abc.etüden (25)

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de)

und lauten:

Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (10)

 Ludwig staunte nicht schlecht, als er vor Walters schmuckem Anwesen stand und klingelte.

Nach dem Fußweg vom Hotel zu Walter – ein Taxi konnte er sich nicht leisten  und niemand nahm ihn als Anhalter mit – fühlte er sich flunderplatt und dunkle Schweißflecken hatten sich vom Laufen in seinen Achselhöhlen gebildet.

Walter öffnete und erwartungsvoll blickten sich beide Cousins gegenseitig in die Augen, taxierend, abwartend und ein wenig misstrauisch, denn der Zahn der Zeit hatte auch an ihren Körpern genagt.

„Komm herein, mein Lieber“, brach Walter das Schweigen und öffnete einladend die dunkle Holztür des kleinen Häuschens, das er offensichtlich von seiner verstorbenen Frau Mama geerbt hatte. Ein Duft nach Badesalz, einer Mischung aus Ingwer und Lemongras, umwaberte Walter.

Tante Greta, so erinnerte sich Ludwig, war die Reinheit in Person gewesen. Dass Walter überhaupt noch Haut am Körper behalten hatte, grenzte fast an ein Wunder. Ludwig konnte sich bei Walter nicht daran erinnern, dass er je schmutzige Socken, durchbeulte Knie an seinen Hosenbeinen oder Dreck unter den Fingernägeln gehabt hatte. Dreck war in Walters Leben nicht vorgekommen und somit war er früher, als sie noch Kinder waren, in Ludwigs Augen nie ein waschechter  Junge gewesen. War er je ein richtiger Mann geworden oder hatte er den Lehrmeister-Modus seiner Frau Mutter übernommen, denn er starrte auf Ludwigs Schuhe, als fordere er ihn ohne Worte auf, sie bitte VOR der Tür zu lassen.

 

 

 

Sommerzeit – Reisezeit – all inclusive

Sommerzeit – Reisezeit – all inclusive

Die Bürger unseres Landes, bei denen am Ende des Geldes immer noch so viel Monat übrig ist, müssen messerscharf kalkulieren, wenn sie ihre Nase mal in fremdländische Luft halten möchten. Liest man die Zeitungen oder schaut man die Nachrichten, möchte man nur noch, nach Luft schnappend,  die Flucht ergreifen. Doch wohin? Wo hat das Wetter in diesem Jahr keine Kapriolen geschlagen, und wo sind die Jahreszeiten noch wirkliche Jahreszeiten, so wie  wir den Jahresverlauf der Erde um die Sonne jahraus, jahrein gewöhnt sind?

Da man nie weiß, wie die Türkei, Russland, Großbritannien und die USA ihre Krisen in den Griff bekommen, sollte man die Gelegenheit nutzen, dort Urlaub zu machen, solange noch Touristen ins Land und wieder hinaus gelassen werden, die Gefahr von Naturkatastrophen relativ niedrig ist und nicht gerade Bombenstimmung herrscht. Das schränkt die Auswahl der Urlaubsländer schon gewaltig ein! Darüber hinaus sollte es eine Frage der Ehre sein, nicht jedem Land deutsche Devisen in den Rachen zu schmeißen, wenn die Menschenrechte gar nichts mehr zählen.

Immer noch sehr beliebt sind all-inclusive-Angebote. Wenn es schon keine Wetter- und Sicherheitsgarantien mehr gibt, kann man die Kosten auf ein Minimum reduzieren. Man fliegt am besten nur mit Handgepäck in Länder, die durch die Globalisierung und billige Arbeitskräfte genügend Waren anbieten, um sich für das nächste Jahr billig einzukleiden. Wenn man die Landessprache nicht kennt, muss man sich mit den Menschen im Gastgeberland nicht unterhalten und sich keine weiteren Gedanken um deren Lebensverhältnisse machen. Im Gegenteil, mit gutem Gewissen fördert man  dort die Wirtschaft und bringt kostbare Devisen ins Land.

Im Hotel wird man rundum versorgt, und da alles all inclusive ist, kann man sich den nötigen Winterspeck anfuttern und essen und trinken bis zum Umfallen. Mit den hoteleigenen Badetüchern reserviert man am besten schon in der Nacht seine Liege am Pool für den nächsten Tag  und packt sie am Ende des Urlaubs noch ein. Hotelzimmer  bieten meist auch viele  andere Utensilien, wie Aschenbecher, Haushaltsartikel, oder so banale Dinge wie   Duschbad, Seife und Badehauben an. All das kann man zu Hause oder auf einem Kurztrip im eigenen Land  ja auch verwenden.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie renitent Urlauber Verbotsschilder ignorieren (das kennen wir ja auch von zu Hause, wenn man mal den deutschen Rad- oder Autofahrer gerade noch bei dunkelorange mit dem Handy am Ohr über die Ampel huschen sieht).

Wer am Tag baden oder in der Sonne liegen will, muss auch mal etwas essen. Dick geschmierte Brötchen verschwinden gut belegt am Frühstückstisch, eingepackt in eine Papierserviette, in der Handtasche. Der restliche freie Platz wird mit Obst ausgefüttert und so kommt man, mit prall gefüllter Handtasche und dem eigens zusammen gestellten Lunchpaket,  gut durch den Tag. Der Blick auf die Speisekarte ist  planungstechnisch sehr wichtig, ob man das Essen im Hotel präferiert oder abends außer Haus isst. Pommes mit Currywurst oder Eisbein mit Sauerkraut haben, ebenso wie McDonalds und anderes Fast Food, mittlerweile in allen Ländern Einzug gehalten. Mit der unbekannten einheimischen Küche will sich so mancher Tourist erst gar nicht anlegen, ausländische Krankenhäuser haben ja einen noch schlechteren Ruf als die eigenen, in die viele ein- aber nicht mehr lebend ausgeliefert werden.

Das Leben in der Sonne, wenn in Deutschland die Herbst- und Winterstürme toben, ist der pure Luxus. Da kann man zu Hause mit der Sonnenbräune prahlen, die vielfältigen All –inclusive-Angebote im Hotel preisen und die Rettungsringe stolz präsentieren. Da soll mal einer sagen, man hätte keinen preiswerten Urlaub gehabt!  Alles nur eine Frage der Einstellung. Ganz Gewitzte liegen mit der Kamera auf der Lauer, nicht um die Sehenswürdigkeiten eines Landes zu fotografieren. Dazu bleibt keine Zeit, wenn man seine bezahlten Mahlzeiten, seine Liege am Pool und das gemütliche abendliche all-inclusive-Trinken nicht verpassen will. Man braucht schließlich Belege, wenn sich mal ein Insektchen ins Zimmer verirrt hat oder die Inneneinrichtung nicht das bietet, was der Reisekatalog versprochen hat.

Hat man genügend Belege und eine entsprechende Versicherung, lässt sich im Nachhinein doch so mancher Euro zurückerklagen. Man sollte nicht glauben, welch einen Spaß es machen kann, mit dem erdachten Rückerstattungsbetrag die nächste Reise bereits gedanklich zu planen. Die Beschwerdebriefe  schon auf dem Laptop vorbereitet, müssen vor Ort nur noch mit den entsprechenden Fakten und Fotos ergänzt werden. Der Anwalt des Vertrauens sitzt schon in den Startlöchern.

Sobald man Gleichgesinnte gefunden hat, kann der Urlaub einen Mordsspaß machen.

Wozu Land und Leute kennen lernen?

Wozu überhaupt in die Ferne reisen, wenn das Gute so nah liegt?

Mehr als fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall erschließen sich immer noch Gebiete, auf die man Jahrzehnte lang verzichten musste. Deutschland als Urlaubsparadies? Das bleibt für die Zeit der Rente – sofern man eine erwarten darf –  und man sein sauer Erspartes nicht zur Befriedigung von Politikerhirngespinsten längst zwangsinvestiert  hat. Da es immer noch viele in unserem Land gibt, die die Mauerstückchen in ihrem Kopf konservieren und jammern, dass es uns allen heute so schlecht geht und es immer weiter bergab geht, bleibt für viele nur die Flucht, weg aus dem Entwicklungsland Deutschland, dahin wo die Sonne scheint und man seine gewaltigen Probleme vergessen kann – all inclusive.

Was ich bisher an Angeboten vermisst habe und was auf jeden Fall zu diesem Sommer gehört, scheint es all inclusive noch nicht zu geben…

 

© G. Bessen, überarbeitet 2017

 

abc.etüden (24)

Für die abc.etüden, Woche 24.17:

3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Sabine

(wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com) und lauten:

Bunker, Sommerblüten, bittersüß.

abc.etüden/Auf besonderen Wegen (9)

Antonia hatte lange mit sich gekämpft, das Thema abzuwürgen oder weiter zu führen, denn auch ihr Leben war lange Zeit von den Kriegsereignissen geprägt worden.

„ Ich erinnere mich leider noch zu gut an den Bunker in unserem Haus und daran, wie zusammengepfercht wir in den Räumen, den Gängen und auf den Treppen waren. Die Toiletten konnten wir kaum benutzen, überall waren Tote und uns drohte der Hungertod. Es gab kaum Licht, alles war düster. Ich weinte bitterlich, wenn ich daran dachte, dass ich wohl keine Sommerblüten mehr zu sehen bekäme und keine bittersüßen Früchte in Omas Garten pflücken würde.

Aber Gott sei es gedankt, das haben wir überlebt und so manches andere auch. Deshalb werden wir jetzt gehen und uns den Sommerwind um die Nase wehen lassen. Der Dampfer zur Dominsel startet in einer Viertelstunde und die Anlegestelle habe ich auch schon entdeckt.“

Dankbar blickte Hildchen ihre Freundin an. Als sie wenig später auf dem kleinen Ausflugsdampfer saßen und die Sonne sie mit ihrem warmen Strahlen begleitete, vergaßen sie ihre dunklen Kindheitserlebnisse in dieser Stadt schnell wieder und wandten sich der Insel mit dem Dom und den unzähligen Kirchen zu.

 Teil 1- 8 finden sich weiter unten…

 

 

 

 

abc.etüden(23)

Das sonntägliche
Schreibprojekt
mit Wörtern von
redskiesoverparadise.wordpress.com

Kellerdurchbruch
hermetisch
brandschatzen

Eine wirkliche Herausforderung!!!

abc./etüden/Auf besonderen Wegen (8)

 Hildchen setzte gerade an, um Antonias Frage zu beantworten, als ihr erneut schwindelig wurde, allerdings nicht von der Hitze, sondern von dem Kellergewölbe des Biergartens mit seinem dezenten Licht.

Sie erinnerte sich daran, dass sie – gerade mal fünf  Jahre alt – mit ihren Großeltern viele Stunden in einem Bunker verbracht hatte, der ihr infolge  verschiedener Kellerdurchbrüche wie ein riesiges  Labyrinth vorkam. Dieser Bunker in dem großen aber edlen  Mietshaus am Markt, in dem sie damals wohnten, hatte ihr noch viele Jahre düstere Albträume beschert.

Es war im Januar 1945, Breslau war wie eine Festung hermetisch abgeriegelt. Wer in den Westen flüchten wollte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Und doch versuchten es viele in letzter Minute, packten in Windeseile das Nötigste zusammen und  so setzte sich der Treck Ende Januar bei Minus fünfundzwanzig Grad in Bewegung Richtung Westen.

Hildchens Vater war an der Front, ihre Mutter hochschwanger und alleine wollten die Großeltern nicht aufbrechen. In Antonias Familie sah es nicht viel anders aus und so kam es, dass beide Mädchen in Breslau blieben und zusammen eingeschult wurden. Allerdings haben sich die Erinnerungen, wie ihre Heimatstadt Breslau gebrandschanzt wurde, wie ein eitriger Ausschlag auf ihre zarten Kinderseelen gelegt und diese Narben sind nie verheilt.

Es bedurfte nur weniger Worte und Antonia verstand Hildchens Gefühlsausbruch und beide aßen schweigend mit einem dicken Kloß in der Kehle.

 

abc.etüden (22.1)

Schreibprojekt abc.etüden

Eine weitere Folge der Geschichte
Auf besonderen Wegen mit Wörtern
von Annette Mertens
aus einer frühen Etüdenfolge.

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (7)

Ludwigs Situation konnte auswegsloser nicht sein und nach seinem bitteren Erlebnis hatte er jegliche Frühlingsgefühle verloren. Träge lag er in der Badewanne, das nur noch lauwarme Wasser fühlte er schon gar nicht mehr, denn sein Denken konzentrierte sich nur darauf, aus dieser misslichen Lage zu entkommen. Vor seinem inneren Auge formte sich erst schemenhaft eine Skizze, dann tauchte ein Gesicht auf und messerscharf  stand die Lösung vor ihm: Walter, sein Cousin, der – wenn er Glück hatte – noch in Wien lebte.

Mühsam hievte sich Ludwig aus der Badewanne und riss dabei fast den geblümten Duschvorhang mit sich. Es dauerte nicht lange, bis er über die Auskunft Walters Telefonnummer und seine Adresse hatte und sich nach einem Anruf bei Walter  frisch geduscht und herausgeputzt wie ein Lebemann auf den Weg zu seinem Cousin  machte.

Und plötzlich waren die Bilder ihres letzten Zusammentreffens vor etwa zwanzig Jahren wieder da.  Walters Mutter, sein Ein und Alles, war ganz plötzlich infolge eines unglücklichen Sturzes gestorben und Walter saß nach der Beerdigung beim Leichenschmaus wie auf einem anderen Stern, ungläubig und in einer Art Schockstarre, unfähig, auch nur irgendetwas auf die Reihe, geschweige über die Lippen zu bekommen. Seine Mutter war die einzige Frau in seinem Leben gewesen und sicher auch die  letzte, denn mit dem anderen Geschlecht stellte sich Walter an wie ein Ochse beim Tanzen. Aber er lebte noch in Wien, schien auch noch im Besitz seiner geistigen Kräfte und freute sich aufrichtig, dass Ludwig ihn besuchen kommen wollte.

Allerdings war Walter so eine geradlinige, aufrichtige und ehrliche Seele, die sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Verwandtschaftsbesucht durchaus auch hinterhältige Motive haben konnte.

abc.etüden (22)

Sonntägliche Schreibeinladung mit den Wörtern:
verlustieren, Kramladen, Angst von
Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin aus Griechenland

(Blog: gerdakazakou.com) 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen(6)

Teil 1 – 5 weiter unten…

Hildchen kaufte nur im Urlaub ein, denn zuhause und dann vielleicht noch mit Ludwig an ihrer Seite, war ihr das eindeutig  zu langweilig und zu zeitaufwändig. Sie war eher die Online-Vielbestellerin in zwei Größen  mit Anprobe in den eigenen vier Wänden und vierzehntägiger Rückgabegarantie und fand, dass Frau gar nicht praktischer und bequemer einkaufen könnte. Als sie mit Antonia aus der Markthalle in die heiße Mailuft trat, musste diese sich einen Moment festhalten, denn ein Schwindelgefühl durchfuhr sie.

„ Glaub ja nicht, dass ich mich jetzt weiter in dieser Hitze mit dir verlustieren werde. Nimm deinen Kramladen…“, dabei warf sie einen Seitenblick auf Hildchens zwei prall gefüllte Taschen, „und komm.“

Schon stieg sie die Treppen zum Bierkeller links von der Markthalle hinunter und hielt Ausschau nach einem freien Tisch. Sie sehnte sich nach einem kalten Bier und Pierogi Polskie (gefüllte Teigtaschen), einem Gericht, dass sie noch heute nach den Rezepten ihrer Großmutter anfertigte.

Hildchen folgte wortlos, denn sie hätte erst mal auch keinen Schritt weiter in diese sengende Hitze setzen können.

Nachdem sie sich ein wenig gestärkt und erholt hatten, fragte Antonia unvermittelt:

„Sag mal, Hildchen, wie kannst du hier so in aller Ruhe sitzen und nicht wissen, wie es deinem Mann geht? Du weißt weder, wo er ist, noch ob alles in Ordnung ist – ich jedenfalls würde vor Angst umkommen.“

 

Aus dem Leben einer Postkarte

Es ist Urlaubszeit. Viele machen sich nicht mehr die Mühe, Karten zu schreiben, aber so manche Reisende pflegen diesen schönen Brauch. Hören wir, was eine Postkarte dazu sagt:

Endlich hatte sich jemand meiner erbarmt. Tagelang hatte ich in diesem heißen Metallständer, der prallen Sonne unmittelbar ausgesetzt, vor mich hin geschwitzt und schon befürchtet, meine satten, leuchtenden  Farben würden sich unter dem Einfluss des Lichtes auflösen. Eine junge Frau kaufte mich endlich  und steckte mich in ihre dunkle, kühle Handtasche. Ein Päuschen zum Erholen! Selig schmiegte ich mich zwischen Lippenstift, Haarspange  und Tempotaschentücher und schloss für ein Weilchen die Augen. Ich war gespannt, wo meine Reise hingehen würde. Das ist das größte Erlebnis im Leben einer Postkarte, gekauft, geschrieben und möglichst um den halben Erdball geschickt zu werden. Etwas unsanft wurde ich aus meiner gemütlichen Position befreit und landete mitten auf einem harten Holztisch, mitten in der sengenden Mittagssonne.

„Was soll ich denn schreiben?“, frage die junge Frau ratlos ihren Begleiter, der gelangweilt sein Bierglas zwischen seinen Händen hin und herdrehte. „Was weiß ich? Das Übliche eben, Wetter schön, Hotel sauber und Essen genießbar.“ Ich fasste es nicht! Ich, die von  intensiven Farben leuchtende Postkarte mit den schönsten Ecken der  landschaftlich so reizvollen  Insel war nur für einen lapidaren Bla-Bla-Gruß ausgewählt worden? Möglicherweise waren die Empfänger Verwandte, die genau so oberflächlich reagierten. „Guck mal, eine Karte aus Spanien. Na, viel haben sie ja nicht geschrieben.“ Ich sah mich schon, unbeachtet meiner reizvollen Vorderseite, mit einem verächtlichen Blick auf die Bla-Bla-Grüße in den nächsten Papierkorb wandern. Die junge Frau nahm seufzend einen Kugelschreiber und schrieb mit wenigen Worten das, was ihr Begleiter ihr kurzerhand mit wenigen Worten über den Tisch geschleudert hatte. Sie schien eine kleine, zierliche Handschrift zu haben, denn ich spürte, dass noch soviel  weiße  Fläche zum Beschreiben frei geblieben war.

„Hallo, seid doch nicht so einfallslos!“, rief ich verzweifelt und meine vier Ecken begannen unbemerkt zu zittern. So sehr ich mich auch anstrengte, einen stummen Impuls an die junge Frau zu geben, es war umsonst. Sie bespeichelte  eine Briefmarke, klebte sie in meine obere rechte Ecke und haute mit der Faust noch einmal nach, damit die Briefmarke auch kleben blieb. Grobian! Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass das Porto nicht ausreichend war, denn die Briefmarke fühlte sich so leicht an. Verzweifelt sah ich meine Weltreise im Wasser versinken, denn mit einem nicht ausreichenden Porto durfte ich bestimmt nicht um den halben Erdball reisen. Ich verschwand wieder in der Handtasche, diesmal nicht ganz so komfortabel, denn ich fühlte die Stacheln einer Haarbürste und roch  süße, klebrige Bonbons. Ich war so deprimiert, dass mein erwartungsvolles Reisefieber in eine heftige Postkartendepression umschlug und ich mich meinem Schicksal fügte. Meine Reise dauerte wider Erwarten lange, aber das interessierte mich schon gar nicht mehr. Unendlich müde schloss ich die Augen und ließ mich treiben.

Die letzte Station war ein kuscheliges Plätzchen zwischen Zeitungen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nichts entziffern, diese Sprache war mir völlig fremd. Plötzlich riss ich verwundert die Augen auf. Eine warme Hand berührte mich, und drehte mich mehrfach mit ihren Händen um. „Schau mal, Tobias, hier ist Post für dich“, vernahm ich die freundliche Stimme einer älteren Frau.

Zwei kleine Hände nahmen mich behutsam in den Griff und ich lauschte dem begeisterten Staunen eines kleinen Jungen. „Ist das schön! Schau mal Oma, so ein großer See!“ „Das ist ein Meer, Tobias, viel größer als die Ostsee. Sicher wohnen da ganz außergewöhnliche Fische und Meerespflanzen.“

Der kleine Tobias hielt mich ehrfürchtig in den Händen. Ich konnte sein zartes Gesicht mit den hellblauen Augen und dem blonden Haar erkennen  und musste mich  mit aller Kraft bemühen, die Tränen der Rührung zurück zu halten. „Steht da auch etwas drauf?“ Tobias hatte mich umgedreht und sah seine Oma Hilfe suchend an. „Aber ja, Liebchen. Mutti und Papa schreiben, dass sie dich sehr vermissen und  große Sehnsucht nach dir haben. Sie freuen sich sehr auf dich.“ „Das ist schön. Ich freue mich auch, wenn sie wieder da sind, obwohl ich auch sehr gern bei dir bin.“

Ich landete nicht im Papierkorb. Tobias stellte mich behutsam vor die Lampe auf seinen Nachttisch und ich bewachte ihn voller Dankbarkeit  – jede Nacht.

© Gaby Bessen