Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (2)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

 

Sonnenuntergang
warm
fliegen

Der unsichtbare Gegner

Der junge Bademeister machte den Eindruck, als hätte er es mit einem direkten, aber unsichtbaren Gegner zu tun, dem er es deutlich zeigen wollte.

Zum Aufguss in der Mittagszeit hatte er eine Mischung aus Anis, Fenchel und Limone mitgebracht, und während er das heiße Wassergemisch in drei großen Kellen auf den Ofen spritzte und zufrieden auf dem Thermometer registrierte, dass 90 Grad warm genug sein sollten, nahm er das große weiße Badetuch in seine rechte Hand, begann es mit verbissenen Drehungen immer schneller und schneller zu drehen, als würde er dem Riesen Goliath gegenüberstehen und ihm persönlich ins Gesicht schlagen wollen. Die warmen Duftwellen begannen, wie heißer Wüstensand durch die Saunakabine zu fliegen.

Die wenigen Stammgäste, die sich noch hergetraut hatten, saßen über drei Etagen verteilt. Der Schweiß rann ihnen am Körper herunter. Es war still, auch lange nach dem Aufguss, bei dem das Schweigen oberstes Gebot ist. Möglicherweise dachte jeder daran, wie er der drohenden Katastrophe Corona die Stirn bieten könnte. Das Training des Immunsystems war auf keinen Fall verkehrt. In dieser Hitze würde sich jeder Virus freiwillig aus dem Staub machen.

Nach einem fantastischen Regenbogen klarte der Himmel am späten Nachmittag auf. Der beginnende Sonnenuntergang schien ein Stück Normalität über den Dächern von Berlin verkünden zu wollen. Doch der Schein wurde immer mehr zum Trugbild, denn stündlich verliert das pulsierende Leben in der Hauptstadt seine Lebendigkeit.

Corona hat es fest im Griff.

236 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

Sonnenuntergang
warm
fliegen

 

Weggabelungen

Lukas hatte sich wie auf einem Verschiebebahnhof gefühlt. Mit dem Abitur frisch in der Tasche, hatte er akribisch genau sein ‚Gap Year’ in Australien und Neuseeland geplant, vorbereitet und dafür gespart. Ein Jahr das Leben in ‚Down Under“ zu erforschen, Land und Leute kennenzulernen, arbeiten und reisen und sich auf den Weg zur eigenen Berufsfindung zu machen, das war ein lang gehegter Traum von ihm, dem freundlichen jungen Mann aus Rostock.

Die verheerenden Buschbrände in Australien ließen erste Zweifel in ihm aufkommen, ob es sinnvoll sei, gerade jetzt nach Australien zu fliegen oder abzuwarten. Dabei hatte er solch eine Sehnsucht, dem zu milden, aber nasskalten deutschen Winter zu entfliehen und irgendwo warm und trocken an einem menschenleeren Strand zu sitzen.

Dann kam das Coronavirus und etwa zeitgleich stolperte er über eine Anzeige in einem Blättchen, das bei seiner Oma auf dem Tisch lag: Kloster auf Zeit in der Abtei Münsterschwarzach.

Was es nicht alles gibt, dachte Lukas kurz und verschwendete erst einmal keinen weiteren Gedanken daran. Er hatte, wie auch seine Eltern, mit der Kirche nie etwas zu tun gehabt, war nicht einmal getauft und doch googelte er nach ein paar Tagen intensiv, was es denn mit Münsterschwarzach so auf sich hatte.

Man lud ihn nach Münsterschwarzach ein, unverbindlich zu einem Kennenlerngespräch und Lukas fuhr hin. Die Gegend um Würzburg war ihm bisher vollkommen unbekannt und als er nach einem Schnupperwochenende in seine Hansestadt zurückkam, war er erfüllt von neuen Eindrücken.

Das lag nun zwei Wochen zurück.

Heute war er im Kloster angekommen, bereit für das dreimonatige Abenteuer ‚ora et labora’. Er hatte seinen Koffer ausgepackt, öffnete das Fenster seines spartanisch eingerichteten Zimmers, zog die milde Frühlingsluft tief in seine Lungen und genoss den Sonnenuntergang.

Australien konnte warten. Menschen mit ungewöhnlichen Lebensformen konnte er quasi vor der Haustür finden und kennenlernen.

300 Wörter

 

* Gap Year – ein Lückenjahr zwischen Abitur und Berufseinstieg

* Abtei Münsterschwarzach

Tratsch im Treppenhaus

In diesem Haus ging es zu wie in der berühmt-berüchtigten ‚Lindenstraße’. Die Mietergemeinschaft, die nach Fertigstellung des Neubaues Anfang der sechziger Jahre dort eingezogen war, hatte sich auf Irmchen und Hildegard reduziert. Ein Teil bewohnte inzwischen den städtischen Friedhof, ein anderer Teil lebte im Seniorenheim.

Irmchen und Hildegard hatten längst vor, sich auch einen Platz im Seniorenheim zu suchen, doch der häufige Mieterwechsel im Haus bot ihnen immer interessante Neuigkeiten, die ihren knapp achtzigjährigen Horizont erweiterten. Das Haus hatte mittlerweile viel vom inneren und äußeren Glanz eingebüßt, aber es war trocken, stabil gebaut und unverwüstlich, wie die beiden älteren Damen aus der Gründerzeit. Die Mieten waren erschwinglich, die Wohnungen hell und freundlich und so zog es Studenten und andere junge Leute ins Haus. Und im Zeitalter der multikulturellen Gesellschaft war das Haus ein ganz normales Mietshaus mit jugendlichem weltoffenem Flair.

Irmchen und Hildegard waren seit Jahrzehnten Nachbarinnen und inzwischen unzertrennliche Freundinnen, nachdem sich die alte Garde so nach und nach verabschiedet hatte. Der tägliche Höhepunkt ihres manchmal recht eintönigen Rentnerdaseins war der Besuch im Cafe gegenüber. Dort trafen sie sich Nachmittag für Nachmittag bei einem Kännchen Kaffee und einem Stück Torte. An einem extra für sie reservierten Tisch saßen sie dem Haus in der Goethestraße Nummer drei gegenüber und beobachteten, was sich Neues ereignete. Sie kannten die wenigsten Mieter persönlich, aber durch ihre täglichen Beobachtungen wussten sie mehr über die einzelnen Mieter, als so manch anderer.

Die Haustür öffnete sich und eine junge Mieterin, die erst vor wenigen Tagen in eine Zweizimmerwohnung gezogen war, trat mit einer Babytasche aus dem Haus. „Guck mal, das ist die Neue mit dem Negerbaby“, flüsterte Irmchen aufgeregt. Hildegard warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du siehst soviel fern und hast immer noch nicht begriffen, dass das Wort Neger heute ein Schimpfwort ist.“ Irmchen machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Na und? Zu unserer Zeit hat man Neger gesagt und es auch nicht als Schimpfwort benutzt und dabei bleib ich. Das Baby ist ausgesprochen niedlich. Ein Mädchen mit schwarzen Kulleraugen und kleinen schwarzen Löckchen. Ganz bezaubernd.“

Hilgedard biss herzhaft in ihre Schwarzwälder Kirschtorte und murmelte: „Hast du schon einen Vater zu dem Kind gesehen?“ „Nö. Die junge Frau scheint alleine mit dem Kind eingezogen zu sein.“ „Ganz schön mutig, als Weiße alleine mit einem farbigen Kind.“

Die junge Mutter mit ihrem Kind hatte sich gerade aus der Sichtweite der älteren Damen begeben, als ein junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Türke das Haus verließ. Nun funkelten Hildegards Augen. „Das ist vielleicht einer! Meinst du, der grüßt, wenn er mich sieht? Scheinbar ist das heute nicht mehr in. Wenn überhaupt, dann sagt er höchstens ‚Hallo’ oder sagt was auf Türkisch. Ich finde das unmöglich, du nicht, Irmchen?“ „Was erwartest du in der heutigen Zeit, wo jeder nur an sich denkt? Da kannst du froh sein, wenn jemand auch nur den Ansatz zum Gruß macht. “Während der junge Mann in seinen verdreckten und verbeulten Golf einstieg fiel Hildegard noch etwas ganz Lebenswichtiges ein. „Ich pass ja auf, ob jeder auch das Treppenhaus wischt, wenn er dran ist. Die Frau von dem jungen Mann hat letzte Woche nicht geputzt. Und das bei dem Dreckwetter.“ „Das ist unerhört! Ob sie es vergessen hat?“ „Weiß nicht. Ich hab schon mal daran gedacht, zu klingeln, um sie daran zu erinnern. Aber eigentlich geht mich das nichts an.“ „Wie gut, dass wir die junge Studentin haben, die für uns regelmäßig putzt.“ „Wir bezahlen sie ja auch gut, sonst könnte sie sich ihr Auto sicherlich nicht leisten.“

Eine ganze Weile tat sich nichts. Vor lauter Langeweile bestellte sich Irmchen noch ein Plunderstückchen mit Pudding. Gerade, als sie herzhaft hineinbeißen wollte, parkte ein Taxi vor der Haustür. „Da kommt jemand“, flüsterte Hildegard. Eine junge Frau im eleganten grauen Hosenanzug bezahlte den Taxifahrer, der ihr galant die Tür zum Aussteigen aufhielt und ihr dann einen Koffer und eine Reisetasche aus dem Kofferraum hob. „Schau mal an, da ist sie ja wieder.“ Aufgeregt starrten beide durch die Scheibe.

„Ob sie in Urlaub war?“ „Möglich. Aber ich glaube eher, sie hatte ihren Mann mal für einige Zeit verlassen.“ Hildegard starrte Irmchen entsetzt an. „Wie kommst du darauf?“ „Ich habe es dir doch erzählt, erinnerst du dich nicht?“ Irmchen blickte ihre Freundin besorgt an. Wurde sie langsam vergesslich? „Als ich vor vier Wochen von Doktor Meinhardt kam, flanierte ihr Mann in weiblicher Begleitung gerade an der Praxis vorbei, als ich herauskam. Und an den folgenden Tagen habe ich Frau… wie heißt sie gleich…Schulze-Stemmberg ständig mit ihrem Mann streiten gehört. Und plötzlich war Abend für Abend wieder Ruhe, genau seit vier Wochen.“ „Ich habe mich auch oft mit meinem Rudi gestritten. Und als er anfing schwer zu hören, wurde es auch mal lauter. Er hat sich lange geweigert, einen Hörapparat zu tragen.“ „Ja“, sinnierte Irmchen. „ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich meinen Fernseher gar nicht einschalten brauchte, weil ich jedes Wort von euch mithören konnte.“

Langsam wurde es Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Aus Erfahrung wussten sie, dass jetzt nichts mehr zu erwarten war, denn die anderen Mitbewohner kamen später oder zu unregelmäßig, als dass sie weiteres Warten gelohnt hätte. Sie bezahlten und gingen nach Hause Aus dem Fahrstuhl trat die Frau des jungen Türken, lächelte die beiden Damen kurz an und machte sich auf den Weg nach draußen. „Halt“, rief Irmchen und hob zur Bekräftigung ihren Gehstock. „Bitte warten Sie.“ Die junge Frau drehte sich unsicher um und kam langsam zurück. „Verzeihen Sie, aber in diesem Haus wird zum Wochenende immer das Treppenhaus geputzt. Sie haben es in der letzten Woche sicher vergessen? Bitte, denken sie in Zukunft daran, ja? Wir wollen uns doch hier alle wohl fühlen.“

Die junge Frau errötete leicht. „Bitte entschuldigen. Aber ich hatte Samstag Kind bekommen und nicht konnte putzen. Musste schlafen viel, war Geburt sehr schwer.“ „Das ist schon in Ordnung. Alles Gute für Ihr Kind. Was ist es denn?“ „Wieder Junge, dabei ich wollte haben Mädchen. Muss gehen einkaufen.“ Hildegard und Irmchen blickten sich gegenseitig fassungslos an.

Wie konnte das passieren, dass sie eine Hochschwangere übersehen hatten?? Sie mussten unbedingt besser aufpassen.

© G. Bessen

 

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.20 | Wortspende von BerlinAutor

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.20 | Wortspende von BerlinAutor

Die Wörter für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2020 kommen von René, der mit seinen meist auf Berlin bezogenen Etüden jetzt auf seinen neuen Zweitblog „BerlinAutor“ umgezogen ist. Seine Begriffe lauten:

Schabernack
breit
erheben

 

Weiberfastnacht

Er hielt seinen, in akribischer Feinheit, durchdachten Plan für genial und hatte Wochen damit verbracht, sich sein Kostüm zusammenzustellen. Nun schaute er zufrieden auf sein Werk und war sicher, dass ihn niemand erkennen würde.

Als er Wind davon bekommen hatte, dass seine Kollegin Nikki ihren 50. Geburtstag am Tag der Weiberfastnacht nachfeiern würde, sprang sein Kopfkino an.

Breit grinsend und bestens ausgerüstet für seinen Schabernack, zog er sich an und schminkte sich sorgfältig. Das Taxi kam und brachte ihn in einen Teil des Prenzlauer Berges, den er absolut nicht kannte. Seine auf nicht legalem Weg erworbene Eintrittskarte wurde anstandslos am Eingang eingerissen, und so verschaffte er sich Zugang zu einer bunten und fröhlichen Welt, die nach einem feuchtfröhlichen Abendspaß nahezu schrie.

Schrille Gestalten, verkleidet von Kopf bis Fuß belagerten gierig das kunstvoll angerichtete Buffet oder schmiegten die Körper auf der Tanzfläche eng aneinander.

Es war nicht auszumachen, wer Weiblein oder Männlein war. Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass dieses Fest eine reine Frauenparty sein sollte. Das war der Reiz, der ihn antrieb, sich hier hinein zu mogeln.  Und er genoss. Die Stimmung war so gut, dass er nicht ausschloss, mit zunehmend später Stunde könnte die eine oder andere Hülle sogar fallen. Er tanzte ausgelassen, und die Lautstärke der Musik kam ihm zu Hilfe, keine große Konversation machen zu müssen, die ihn als Mann vielleicht verraten hätte.

Doch dann verschwamm alles vor seinen Augen, die Musik wurde leiser, bis er nur noch ein Rauschen vernahm. Er versuchte, sich zu erheben, torkelte und stürzte. Ein Schwall kaltes Wasser brachte ihn zur Besinnung. Er erstarrte. Er lag auf einem breiten Bett, splitternackt, an Händen und Füßen mit Handschellen gefesselt. Über ihn beugten sich bunte Masken und ein schallendes Gelächter umfing ihn.

„Böser Junge muss büßen“, erkannte er Nikkis Stimme verführerisch flüsternd an seinem Ohr.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.20 | Wortspende von Make a choice Alice

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2020 kommen von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice. Ihre neuen Begriffe lauten:

Grippe
gebleicht
knuddeln

 

Inhaltshinweise: Dieser Text kann Bilder erzeugen, die für sensible Menschen belastend sein können (hier:Suizidgedanken)! Die entstehenden Bilder können Flashbacks auslösen und bisher blockierte Erinnerungen freisetzen. Der Autor übernimmt keine Haftung für entstehende psychische oder seelische Schäden. Lesen Sie den Text bitte nicht, wenn Sie entsprechend sensibel oder sensitiv sind.

 Merle

„Erzählt mir etwas über Merle.“

Die junge Frau blickte erwartungsvoll in die Gesichter der vor ihr sitzenden Mädchen und Jungen, doch sie senkten ihre Köpfe und schwiegen. Nach einer Weile der Stille hob ein Mädchen mit einem blonden Lockenkopf ihr verweintes Gesicht und stammelte: „ Merle wurde von manchen Jungen höherer Klassen  verspottet. Sie sagten oft auf dem Schulhof …“. Die Stimme des Mädchens stockte. Sie hob erneut an:

„Du Xanthippe, du Gerippe, hüte dich vor einer Grippe!“

„Warum haben die Jungen denn so etwas gesagt?“

„Merle wurde immer dünner und immer blasser. Selbst im Sommer sah ihr Gesicht wie ausgebleicht aus.“

Ein anderes Mädchen meldete sich:

„Ich glaube, es hatte mit Merles Familie zu tun. Niemand durfte sie zuhause besuchen. Sie ließ niemanden an sich heran. Manchmal hätte ich sie am liebsten in den Arm genommen, um sie einfach mal zu knuddeln. Aber wenn man ihr zu nah kam, wich sie zurück, wie ein aufgescheuchtes Reh.“

„Merles Eltern haben nicht viel Geld. Ich habe ihr immer heimlich etwas von meinem Pausenbrot zugesteckt, denn sie hatte selten etwas zu essen mit.“

Die Befragung der Mitschüler und der unterrichtenden Fachlehrer dauerte den Vormittag über an und ganz langsam dämmerte es der jungen Polizistin, dass hier über ein Mädchen gesprochen wurde, dessen kurzes Leben sich immer klarer herauskristallisierte.

Merle war ein Mädchen gewesen, das zuhause mit Pflichten für die jüngeren vier Geschwister völlig überfordert gewesen war und weder zum Lernen noch für sich selbst ein wenig Zeit und Raum einfordern konnte. Arbeitslosigkeit und Krankheit der Eltern führte die Familie immer mehr an den finanziellen Abgrund und Merle auf das Dach des fünfgeschossigen Schulgebäudes.

Mit einem Sprung lange vor der ersten Unterrichtsstunde beendete sie ihr kurzes und so unglückliches Leben. Der Hausmeister fand sie, bevor der Ansturm der Schülerschaft den Schulhof erreichte.

300 Wörter

 

Ein Montag in der großen Stadt

Ein Montag in der großen Stadt

„Du hast ja eine süße Steckdosennase!“ Obwohl das kleine schreiende Etwas die Worte der Verkäuferin sicher nicht verstanden hatte, hörte es augenblicklich auf zu schreien und die sichtlich genervte junge Mutter konnte in aller Ruhe ihren Einkauf einpacken.

Frisch gebügelt verschwindet das hellblau gestreifte Hemd unter einer Klarsichtfolie und die junge Büglerin greift sich das nächste Objekt der Begierde. Währenddessen tauscht sie weiter eifrig ihre Erlebnisse mit der deutlich älteren Kollegin an der Nähmaschine aus. Beide können so ungestört weiterarbeiten, solange kein Kunde den Postdienst dieses kleinen Ladens in Anspruch nehmen will.

Ein großer Einkaufswagen nähert sich von links. Auf der unteren Ablage ein leerer Coca- Cola-Kasten, in der Mitte eine große Tüte und oben ein Babykörbchen mit einem fröhlich glucksenden Kleinstkind, das seinem jungen Vater mit dessen Halbglatze und seinem grau durchzogenen Pferdeschwanz irgendetwas für Erwachsene Unverständliches zuruft.

„Unser heutiges Angebot: deutsche Erdbeeren, die 500-Gramm-Schale für 1,79 € anstatt für 2,59“

Die beiden Verkäuferinnen am Bäckerstand lächeln jeden entgegen kommenden Kunden freundlich an, doch es ist eher Mittagstischzeit und wer hart einkauft, muss auch deftig essen.

Was kommt heute auf den Tisch?

Die vorüber fahrenden Einkaufswagen lassen doch tief in die noch leeren häuslichen Töpfe blicken.

Robin Look – der preisgünstige Brillenmarkt hat regen Zulauf. Sommersonderangebote und ohnehin nur einen Euro pro Brillenfassung lässt so manches Schnäppchen zu.

Beim Frisör ist tote Hose, die Damen langweilen sich, die Kunden bleiben aus. Wenn ich das Alter der beiden Friseurinnen  so bedenke (ich kann natürlich nur vermuten), würde ich sie auch höchstens meine alten Puppen frisieren lassen, aber nicht mich.

In der Apotheke passiert nichts Weltbewegendes. Der Patient sorgt heutzutage selbst für seine Gesundheit und kauft sich seine Mittelchen.

Ich trinke meinen Cappuccino aus, stelle wohlerzogen die Tasse in den dafür vorgesehenen Geschirrschrank ab, nehme meine Tasche und steuere auf den Ausgang zu.

Ein ganz normaler Montag Vormittag in einem Einkaufszentrum in Berlin-Weißensee.

© G.Bessen (Archiv), Foto: Pixabay

 

Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang (2)

Die Wörter für die Textwochen 04/05 des Schreibjahres 2020 kommen zum ersten Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Die neuen Begriffe lauten:

Papiertiger
belanglos
plätschern

Johannes stand neben sich. Sein momentanes Leben plätscherte irgendwie an ihm vorbei.

Die Lehrer hatten es aufgegeben, ihn daran zu erinnern, dass neben seiner körperlichen Anwesenheit auch eine geistige nötig war, wenn er vorhatte, im kommenden Schuljahr das Abitur zu bestehen. Gewiss, er war hochbegabt und fleißig – so kannten ihn alle Lehrer – aber nun lief Johannes regelrecht neben der Spur. Da seine Anwesenheit in der Schule regelmäßig und freiwillig war, er hatte seine Pflichtschuljahre absolviert, war bisher niemand auf die Idee gekommen, seine Eltern zu informieren. Was sollten die Lehrer ihnen auch sagen?

„Verzeihen Sie, es geht uns eigentlich nichts an, aber Ihr Sohn sitzt jede Stunde im Klassenraum, ist aber weder ansprechbar, noch trägt er zum aktiven Unterrichtsgeschehen bei.  Wenn er nicht aus dem Fenster starrt, bastelt er kleine Papierschiffchen und lässt sie über den Schülerschreibtisch fahren. Alles um ihn herum scheint für ihn belanglos zu sein.“

Johannes war nicht wirklich ansprechbar. Auf konkrete Fragen seitens der Lehrer kam bestenfalls ein „Mir geht es gut“. Die Mitschüler hatten es bereits aufgegeben, ihn anzusprechen. Er war nur noch der „Papiertiger“, körperlich anwesend, aber geistig in ganz anderen Sphären.

Und Johannes selbst ?

Er hatte beschlossen, einfach mal abzutauchen und seine erste große Liebe mit allen Sinnen in Tagträumen wieder und wieder zu erleben. Inhalte von Rahmenlehrplänen waren derzeit ebenso hinderlich wie das aktive Einbringen im Unterricht. Mit seiner rosaroten Brille auf der Nase und seinem Rückzug auf Wolke sieben ließ es sich momentan gut leben.

Fehlstunden bekam er keine und für die anstehenden Leistungsnachweise würde er schon rechtzeitig ein bisschen lernen, wenn Nele ihm dazu ein wenig Zeit ließ …

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang(1)

Ein neues Jahr und neue Etüden. Christiane lädt wieder herzlich ein! Die Aufgabe ist, 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern unterzubringen

Die Wörter für die Textwochen 04/05 des Schreibjahres 2020 kommen zum ersten Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Die neuen Begriffe lauten:

Papiertiger
belanglos
plätschern

 

Der Papiertiger

Es war klar, dass er eine harte Zeit hinter sich gehabt haben musste, als er langsam und sehr dünn am helllichten Tag durch den Garten schlich. Einen Igel am Tage zu finden, ist nicht gerade belanglos, sondern ein Warnzeichen. Er ließ sich mühelos einfangen. Ergeben ließ er sich von allen Seiten bestaunen, betasten und untersuchen, aber äußere Verletzungen hatte er nicht. Tochter Lena sprudelte sofort über vor Ideen, wo der kleine und offenbar kranke Igel in ihrem Zimmer wohnen könne.

Wir hatten alle Mühe, den fünfjährigen Zwillingen zu erklären, dass Igel keine Haustiere sind, sondern in freier Natur leben wollen und nachtaktiv sind. Allerdings wollten wir alles versuchen, den armen kleinen Kerl wieder aufzupeppen. Darin waren wir uns als Familie sofort einig.

Sein provisorisch errichtetes  ‚Krankenbett’, eine Kiste, ausgelegt mit einem Stapel altem Zeitungspapier, brachte ihm den Kosenamen Papiertiger ein.
Handwarmes Katzenfutter mit Haferflocken vermischt schien ihm zu schmecken und nach ein paar Tagen schienen neue Lebensgeister die Trägheit und Erschöpfung zu verdrängen.

Eines Morgens war unser Papiertiger einfach verschwunden. Leon und Lena konnten es kaum fassen und brachen in Tränen aus. Sie begaben sich sofort auf die Suche, doch es war sinnlos. Der Papiertiger war offenbar in sein Revier zurückgekehrt.

Wir dachten oft an ihn und sprachen auch von ihm. Als ich eines Abends ein ganz leises Plätschern hörte und vor der Tür nachsehen ging, traute ich meinen Augen kaum. Zwei Igel,  einer davon war eindeutig unser genesener Papiertiger, hatten sich erst über das Katzenfutter hergemacht und bis auf den letzten Krümel alles vertilgt und nun spülten sie die Reste mit frischem Wasser herunter. Was wohl der Kater dazu sagen würde, wenn er nach Hause käme?

Ich war ganz sicher, dass wir im nahenden Winter ein Igelpärchen im Garten beherbergen würden und wer weiß, was daraus noch entstehen würde?

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.19 (2)

Schreibeinladung von Christiane :

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2019 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die neuen Begriffe lauten:

Unbehaustheit
schwermütig
haschen

 

Zeitgeist

Heutzutage scheint das ‚Hotel Mama und Papa’ Hochkonjunktur zu haben. Nicht selten genießen die jungen Leute das elterliche Nest mit warmer Stube, gemeinschaftlich am gedeckten Tisch, sofern es der Familienterminplan zulässt. Bei stets gefülltem Kühlschrank, die Wäsche gewaschen und gebügelt im Schrank und nur bedingt erforderlicher häuslicher Mitverantwortung lässt sich das gut aushalten, bis die Ausbildung beendet ist oder die finanziellen Rücklagen eine eigene Wohnung mit dem gewünschten Komfort versprechen. Der edle Ritter auf dem weißen Pferd ist eher ein Relikt der Vergangenheit geworden.

Mit dem Abitur in der Tasche und einer erfolgten Immatrikulation an der Uni zog es Freundinnen und Freunde meiner Generation genau da weg. Nicht, dass das Verhältnis zu den Eltern schlecht oder gespalten war. Das Ausziehen war meist nur für die Eltern eine große Hürde und der schwermütige Blick in den mütterlichen Augen hing bei jedem Besuch wie ein Damoklesschwert in der Luft. Es ging auch nicht darum, zu haschen, zu kiffen oder andere Unsinnigkeiten anzustellen. Nein, wir wollten frei sein, selbstbestimmt leben, unsere eigene Welt entdecken und das Leben stemmen.

Eine Einzimmerwohnung im Hinterhaus einer Berliner Mietskaserne, oft auch noch mit einer Toilette auf halber Treppe, ohne Bad, mit einem Waschbecken in der Küche und dem Schleppen von Kohlen und Briketts gern in Kauf genommen – das war Freiheit pur, das war Studentenleben. Junge Leute heute würden so eine Wohnsituation eher als Unbehaustheit definieren, doch uns störte das damals nicht.

Solche Wohnungen waren preislich erschwinglich. Dass man für seinen Lebensunterhalt nebenher jobben ging – BAföG bekam ja nicht jeder – war selbstverständlich.

Mit wenig Geld in der Tasche, den eigenen vier Wänden und der Freiheit war das Studentenleben ein durchaus schönes und reich an Erfahrungen!

277 Wörter