abc.etüden (21)

Schreibeinladung für die Textwoche 21.17 | Wortspende von Andrea aus Bremen

mit den Worten: Pusteblume, Käsehobel, versteigern

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (5)

Ludwig saß auf dem Balkon seines Hotelzimmers und beobachtete eher gelangweilt ein paar Kinder, die sich jauchzend auf die Pusteblumen stürzten und die kleinen hellgrauen  Fallschirme in die warme Mailuft pusteten.

Er wusste weder ein noch aus. Die brünette Dame, die ihm das lang vermisste Gefühl gegeben hatte, er sei einzigartig und der beste und zärtlichste Liebhaber aller Zeiten, hatte zwei Tage Tisch und besonders Bett ganz intensiv mit ihm geteilt und dann war sie eines Morgens wie ein zufriedenes Vögelchen heimlich davon geflattert – mit all dem Geld, das Ludwig bei sich gehabt hatte. Seitdem hatte er sich nicht mehr vor die Tür getraut. Der Zimmerservice, der ihm sein Essen brachte, hatte schon besorgt gefragt, ob er nach einem Arzt schicken sollte.

Er stand auf und ging ins Bad. Angewidert starrte er in den Spiegel. Dicke Tränensäcke, Augenringe und ein Dreitagebart, der selbst mit einem Käsehobel nicht mehr abgegangen wäre, starrten ihm entgegen.

Wie sollte er das Hildchen beibringen? Er – statt auf einer Pilgerreise in Spanien gehörnt und geprellt in einem Wiener Hotelzimmer, arm wie eine Kirchenmaus, mit nichts mehr in der Hinterhand, was sich noch zu einem passablen Preis versteigern ließ?

Für die Teile 1-4 bitte nach unten scrollen…

Duftnoten

In unserer lauten und schnelllebigen Zeit übersehen und überhören wir so vieles. Vielleicht ein Anlass, sich mit den kleinen und profanen Dingen in unserer Umgebung mal wieder intensiver zu beschäftigen…

Duftnoten

Was für ein Duft! Nicht jeder fand ihn angenehm und einige begannen, die Nase zu rümpfen. Andere wiederum konnten nicht hinreichend genug davon bekommen und benahmen sich wie ein Süchtiger an einer Schnüffeltüte.
„So etwas hat es hier noch nie gegeben“, schimpfte die Erdbeermarmelade, „mir wird schon ganz pelzig auf der Zunge“.
„Nun hab’ dich dicht so mimosenhaft“, entgegnete die Leberwurst. „Daran wirst du nicht versauern.“
Die Eier beugten sich in ihrer Schale kurz hervor, rümpften die Nase und verschwanden wieder in ihrem obersten Fach.
„So eine Sauerei, da wird einem ja ganz übel“, regten sich die Tomaten auf, „das halten wir nicht lange aus! Eine Zumutung!“
Das Vollkornbrot schielte neugierig zu dem neuen Mitbewohner. Es konnte sich einen engeren Kontakt mit diesem wohlriechenden Gesellen gut vorstellen.
„Was hältst du von dem?“, fragte er seine Nachbarin, die Butter.
„Nicht übel“, antwortete sie mit einem leuchtenden Blick in den Augen. „Den würden wir nicht von der Kante stoßen, oder?“
„Auf keinen Fall“, antwortete das Vollkornbrot. „ich versuche schon die ganze Zeit, mit ihm in Blickkontakt zu kommen, aber die Meckerei hier hat ihn wohl etwas eingeschüchtert“.
„Habt Ihr keine anderen Sorgen?“, raunte eine Bierflasche gelangweilt vom obersten Regal.
Dieser Spruch trieb den Tomaten die Zornesröte mitten ins fleischige Gesicht.
„Du hast gut reden. Deine Haltbarkeit in deiner verschlossenen Flasche steht ja nicht auf dem Spiel. Wir sind schließlich dünnhäutig und ich merke schön jetzt, wie mir überall die Pelle juckt. Wenn ich krank werde, ist mein Ende schneller da, als mir lieb ist.“
„Selber schuld”, höhnte die Bierflasche. „Eure zu Saft gewordenen Schwestern haben es da wohl besser“.
„Das ist aber nicht fair“, entgegnete die Milchtüte mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Bierflasche. „man hat schließlich wenig Einfluss darauf, wie lange einem das Leben vergönnt ist.“
„Echauffiere dich nicht so, liebe Milch, sonst wirst du vor lauter Aufregung noch ganz sauer.“ Der Bierflasche schien es Spaß zu machen, die Stimmung bewusst anzuheizen.
Dem neuen Mitbewohner war gar nicht wohl in seiner Haut. Dort, wo er her kam, waren alle nett zueinander gewesen. Er verstand den Aufruhr nicht. Ganz still lag er in der Ecke und rührte sich nicht vom Fleck. Vorsichtig schielte er zu seinem linken Nachbarn, dem Kohlrabi. Er schien nichts gegen ihn zu haben, beäugte ihn aber neugierig.
„He, Kumpel, mach dir nichts draus, die werden sich schon an dich gewöhnen“, flüsterte er ihm zu.
„Meinst du? Ich komme mir vor wie ein Störenfried, so wie hier einige reagieren.“
„Papperlapapp! Hör einfach nicht hin.“
Mittlerweile war eine rege Diskussion zwischen den Tomaten und der Butter, der Milch und der Bierflasche und dem Vollkornbrot und der Leberwurst entstanden. Alle diskutierten wild und lautstark miteinander.
Plötzlich war es ganz dunkel geworden und das Stimmengewirr ging in ängstliches Schweigen über.
Die dunkle, tiefe Stimme der Energie meldete sich zu Wort.
„ Ich warne Euch. Wenn Ihr nicht sofort friedlich miteinander umgeht, bleibt die Kühlung aus. Ihr seid meine Gäste und als Gast sollte man sich zu benehmen wissen. Geht dieser Unfrieden weiter, sorge ich dafür, dass Euer letztes Stündchen geschlagen hat. Dann landen die meisten von Euch in der Mülltonne und sterben einen grausamen Tod. Ich hoffe, das war klar genug.“
Niemand erwiderte etwas. Nur der kleine Käse legte sich behaglich in seine Schachtel und begann sich wohl zu fühlen.

©G. Bessen in „Ein prima Klima“

abc.etüden (20.1)

abc/etüden/

Auf besonderen Wegen (4)

heute mit den aktuellen Worten
vom vergangenen Sonntag:

 

 

Golfrasen
Gebrauchsanweisung
Bürosex

Antonia klappte der Unterkiefer herunter, als sie mit Hildchen mitten in der Breslauer Altstadt vor der alten Villa stand, die für die nächsten sieben  Tage ihr Domizil sein würde. Das 5-Sterne-Hotel ‚Platinum Palace’ strahlte auch im Inneren noch die Eleganz des vergangenen Jahrhunderts aus. Nur der Herr an der Rezeption machte einen etwas verworrenen Eindruck, als er etwas unsortiert aus einem angrenzenden Zimmer kam und die beiden Damen mit glänzenden Augen ansah.

„Der kommt wohl gerade von einem Schäferstündchen, die Hose ist nicht ganz zu.“ Antonia kicherte in sich hinein, und stieß Hildchen etwas zu heftig in die Seite.

„Hast du etwa noch nie Bürosex gehabt? Der ist prickelnder als die beste Flasche Champagner.“

Das Hotelinnere war so modern und auf dem neuesten Stand, dass die beiden Frauen gern die eine oder andere Gebrauchsanweisung gehabt hätten, beispielsweise zum Öffnen ihrer Zimmertür oder zum Betätigen diverser Wasserhähne und elektrischer Geräte.

Antonia, die gelegentlich den Badesee in ihrer Nähe mitten im Wald zum Schwimmen besuchte, freute sich darauf,  ihrem schon etwas reifen Körper den Genuss von Wellness in Form von Sauna und Hamam, Massagen und Aromatherapie bieten zu können.

Während sie Hildchen schon fast betrunken redete, wie genial deren Idee, genau dieses Hotel zu buchen, gewesen sei, entdeckte diese vom Balkon ihres Zimmers aus, wie der neu angelegte Golfrasen freigegeben wurde…

Teil 1 und 2

Teil 3

abc.etüden (20)

Die heutige Wortspende sowie die wöchentlichen Illustrationen  stammt von Ludwig Zeidler  dem eigentlichen Begründer dieses sonntäglichen Schreibprojektes

 

Golfrasen, Gebrauchsanweisung, Bürosex

abc.etüden/ ‚Wer nicht wagt, der nicht gewinnt’

Insgeheim wusste er schon lange, dass seine kleine Detektei  dem Konkurs entgegensteuerte, doch er dachte nicht daran aufzugeben – noch nicht!

Die zwei Jahre, die ihm noch bis zum Rentenalter fehlten, musste er irgendwie überstehen, damit ihn später keine weiteren finanziellen Tiefschläge ereilen würden. Es reichte schon, dass er jetzt den Gürtel immer enger schnallen musste. Seine Frau ahnte nichts, nur Nadine, seine einzige Angestellte, wusste, wie die Dinge um ihn standen. Anstatt sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen, denn sie war noch zu jung, um an das Rentenalter zu denken, blieb sie treu  bei ihm. Er wusste um seine liebevollen,  zärtlichen und ausdauernden Qualitäten und so vermutete er, dass ihr gemeinsamer und fast täglicher  Bürosex der Hauptgrund ihres Bleibens war.

Sein Hobby, das Golfspielen, konnte er sich finanziell  schon lange nicht mehr leisten, doch er frönte seinem Hobby in einem kleinen, nicht mehr benötigten Raum seiner Detektei. Ein künstlicher Golfrasen, den er dort ausgelegt hatte, dazu ein besonderes Licht und ein paar unerlässliche Gegenstände für besondere Momente zierten dieses intime Zimmer, in dem keine Gebrauchsanweisungen für irgendetwas nötig waren. Er verbrachte seine Zeit dort mit Golfen oder mit Nadine, seiner willigen Gespielin, die auch ihm gerne alle intimsten Wünsche erfüllte.

So etwas gab Mann nicht auf, denn wer aß schon gern täglich ausschließlich Hausmannskost, wenn sich der Wunsch nach Exotik und besonderer Erotik so einfach erfüllen ließ?

abc.etüden (19)

Das sonntägliche Schreibprojekt mit den Wörtern: Meer, Mensch, Kind

Die Wortspende stammt von Jaecki Lindenau

abc.etüden/Des Menschen Wille ist sein Himmelreich

Bevor unsere Familienurlaube ins Ausland führten (und damit meine ich als Fernziele Österreich und erst viel später Spanien), machten wir in der Nähe von Eckernförde Urlaub in Ostseenähe.

Die Ostsee war nicht der Atlantik, aber immerhin verdient sie den Namen Meer.

Als ich Kind war, fand ich das schön, denn der Bauernhof, auf dem wir wohnten, hatte Pferde und welches Mädchen  schmachtet nicht danach, mal auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen, selbst wenn der folgende Tag breitbeinig absolviert werden muss?

Als pubertierendes Monster (ich gebe zu, die wenig schmeichelhafte Beziehung traf auf mich besonders gut zu), fand ich diese Familienurlaube an die Ostsee einfach nur ätzend, langweilig und war froh, wenn wir wieder zuhause waren. Was interessierte mich das Marine-Ehrenmal und U-Boot in Laboe oder der Wochenmarkt in Eckernförde? Der Fisch, den mein Vater in der Schlei angelte, kam mir bald zu den Ohren heraus. Bis ich allerdings alleine oder mit Gleichaltrigen verreisen durfte, vergingen noch ein paar Jahre und die Ostsee stand bei weitem nicht mehr auf meiner Wunschliste. Die Berge wurden mein Objekt der Begierde, je höher, desto besser.

Doch der Mensch und seine Wünsche verändern sich.

Nach dem Fall der Mauer wurde für uns der Osten Deutschlands zum begehrten Reiseland und die deutsche östliche Ostseeküste mit ihren Inseln ist ein wahres Erlebnisparadies.

abc.etüden (18)

Das sonntägliche Schreibprojekt mit den Wörtern: Meer, Mensch, Kind

Die Wortspende stammt von Jaecki Lindenau

abc.etüden/ Einschnitte

Wir jagen der Zeit hinterher, als könnten wir sie wie Schmetterlinge einfangen und  festhalten. Sie gleitet uns durch die Hände wie der feine helle Sand der Dünen.

Und doch gibt es Situationen, da möchten wir sie antreiben, anflehen, doch zu verstreichen. Sie lähmt uns, sie macht uns handlungsunfähig und blockiert unser Denken. Auch wenn der Kopf ein JA signalisiert, sagt der Bauch eindeutig NEIN und das zerreißt uns.

Gestern gab es eine solche Situation.

Mit sechs Wochen lag mein Hund als Welpe in meiner Handfläche. Gestern hielt ich ihn im Arm, bis das kleine Herz aufhörte zu schlagen. Ich kam mir vor wie ein Mensch, dem man ein Kind entreißt, das so gern noch gelebt hätte. Der Kreis hat sich geschlossen und ich schwimme in einem  Meer voller Traurigkeit.

abc.etüden (17)

abc/etüden(17)/ Auf besonderen Wegen (3)

heute mit Worten aus einer früheren Kalenderwoche:
Königin, Backerbsen, Korallenriff

Hildchen war nicht auf den Mund und schon gar nicht auf den Kopf gefallen, denn als der Holde per Taxi in Richtung Flughafen davonfuhr, packte sie ihren Koffer und wartete aufgeregt auf ihre beste Freundin Antonia, mit der sie schon zu Schulzeiten lauter Flausen im Kopf gehabt hatte. Sollte Ludwig  doch pilgern und beten gehen, sie würde das Geld ihrer Erbtante Charlotte verprassen, von dem er nicht den blassesten Schimmer hatte.

Sie hatte alles bedacht, vom Programmieren der Zeitschaltuhren in Haus uns Garten bis hin zum Nachsendeantrag und freute sich wie ein kleines Kind darauf, sich mit Antonia auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugendzeit zu bewegen. Wie lange war das her?

Natürlich hätte sie lieber im Roten Meer einen Tauchkurs gemacht und die viel gepriesenen Korallenriffe umschnorchelt. Das aber war etwas für junge Leute. Hildchen  liebte Backerbsen in allen Variationen, die es – so sagt man – in Ägypten gab und als Königin von Sanaa wollte sie schon als Kind in den prächtigsten Kleidern herumlaufen. Man kann vieles wollen und doch nicht alles haben.

So saß sie zufrieden neben der schlafenden Antonia im Reisebus nach Breslau, voller Vorfreude darauf, was sie in Breslau wohl alles wiedererkennen würden…