Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler 

Ein Neues Jahr – ein neues Etüdenjahr bei Christiane

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lautet:

Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen.

Richtungswechsel

Sie stöhnte auf und griff sich mit der rechten Hand in den unteren Rücken. Wieder dieser stechende Schmerz, der sie immer häufiger überfiel. Es ging nicht mehr, wirklich nicht, doch wann endlich gestand sie sich das mit entsprechenden Konsequenzen ein?

Alle, die sich bisher den Mund fusselig geredet hatten, gaben es mittlerweile auf. So schien es jedenfalls. Der Leidensdruck war noch nicht groß genug, sich endlich Alternativen zu suchen oder wenigstens rigoros kürzerzutreten.

Gar nichts mehr zu machen, heißt ja nicht, die Hände untätig in den Schoß zu legen, die Katze auf der Schulter schnurren zu hören und im Lehnstuhl zu sitzen. Das Wort ‚Rentnerin’ kam ihr so gut wie nie über die Lippen. Das sollten andere für sich in Anspruch nehmen, sie nicht!

Das Nähen war stets ihr Lebensbegleiter gewesen, mehr als ein Hobby und die Sicherung des Lebensunterhaltes – ja, es war ihre Passion, ihre Bestimmung. Doch dabei hatten sich Fehler eingeschlichen, die für ihren Bewegungsapparat unverzeihlich geworden waren. Der Rücken krumm, Arthrose in allen Gelenken, ihr tägliches Kreuz. Sie hatte kein anderes Hobby, für das sie so brennen konnte und die Zahl ihrer wirklichen Freunde war überschaubar geworden.

Und doch strahlte ihr plötzlich ein  unerwarteter Hoffnungsschimmer aus einem üppigen Blumenstrauß entgegen, den sie an ihrem 65. Geburtstag bekam. Am Stiel einer feuerrot blühenden Amaryllis hing ein Gutschein für einen Wellnessurlaub an der Ostseeküste.

Sie starrte den Hotel-Prospekt ungläubig an. Sauna, Massage, Strandspaziergänge und gutes Essen – alles, was sie sich immer mal vorgenommen, sich aber nie gegönnt hatte.

Vielleicht war das der Weg der Zukunft, einfach sich selbst wichtig zu sein und gut für sich zu sorgen. Eine neue Tür tat sich auf und sie würde hindurch gehen. Alles Weitere würde sich finden. Hintertürchen gab es schließlich nicht!

Sie hob das Glas und prostete ihren Gästen dankbar lächelnd zu.

300 Wörter

 

Was bedeutet Weihnachten?

Martin stand unschlüssig mit seinem Mikrofon in der Einkaufspassage. Unzählige Menschen eilten zielstrebig in die vorweihnachtlich geschmückten Geschäfte, andere kamen mit diversen Tüten wieder heraus, voll bepackt, als würde es morgen nichts mehr zu kaufen geben. Er war seit drei Tagen Praktikant beim RBB und hatte die ehrenvolle Aufgabe, Menschen zu befragen, was sie von Weihnachten hielten.

Der eisige Dezemberwind pfiff ihm um die Nase. Er war ein wenig ratlos, denn er hatte so etwas noch nie gemacht. Aber er hatte schließlich ein gutes Abitur abgelegt, war nicht auf den Mund und noch weniger auf den Kopf gefallen und so straffte er die Schultern, ignorierte die Kälte und trat an die Tür des großen und sehr frequentierten Kaufhauses.

Ein älterer Mann mit einer Wollmütze war sein erster Ansprechpartner – so dachte Martin. „Guten Tag, darf ich Sie fragen…?“ „Nein, dürfen Sie nicht!!“ Der ältere Mann warf Martin einen wütenden Blick zu, schlug seinen Mantelkragen hoch und ging mit langen Schritten grußlos an Martin vorbei. Klappe – die Erste! Das konnte ja heiter werden!!

Eine junge hübsche Frau trat aus dem Kaufhaus und blickte sich suchend um. Martin musste sich beherrschen, um nicht völlig in ihren rehbraunen Augen zu versinken und nahm einen erneuten Anlauf. „Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie fragen, was Ihnen Weihnachten bedeutet?“ „Wie bitte? Ach so, ja. Moment bitte. Weihnachten? Ich freue mich auf ein paar freie Tage, die ich mit meinem Freund genießen werde. Ich bin beruflich nämlich viel unterwegs. War’s das?“ Die junge Frau hatte jemanden entdeckt, der sie offenbar abholen wollte, warf Martin ein kurzes und bezauberndes Lächeln zu und eilte davon.

Ein Pärchen, etwa in Martins Alter, kam lachend aus dem Geschäft, direkt auf Martin zu.  „Darf ich Sie etwas fragen?“ „Gerne, wenn es nicht allzu lange dauert.“ Sie schauten Martin erwartungsvoll an. „ Ich sammle Meinungen, was den Menschen Weihnachten bedeutet. Möchten Sie mir Ihre Einstellung  dazu sagen?“  „Wir fliegen jedes Jahr zu Weihnachten auf die Malediven, um diesem ganzen Geschenkewahnsinn  zu entgehen. Dafür sparen wir das ganze Jahr. Das ist für uns Weihnachten.“ Vor Martins geistigem Auge tauchten Palmen, ein Kilometer langer Sandstrand und kristallklares Wasser auf. Im nächsten Augenblick aber auch seine spartanisch eingerichtete Studentenbude und seine ewig unterernährte Geldbörse. Ein Kälteschauer riss ihn unsanft in die Realität zurück.

Wenn das so weiterginge, konnte er seinem Sender nichts Besonderes präsentieren. Martin hielt Ausschau nach weiteren Gesprächspartnern. Drei Jungen, Martin schätzte sie auf zwölf oder dreizehn Jahre, drückten sich mit großen Augen am Schaufenster die Nasen platt. Vielleicht konnten die ihm etwas erzählen. „Hey, darf ich euch mal was fragen?“ Verwundert drehten sich die Jungen zu ihm um und schauten neugierig auf sein Mikrofon. „Bald ist ja Weihnachten. Hat das für euch eine besondere Bedeutung?“

„ Weihnachten ist Weihnachten, da bekommt man Geschenke und ich möchte endlich ein Smartphone haben.“ Der Größte der drei hatte gleich das Wort übernommen. „Wieso willste das wissen?“ Der Kleinste schaute Martin herausfordernd an. „Ich mache eine Umfrage für meinen Sender und sammle Meinungen zum Weihnachtsfest. Hast du auch einen besonderen Wunsch?“ Der Kleinste senkte die Augen. „Bei uns gibt’s nichts. Meine Eltern sind Hartz IV und haben kein Geld.“ Martin schluckte. Diese Antwort verschlug auch ihm die Sprache. „Weihnachten hat ja eigentlich eine andere, christliche Bedeutung. Habt ihr davon schon mal gehört?“

„Nö, keinen Plan. Ich mach mir gar nichts daraus und bin froh, wenn das vorbei ist. Bei uns ist Weihnachten immer schrecklich. Dann ist mein Vater mal da und meine Eltern streiten sich sowieso nur. Wenn er dann wieder weg ist, heult meine Mutter nur rum. Das brauche ich echt nicht, das nervt.“ Der Mittlere hatte sich zu Wort gemeldet und erwartete offenbar weitere Fragen von Martin. Doch Martin wusste nicht, was er die drei Jungen noch fragen sollte. Er hatte mehr erfahren, als ihm lieb war. „Na, zumindest habt ihr an Weihnachten schulfrei und müsst nicht in die Schule. Danke,  Freunde, dass ihr so offen ward.“ „Kein Problem.“ Die Jungen zogen weiter. Berührungsängste hatten sie nicht, aber offenbar auch keinen weiteren Gesprächsbedarf.

Martin brauchte unbedingt etwas Heißes zu trinken, bevor ihm Finger und Füße abzufallen drohten. Er packte sein Mikrofon weg und nahm Kurs auf einen Tchibo Laden. Ein heißer Kaffee würde  ihn  wieder  auftauen  und  beleben.  Er  setzte  sich  ans Fenster neben einen Mann mittleren Alters, der sich mit geübten Fingern ein paar Zigaretten drehte. „Was willste denn wissen, Kumpel? Ich habe dich schon eine Weile beobachtet, wie du da mit deinem Mikro herumfuchtelst.“

Martin schaute sich den Mann genauer an. Seine Kleidung war heruntergekommen, seine Finger vom Nikotin gelb gefärbt und in seinem grauen Vollbart steckten ein paar Brötchenkrümel. Aber seine Augen waren hell und freundlich. „Was ich wissen will? Mein Sender will wissen, was die Leute so von Weihnachten halten, aber bisher habe ich keine brauchbare Antwort bekommen.“ „Ich fürchte, das wirst du auch nicht. Schau dich doch um! Was siehste? Geschäftskassen, die laut klingeln, Leute in Hetze und Eile, auf der Suche nach Geschenken, Tüten voller Esswaren, damit sich die liebe Familie so richtig den Wanst vollhauen kann. Was erwartest du hier in einer Einkaufspassage, in der vor Weihnachten mehr Hektik herrscht als zum Winter- oder Sommerschlussverkauf.“ Martin sah seinen Nachbarn an. Er hatte recht. „Soll ich dir auch nen heißen Kaffee mitbringen? Du siehst aus, als könntest du einen vertragen.“ „Wenn’s dein Budget verkraften kann, sage ich nicht nein.“   Martin kam mit zwei dampfenden Kaffeebechern und vier belegten Brötchenhälften zurück. Den Teller schob er in die Mitte und bedeutete seinem Nachbarn zuzugreifen. „Das ist Weihnachten“, murmelte der und genoss sichtlich sein Schinkenbrötchen mit Ei. „Wie meinst du das?“ „Ich schätze, du bist Student. Hast wahrscheinlich chronischen Geldmangel und trotzdem teilst du dir die Brötchen und den Kaffee mit einem Kerl, der dein Vater sein könnte und den du absolut nicht kennst.“ „Da magst du recht haben. Meinst du, die Menschen denken nicht an das Fest der Liebe, der Familie, des Miteinander? Das hat doch viel mit Weihnachten zu tun.“ „Wenn du dich mit deinem Mikro vor eine Kirche stellst, bekommst du mit Sicherheit ganz andere Antworten als hier. Doch, was willst du wirklich hören?“

Martin blickte seinen Nachbarn nachdenklich an. Ja, was wollte er hören? Er wollte seinem Sender einen Beitrag bieten, in dem die Menschen begeistert von Weihnachten, vielleicht auch freudig von ihren Plänen für das Fest berichteten. Doch die Realität war eine andere. Weihnachten war in jedermanns Kopf, ein durchaus nicht wegzudenkendes kalendarisches  Thema, dem sich niemand entziehen konnte, doch Hektik, Ansprüche, Fluchtgedanken, Resignation und Kapitulation, inmitten von Lichtern, Glocken und Glitzer   war das, was die Menschen beschäftigte. Und nicht das Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem, das die Welt so nachhaltig verändert hatte. Davon spürte Martin nichts.

© G. Bessen

Second Hand

„Findest du mich hässlich?“

Das schwarze Sweatshirt mit der lauschigen Kapuze blickte unsicher um sich. „Hier bin ich“, ertönte erneut ein leises Stimmchen, fast flehentlich. Das Sweatshirt blickte zur Seite und entdeckte einen schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover für Damen, der aufgeregt auf seinem Bügel zappelte. „Wieso sollte ich dich hässlich finden?“, fragte das Sweatshirt verwundert. „Du bist zwar nicht ganz meine Kragenweite, aber ich finde, du siehst gut aus.“

Der schwarz-rot gestreifte Damenpullover leuchtete plötzlich  in einem dunklen Kirschrot und ließ den roten Farbton mundig aufleuchten. „Warum fragst du mich das?“ „Ich hänge schon so lange hier und niemand will mich haben.“ Auf dem Rollkragen glitzerten kleine Wassertröpfchen, als würde der schwarz-rot gestreifte  Rollkragenpullover weinen. „Bald ist Weihnachten. Die Menschen kaufen Weihnachtsgeschenke ein und bald wirst du, hübsch verpackt, unter einem Weihnachtsbaum liegen“ antwortete das schwarze Sweatshirt zuversichtlich.

„Nicht schon wieder“,  kreischte der schwarz-rote Rollkragenpullover. Seine Stimme überschlug sich fast und auf dem Schwarz des Pullovers bildeten sich hektische rote Flecken. Das Sweatshirt schaute ratlos drein. „Möchtest du darüber reden?“ „Da gibt es nicht viel zu erzählen“, hob der schwarz-rote Rollkragenpullover an. „Im letzten Jahr lag ich bei H&M im Regal der Damenoberbekleidung. Am Heiligen Abend kaufte mich jemand, nahm mich mit, schlug mich lieblos in ein Stück buntes Geschenkpapier ein und verfrachtete mich in eine dunkle Ecke unter dem Weihnachtsbaum. Bei der Bescherung am Abend wurde ich als letztes Päckchen ausgepackt…“ Der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover kämpfte bereits wieder mit den Tränen und hielt einen Moment inne.

„Ja – und?“, fragte das Sweatshirt gespannt und auch ein wenig verlegen. Er hatte keine Erfahrung mit weinenden Pullovern und wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten.

„Eine etwas wohlbeleibte ältere Frau mit einer fürchterlichen grauen Haarkrause packte mich aus, sah mich geringschätzig an und fing an zu schreien. Dabei warf sie mich wütend auf ein Sofa, auf dem ein Schäferhund lag. Der schnappte nach mir,  grub seine scharfen Zähne zwischen meine feinen Maschen und ging mit mir in seine Hundehütte.“ „Wieso hat die Frau geschrieen, als sie dich ausgepackt hatte? Ich dachte immer, die Menschen würden sich über Geschenke freuen?“ „Die nicht“, setzte der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover leise, aber deutlich beleidigt  hinzu. „Sie hat ihren Mann nur angeschrien, wie er dazu käme, ihr etwas Gestreiftes zu schenken. Ob sie denn aussehen solle wie ein wandelndes Fass!“ „Und dann?“ Das Sweatshirt war fassungslos und hätte den rot-schwarz gestreiften Rollkragenpullover am liebsten in seine langen Ärmel geschlossen. Der schwarz-rot  gestreifte Rollkragenpullover holte tief Luft. „Die Nacht über musste ich in der Hundehütte bleiben. Der große  Schäferhund legte sich auf mich, so dass ich kaum Luft zum Atmen bekam. Am nächsten Morgen packte mich die Frau, zog mich unter den Schäferhund hervor, der die Nacht auf mir verbracht hatte und verfrachtete mich in einen blauen Müllsack, in dem es fürchterlich stank. Ich lag ewig zwischen ausrangierten Bettlaken, mehrfach gestopften Socken und ausgefransten Baumwollhemden. Erst vor kurzem kam ich hierher, wurde gewaschen, wieder instand gesetzt – der Schäferhund hatte mir einige Blessuren verpasst – und seitdem hänge ich hier.“ Das Sweatshirt war entsetzt und hoffte inständig, dass ihm ein solches Schicksal erspart bleiben würde. Zärtlich flüsterte er dem schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover zu: „Warte ab, in diesem Jahr hast du sicher mehr Glück. Diesmal kauft dich jemand, dessen du würdig bist und der deine Schönheit zu schätzen weiß.“ Das tröstete den schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover nicht. Zerknirscht blickte er das schwarze Sweatshirt an und flüsterte ihm zu: „Am liebsten würde ich in die Altkleidersammlung gehen und von jemandem getragen werden, der mich wirklich zu schätzen weiß und meinen wahren Wert erkennt. Dem würde ich all meine Wärme schenken.“

© G.Bessen

PERFECT TIMING

Perfect timing

Im Abstand von drei Minuten versuchen unterschiedliche Alarmsignale den komatösen Zustand zu beenden. Als Antwort gibt es lediglich einen unsanften Stups, zielgerichtet auf eine nahe Schlummertaste.

„Heute ist Freitag, der 15. November,… es ist sieben Uhr und fünf Minuten … Wolkendecke,… gelegentliche Aufheiterungen … Höchsttemperatur 6 Grad …“ dann der ultimative Klick und alles läuft wie am Schnürchen. Wenige Augenblicke später röhrt die Kaffeemaschine vor sich hin und eine heiße, braune Flüssigkeit gleitet sanft und wohl riechend in die Glaskanne. Mittlerweile wird auch der Rest der Mannschaft wach. Der Hausherr verschwindet verschlafen im Badezimmer, ein müder Vierbeiner sitzt an der Eingangstür, macht einen Katzenbuckel, streckt und rekelt sich und schaut verschlafen in den kühlen Garten, unschlüssig, ob er das erste ‚Austreten‘ mit einem weiteren Schlummer im Körbchen eintauschen sollte.

Nach der ersten Tasse Kaffee lässt das Rheuma in den Augen nach und die Lebensgeister erwachen, Sinn für Sinn.

Noch jeden Morgen müssen die jahrzehntelang eingeübten Handgriffe sitzen, vom Betten machen bis zum Duschen. Beim Haarewaschen wird das Outfit des heutigen Tages gedanklich durchgespielt, in Abhängigkeit von den zu erwartenden In- oder Outdoor-Aktivitäten und eventuell zusätzlichen spontanen Unternehmungen.

Jeans sind immer die praktischste Variante, dazu etwas Kurzärmeliges und eine Weste oder leichte Strickjacke oder ein Pullover. Wenn das Grobe soweit in Sack und Tüten ist, kommen die Feinheiten.

Die zweite Tasse Kaffee wandert mit ins Bad, denn der Kampf mit den Kontaktlinsen beginnt. Fatal, wenn man bei noch nicht hinreichender Konzentration rechts und links verwechselt. Dann ist der Blick den ganzen Tag aus der Bahn geworfen. Und nicht jeden Morgen sind Kontaktlinsen bereit, an Ort und Stelle zu haften. Der Herr des Hauses wartet jeden Morgen auf den gellenden Aufschrei „Komm mal bitte und bring die Taschenlampe mit.“ Kontaktlinsen auf weißen Bodenfliesen zu suchen, macht am Morgen wach, aber so was von hellwach.

DER Schrei kommt nicht, dafür aber ein unmissverständliches „Sch…“. Der Herr des Hauses hält den Atem an, ist sprungbereit, um jede erdenkliche Form der Ersten Hilfe zu leisten. Die Dame des Hauses sprintet hoch, reißt die Kleiderschranktür auf und greift mit einer einsetzenden Schimpfkanonade nach einem neuen Oberteil.

„Was ist passiert?“, fragt der Herr des Hauses ein wenig nervös. Statt einer Antwort bekommt er das dunkle Shirt mit einem deutlichen Zahnpastaklecks in Busenhöhe vor die Nase gehalten. Der gut gemeinte Versuch, die Sache zu entschärfen, wie „Hat die Erde heute wieder eine besondere Anziehungskraft?“, wird lediglich mit einem stummen bösen Blick beantwortet. Er kann sich getrost seiner Aufgabe widmen, das Frühstück weiter vorzubereiten.

„Ich glaube es nicht!“ Die Tonlage verrät: Gewitter im Anmarsch. Der Vierbeiner hat es sich anders überlegt, hat die angelehnte Tür gesehen und marschiert eine Runde durch den Garten. Die Regel „Ich-bleibe-an-der-Tür-sitzen-bis-die-feuchten-Pfoten-sauber-gewischt-sind“, hat ihm heute Morgen niemand zugeflüstert und ist damit gerade außer Kraft gesetzt.

Mit einem freudigen Satz springt er an Frauchens Hosenbeinen hoch, als hätte er sie ewig nicht gesehen. Die hellblaue Jeans wäre das gefundene Fressen für jede Spurensicherung. Deutlich zeichnen sich die schmutzigen Pfoten am rechten und am linken Hosenbein ab.

Der Frauchen-Blick spricht Bände, die blaue Jeans wird durch eine schwarze ersetzt. Der Herr des Hauses geht vorsorglich in Deckung, denn würde er nun doch seine Lieblingsbemerkung loslassen „Schatz, du bist spät dran!“, wäre ein Donnerwetter wohl zwangsläufig die Folge. Zwischen einer herunter geschlungenen Scheibe Toast, einem erneuten schnellen Zähneputzen und dem Griff nach Tasche und Autoschlüssel ist eines klar: Der Morgen ist aus dem Zeittakt geraten.

Der Herr des Hauses versucht nicht hinzuhören, als die Gattin viel zu schnell vom Hof reitet. Das arme Auto, denkt er nur. Ohne Hindernisse ist der Weg zum Ziel in 20 Minuten zu schaffen, die normale Zeit beträgt 30 Minuten. Auf der Straße durch den Wald, der um diese Zeit noch unter Nebelschwaden liegt, sind die Risiken enorm. Von rechts und links können sie kommen, einzeln oder in Rudeln. Keine Radfahrer, keine Autos, auch keine Weihnachtsbäume von oben, sondern Wildschweine und anderes Getier. Die Augen laufen zu Höchstleistungen auf, denn die Kontaktlinsen haben sich formvollendet an den Tränenfilm des Auges angepasst und schwimmen gleichförmig in der Augenflüssigkeit mit.

Am Ortseingangsschild hat die vernünftige Fahrweise mit Tempo fünfzig wieder Vorrang, an dieser Stelle gibt es häufig so etwas wie ‚Wetterleuchten‘ und das ist auf Dauer eine Menge Geld.

Nun noch eine seit Wochen aufgestellte Baustellenampel. Aus völlig unerfindlichen Gründen ist das Rechtsabbiegen plötzlich nur noch für Einsatzfahrzeuge gestattet. Baustellenampel grün, – der Blick nach rechts – den Blinker gesetzt und abgebogen (gelernt hat sie das von einer Nachbarin, die sich den morgendlichen Umweg von mindestens fünf Minuten und drei Ampeln inzwischen erspart). Außerdem ist man auf dem Weg zum Arzt im Einsatz und somit auch ein Einsatzfahrzeug.

Die allerletzte Hürde ist die Parkplatzsuche. Die verlorene Doppel-Anziehzeit ist wieder aufgeholt, der dringend benötigte Parkplatz wartet bereits wie ein Geschenk und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass alles wieder im Zeitfenster ist.

Pünktlich zum Termin steht sie vor der Zahnarztpraxis. Nach einem fröhlichen „Guten Morgen“ mit Zahnpastalächeln kann der Tag beginnen.

Und – wer abends nicht ins Bett kommt, weil er eine Nachteule ist, wird am Morgen nicht zur Lerche, auch nicht als Rentnerin.

© G. Bessen

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.21

Christiane lädt zu einer neuen Etüdenrunde ein. Die Wörter für die Textwochen 23/24 des Schreibjahres 2021 stiftete Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lauten:

Picknickdecke
verwegen
recherchieren

Der Frühling war in diesem Jahr, wie so vieles andere nahezu ausgefallen und von heute auf morgen hatte der Sommer seinen Einzug gehalten. Eben noch im tiefsten Lockdown öffneten sich plötzlich Türen, die lange verschlossen waren.

‚Das Leben ist zu kurz für irgendwann … ‚war ihr in einem neulich gelesenen Zitat im Gedächtnis geblieben. Nein, keine Zeit verlieren und das Leben beim Schopf packen!

Sie fand sich mutig, ja fast ein wenig verwegen, als sie heute früh beim Erwachen in die strahlende Sonne blinzelte, dem aufgeregten Ruf der Vögel lauschte und nach ihrem Smartphone griff.

Marty war sofort am Telefon, als hätte er bereits auf ihren Anruf gewartet.

Mareike verlor keine Zeit und kam gleich zur Sache, überrollte Marty mit ihrem ausgeklügelten Plan, einen Picknickkorb zu packen, das Fahrrad zu überholen und startklar zu machen und schärfte ihm ein, eine große bunte Picknickdecke mitzubringen.

Entweder war er noch nicht ganz wach oder stand, wie so oft, ein wenig mit dem Fuß auf der Leitung, denn er fragte etwas ratlos, ob sie denn nicht erst recherchieren sollten, was die neuen Regeln alles erlauben würden, bevor sie sich an einem Sonntagvormittag ins Getümmel stürzten.

„Wir dürfen heute nach unseren eigenen Regeln leben und einen Sommertag in Freiheit erleben“, antwortete Mareike in sich hinein schmunzelnd. „Ach, und denke bitte an ein Badetuch, ich habe eine Bucht am See entdeckt, die so einsam ist, dass sie geradezu paradiesisch anmutet. Bis später!“

Bevor Marty irgendetwas erwidern konnte, hatte sie aufgelegt und sich in die Vorbereitungen gestürzt. Es wäre doch gelacht, wenn sie ihm seine Schüchternheit heute nicht ein wenig therapieren könnte …

267 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 (2)

Christiane hat wieder zur Etüde eingeladen.  Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 

Die Zerreißprobe

Das Geräusch war kaum zu ertragen und hielt seinen Körper von Kopf bis Fuß in Schach. Es kroch bis in den Haaransatz. Von dort aus setzte es sich wie Erdbebenwellen über die gesamte schwitzende Kopfhaut fort und rann den Rücken hinunter, Wirbel für Wirbel. Die Oberschenkel waren so verkrampft, dass ein Kribbeln von den Schenkelinnenseiten über beide Kniekehlen und dann über die Waden bis in die Fußspitzen zu spüren war.

Er spürte seine beiden Schulterblätter, die sich nach außen drückten, als könnten sie dieses dumpfe, durchdringende Geräusch dadurch besänftigen. Seine überstreckte Halswirbelsäule zog sich immer wieder vorsichtig rechtsdrehend aus einer Art Umklammerung. Die Fingerknöchel, weiß und bleich, hoben sich von seinen sonst gut durchbluteten Händen deutlich ab.

Hektisch sog er die Luft durch die Nasenöffnung. Dabei blähten sich seine Nasenlöcher wie die Nüstern eines Pferdes hoch und runter. Die Augen hielt er geschlossen und doch hatte er das Gefühl, direkt in das gleißende Licht der Lampe zu schauen. Sein Gesicht war mit kaltem Schweiß überzogen und schien gleichzeitig feuerrot zu glühen.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Obwohl er nur wegwollte, hatte er keine Chance, seinen Körper zu bewegen. Er war starr vor Schreck, wie in einem Korsett gefangen.  Die Anspannung zog  sich durch jeden Muskel seines Körpers. Gleichzeitig rauschte der Puls in seinem Trommelfell bis in die Innenseiten seiner Schläfen.

Eine zunehmend eklige  Feuchtigkeit im Mund ließ ihn innerlich erzittern. Es war Blut, das konnte er förmlich riechen und er hatte das Gefühl eine dampfende Wolke umhüllte sein Haupt.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und eine schier grenzenlose Erleichterung überfiel ihn. Nun konnte sein Körper langsam in den Normalzustand zurückkehren.

„Das wäre geschafft! Dieses Biest wird Sie nicht mehr quälen!“, sagte der Zahnarzt und zeigte ihm den soeben entfernten Weisheitszahn. Und dann wurde es schwarz vor seinen Augen …

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21

Christiane hat wieder eingeladen. Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 Sie hätte es besser wissen müssen und sich nicht dazu hinreißen lassen dürfen. Aber der regelmäßige nachmittägliche Ausflug war einfach zu verlockend. Nun war es zu spät.

Als sie losgegangen war, schien die Sonne und der Himmel war voll von bauschigen Schönwetterwolken. Der Wolkenbruch, der sich vor wenigen Minuten über sie ergossen hatte, ließ den von den Sonnenstrahlen erwärmten Waldboden dampfen und die prasselnden Regentropfen hinterließen auf dem frischen Maigrün eine sanfte Tränenspur.

Der Sturm war noch nicht vorüber, denn die Baumwipfel der Kiefern sangen ihr eigenes Lied und die dünnen Baumstämme schwankten je nach Laune des Windes fast unmerklich, mal rechtsdrehend, dann wieder linksdrehend. Der Wettergott gab den Ton an und die Natur ergab sich ihm in völliger Demut.

Der Wald hinterließ schon lange einen erbärmlichen Eindruck. Überall lagen umgeknickte Baumstämme, wie Mikadostäbchen einfach umgepustet, herausgerissen aus dem zu trockenen märkischen Sandboden. Nur die zarten Triebe der Blätter an den Sträuchern und den jungen Birken gaben Hoffnung auf das neue Leben, das sich nicht unterkriegen ließ.

Ein dumpfes Grollen und ein zuckender Blitz ließen das kleine Wesen in ihren Armen erneut wild zappeln. Die Angst kroch wild durch seinen jungen Körper. Aber er durfte sich auf keinen Fall befreien und losreißen, wer weiß, wohin die Angst und sein Jagdinstinkt vor diesen fremden Gewalten ihn trieben. Auch wenn es ihr selbst wehtat, sie musste ihn festhalten.

Gefangen wie in einem Korsett, so musste sich das verletzte Wesen fühlen und irgendwann gab es seinen Widerstand auf. Ein erneuter Schauer ging hernieder, ein Gemisch aus dicken Regentropfen und dicken Hagelkörnern, die sich wie weiße Blütenblätter auf das helle Hundefell legten und infolge der Körperwärme sofort schmolzen.

Bald hatten sie es geschafft, und am Ende des breiten Waldweges schaute die Sonne hinter ein paar dunklen Wolken hervor und zauberte einen breiten leuchtenden Regenbogen.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 (2)

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut
haltlos
massieren

Tante Hilde rückte sich die dunkle große Sonnenbrille gerade ins Gesicht, ein untrügliches Zeichen, dass niemand ihre Tränen sehen sollte. Der große lilafarbene Sonnenhut saß perfekt auf ihren mahagonifarbenen Locken. Passend zum Anlass trug sie einen sauteuren langen schwarzen Rock und eine luftige schwarze Bluse.

Alles war vorbereitet und wir warteten im Garten meiner Tante auf die Dinge, die da kommen sollten. Alle Verwandten hatten sich versammelt und saßen trotz der sengenden Maisonne still und erwartungsvoll auf ihren Stühlen. Unter einem weißen Partyzelt wartete bereits ein kleiner Imbiss neben Kaffeethermoskannen, gut abgedeckt und so verhüllt, dass Kai und ich uns fragten, was es Leckeres gäbe.

Kai war mein Zwillingsbruder und wir wagten nicht, miteinander zu reden, ja nicht einmal zu flüstern. Im Lippenlesen waren wir beide gut und als Kai „kalter Hund“ mit den Lippen formte, wäre ich um ein Haar in haltloses Kichern ausgebrochen. Aber meine gute Erziehung und der bohrende Seitenblick meines Vaters hielten mich von Ausbrüchen dieser Art ab.

Langsam wurde die Sonne unangenehm. Meine Schläfen pochten ein wenig, der Magen hing mir in den Kniekehlen und das Stillsitzen war auch nicht mein Ding. Ich begann meine Schläfen zu massieren, als ein schwarz gekleideter Mann mit einem großen Karton kam, auf Tante Hilde zuschritt und ihr ein paar Worte zuflüsterte. Tante Hilde schluchzte nun ungehindert.

Eine schwarze Keramikurne, umhüllt von einem beigefarbenen Seidentuch, wurde aus dem Karton gehoben. „Mein geliebter Mephisto 2015 – 2020“ leuchtete in großen goldenen Lettern auf der Urne. Tante Hilde drohte zu kollabieren, so sehr hatte der Abschiedsschmerz sie im Griff.

Ich hingegen empfand keinerlei Trauer, eher Genugtuung. Hatte mich dieser neurotische Vierbeiner mit dem so passenden Namen zeit meines kurzen Lebens in Angst und Schrecken versetzt und mehrfach gebissen. Was war er auch so blöd sich loszureißen und in ein Auto zu rennen!

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren

Obwohl ich sie nicht sehe, spüre ich sie deutlich, jede einzelne von ihnen. Vom Kopf bis zu den Füßen entfalten sie leise und zielsicher ihre Macht über mich, halten mich fest und zwingen mich für die nächste halbe Stunde in die Unbeweglichkeit. Eine leichte Bewegung würde ihre Wirkung unterbrechen, würde sie nahezu haltlos machen.

Ein – aus – die Atemwelle kommen lassen. Nach einer Weile hat sich die Atmung reguliert und ich lasse atmen. Die Bilder hinter meinen geschlossenen Augenlidern bewegen sich langsamer, verblassen und ein tiefes Schwarz breitet sich aus. Die Ohren wenden sich der leisen Hintergrundmusik zu, nehmen sie auf und leiten sie ins Körperinnere wie in einen großen Resonanzkörper. Dort bleiben sie liegen, leise, melodisch und besänftigend.

Und dann kommt sie, die Schwerelosigkeit, die Tiefenentspannung. Der Körper hat sein Gewicht scheinbar völlig verloren. Ob er liegt oder schwebt, ist kaum zu spüren.
Die Augen fallen zurück in ihre Höhlen, das anfänglich kaum merkbare Zittern der Lider geht in eine tiefe Schwere über. Dann wird es ganz still um mich.

Ich zähle mit, siebzehn – achtzehn. Das sind alle. Ich bewege mich vorsichtig, richte mich auf, massiere mir die kribbelnden Hände, die durch die längere Unbeweglichkeit vor sich hinsurren, und versuche langsam, in den Alltag zurückzufinden.

Die warme Frühlingssonne scheint ins helle Zimmer und mit meinem bunten Sonnenhut in der Hand stelle ich mich dem noch jungen Tag, bereit, mit der strahlenden Sonne um die Wette zu eifern.

237 Wörter

Frau versinkt bei Tratsch in Erde

oder: Wer anderen eine Grube gräbt …

 

Sie stand am Gartenzaun und schaute verstohlen nach rechts und links, während sie ihre frisch gewaschene Wäsche auf die Leine spannte. Der laue Frühlingswind begann unvermittelt, die geblümte Mikrofaserbettwäsche sachte hin und her zu schaukeln.

‚Na endlich‘, dachte sie, als sich die Terrassentür der linken Nachbarin öffnete. Sie eilte, mit einem Wäschekorb bepackt, zielstrebig auf ihre Wäschespinne zu.

„Guten Morgen, Frau Schneller, das Wetter ist so mild, dass man es doch glatt ausnutzen muss.“ Ohne eine Antwort oder eine Geste der Gesprächsbereitschaft abzuwarten, stürzte Frau Saubermann mit ihrem leeren Wäschekorb an den Gartenzaun und blickte Frau Schneller gespannt entgegen.

„Guten Morgen“, antwortete Frau Schneller, leicht genervt. Sie schien in Eile zu sein, denn im Gegensatz zu Frau Saubermann sah sie aus, als würde sie das Haus gleich verlassen.

Frau Saubermann war Hausfrau durch und durch. Ihr Lebensabschnittsgefährte verließ bereits in der Früh das Haus, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften, der Frau Saubermann in die glückliche Lage brachte, zu Hause bleiben zu dürfen. Eigene Kinder waren dem Paar versagt geblieben. Dafür wurde der Hund des Hauses, ein weißer Königspudel, wie ein Kind ins Herz geschlossen und dementsprechend verwöhnt und verhätschelt und getätschelt.

Frau Saubermanns Tag begann mit einem spärlichen Frühstück, bestehend aus einer Tasse grünem Tee und zwei Knäkebrotscheiben, nur mit einem Hauch cholesterinfreier Margarine bestrichen. Mit diesen Energiespendern stürzte sich Frau Saubermann nach dem Frühstück in ihre Hausarbeit.

Mangels anderer Beschäftigungen hatte sie im Laufe der Zeit eine regelrechte Putzphobie entwickelt. Herr Saubermann kam meist nicht vor neunzehn Uhr nach Hause. Möglicherweise hatte er als leitender Angestellter einer führenden Bank sehr viel zu tun. Möglicherweise hatte er aber auch genug von einer durch und durch sagrotanerfüllten Luft in einem durch und durch antibakteriellen Haus, in dem er Abend für Abend von einer Frau mit Zahnpastalächeln und einem frisch gebadeten Hund einträchtig nebeneinander auf dem Sofa sitzend empfangen wurde.

Frau Saubermanns Tag war strukturiert und angefüllt mit diversen Beschäftigungen. Aber da ihr ein Gesprächspartner fehlte, mit dem sie sich wirklich austauschen konnte, war eine bestimmte Zeit des Tages reserviert, zu beobachten, was um sie herum geschah. Ihrer Ansicht nach Wichtiges fand Platz in einem kleinen Notizbuch, das in der Küche neben dem Fenster lag. Nach einer gewissen Zeit konnte Frau Saubermann die Tagesabläufe in ihrer Nachbarschaft mühelos rekonstruieren.

Mit diesem hart erworbenen Wissen zog sie gegen Mittag los, um ihre Einkäufe für das Abendessen zu besorgen. Das biografische Gerüst ihrer unmittelbaren Nachbarn füllte sich nach einem kleinen Plausch beim Bäcker, einem Small Talk beim Fleischer und die redselige Verkäuferin im Zeitungsladen lieferte ihr das eine oder andere Steinchen, das ihr auf ihrem häuslichen Basteltisch noch fehlte.

Frau Schneller hatte ihre Wäsche aufgehängt, zögerte und blieb dann aber doch mit einem Blick auf ihre Armbanduhr am Gartenzaun stehen.

„Guten Morgen, Frau Saubermann. Geht es Ihnen gut?“

„Danke der Nachfrage, liebe Frau Schneller.“ Ohne auf die Frage nach ihrer Befindlichkeit zu reagieren, stellte sich Frau Saubermann näher an den Gartenzaun, warf rasch einen Blick nach rechts und links und blickte Frau Schneller vielsagend an.

„Haben Sie schon gehört, dass Herr Peters aus der Forststraße ausgezogen ist?“

„Herr Peters …“ zögerte Frau Schneller, „der Name sagt mir nichts. Helfen sie mir auf die Sprünge“.

„Sie wohnen ja noch nicht so lange hier“, antwortete Frau Saubermann voller Verständnis wie auf Knopfdruck. Die gute Frau Schneller hatte noch viel zu lernen und zu erfahren, dafür wollte Frau Saubermann gerne sorgen.

„Peters haben das erste Haus in der Forststraße, Ecke Waldstraße, gleich rechts das erste Grundstück mit der schweinchenrosa Fassadenfarbe.“

Frau Schneller dämmerte, wen Frau Saubermann meinte, aber nicht, weil sie Herrn Peters kannte, sondern weil sie diese Farbe für eine Hausfassade grässlich fand. Um sich innerlich selbst zuzustimmen, blickte sie kurz auf ihre strahlend hellgraue Fassade, denn Grau war ihre Farbe, von der Gesichtsfarbe bis zur Unterwäsche.

„Nun, das kommt in den besten Familien vor“, entgegnete Frau Schneller etwas gelangweilt, nicht bereit, sich von Frau Saubermann bis ins Detail über das Liebesleben in der Nachbarschaft aufklären zu lassen. Schon suchte sie nach einem Vorwand, sich schnell aus dem Staube zu machen, als Frau Saubermann fortfuhr:

„Ich hätte meinem die Koffer auch vor die Tür gestellt und vorher sogar eigenhändig gepackt. Die Tussi, mit der er herumzieht, könnte schließlich seine Tochter sein.“

Frau Schneller hatte keine Gelegenheit mehr, sich dem Redeschwall von Frau Saubermann zu entziehen und hörte sich geduldig deren gesammelten Beobachtungen, Notizen und verbalen Ergänzungen aus der Geschäftswelt an.

„Arm in Arm… arme Ehefrau… sie so zu hintergehen… bringt sie sogar nach Hause… zweiter Frühling… angesehener Beamter …spricht sich doch herum… eine moralische Schande… Frau Peters in ihrer Stellung…mit zwei großen Koffern das Haus verlassen… braucht sich hier gar nicht mehr sehen zu lassen …“

Frau Saubermann hatte Herrn Peters mehrfach in Begleitung einer jüngeren Frau gesehen, die im Hause Peters mittlerweile ein und aus ging.

Frau Peters war eine engagierte Politikerin, die sich in erster Linie um die Belange junger, ungewollt schwanger gewordenen Mädchen und deren Probleme kümmerte, jungen Familien bei der Bewältigung von Schwierigkeiten half und viel Zeit und Geduld für deren Belange aufbrachte. Sie hatte einen sehr guten Ruf in der Kleinstadt und war über alle Maßen bei Jung und Alt beliebt.

„Jedenfalls hoffe ich, dass sie darüber hinweg kommt und er mächtig auf die Nase fällt“, endete Frau Saubermanns Bericht mit dem Nachsatz: „Eines Tages wird sie mir dankbar sein“.

„Wofür dankbar?“ Frau Schneller glaubte, sich verhört zu haben und ahnte Böses.

„Ich habe Frau Peters angerufen und von Frau zu Frau mit ihr gesprochen, was ihr Gatte so hinter ihrem Rücken treibt.“

Das ging Frau Schneller doch zu weit. Spekulationen dieser Art waren ein gefährliches Unterfangen. Sie hob zu einer Erwiderung an, als die Aufmerksamkeit der beiden Frauen durch das Erscheinen des Briefträgers jäh unterbrochen wurde.

„Frau Saubermann, ein Paket für Sie!“

„Nanu“, sagte Frau Saubermann ein wenig überrascht und bedauerte, ihr angenehmes Pläuschchen mit Frau Schneller unterbrechen zu müssen. „Ich habe doch gar nichts bestellt.“

Frau Schneller schluckte ihr aufsteigendes Befremden über Frau Saubermanns eifrige Aktivität herunter und nutzte die Gelegenheit, sich eilig zu verabschieden, da sie zur Arbeit müsse.

Ungeachtet ihrer Lockenwickler, ihrer hautengen Leggins und ihres T-Shirts mit dem tiefen Einblick eilte Frau Saubermann zum Gartentor und nahm dem Briefträger das Päckchen ab.

„Wenn sie sich einen Moment erfrischen und mit mir einen Tee trinken möchten, dürfen Sie gerne hinein kommen“, flötete Frau Saubermann dem jungen, gut gebauten Mann entgegen. Dem fiel sofort der grässliche Grüne Tee ein, mit dem Frau Saubermann ihn mal geködert hatte und schob vor, es heute besonders eilig und sehr viel zu tun zu haben.

„Danke, ein anderes Mal gerne“, antwortete er höflich, schwang sich in sein gelbes Postauto und fuhr eilig davon, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Frau Saubermann trug das Paket auf die Terrasse. Neugierig riss sie es auf, brach sich dabei einen aufgeklebten feuerroten Nagellack ab und erstarrte.

Ein äußerst ekelerregender Geruch entstieg dem Paket. Und mitten auf dem Inhalt lag ein großer Zettel mit schwarzen Druckbuchstaben:

SOLLTEN SIE ES NOCH EINMAL WAGEN IHRE NASE
IN FREMDE ANGELEGENHEITEN ZU STECKEN
IST DIE NÄCHSTE MITTEILUNG EIN LKW
VOLLER KUHMIST MITTEN
AUF IHREN GEPFLEGTEN ENGLISCHEN RASEN.

Wir behalten uns vor,
Sie wegen Verleumdung anzuzeigen,
sollten Sie in noch einmal Unwahrheiten
in die Welt setzen.

Mit freundlichen Grüßen
Irene und Helmut Peters.

Diese Schlagzeile entdeckte ich im Netz und mein Kopfkino sprang an.

 © G. Bessen