auf Dauer, oder? Die Welt bereisen, nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte, das waren schon damals meine geheimen Sehnsüchte.

Mit vierzehn Jahren hat man Lust, später mal die Welt zu sehen und das piefige Flair des Kohlenpottes auch mal über!

Eine vortastende Reise nach Berlin wurde recht bald zum beruflichen Wechsel des Familienoberhauptes mit einem Umzug für die gesamte Familie und auch, wenn der Blick aus dem Wohnzimmerfenster der siebten Hochhausetage auf das triste Niemandsland hinter der Mauer fiel, so boten die Blicke aus den anderen Fenstern die Aussicht auf eine junge, im Entstehen begriffene Trabantenstadt auf ehemaligen Feldern und Wiesen im Südosten von Berlin. Im Gegensatz zu der vom Zechenbetrieb und Hochöfen geprägten dauergeschwängerten grauen Luft des Kohlenpottes ein wahres Himmelsleuchten.

Etwas schwierig und immer wieder die Nerven aufreibend erwies sich das Ausreisen von Berlin gen Westen, denn je nach Lust und Laune der Volkspolizisten wurden das Auto und seine Insassen gefilzt und auf den Kopf gestellt, ob sich nicht in irgendeiner Ritze ein Mensch auf der Flucht befand.

Aber die Verwandtschaft im Ruhrgebiet, gefühlte Lichtjahre von den „Ausgereisten“ entfernt, war immer sehr interessiert an den Erlebnissen auf der Transitstrecke.

Die Jahre vergingen, die Verwandtschaft reduzierte sich auf natürlichem Wege und somit auch die Reisen in den Westen’. Und dann war er plötzlich da: der Tag, an dem sich die Mauer öffnete.

Dreißig Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Dreißig Jahre mit unterschiedlichen Erwartungen, Gefühlen und Erfahrungen auf beiden Seiten, und der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Doch die unbändige Freude, die der Tag des Mauerfalles immer wieder als recycelbares Gefühl in mir und unzähligen anderen hervorruft, überstrahlt die noch nicht gelösten Probleme wie ein buntes Himmelsleuchten, fast so wie zum jährlichen Jahreswechsel.

© G. Bessen, Foto: Dr. Rolf Nuck, 2014

300 Wörter

 

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 28.29.19(3)

Christiane lädt  noch einmal zur Etüde vor der Sommerpause ein:

Die Wörter für die Textwochen 28/29 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt. Die neuen Begriffe lauten:

Füße
harmonisch
wünschen

In der Spur bleiben

Oft wünsche ich mir, dem Drang meiner Füße folgen zu dürfen und einfach loszulaufen, gespannt darauf, welches Ziel meine Füße anstreben. Fernab vom staubigen Straßenpflaster, kalten Steinfußböden und Parkett möchte ich den warmen Waldboden oder feuchte Wiesen unter meinen Füßen spüren, ganz eins sein mit der Natur.

Bei Ausflügen vor meinem inneren Auge stoße ich auf Barfußspuren im feuchten Sand eines Strandes und sehe Lebenslinien: Harmonisch, weich und immer wieder von Meerwasser umspült, bis sie schließlich ganz verschwunden sind.

Faszinierend finde ich Spuren im frisch gefallenen, noch jungfräulichen Schnee. Kleine Füße und große Füße, kleine Pfoten und große Pfoten, zwei oder vier an der Zahl, haben hier ihre Muster hinterlassen und sie bleiben, bis der Wind sie verweht, neuer Schnee sie sanft zudeckt oder die Sonne sie zerfließen lässt.


Ich wünsche mir, geerdet zu bleiben, überall und jederzeit mit beiden Füßen fest auf dem Boden des Lebens stehen zu dürfen, egal wie stark der Sturm des Lebens um mich herum wird. Stark wie ein Baum hoffe ich, allen Widrigkeiten zu trotzen.
Und wenn unser eigener Weg einmal zu Ende geht, bleibt zu wünschen, dass er richtungweisend ist und andere sich an unseren hinterlassenen Fußabdrücken erfreuen können.

194 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 21/22/2019 (2)

Die Wörter für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2019 kommen vom Team dergl und ihrem Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel.

Malkasten
gleitend
torpedieren

 

Aus der Schulzeit geplaudert

Ich hatte sicher schon mal erzählt, dass ich als Kind eher ein Junge als ein Mädchen war und mich Garagendächer und Bäume mehr zum Klettern reizten, als artig und still zu sein. Meine handwerklichen Fähig- und Fertigkeiten in Fächern wie Handarbeit und Zeichnen hielten sich in Grenzen und so hatte ich oft andere Dinge im Sinn, wenn unsere Zeichenlehrerin uns mit Pinseln, Malkästen und Aufträgen für die jeweilige Zeichenstunde torpedierte. Manchmal erntete ich für meine ‚anderen Dinge’ einen Tadel. War es doch spannender, Farben aus dem Malkasten in anderen Gesichtern als auf dem Papier zu verteilen.

Die Zeichenlehrerin war ein konservatives älteres ‚Fräulein’ mit wasserstoffblondem, dauergewelltem Haar und einer Nickelbrille vor den eisblauen, kalten Augen, die ihrem Gesicht ein typisches Lehrerinnenerscheinungsbild gab.

Wir hatten keine Angst vor ihr, doch wir fürchteten sie. Die Notengebung war für uns damals oft alles andere als einsichtig und jeder Widerspruch zwecklos. Und wir waren nicht die Schülergeneration, die Mama und Papa für jeden Furz in die Schule schickte. Im Gegenteil, wir hielten unsere Schandtaten möglichst geheim und hofften und beteten, dass es nichts gab, was eine elterliche Unterschrift, einen Anruf oder gar einen Brief nach sich zog.

Die Zeichenlehrerin war die enge Verbündete der Turnlehrerin, die ihrerseits auch Handarbeit in Form von Stricken und Nähen an der Nähmaschine unterrichtete, und war man bei einer durch, hatte man bei der anderen auch nichts mehr zu lachen. Anstelle von gleitenden Übungen wie beim Yoga wurden wir zu dem dumpfen Rhythmus von Tamburin mit Holzschlägel quer durch die Turnhalle gejagt, bis uns die Zunge aus dem Hals hing. Das schien der zuschauenden Turnlehrerin enormen Spaß zu machen.

Die Dritte im Bund war die Biolehrerin und die drei erinnerten mich später oft an die ‚Drei Damen vom Grill’, mit der Ausnahme, dass Grillwürstchen nicht zukunftbestimmend sind, Zeugnisnoten schon.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 21/22/2019

Die Wörter für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2019 kommen vom Team dergl und ihrem Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel.

Malkasten
gleitend
torpedieren

Aufbruch zu neuen Ufern

Neurodermitis – eine belastende Krankheit, ein wahrer Albtraum.

Obwohl sie die Trauerphase nach seinem Tod längst abgeschlossen glaubte, spielte ihr Körper immer wieder verrückt. Aufgeplatzte Fingerkuppen und wunde Füße gehörten mittlerweile zu ihrem Alltagsbild und raubten ihr immer mehr die Lust zum Leben.

Gleitend verfiel sie in eine Depression,  und sie musste sich jeden Tag zwingen, überhaupt aufzustehen. Alles, was ihr jemals Spaß und Freude bereitet hatte, konnte sie nur noch eingeschränkt machen. Und dann fiel ihr der Zeitungsartikel in die Hände, diese kleine Anzeige, die sie fast übersehen hatte. Dass man Warzen und Gürtelrosen besprechen konnte, wusste sie, obwohl sie eigentlich nicht an einen wirklichen  Erfolg glaubte, doch wenn es einem so mies ging wie ihr und die negativen Gedanken und Gefühle sie regelrecht torpedierten, griff man da nicht nach jedem kleinsten Strohhalm?

Ein erstes Treffen konnte zeitnah erfolgen. Die Chemie zwischen beiden Frauen stimmte und diese beherzte kleine Heilpraktikerin hatte ihre Welt in weniger als einer Stunde auf den Kopf gestellt. Nach einem intensiven Frage-Antwort-Spiel zwischen den beiden Frauen kam eine Wahrheit ans Licht, die sie tief in ihrem Inneren erahnt, aber nie wirklich zugelassen hatte. Ihr bisheriges Leben, ihre ständige Anpassung, immer die brave Tochter und später die verständnis- und liebevolle Ehefrau zu sein, hatten ihre eigene Persönlichkeit, ihre kreativen Talente und Fähigkeiten  vollkommen in den Schatten gestellt und ihre wahre Persönlichkeit jahrzehntelang vollkommen verdrängt.

Noch war es nicht zu spät, das Ruder herumzureißen und mit Baumwollhandschuhen, einem großen Zeichenblock und einem Malkasten kam sie nach Hause, den Blick geweitet für all die schönen Dinge in der Natur, die sie ab sofort malen wollte. Eine tiefe Ruhe und innerer Frieden überkamen sie, als sie sich mit ihrem neu erstandenen künftigen Arbeitswerkzeug in ihren blühenden und duftenden Garten setzte. Sie fühlte sich plötzlich frei und wie neu geboren.

299 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19(2)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Vergangenheit

 Maria hatte sich damals vorgenommen, dieses Haus nie wieder zu betreten. Als sie in der Todesanzeige gelesen hatte, dass das Miststück nicht mehr lebte, gab sie dem Drängen ihrer Tochter nach, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und damit abzuschließen. Ein Makler bemühte sich intensiv, das Haus, das vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden war, zu verkaufen.

Sie wusste, Miriam hatte recht. Sie musste sich von den düsteren Schatten der Vergangenheit lösen und ihren inneren Frieden finden. Zudem hatte das Mutter-Tochter-Verhältnis einige Risse bekommen, denn Miriam waren die Albträume ihrer Mutter, ihr nächtliches Schreien und ihre häufigen Depressionsphasen nicht verborgen geblieben, sodass das gute Zureden, gepaart mit unglaublichem Verständnis, doch gelegentlich in ein Bevormunden ausartete. Maria brach das Gespräch dann einfach ab und zog sich stundenlang in ihr Zimmer zurück. Damit war das Problem der Vergangenheit aber nicht zu lösen.

Maria nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen, als der Makler freundlich die Tür öffnete und die beiden Frauen bat, einzutreten. Es war alles so wie vor fünfundzwanzig Jahren. Nur die Bäume und Sträucher im Garten waren so sehr gewachsen, dass die Zimmer dunkel wirkten.

Als Maria eindringlich darauf bestand, alleine den Keller zu besichtigen, stutzte Miriam. Sie wusste von ihrer Mutter lediglich, dass sie in diesem Haushalt als Kindermädchen der drei Kinder kein einfaches Leben gehabt hatte und außerdem zu Diensten aller Art herangezogen wurde, für die sie nicht entlohnt wurde.

Maria blickte sich in dem kalten und feuchten Kartoffelkeller um. Sie fror erbärmlich  und hielt sich die Ohren zu, als würde er seine anzüglichen Bemerkungen noch heute in ihr Ohr flüstern. Sie hatte genug gesehen und stolperte die Treppe hinauf. Niemals würde Miriam erfahren, dass sie das Resultat einer brutalen Vergewaltigung in diesem Loch war. Lieber sollte sie weiterhin glauben, ihr Vater sei das Opfer eines Verkehrsunfalls geworden.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Mutterliebe

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Missmutig blickte Maya auf den liebevoll gedeckten Tisch, knallte sich lautstark auf ihren Stuhl und blickte ihre Mutter wütend an.

„Warum gibt es jeden Tag Kartoffeln? Die hängen mir ja schon langsam zum Hals raus. Warum gibt es nicht mal Nudeln, Pizza, Döner oder so was? Kartoffeln, wie langweilig!“

„Wenn Du unbedingt Nudeln möchtest, dann koch doch welche. Sich jeden Tag an den gedeckten Tisch zu setzen und noch zu meckern, ist keine Kunst und trägt nicht gerade zu einem harmonischen Familienleben bei.“ Nicole hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Sie wollte ihre pubertierende Tochter nicht bevormunden, aber sie ärgerte sich maßlos darüber, dass ihre Bemühungen so ignoriert wurden und sie sich stattdessen noch dumm kommen lassen sollte.

„Mir schmecken Kartoffeln, Mama. “ Mayas jüngere Schwester Lena gab Nicole das, was sie dringend brauchte, Zuspruch und Anerkennung.

Nicole bemühte sich, ihre innere Ruhe zu erlangen. Maya hatte ja keine Ahnung, weshalb sie als besorgte Mutter so viel Wert auf eine abwechslungsreiche und dabei kalorienarme Ernährung bei ihrer Tochter legte. Sie hatte neulich an Mayas 16. Geburtstag so einige anzügliche Bemerkungen von Klassenkameraden aufgeschnappt, und ihr war nicht entgangen, dass Maya ein Fan von Fast Food und Zucker in allen Variationen geworden war.

Die Pubertät war eine extrem schwierige Zeit, und wenn Nicole sich mit Maya über eine Kartoffeldiät zu ihrem eigenen Wohlbefinden auseinandergesetzt hätte, wären ohnehin die Fetzen geflogen. Maya lehnte zur Zeit fast alles ab, was ihre Mutter als gut und richtig empfand. Nicole erinnerte sich nur ungern an ihre eigene Pubertät und die ständigen Querelen mit ihrer Mutter zurück und hoffte, so ihrem Ziel auch näher zu kommen.

Dazu bedarf es aber weiterhin Geduld, Langmut und ein liebendes mütterliches Herz, auch, wenn es manchmal an seine Grenzen kam.

296 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19 (-3-)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19  Die zauberhaften Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2019 kommen von Natalie und ihrem Blog, dem Fundevogelnest. Die neuen Begriffe lauten:

Nieselregen
weich
irren

Wüstenblumen

 Gedankenverloren starrte Henk auf sein halb volles Weinglas. Seit Merle ausgezogen war, hatte sich eine schwermütige Stimmung auf seine Seele gelegt und seine Tagesbilanz fiel allabendlich wüstenhaft aus. Leer, farblos und lebensunlustig, ja, so fühlte er sich seit Tagen.

Der wolkenverhangene Himmel und der Nieselregen, der seit Stunden weich und lautlos fiel, passte zu seinem Stimmungsbild. Wenn er nicht bald umkehrte, würde er in eine Depression rutschen und möglicherweise zum Alkoholiker werden.

Er musste die Trennung akzeptieren, denn alles Reden hatte den Schleier der Missverständnisse und Ungereimtheiten nicht auflösen können. Offensichtlich passten Merle und er nicht zusammen und diese Erkenntnis betraf unzählige andere Paare auch.

Sein Blick fiel auf die Fensterbank und blieb an Merles Kakteen hängen. Sie hatte nie einen grünen Daumen gehabt und alle Pflanzen waren bei ihr verdurstet oder ertrunken, sodass sie ihr Glück irgendwann mit Kakteen versuchte, bei denen man ja nicht viel falsch machen konnte.

Henks Gesicht wurde weich. Er spürte, irgendetwas bewegte sich in ihm. Er nahm sich seine heutige Tagesbilanz noch einmal genauer vor und fand plötzlich, dass sie gar nicht so negativ ausfiel, wie noch vor ein paar Minuten.

Er hatte eine ordentliche Betriebskostenrückerstattung bekommen, was seinem Bankkonto gut gefallen würde. Peter, ein alter Freund, den er schon fast aus den Augen verloren hatte, rief heute an und berichtete beglückt von seinem ersten Enkelkind. Edda, eine betagte Nachbarin und vorzügliche Bäckerin, hatte ihm ein Stück Apfelkuchen vor die Tür gestellt, das noch unberührt in der Küche auf ihn wartete.

Henk mochte sich irren, doch als er erneut auf Merles Kakteen schaute, hatte er das Gefühl, als würden sich an ihnen kleine Blüten öffnen und zum Leben erwachen und seine kleine Welt bekam ein paar neue Farbtupfer. Eine unbändige Lust auf Kaffee und Apfelkuchen erfasste ihn und gab ihm einen unerwarteten Energieschub.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19 (2)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19  Die zauberhaften Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2019 kommen von Natalie und ihrem Blog, dem Fundevogelnest. Die neuen Begriffe lauten:

Nieselregen
weich
irren

 

Prioritäten

Ziel der heutigen Konferenz war lediglich, dem fünfzehnten März diesen Monats den Namen eines gemeinsamen Projekttages für alle Lehrer und Schüler zu geben. Das allerdings hieß, gemeinsam nach Berlin zu fahren und an einem schon fast globalem Klimaprotest teilzunehmen, der an diesem Tag in fünfhundert Städten und unzähligen Ländern stattfinden soll. Ob bei Nieselregen oder Schneestürmen, egal, es musste etwas Weitreichendes und Zukunftweisendes passieren.

Viel zu lange hatten Verantwortliche die Hände in den Schoß gelegt, Unmengen von Geld sprichwörtlich  aus dem Fenster geworfen, was in den Klimaschutz hätte investiert werden müssen und weiterhin die wirtschaftlichen Interessen ihrer Länder und Konzerne an die oberste Stelle gesetzt. Unbelehrbare jenseits des Großen Teiches hielten den Klimawandel sogar für ein modernes Märchen!

Bis die 16-jährige Greta Thunberg kam und schonungslos benannte, was man sich immer wieder gern weichgespült hatte – den Klimawandel und die unumkehrbaren Folgen für die nachfolgenden Generationen. Die Schulstreiks für das Klima, inzwischen Fridays für Future, locken immer mehr Jugendliche auf die Straßen, wenn auch Eltern und Lehrer sowohl dazu ermutigen als auch dagegen protestieren.

Doch wer von seinem Engagement überzeugt ist, lässt sich nicht beirren und geht seinen Weg konsequent weiter und so konnte sich das Kollegium nach einigen hitzigen und kontroversen Debatten in einer Mehrheitsentscheidung zu dem Aktionstag entschließen. Die Schülerschaft jubelte und setzte sofort eine Maschinerie in den sozialen Netzwerken in Gang, um auch andere Schulen in ihrer Gesamtheit von Lehrern und Schülern zu diesem Tag aufzurufen.

So mancher Lehrkörper seufzte, als er das unglaublich beeindruckende Engagement der Schüler sah und fragte sich, wieso er so etwas in seinem eigenen Unterricht und seinem Fach nicht annähernd erleben durfte. Aber noch war nicht aller Tage Abend. Rom war ja schließlich auch nicht an einem Tag erbaut worden!

287 Wörter

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Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19  Die zauberhaften Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2019 kommen von Natalie und ihrem Blog, dem Fundevogelnest. Die neuen Begriffe lauten:

Nieselregen
weich
irren

Prioritäten

Selten war es im Lehrerkollegium so turbulent zugegangen, als sei die Zeit der weichen Kuschelpädagogik ausgesetzt. Vorbei die Zeit der nebenbei Korrigierenden, der Miteinander-Flüsterer oder der unauffälligen Abhänger mit den halb geschlossenen Augen. Und warum das alles? Weil es um eine Grundsatzentscheidung ging, die von etwa neunhundert Schülern eines Gymnasiums eingefordert wurde, die noch heute eine Entscheidung der Lehrer für eine Gesamtkonferenz erwartete.

Aus einem Nieselregen war eine Gewitterfront geworden und Schüler wie Lehrer merkten wieder einmal, wie sie sich gegenseitig brauchten, um miteinander den richtigen Weg zu gehen. Kleinkariertes Denken hatte in einer globalen Welt wie der unsrigen keine Zukunft mehr und wer konnte schon voraussagen, ob diese Bewegung nicht doch Großes zustande bringen würde? Natürlich kann man sich irren, aber das kann man erst herausfinden, wenn man etwas riskiert und gewagt hat.

Zumindest hat die Nachricht, wer anlässlich des Internationalen Frauentages zur wichtigsten Frau des Jahres 2019 ausgerufen wurde, so manches ketzerisches Mundwerk verstummen lassen und man bemühte sich ernsthaft, im Sinne der Schüler alle bisherigen Steine aus dem Weg zu räumen.

Natürlich hatte es in der letzten Zeit häufig die pädagogisch erhobenen Zeigefinger gegeben, die nicht davon abrückten, dass es Trittbrettfahrer, Mitläufer und diejenigen gab, die sich hinter dem Mäntelchen des Schulstreiks versteckten um damit dem Unterricht zu entgehen. Doch immer mehr dieser Lehrkörper verstummten, als die Schülersprecher vehement von ihnen verlangten, doch auch mal wegen der fehlenden Kollegen, der vielen Quereinsteiger oder des vermehrten Unterrichtsausfalles auf die Straße zu gehen und ihren so bequemen Beamtenstatus aufs Spiel zu setzen.

Unentschuldigte Fehlstunden, null Punkte infolge einer nicht erbrachten Leistungskontrolle und eine unlautere Motivation waren doch letztendlich für die Zukunft eines Gymnasiasten auch kein Aushängeschild. Daher tagte die außerordentliche Lehrerkonferenz heute mit  dem Druck nach einer Entscheidung, mit der alle gut leben konnten.

295 Wörter

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