Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.21

Christiane lädt zu einer neuen Etüdenrunde ein. Die Wörter für die Textwochen 23/24 des Schreibjahres 2021 stiftete Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lauten:

Picknickdecke
verwegen
recherchieren

Der Frühling war in diesem Jahr, wie so vieles andere nahezu ausgefallen und von heute auf morgen hatte der Sommer seinen Einzug gehalten. Eben noch im tiefsten Lockdown öffneten sich plötzlich Türen, die lange verschlossen waren.

‚Das Leben ist zu kurz für irgendwann … ‚war ihr in einem neulich gelesenen Zitat im Gedächtnis geblieben. Nein, keine Zeit verlieren und das Leben beim Schopf packen!

Sie fand sich mutig, ja fast ein wenig verwegen, als sie heute früh beim Erwachen in die strahlende Sonne blinzelte, dem aufgeregten Ruf der Vögel lauschte und nach ihrem Smartphone griff.

Marty war sofort am Telefon, als hätte er bereits auf ihren Anruf gewartet.

Mareike verlor keine Zeit und kam gleich zur Sache, überrollte Marty mit ihrem ausgeklügelten Plan, einen Picknickkorb zu packen, das Fahrrad zu überholen und startklar zu machen und schärfte ihm ein, eine große bunte Picknickdecke mitzubringen.

Entweder war er noch nicht ganz wach oder stand, wie so oft, ein wenig mit dem Fuß auf der Leitung, denn er fragte etwas ratlos, ob sie denn nicht erst recherchieren sollten, was die neuen Regeln alles erlauben würden, bevor sie sich an einem Sonntagvormittag ins Getümmel stürzten.

„Wir dürfen heute nach unseren eigenen Regeln leben und einen Sommertag in Freiheit erleben“, antwortete Mareike in sich hinein schmunzelnd. „Ach, und denke bitte an ein Badetuch, ich habe eine Bucht am See entdeckt, die so einsam ist, dass sie geradezu paradiesisch anmutet. Bis später!“

Bevor Marty irgendetwas erwidern konnte, hatte sie aufgelegt und sich in die Vorbereitungen gestürzt. Es wäre doch gelacht, wenn sie ihm seine Schüchternheit heute nicht ein wenig therapieren könnte …

267 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 (2)

Christiane hat wieder zur Etüde eingeladen.  Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 

Die Zerreißprobe

Das Geräusch war kaum zu ertragen und hielt seinen Körper von Kopf bis Fuß in Schach. Es kroch bis in den Haaransatz. Von dort aus setzte es sich wie Erdbebenwellen über die gesamte schwitzende Kopfhaut fort und rann den Rücken hinunter, Wirbel für Wirbel. Die Oberschenkel waren so verkrampft, dass ein Kribbeln von den Schenkelinnenseiten über beide Kniekehlen und dann über die Waden bis in die Fußspitzen zu spüren war.

Er spürte seine beiden Schulterblätter, die sich nach außen drückten, als könnten sie dieses dumpfe, durchdringende Geräusch dadurch besänftigen. Seine überstreckte Halswirbelsäule zog sich immer wieder vorsichtig rechtsdrehend aus einer Art Umklammerung. Die Fingerknöchel, weiß und bleich, hoben sich von seinen sonst gut durchbluteten Händen deutlich ab.

Hektisch sog er die Luft durch die Nasenöffnung. Dabei blähten sich seine Nasenlöcher wie die Nüstern eines Pferdes hoch und runter. Die Augen hielt er geschlossen und doch hatte er das Gefühl, direkt in das gleißende Licht der Lampe zu schauen. Sein Gesicht war mit kaltem Schweiß überzogen und schien gleichzeitig feuerrot zu glühen.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Obwohl er nur wegwollte, hatte er keine Chance, seinen Körper zu bewegen. Er war starr vor Schreck, wie in einem Korsett gefangen.  Die Anspannung zog  sich durch jeden Muskel seines Körpers. Gleichzeitig rauschte der Puls in seinem Trommelfell bis in die Innenseiten seiner Schläfen.

Eine zunehmend eklige  Feuchtigkeit im Mund ließ ihn innerlich erzittern. Es war Blut, das konnte er förmlich riechen und er hatte das Gefühl eine dampfende Wolke umhüllte sein Haupt.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und eine schier grenzenlose Erleichterung überfiel ihn. Nun konnte sein Körper langsam in den Normalzustand zurückkehren.

„Das wäre geschafft! Dieses Biest wird Sie nicht mehr quälen!“, sagte der Zahnarzt und zeigte ihm den soeben entfernten Weisheitszahn. Und dann wurde es schwarz vor seinen Augen …

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21

Christiane hat wieder eingeladen. Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 Sie hätte es besser wissen müssen und sich nicht dazu hinreißen lassen dürfen. Aber der regelmäßige nachmittägliche Ausflug war einfach zu verlockend. Nun war es zu spät.

Als sie losgegangen war, schien die Sonne und der Himmel war voll von bauschigen Schönwetterwolken. Der Wolkenbruch, der sich vor wenigen Minuten über sie ergossen hatte, ließ den von den Sonnenstrahlen erwärmten Waldboden dampfen und die prasselnden Regentropfen hinterließen auf dem frischen Maigrün eine sanfte Tränenspur.

Der Sturm war noch nicht vorüber, denn die Baumwipfel der Kiefern sangen ihr eigenes Lied und die dünnen Baumstämme schwankten je nach Laune des Windes fast unmerklich, mal rechtsdrehend, dann wieder linksdrehend. Der Wettergott gab den Ton an und die Natur ergab sich ihm in völliger Demut.

Der Wald hinterließ schon lange einen erbärmlichen Eindruck. Überall lagen umgeknickte Baumstämme, wie Mikadostäbchen einfach umgepustet, herausgerissen aus dem zu trockenen märkischen Sandboden. Nur die zarten Triebe der Blätter an den Sträuchern und den jungen Birken gaben Hoffnung auf das neue Leben, das sich nicht unterkriegen ließ.

Ein dumpfes Grollen und ein zuckender Blitz ließen das kleine Wesen in ihren Armen erneut wild zappeln. Die Angst kroch wild durch seinen jungen Körper. Aber er durfte sich auf keinen Fall befreien und losreißen, wer weiß, wohin die Angst und sein Jagdinstinkt vor diesen fremden Gewalten ihn trieben. Auch wenn es ihr selbst wehtat, sie musste ihn festhalten.

Gefangen wie in einem Korsett, so musste sich das verletzte Wesen fühlen und irgendwann gab es seinen Widerstand auf. Ein erneuter Schauer ging hernieder, ein Gemisch aus dicken Regentropfen und dicken Hagelkörnern, die sich wie weiße Blütenblätter auf das helle Hundefell legten und infolge der Körperwärme sofort schmolzen.

Bald hatten sie es geschafft, und am Ende des breiten Waldweges schaute die Sonne hinter ein paar dunklen Wolken hervor und zauberte einen breiten leuchtenden Regenbogen.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 (2)

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut
haltlos
massieren

Tante Hilde rückte sich die dunkle große Sonnenbrille gerade ins Gesicht, ein untrügliches Zeichen, dass niemand ihre Tränen sehen sollte. Der große lilafarbene Sonnenhut saß perfekt auf ihren mahagonifarbenen Locken. Passend zum Anlass trug sie einen sauteuren langen schwarzen Rock und eine luftige schwarze Bluse.

Alles war vorbereitet und wir warteten im Garten meiner Tante auf die Dinge, die da kommen sollten. Alle Verwandten hatten sich versammelt und saßen trotz der sengenden Maisonne still und erwartungsvoll auf ihren Stühlen. Unter einem weißen Partyzelt wartete bereits ein kleiner Imbiss neben Kaffeethermoskannen, gut abgedeckt und so verhüllt, dass Kai und ich uns fragten, was es Leckeres gäbe.

Kai war mein Zwillingsbruder und wir wagten nicht, miteinander zu reden, ja nicht einmal zu flüstern. Im Lippenlesen waren wir beide gut und als Kai „kalter Hund“ mit den Lippen formte, wäre ich um ein Haar in haltloses Kichern ausgebrochen. Aber meine gute Erziehung und der bohrende Seitenblick meines Vaters hielten mich von Ausbrüchen dieser Art ab.

Langsam wurde die Sonne unangenehm. Meine Schläfen pochten ein wenig, der Magen hing mir in den Kniekehlen und das Stillsitzen war auch nicht mein Ding. Ich begann meine Schläfen zu massieren, als ein schwarz gekleideter Mann mit einem großen Karton kam, auf Tante Hilde zuschritt und ihr ein paar Worte zuflüsterte. Tante Hilde schluchzte nun ungehindert.

Eine schwarze Keramikurne, umhüllt von einem beigefarbenen Seidentuch, wurde aus dem Karton gehoben. „Mein geliebter Mephisto 2015 – 2020“ leuchtete in großen goldenen Lettern auf der Urne. Tante Hilde drohte zu kollabieren, so sehr hatte der Abschiedsschmerz sie im Griff.

Ich hingegen empfand keinerlei Trauer, eher Genugtuung. Hatte mich dieser neurotische Vierbeiner mit dem so passenden Namen zeit meines kurzen Lebens in Angst und Schrecken versetzt und mehrfach gebissen. Was war er auch so blöd sich loszureißen und in ein Auto zu rennen!

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren

Obwohl ich sie nicht sehe, spüre ich sie deutlich, jede einzelne von ihnen. Vom Kopf bis zu den Füßen entfalten sie leise und zielsicher ihre Macht über mich, halten mich fest und zwingen mich für die nächste halbe Stunde in die Unbeweglichkeit. Eine leichte Bewegung würde ihre Wirkung unterbrechen, würde sie nahezu haltlos machen.

Ein – aus – die Atemwelle kommen lassen. Nach einer Weile hat sich die Atmung reguliert und ich lasse atmen. Die Bilder hinter meinen geschlossenen Augenlidern bewegen sich langsamer, verblassen und ein tiefes Schwarz breitet sich aus. Die Ohren wenden sich der leisen Hintergrundmusik zu, nehmen sie auf und leiten sie ins Körperinnere wie in einen großen Resonanzkörper. Dort bleiben sie liegen, leise, melodisch und besänftigend.

Und dann kommt sie, die Schwerelosigkeit, die Tiefenentspannung. Der Körper hat sein Gewicht scheinbar völlig verloren. Ob er liegt oder schwebt, ist kaum zu spüren.
Die Augen fallen zurück in ihre Höhlen, das anfänglich kaum merkbare Zittern der Lider geht in eine tiefe Schwere über. Dann wird es ganz still um mich.

Ich zähle mit, siebzehn – achtzehn. Das sind alle. Ich bewege mich vorsichtig, richte mich auf, massiere mir die kribbelnden Hände, die durch die längere Unbeweglichkeit vor sich hinsurren, und versuche langsam, in den Alltag zurückzufinden.

Die warme Frühlingssonne scheint ins helle Zimmer und mit meinem bunten Sonnenhut in der Hand stelle ich mich dem noch jungen Tag, bereit, mit der strahlenden Sonne um die Wette zu eifern.

237 Wörter

Frau versinkt bei Tratsch in Erde

oder: Wer anderen eine Grube gräbt …

 

Sie stand am Gartenzaun und schaute verstohlen nach rechts und links, während sie ihre frisch gewaschene Wäsche auf die Leine spannte. Der laue Frühlingswind begann unvermittelt, die geblümte Mikrofaserbettwäsche sachte hin und her zu schaukeln.

‚Na endlich‘, dachte sie, als sich die Terrassentür der linken Nachbarin öffnete. Sie eilte, mit einem Wäschekorb bepackt, zielstrebig auf ihre Wäschespinne zu.

„Guten Morgen, Frau Schneller, das Wetter ist so mild, dass man es doch glatt ausnutzen muss.“ Ohne eine Antwort oder eine Geste der Gesprächsbereitschaft abzuwarten, stürzte Frau Saubermann mit ihrem leeren Wäschekorb an den Gartenzaun und blickte Frau Schneller gespannt entgegen.

„Guten Morgen“, antwortete Frau Schneller, leicht genervt. Sie schien in Eile zu sein, denn im Gegensatz zu Frau Saubermann sah sie aus, als würde sie das Haus gleich verlassen.

Frau Saubermann war Hausfrau durch und durch. Ihr Lebensabschnittsgefährte verließ bereits in der Früh das Haus, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften, der Frau Saubermann in die glückliche Lage brachte, zu Hause bleiben zu dürfen. Eigene Kinder waren dem Paar versagt geblieben. Dafür wurde der Hund des Hauses, ein weißer Königspudel, wie ein Kind ins Herz geschlossen und dementsprechend verwöhnt und verhätschelt und getätschelt.

Frau Saubermanns Tag begann mit einem spärlichen Frühstück, bestehend aus einer Tasse grünem Tee und zwei Knäkebrotscheiben, nur mit einem Hauch cholesterinfreier Margarine bestrichen. Mit diesen Energiespendern stürzte sich Frau Saubermann nach dem Frühstück in ihre Hausarbeit.

Mangels anderer Beschäftigungen hatte sie im Laufe der Zeit eine regelrechte Putzphobie entwickelt. Herr Saubermann kam meist nicht vor neunzehn Uhr nach Hause. Möglicherweise hatte er als leitender Angestellter einer führenden Bank sehr viel zu tun. Möglicherweise hatte er aber auch genug von einer durch und durch sagrotanerfüllten Luft in einem durch und durch antibakteriellen Haus, in dem er Abend für Abend von einer Frau mit Zahnpastalächeln und einem frisch gebadeten Hund einträchtig nebeneinander auf dem Sofa sitzend empfangen wurde.

Frau Saubermanns Tag war strukturiert und angefüllt mit diversen Beschäftigungen. Aber da ihr ein Gesprächspartner fehlte, mit dem sie sich wirklich austauschen konnte, war eine bestimmte Zeit des Tages reserviert, zu beobachten, was um sie herum geschah. Ihrer Ansicht nach Wichtiges fand Platz in einem kleinen Notizbuch, das in der Küche neben dem Fenster lag. Nach einer gewissen Zeit konnte Frau Saubermann die Tagesabläufe in ihrer Nachbarschaft mühelos rekonstruieren.

Mit diesem hart erworbenen Wissen zog sie gegen Mittag los, um ihre Einkäufe für das Abendessen zu besorgen. Das biografische Gerüst ihrer unmittelbaren Nachbarn füllte sich nach einem kleinen Plausch beim Bäcker, einem Small Talk beim Fleischer und die redselige Verkäuferin im Zeitungsladen lieferte ihr das eine oder andere Steinchen, das ihr auf ihrem häuslichen Basteltisch noch fehlte.

Frau Schneller hatte ihre Wäsche aufgehängt, zögerte und blieb dann aber doch mit einem Blick auf ihre Armbanduhr am Gartenzaun stehen.

„Guten Morgen, Frau Saubermann. Geht es Ihnen gut?“

„Danke der Nachfrage, liebe Frau Schneller.“ Ohne auf die Frage nach ihrer Befindlichkeit zu reagieren, stellte sich Frau Saubermann näher an den Gartenzaun, warf rasch einen Blick nach rechts und links und blickte Frau Schneller vielsagend an.

„Haben Sie schon gehört, dass Herr Peters aus der Forststraße ausgezogen ist?“

„Herr Peters …“ zögerte Frau Schneller, „der Name sagt mir nichts. Helfen sie mir auf die Sprünge“.

„Sie wohnen ja noch nicht so lange hier“, antwortete Frau Saubermann voller Verständnis wie auf Knopfdruck. Die gute Frau Schneller hatte noch viel zu lernen und zu erfahren, dafür wollte Frau Saubermann gerne sorgen.

„Peters haben das erste Haus in der Forststraße, Ecke Waldstraße, gleich rechts das erste Grundstück mit der schweinchenrosa Fassadenfarbe.“

Frau Schneller dämmerte, wen Frau Saubermann meinte, aber nicht, weil sie Herrn Peters kannte, sondern weil sie diese Farbe für eine Hausfassade grässlich fand. Um sich innerlich selbst zuzustimmen, blickte sie kurz auf ihre strahlend hellgraue Fassade, denn Grau war ihre Farbe, von der Gesichtsfarbe bis zur Unterwäsche.

„Nun, das kommt in den besten Familien vor“, entgegnete Frau Schneller etwas gelangweilt, nicht bereit, sich von Frau Saubermann bis ins Detail über das Liebesleben in der Nachbarschaft aufklären zu lassen. Schon suchte sie nach einem Vorwand, sich schnell aus dem Staube zu machen, als Frau Saubermann fortfuhr:

„Ich hätte meinem die Koffer auch vor die Tür gestellt und vorher sogar eigenhändig gepackt. Die Tussi, mit der er herumzieht, könnte schließlich seine Tochter sein.“

Frau Schneller hatte keine Gelegenheit mehr, sich dem Redeschwall von Frau Saubermann zu entziehen und hörte sich geduldig deren gesammelten Beobachtungen, Notizen und verbalen Ergänzungen aus der Geschäftswelt an.

„Arm in Arm… arme Ehefrau… sie so zu hintergehen… bringt sie sogar nach Hause… zweiter Frühling… angesehener Beamter …spricht sich doch herum… eine moralische Schande… Frau Peters in ihrer Stellung…mit zwei großen Koffern das Haus verlassen… braucht sich hier gar nicht mehr sehen zu lassen …“

Frau Saubermann hatte Herrn Peters mehrfach in Begleitung einer jüngeren Frau gesehen, die im Hause Peters mittlerweile ein und aus ging.

Frau Peters war eine engagierte Politikerin, die sich in erster Linie um die Belange junger, ungewollt schwanger gewordenen Mädchen und deren Probleme kümmerte, jungen Familien bei der Bewältigung von Schwierigkeiten half und viel Zeit und Geduld für deren Belange aufbrachte. Sie hatte einen sehr guten Ruf in der Kleinstadt und war über alle Maßen bei Jung und Alt beliebt.

„Jedenfalls hoffe ich, dass sie darüber hinweg kommt und er mächtig auf die Nase fällt“, endete Frau Saubermanns Bericht mit dem Nachsatz: „Eines Tages wird sie mir dankbar sein“.

„Wofür dankbar?“ Frau Schneller glaubte, sich verhört zu haben und ahnte Böses.

„Ich habe Frau Peters angerufen und von Frau zu Frau mit ihr gesprochen, was ihr Gatte so hinter ihrem Rücken treibt.“

Das ging Frau Schneller doch zu weit. Spekulationen dieser Art waren ein gefährliches Unterfangen. Sie hob zu einer Erwiderung an, als die Aufmerksamkeit der beiden Frauen durch das Erscheinen des Briefträgers jäh unterbrochen wurde.

„Frau Saubermann, ein Paket für Sie!“

„Nanu“, sagte Frau Saubermann ein wenig überrascht und bedauerte, ihr angenehmes Pläuschchen mit Frau Schneller unterbrechen zu müssen. „Ich habe doch gar nichts bestellt.“

Frau Schneller schluckte ihr aufsteigendes Befremden über Frau Saubermanns eifrige Aktivität herunter und nutzte die Gelegenheit, sich eilig zu verabschieden, da sie zur Arbeit müsse.

Ungeachtet ihrer Lockenwickler, ihrer hautengen Leggins und ihres T-Shirts mit dem tiefen Einblick eilte Frau Saubermann zum Gartentor und nahm dem Briefträger das Päckchen ab.

„Wenn sie sich einen Moment erfrischen und mit mir einen Tee trinken möchten, dürfen Sie gerne hinein kommen“, flötete Frau Saubermann dem jungen, gut gebauten Mann entgegen. Dem fiel sofort der grässliche Grüne Tee ein, mit dem Frau Saubermann ihn mal geködert hatte und schob vor, es heute besonders eilig und sehr viel zu tun zu haben.

„Danke, ein anderes Mal gerne“, antwortete er höflich, schwang sich in sein gelbes Postauto und fuhr eilig davon, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Frau Saubermann trug das Paket auf die Terrasse. Neugierig riss sie es auf, brach sich dabei einen aufgeklebten feuerroten Nagellack ab und erstarrte.

Ein äußerst ekelerregender Geruch entstieg dem Paket. Und mitten auf dem Inhalt lag ein großer Zettel mit schwarzen Druckbuchstaben:

SOLLTEN SIE ES NOCH EINMAL WAGEN IHRE NASE
IN FREMDE ANGELEGENHEITEN ZU STECKEN
IST DIE NÄCHSTE MITTEILUNG EIN LKW
VOLLER KUHMIST MITTEN
AUF IHREN GEPFLEGTEN ENGLISCHEN RASEN.

Wir behalten uns vor,
Sie wegen Verleumdung anzuzeigen,
sollten Sie in noch einmal Unwahrheiten
in die Welt setzen.

Mit freundlichen Grüßen
Irene und Helmut Peters.

Diese Schlagzeile entdeckte ich im Netz und mein Kopfkino sprang an.

 © G. Bessen

 

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die Wörter zu Christianes Schreibprojekt für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2021 stiftete endlich mal wieder Sabine (auch als Frau Flumsel bekannt) mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten:

Strickjacke
trügerisch
entdecken

 

Was für ein Anblick! Neles schmächtiger, von Krankheit gezeichneter Körper versank in der bunten, mittlerweile übergroßen Strickjacke, die Oma Helga liebevoll aus bunten Farben für sie gestrickt hatte.

Was hatte dieses liebreizende junge Mädchen schon alles erleiden müssen! Seit zwei Jahren war sie infolge der fortgeschrittenen Multiple Sklerose an den Rollstuhl gefesselt, anstatt mit ihren Freundinnen neugierig die Welt zu entdecken.

Es hatte die ganze Nacht über geschneit und Nele blickte hinaus in den verschneiten Garten. Sie konnte sich an der winterlichen Pracht nicht satt sehen, wie sie sich auch nicht erinnern konnte, so eine weiße Stille je bewusst erlebt zu haben. Erzählungen über eine weiße Weihnacht kannte sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Nun bekam sie eine Vorstellung davon, was Oma Helga damit meinte.

Auch wenn sich eine leise Traurigkeit auf Neles Gemüt legte, streichelte der Anblick der Winterlandschaft ihre Seele. Würde sie so etwas Schönes je wiedersehen? Die Krankheitsschübe, das ständige Auf und Ab waren trügerisch. Nele wusste, dass sie unheilbar krank war und doch hoffte sie immer wieder, eine geeignete Therapie zu bekommen, die ihr Leben wieder lebenswert machte. Sie brauchte diese Hoffnung wie ein Durstender das Wasser, sonst würde sie verrückt.

Und doch, je länger diese Krankheit an Körper und Seele nagte, umso tiefer wurden die Phasen der Akzeptanz. Es war ein Auf und Ab, ein Leben im Hamsterrad, ein Nicht-Entkommen-Können.

Das Netz der Liebe und Fürsorge ihrer Familie, das sie wie einen Kokon umspannte und umhüllte, gab ihr die Kraft weiterzuleben.

Nele fragte sich nicht mehr, welchen Sinn es hatte, dass ihr junges Leben eng begrenzt war, sie wollte jeden Tag, der ihr blieb, in Dankbarkeit erleben und ihren Weg gehen, wohin er sie auch führen würde. Nicht allein zu sein bis zur letzten Stunde war ihre Kraftquelle, der Brunnen, aus dem sie schöpfte.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 (2) | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

Die Landung war hart und unsanft. Paul konnte sich im ersten Moment nicht erklären, wo er war. Verschreckt schaute er sich um. Der Anblick, der sich ihm bot, war neu für ihn. Er konnte sich nicht erinnern, je so gestürzt zu sein. Er sah zu seiner Linken eine stattliche Anzahl Kraniche, deren Schnäbel mühevoll in den Boden hackten, um in dem vom Schnee bedeckten und gefrorenen Boden etwas Essbares zu finden. Unweit der Kraniche saßen Enten auf dem Feld, ebenso verzweifelt auf der Suche nach Nahrung.

Paul drehte seinen Kopf vorsichtig nach rechts und ein stechender Schmerz signalisierte, dass irgendetwas seinen Nacken blockierte. Seine Arme schmerzten und als er vorsichtig versuchte aufzustehen, gab sein linkes Bein nach und er sackte zurück auf den eisigen Boden.

Weder die Kraniche noch die Enten nahmen Notiz von ihm. Panik stieg in ihm auf. Nicht zu wissen, wo man war und bewegungsunfähig zu sein, war doch eine Nummer zu groß für ihn.

„He du komischer Vogel, wo kommst du denn her?“

Ein Kranich mit blitzenden Augen stand über Paul, blickte ihn forschend und gleichzeitig belustigt an. Paul bekam keinen Ton heraus.

„Überleg es dir, ich könnte dich ein Stück mitnehmen oder nach Hause bringen, wir fliegen gleich weiter.“

Paul überlegte fieberhaft. Wenn er auf Maries Fensterbrett saß und hinausschaute, war unweit ein kleiner Friedhof. Und drei Mal am Tag läuteten die Glocken. Umständlich erklärte er dem großen Kranich, dass er zur nächsten Kirche müsste, sich aber nicht bewegen könne. Der Kranich zögerte nicht lange, nahm Paul behutsam in seinen Schnabel und hob ab.

Als der Morgen graute, blinzelte Paul vorsichtig. Alles war warm und weich und er lag wie jeden Morgen sicher in Maries kleinen Armen. Sie schlief tief und fest. Der Vollmond zog sich still zurück und Paul begriff: Auch Affen können träumen.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

„Dieser bornierte Affe“ schimpfte Hilde lautstark.

„Worüber regst du dich denn schon wieder auf?“

Hubert war gerade eingedöst, als Hildes Wortschwall ihn unsanft weckte.

„Kriegst du denn gar nichts mit? Ich setze den Blinker und der da schnappt mir einfach den Parkplatz weg. Wo gibt es denn so was???“

 Hubert hatte es sich abgewöhnt, auf die emotionalen Ausraster seiner Frau einzugehen, wusste er doch, dass sie damit erst so richtig Fahrt aufnahm und nicht zu bremsen war. Er war auf sie und ihre Gnade angewiesen, zumindest die nächsten sechs Wochen, dann bekam er seinen Führerschein zurück und würde sich wie ein neuer Mensch fühlen.

„Fahr ein Stück weiter, da ist doch ein großer Parkplatz.“

„Das sehe ich gar nicht ein, wegen dem da so weit zu laufen.“

Hilde hatte das Familienauto direkt neben dem ‚Parkplatzmopser’ geparkt und forderte Hubert mit einem stummen Impuls auf, auszusteigen und sich um die Angelegenheit zu kümmern, sich womöglich mit dem unverfrorenen Herrn im Auto rechts von ihr zu duellieren.

Hilde blockierte mittlerweile den folgenden Verkehr und neben den giftigen Blicken des ‚bornierten Affen’, der offenbar nichts sehnlicher wünschte, als aussteigen zu können, hatte Hubert das Gefühl, im nächsten Moment hyperventilieren zu müssen. „Bitte sei so gut und fahre weiter. Du machst uns ja beide zum Affen“.

„Ich denke gar nicht daran!“, antwortete Hilde und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.

„Wenn du nicht sofort weiterfährst, steige ich aus, dann kannst du sehen, wie du mit dem Wochenendeinkauf klarkommst.“ „Und, wenn du nicht umgehend handelst, steige ich aus und dann kannst du sehen, wie du das Auto nach Hause bekommst. Die Polizei fackelt nicht lange, wenn sie Menschen ohne Führerschein erwischt.“

Das war zu viel. Hubert öffnete die Tür, zwängte sich mit rollenden Augen zwischen beiden Fahrzeugen hindurch und steuerte den nächsten Taxistand an.

300 Wörter