Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22 (3)

Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 für Christianes Etüden-Schreibprojekt stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

„Ein Kind in den Bauch reden“

Während ich ein paar welke Blätter aus der vollen Regentonne fische, klingelt das Telefon. Wieder diese ominöse Nummer, die ich nicht zuordnen kann. Neugierig melde ich mich.

„Ja, guten Tag, die Firma ‚Besser Hören’, sagt ein zartes, sensibles Männerstimmchen.

Ich verdrehe die Augen! Nicht nur, dass man mich mit Einladungen zu Hörtests bombardiert und zum Tragen von Hörgeräten animieren will, nein, es kommt noch besser!

„Aus meinen Unterlagen geht hervor, dass Sie vor einigen Monaten zu einem Hörtest bei uns waren und Ihre Hörfähigkeit mittlerweile eingeschränkt ist.“

Während dieser Ausführungen recherchiere ich über mein Smartphone die Vorwahl. Ich muss aufpassen, dass meine Stimmlage nicht zu schwanken beginnt, denn was dieser Mensch mir einreden will, stimmt vorne und hinten nicht.

„Guter Mann“, setze ich vorsichtig an, „dieser Hörtest liegt Jahre zurück und nicht einige Monate. Ferner wurde nur eine klitzekleine Kleinigkeit festgestellt, dass ich die hohen Töne nicht mehr so gut höre und noch weit von einem Hörgerät entfernt bin.

Und da ich in Brandenburg lebe, wie Sie ja sicher wissen, denn Sie rufen mich ja an, werde ich mir wohl kaum die Mühe machen, eine Fernreise zu einem Hörtest zu machen.

Vielleicht machen Sie einfach beim nächsten Mal Ihre Hausaufgaben gründlicher!

Und …“, ich hole noch einmal tief Luft, „ wenn ich das Gefühl habe, meine Hörfähigkeit testen lassen zu müssen, werde ich mich schon kümmern beim Hörgeräteakustiker meines Vertrauens. Einen schönen Tag noch nach Niedersachsen!“

Der Gatte hat mir diese Sache eingebrockt, schon vor Jahren, als er meinte, ich würde langsam schwerhörig und ich zum Hörtest fuhr.

Manches will Frau einfach nicht hören!

Der Gatte hatte dieses Telefonat mitbekommen und begann kommentarlos zu grinsen.

Wenn der wüsste, dass ich schon bald einen Termin für uns beide machen würde!

Da wollen wir doch mal sehen, wer hier wirklich schlecht hört!

300 Wörter

Anmerkung: Diese Geschichte ist mir in dieser Woche so passiert, der Namen der Firma ist jedoch geändert.

Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22 (2)

Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 für Christianes Etüden-Schreibprojekt stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

 

 

 

Blättertanz

Die tagelangen Schauer waren endlich abgeklungen und hatten die Regentonnen gut gefüllt. Die kühle, klamme Luft der letzten Septembertage erwärmte sich jeden Tag ein wenig mehr. Doch der Sommer hatte längst seine Koffer gepackt und war bereit zur Abreise.

Der junge Herbstwind hingegen hatte blendende Laune und strotzte nur so vor Energie. Die Sonne lächelte ihm freundlich zu, als ahne sie bereits, was er im Schilde führte. Er nahm Anlauf, sprang in die Luft und riss ziemlich unsensibel die welkenden bunten Blätter auf dem Waldboden mit sich.

„Nicht so schnell“, stöhnte das eine oder andere Blatt schwankend auf. „Wir haben nicht mehr so viel Kraft.“

„Haltet euch aneinander fest, dann geht niemand von euch verloren!“ Der Herbstwind lächelte den Blättern aufmunternd zu und führte sie zu einer Wiese. Dort sammelten sie sich erneut und mit einer kleinen Beschleunigung seiner Geschwindigkeit ermunterte der Wind sein verwirrtes Gefolge.
Die Blätter fassten sich an, hielten aneinander fest und ließen sich vom Wind durch die Luft wirbeln. Zwischendurch sank das eine oder andere Blatt zu Boden, ruhte sich kurz aus und wurde dann erneut zum Blätterreigen abgeholt.
So viel Spaß hatten die Blätter noch nie gehabt. Der Wind ließ sie langsam auf die Wiese schweben.
„Danke für dieses wunderbare Vergnügen, lieber Wind“, raunten die Blätter dem Wind zu, der sich bei allen Blättern einzeln verabschiedete.
Nun fielen die Blätter in ihren wohlverdienten letzten Ruheschlaf.

Die Blätter, die dieses Stadium noch nicht erreicht hatten, klammerten sich angstvoll an ihre Äste. Sie hatten das Treiben mit gemischten Gefühlen beobachtet.
„Ob er uns auch abholt, wenn unsere Zeit gekommen ist?“, fragten sie sich gegenseitig.
„Ihr habt noch Zeit“, flüsterten die Äste „und bis dahin steht ihr unter unserem persönlichen Schutz.“
Die grünen, gelben und roten Blätter waren erleichtert und schaukelten beruhigt in der leichten Brise des Windes.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22

Nun gehen wir stramm auf einen frühen Herbst zu, das Wetter ist wenig einladend und so sollten wir uns Christianes freundlicher Einladung zum Etüdenschreiben wieder zuwenden. Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

Als wir jung waren, hatten wir Flausen im Kopf und wollten die Welt auf den Kopf stellen. Heute steht die Welt auf dem Kopf und wir haben Mühe, diese Schieflage zu beheben. Alles ist im Wandel, vieles ist nicht mehr selbstverständlich und unseren lieb gewordenen Gewohnheiten entsprechend.

Seit Stunden weint der Himmel ununterbrochen sein Klagelied, Blitz und Donner lassen sich kaum noch bändigen. Viele Tiere in Wald und Flur zeigen ihren Unmut über die düstere Wetterlage und ihre Energiereserven geraten in eine gefährliche Schieflage. Die Bäume entledigen sich zunehmend ihres noch überwiegend grünen Blätterkleides. Entweder war es zu trocken, zu heiß oder zu nass oder wie jetzt, viel zu kalt für diese Jahreszeit.

Anstatt einen warmen und sonnigen Altweibersommer zu genießen, machen sich die Menschen große Sorgen, wie sie diesen Winter überstehen sollen. Energie ist ein Luxusartikel geworden, eine Ressource, mit der lange unsensibel und verschwenderisch umgegangen wurde und mit der jetzt jeder äußerst sparsam umgehen sollte.

In den heißen Sommerwochen drohte so manche leere Regentonne in den Gärten bei starkem Wind zu schwanken, nun gibt es Regenwasser im Überfluss, das nicht überall aufgefangen wird und sinnlos überschwappt und sogar viele wertvolle Flächen überschwemmt.

Und wer hat Schuld an allem? Wem kann man den „Schwarzen Peter“ zuschieben? Selbstreflexion ist vielen Menschen zum Fremdwort geworden, ebenso wie die Frage, wo all das mal enden soll?

Wachstum ist nicht unendlich, sondern hat deutliche Grenzen. Kriegsschauplätze sind zur Tagesordnung geworden und schwappen in jedes Wohnzimmer, oft sogar mit Auswirkungen auf den familiären Frieden, der von unterschiedlichen Meinungen oftmals Risse bekommt. Schuld hat niemand oder vielleicht alle? Lösungen erwarten alle, aber welche sind gerecht und sozial und stellen alle zufrieden? Wer ist bereit, den Blickwinkel zu verändern und den Radius über dem eigenen Tellerrand zu erweitern, um zu retten, was noch zu retten ist?

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.22

Eine neue Runde für Christianes Etüden.

Meine heutige schließt sich dank der passenden Wörter inhaltlich an die letzte an.

Die Wortspende für die Textwochen 10/11 des Jahres 2022 stammt von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice. Sie lautet:

Zylinder
rau
blühen

Der Traum war ausgeträumt, die Pandemie aber noch lange nicht vorbei. Neue Wellen wurden schon für den kommenden Sommer und Herbst angekündigt. Die Urlaubsträume blieben offensichtlich Träume, denn die Welt war so sehr aus den Angeln gehoben, dass es jetzt nur hieß: zupacken und mithelfen.

Er hängte seinen Zylinder an den Haken, seine Familie und sein Dienstherr mussten nun für vier Wochen ohne ihn auskommen. Im Notfall musste er ein paar Studenten als Sargträger anheuern, denn gestorben wurde weiterhin. Allerdings waren die Wege in den Tod nicht immer eben, sondern oft bitter und rau. Dem blutigen Tod und seiner grässlichen Fratze würde er bald in einer ganz neuen Dimension gegenüberstehen.

Was er bisher im Fernsehen gesehen hatte, würde ihm nun real begegnen, darauf war er gefasst. Obwohl er als Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes schon viel Leid und Elend erlebt hatte, war er als Kind in die Wohlstandsgesellschaft hineingeboren worden, wie die meisten von uns.

Er schaute aus dem Fenster in den Vorgarten und betrachtete staunend die Krokusse, die im Schein der Märzsonne wetteifernd blühten und mit ihren leuchtenden Farben einen unsinnigen Krieg ein paar Hundert Kilometer entfernt irreal erscheinen ließen.

Er riss sich von diesem herrlichen Anblick los und versuchte das Bild in seinem Herzen als kleines Trostpflaster mitzunehmen.

Ein letzter Blick blieb für das hergerichtete Gästezimmer. Drei Betten frisch bezogen, mit Kuscheltieren auf den Kinderbettkopfkissen, die darauf warteten, einer verzweifelten Mutter mit ihren Kindern Schutz und Hilfe zu bieten.

Es klingelte. Die Kollegen mit dem Transporter voller Hilfsgüter für die Menschen in bitterster Not erwarteten ihn. Eine Reise mit unbekanntem Ausgang, aber mit viel Hoffnung im Herzen im Sinne der Mitmenschlichkeit konnte beginnen.

Mögen seine Liebsten, die den heutigen Tag im Zoo verbrachten und so dem schweren Abschied ausweichen konnten, eine Heerschar von Schutzengeln an ihrer Seite haben.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.22

Die Wortspende zu Christianes Etüdenexperiment für die Textwochen 08/09 des Jahres 2022 stammt von Gerda Kazakou mit ihrem gleichnamigen Blog Gerda Kazakou. Sie lautet:

Haut
feurig
schweben

‚Man muss immer etwas haben, worauf man sich freut’, sagte einst Eduard Möricke

(1804-1875).

‚Der hat gut reden’, dachte ich beim Lesen dieses Zitates. Aber bei genauerem Nachdenken gab ich ihm recht. Auch seine Zeit hatte ihre Wunden, vielleicht nicht gerade eine aktuelle Kriegsgefahr, Stürme und Dauerregen, Klimawandel am Limit und was nicht noch alles.

Corona kannte er jedenfalls nicht, und so entschloss ich mich zu sinnieren, was nach der Pandemie wohl sein wird.

Tagträume sind in dieser Jahreszeit, die nicht mehr Winter aber noch nicht Frühling ist wichtig, um ein wenig Licht ins Seelendunkel zu bringen.

Das Flugzeug hatte seine Flughöhe erreicht und schwebte sanft wie ein eleganter Silbervogel über der weißen Wolkendecke. Unglaublich, dieser Blick ins Unendliche!

Der schnarchende Sitznachbar holte mich wieder in die Realität zurück. Was würde mich in der kommenden Woche erwarten?

Der chronische Geruch nach Desinfektionsmittel würde sich verflüchtigen wie die Schirmchen des Löwenzahns und die vornehme Krankenhausblässe meiner überanstrengten Haut würde einem frischen Braunton weichen.

Die Farbe rot war eigentlich auch nicht mehr zu ertragen, ebenso der Geruch nach frischen Blutproben. Aber der Genuss eines Verwöhnmenüs mit einer feurigen Sangría gehörte zu ein paar Tagen Urlaub ohne Wenn und Aber dazu.

Der schnarchende Sitznachbar saß ungewohnt dicht neben mir. Abstand – das Gebot der Stunde – war aufgehoben. Diese Nähe war ich gar nicht mehr gewohnt, zumindest so.

Dicht am Patienten waren wir immer – zu dicht sogar und oft zu nah dran. Traurige Bilder der vergangenen zwei Jahre hatten sich tief eingebrannt.

Strandwanderungen barfuß, Schwimmen im Mittelmeer, winzige Salzkristalle und eine leichte Brise auf der Haut, gutes Essen und feurigen Wein, dazu nette Gesellschaft für Gespräche in Leichtigkeit, Lesen und Schlafen, so viel und so lange das Herz begehrt. Keine Regeln, keine Distanzen und keine Masken – das war es, worauf es sich lohnte, sich zu freuen.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwoche 05.22 | Extraetüden

In dieser Woche lädt Christiane zu einer Extraetüde ein. Mit Begriffen des abgelaufenen Monats, sechs an der Zahl, werden davon fünf ausgesucht und in einem Text von maximal 500 Wörtern untergebracht.

Die Wörter im Monat Januar spendeten Ludwig Zeidler und Tanja mit ihrem Blog Stachelbeermond. Sie lauteten:

Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen,
Wackelpudding, unverdrossen, knistern

Julian hätte sich nicht träumen lassen, dass er noch mal herkommen würde. Mit einem Gefühl, Wackelpudding in den Beinen zu haben, zog es ihn nach vorne in die erste Reihe. Bis die anderen kamen, blieb ihm noch eine Stunde Zeit.

Ein heller Sonnenstrahl fiel durch die bunten Fenster hinter dem Altar, wie ein zaghafter Hoffnungsschimmer, der Licht in die jahrzehntelange Dunkelheit seiner verletzten Seele bringen wollte.

Hoffnung – das Wort hatte er aus seinem Sprachschatz gestrichen. Eine tiefe Enttäuschung hatte sich in all den Jahren in ihm breitgemacht. Niemand hatte ihn je angesprochen, sich bei ihm entschuldigt oder ihn um Verzeihung gebeten. Was ihm und seinem besten Freund hier angetan worden war, blieb unverzeihlich.

Sein Blick wanderte durch den Altarraum und blieb an den Altarstufen hängen und plötzlich sah er Matthias und sich dort stehen. Zwei zehn- und elfjährige Jungen, die sich ewige Freundschaft geschworen und durch eine Blutsbrüderschaft besiegelt hatten.

Sonntag für Sonntag versahen sie mit Freude und Stolz ihren Ministrantendienst und wetteten um ihre Lieblingsschokolade, wer beim nächsten Hochfest den Weihrauchschwenker übertragen bekam. Sie genossen die Ausflüge und Abende der Ministrantengruppe am knisternden Lagerfeuer, wenn die Mädchen und Jungen noch frei von Stimmbrüchen aller Art zum Gitarrenspiel des Oberministranten aus der „Mundorgel“ sangen.

Bis sich alles schlagartig veränderte, dort hinter der Sakristeitür, zwischen den mahagonifarbenen Schränken. Immer und immer wieder versuchte er unverdrossen sein Ziel zu erreichen und nutzte die Naivität der beiden Jungen aus. Einschüchterungsversuche und Drohungen setzen sich in den Köpfen der Jungen fest und die Überzeugung, selbst Schuld zu haben, nahm in ihnen Gestalt an.

Es hörte erst auf, als er nach seinem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz in einer anderen Stadt bekam und wegzog. Er kam ungeschoren davon. Eisiges Schweigen hatte sich wie ein Panzer über die Taten gelegt. Die Gefühle der beiden Jungen waren verletzt, ihre Seelen zerbrochen. Zaghafte Versuche, sich bei Erwachsenen Hilfe zu suchen, scheiterten kläglich am allgemeinen Nicht-Sehen, Nicht-Hören und Nicht-Verstehen wollen.

Julian zog zu Hause aus, weit weg in eine andere Stadt. Auch in seiner Familie fand er kein offenes Ohr und schon gar keine Unterstützung. Der Kontakt zu Matthias wurde immer dürftiger. Der Graben des Schweigens über das Geschehene wurde immer tiefer zwischen ihnen.

Im Laufe der Jahre bekam Julian wieder ein wenig Boden unter die Füße, seine Therapeutin schaffte es mit viel Empathie und Geduld, seinen unbeschreiblichen Schmerz zu lindern.

Und nun saß er hier am Ort des Geschehens, nach vielen Jahren.

Die Todesanzeige in der Zeitung hatte ihn bis ins Mark getroffen. Noch mehr die Tatsache, dass Matthias sich das Leben genommen hatte. Das Erlebte, nie verarbeitet, nie öffentlich gemacht und therapiert, hatte ihn in den Selbstmord getrieben.

Erst als sich vorsichtig eine Hand auf Julians rechte Schulter legte und seinen von Schluchzen durchgeschüttelten Körper berührte, kehrte er zurück in die Wirklichkeit.

Die ersten Trauergäste trafen ein, um Matthias auf seinem letzten Weg zu begleiten. Julians tränennasse Augen suchten die leer geweinten Augen von Matthias Mutter. Er drückte ihre Hand und nickte ihr zu, verstehend und verbunden – ohne Worte.

500 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler 

Ein Neues Jahr – ein neues Etüdenjahr bei Christiane

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lautet:

Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen.

Richtungswechsel

Sie stöhnte auf und griff sich mit der rechten Hand in den unteren Rücken. Wieder dieser stechende Schmerz, der sie immer häufiger überfiel. Es ging nicht mehr, wirklich nicht, doch wann endlich gestand sie sich das mit entsprechenden Konsequenzen ein?

Alle, die sich bisher den Mund fusselig geredet hatten, gaben es mittlerweile auf. So schien es jedenfalls. Der Leidensdruck war noch nicht groß genug, sich endlich Alternativen zu suchen oder wenigstens rigoros kürzerzutreten.

Gar nichts mehr zu machen, heißt ja nicht, die Hände untätig in den Schoß zu legen, die Katze auf der Schulter schnurren zu hören und im Lehnstuhl zu sitzen. Das Wort ‚Rentnerin’ kam ihr so gut wie nie über die Lippen. Das sollten andere für sich in Anspruch nehmen, sie nicht!

Das Nähen war stets ihr Lebensbegleiter gewesen, mehr als ein Hobby und die Sicherung des Lebensunterhaltes – ja, es war ihre Passion, ihre Bestimmung. Doch dabei hatten sich Fehler eingeschlichen, die für ihren Bewegungsapparat unverzeihlich geworden waren. Der Rücken krumm, Arthrose in allen Gelenken, ihr tägliches Kreuz. Sie hatte kein anderes Hobby, für das sie so brennen konnte und die Zahl ihrer wirklichen Freunde war überschaubar geworden.

Und doch strahlte ihr plötzlich ein  unerwarteter Hoffnungsschimmer aus einem üppigen Blumenstrauß entgegen, den sie an ihrem 65. Geburtstag bekam. Am Stiel einer feuerrot blühenden Amaryllis hing ein Gutschein für einen Wellnessurlaub an der Ostseeküste.

Sie starrte den Hotel-Prospekt ungläubig an. Sauna, Massage, Strandspaziergänge und gutes Essen – alles, was sie sich immer mal vorgenommen, sich aber nie gegönnt hatte.

Vielleicht war das der Weg der Zukunft, einfach sich selbst wichtig zu sein und gut für sich zu sorgen. Eine neue Tür tat sich auf und sie würde hindurch gehen. Alles Weitere würde sich finden. Hintertürchen gab es schließlich nicht!

Sie hob das Glas und prostete ihren Gästen dankbar lächelnd zu.

300 Wörter

 

Was bedeutet Weihnachten?

Martin stand unschlüssig mit seinem Mikrofon in der Einkaufspassage. Unzählige Menschen eilten zielstrebig in die vorweihnachtlich geschmückten Geschäfte, andere kamen mit diversen Tüten wieder heraus, voll bepackt, als würde es morgen nichts mehr zu kaufen geben. Er war seit drei Tagen Praktikant beim RBB und hatte die ehrenvolle Aufgabe, Menschen zu befragen, was sie von Weihnachten hielten.

Der eisige Dezemberwind pfiff ihm um die Nase. Er war ein wenig ratlos, denn er hatte so etwas noch nie gemacht. Aber er hatte schließlich ein gutes Abitur abgelegt, war nicht auf den Mund und noch weniger auf den Kopf gefallen und so straffte er die Schultern, ignorierte die Kälte und trat an die Tür des großen und sehr frequentierten Kaufhauses.

Ein älterer Mann mit einer Wollmütze war sein erster Ansprechpartner – so dachte Martin. „Guten Tag, darf ich Sie fragen…?“ „Nein, dürfen Sie nicht!!“ Der ältere Mann warf Martin einen wütenden Blick zu, schlug seinen Mantelkragen hoch und ging mit langen Schritten grußlos an Martin vorbei. Klappe – die Erste! Das konnte ja heiter werden!!

Eine junge hübsche Frau trat aus dem Kaufhaus und blickte sich suchend um. Martin musste sich beherrschen, um nicht völlig in ihren rehbraunen Augen zu versinken und nahm einen erneuten Anlauf. „Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie fragen, was Ihnen Weihnachten bedeutet?“ „Wie bitte? Ach so, ja. Moment bitte. Weihnachten? Ich freue mich auf ein paar freie Tage, die ich mit meinem Freund genießen werde. Ich bin beruflich nämlich viel unterwegs. War’s das?“ Die junge Frau hatte jemanden entdeckt, der sie offenbar abholen wollte, warf Martin ein kurzes und bezauberndes Lächeln zu und eilte davon.

Ein Pärchen, etwa in Martins Alter, kam lachend aus dem Geschäft, direkt auf Martin zu.  „Darf ich Sie etwas fragen?“ „Gerne, wenn es nicht allzu lange dauert.“ Sie schauten Martin erwartungsvoll an. „ Ich sammle Meinungen, was den Menschen Weihnachten bedeutet. Möchten Sie mir Ihre Einstellung  dazu sagen?“  „Wir fliegen jedes Jahr zu Weihnachten auf die Malediven, um diesem ganzen Geschenkewahnsinn  zu entgehen. Dafür sparen wir das ganze Jahr. Das ist für uns Weihnachten.“ Vor Martins geistigem Auge tauchten Palmen, ein Kilometer langer Sandstrand und kristallklares Wasser auf. Im nächsten Augenblick aber auch seine spartanisch eingerichtete Studentenbude und seine ewig unterernährte Geldbörse. Ein Kälteschauer riss ihn unsanft in die Realität zurück.

Wenn das so weiterginge, konnte er seinem Sender nichts Besonderes präsentieren. Martin hielt Ausschau nach weiteren Gesprächspartnern. Drei Jungen, Martin schätzte sie auf zwölf oder dreizehn Jahre, drückten sich mit großen Augen am Schaufenster die Nasen platt. Vielleicht konnten die ihm etwas erzählen. „Hey, darf ich euch mal was fragen?“ Verwundert drehten sich die Jungen zu ihm um und schauten neugierig auf sein Mikrofon. „Bald ist ja Weihnachten. Hat das für euch eine besondere Bedeutung?“

„ Weihnachten ist Weihnachten, da bekommt man Geschenke und ich möchte endlich ein Smartphone haben.“ Der Größte der drei hatte gleich das Wort übernommen. „Wieso willste das wissen?“ Der Kleinste schaute Martin herausfordernd an. „Ich mache eine Umfrage für meinen Sender und sammle Meinungen zum Weihnachtsfest. Hast du auch einen besonderen Wunsch?“ Der Kleinste senkte die Augen. „Bei uns gibt’s nichts. Meine Eltern sind Hartz IV und haben kein Geld.“ Martin schluckte. Diese Antwort verschlug auch ihm die Sprache. „Weihnachten hat ja eigentlich eine andere, christliche Bedeutung. Habt ihr davon schon mal gehört?“

„Nö, keinen Plan. Ich mach mir gar nichts daraus und bin froh, wenn das vorbei ist. Bei uns ist Weihnachten immer schrecklich. Dann ist mein Vater mal da und meine Eltern streiten sich sowieso nur. Wenn er dann wieder weg ist, heult meine Mutter nur rum. Das brauche ich echt nicht, das nervt.“ Der Mittlere hatte sich zu Wort gemeldet und erwartete offenbar weitere Fragen von Martin. Doch Martin wusste nicht, was er die drei Jungen noch fragen sollte. Er hatte mehr erfahren, als ihm lieb war. „Na, zumindest habt ihr an Weihnachten schulfrei und müsst nicht in die Schule. Danke,  Freunde, dass ihr so offen ward.“ „Kein Problem.“ Die Jungen zogen weiter. Berührungsängste hatten sie nicht, aber offenbar auch keinen weiteren Gesprächsbedarf.

Martin brauchte unbedingt etwas Heißes zu trinken, bevor ihm Finger und Füße abzufallen drohten. Er packte sein Mikrofon weg und nahm Kurs auf einen Tchibo Laden. Ein heißer Kaffee würde  ihn  wieder  auftauen  und  beleben.  Er  setzte  sich  ans Fenster neben einen Mann mittleren Alters, der sich mit geübten Fingern ein paar Zigaretten drehte. „Was willste denn wissen, Kumpel? Ich habe dich schon eine Weile beobachtet, wie du da mit deinem Mikro herumfuchtelst.“

Martin schaute sich den Mann genauer an. Seine Kleidung war heruntergekommen, seine Finger vom Nikotin gelb gefärbt und in seinem grauen Vollbart steckten ein paar Brötchenkrümel. Aber seine Augen waren hell und freundlich. „Was ich wissen will? Mein Sender will wissen, was die Leute so von Weihnachten halten, aber bisher habe ich keine brauchbare Antwort bekommen.“ „Ich fürchte, das wirst du auch nicht. Schau dich doch um! Was siehste? Geschäftskassen, die laut klingeln, Leute in Hetze und Eile, auf der Suche nach Geschenken, Tüten voller Esswaren, damit sich die liebe Familie so richtig den Wanst vollhauen kann. Was erwartest du hier in einer Einkaufspassage, in der vor Weihnachten mehr Hektik herrscht als zum Winter- oder Sommerschlussverkauf.“ Martin sah seinen Nachbarn an. Er hatte recht. „Soll ich dir auch nen heißen Kaffee mitbringen? Du siehst aus, als könntest du einen vertragen.“ „Wenn’s dein Budget verkraften kann, sage ich nicht nein.“   Martin kam mit zwei dampfenden Kaffeebechern und vier belegten Brötchenhälften zurück. Den Teller schob er in die Mitte und bedeutete seinem Nachbarn zuzugreifen. „Das ist Weihnachten“, murmelte der und genoss sichtlich sein Schinkenbrötchen mit Ei. „Wie meinst du das?“ „Ich schätze, du bist Student. Hast wahrscheinlich chronischen Geldmangel und trotzdem teilst du dir die Brötchen und den Kaffee mit einem Kerl, der dein Vater sein könnte und den du absolut nicht kennst.“ „Da magst du recht haben. Meinst du, die Menschen denken nicht an das Fest der Liebe, der Familie, des Miteinander? Das hat doch viel mit Weihnachten zu tun.“ „Wenn du dich mit deinem Mikro vor eine Kirche stellst, bekommst du mit Sicherheit ganz andere Antworten als hier. Doch, was willst du wirklich hören?“

Martin blickte seinen Nachbarn nachdenklich an. Ja, was wollte er hören? Er wollte seinem Sender einen Beitrag bieten, in dem die Menschen begeistert von Weihnachten, vielleicht auch freudig von ihren Plänen für das Fest berichteten. Doch die Realität war eine andere. Weihnachten war in jedermanns Kopf, ein durchaus nicht wegzudenkendes kalendarisches  Thema, dem sich niemand entziehen konnte, doch Hektik, Ansprüche, Fluchtgedanken, Resignation und Kapitulation, inmitten von Lichtern, Glocken und Glitzer   war das, was die Menschen beschäftigte. Und nicht das Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem, das die Welt so nachhaltig verändert hatte. Davon spürte Martin nichts.

© G. Bessen

Second Hand

„Findest du mich hässlich?“

Das schwarze Sweatshirt mit der lauschigen Kapuze blickte unsicher um sich. „Hier bin ich“, ertönte erneut ein leises Stimmchen, fast flehentlich. Das Sweatshirt blickte zur Seite und entdeckte einen schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover für Damen, der aufgeregt auf seinem Bügel zappelte. „Wieso sollte ich dich hässlich finden?“, fragte das Sweatshirt verwundert. „Du bist zwar nicht ganz meine Kragenweite, aber ich finde, du siehst gut aus.“

Der schwarz-rot gestreifte Damenpullover leuchtete plötzlich  in einem dunklen Kirschrot und ließ den roten Farbton mundig aufleuchten. „Warum fragst du mich das?“ „Ich hänge schon so lange hier und niemand will mich haben.“ Auf dem Rollkragen glitzerten kleine Wassertröpfchen, als würde der schwarz-rot gestreifte  Rollkragenpullover weinen. „Bald ist Weihnachten. Die Menschen kaufen Weihnachtsgeschenke ein und bald wirst du, hübsch verpackt, unter einem Weihnachtsbaum liegen“ antwortete das schwarze Sweatshirt zuversichtlich.

„Nicht schon wieder“,  kreischte der schwarz-rote Rollkragenpullover. Seine Stimme überschlug sich fast und auf dem Schwarz des Pullovers bildeten sich hektische rote Flecken. Das Sweatshirt schaute ratlos drein. „Möchtest du darüber reden?“ „Da gibt es nicht viel zu erzählen“, hob der schwarz-rote Rollkragenpullover an. „Im letzten Jahr lag ich bei H&M im Regal der Damenoberbekleidung. Am Heiligen Abend kaufte mich jemand, nahm mich mit, schlug mich lieblos in ein Stück buntes Geschenkpapier ein und verfrachtete mich in eine dunkle Ecke unter dem Weihnachtsbaum. Bei der Bescherung am Abend wurde ich als letztes Päckchen ausgepackt…“ Der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover kämpfte bereits wieder mit den Tränen und hielt einen Moment inne.

„Ja – und?“, fragte das Sweatshirt gespannt und auch ein wenig verlegen. Er hatte keine Erfahrung mit weinenden Pullovern und wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten.

„Eine etwas wohlbeleibte ältere Frau mit einer fürchterlichen grauen Haarkrause packte mich aus, sah mich geringschätzig an und fing an zu schreien. Dabei warf sie mich wütend auf ein Sofa, auf dem ein Schäferhund lag. Der schnappte nach mir,  grub seine scharfen Zähne zwischen meine feinen Maschen und ging mit mir in seine Hundehütte.“ „Wieso hat die Frau geschrieen, als sie dich ausgepackt hatte? Ich dachte immer, die Menschen würden sich über Geschenke freuen?“ „Die nicht“, setzte der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover leise, aber deutlich beleidigt  hinzu. „Sie hat ihren Mann nur angeschrien, wie er dazu käme, ihr etwas Gestreiftes zu schenken. Ob sie denn aussehen solle wie ein wandelndes Fass!“ „Und dann?“ Das Sweatshirt war fassungslos und hätte den rot-schwarz gestreiften Rollkragenpullover am liebsten in seine langen Ärmel geschlossen. Der schwarz-rot  gestreifte Rollkragenpullover holte tief Luft. „Die Nacht über musste ich in der Hundehütte bleiben. Der große  Schäferhund legte sich auf mich, so dass ich kaum Luft zum Atmen bekam. Am nächsten Morgen packte mich die Frau, zog mich unter den Schäferhund hervor, der die Nacht auf mir verbracht hatte und verfrachtete mich in einen blauen Müllsack, in dem es fürchterlich stank. Ich lag ewig zwischen ausrangierten Bettlaken, mehrfach gestopften Socken und ausgefransten Baumwollhemden. Erst vor kurzem kam ich hierher, wurde gewaschen, wieder instand gesetzt – der Schäferhund hatte mir einige Blessuren verpasst – und seitdem hänge ich hier.“ Das Sweatshirt war entsetzt und hoffte inständig, dass ihm ein solches Schicksal erspart bleiben würde. Zärtlich flüsterte er dem schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover zu: „Warte ab, in diesem Jahr hast du sicher mehr Glück. Diesmal kauft dich jemand, dessen du würdig bist und der deine Schönheit zu schätzen weiß.“ Das tröstete den schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover nicht. Zerknirscht blickte er das schwarze Sweatshirt an und flüsterte ihm zu: „Am liebsten würde ich in die Altkleidersammlung gehen und von jemandem getragen werden, der mich wirklich zu schätzen weiß und meinen wahren Wert erkennt. Dem würde ich all meine Wärme schenken.“

© G.Bessen

PERFECT TIMING

Perfect timing

Im Abstand von drei Minuten versuchen unterschiedliche Alarmsignale den komatösen Zustand zu beenden. Als Antwort gibt es lediglich einen unsanften Stups, zielgerichtet auf eine nahe Schlummertaste.

„Heute ist Freitag, der 15. November,… es ist sieben Uhr und fünf Minuten … Wolkendecke,… gelegentliche Aufheiterungen … Höchsttemperatur 6 Grad …“ dann der ultimative Klick und alles läuft wie am Schnürchen. Wenige Augenblicke später röhrt die Kaffeemaschine vor sich hin und eine heiße, braune Flüssigkeit gleitet sanft und wohl riechend in die Glaskanne. Mittlerweile wird auch der Rest der Mannschaft wach. Der Hausherr verschwindet verschlafen im Badezimmer, ein müder Vierbeiner sitzt an der Eingangstür, macht einen Katzenbuckel, streckt und rekelt sich und schaut verschlafen in den kühlen Garten, unschlüssig, ob er das erste ‚Austreten‘ mit einem weiteren Schlummer im Körbchen eintauschen sollte.

Nach der ersten Tasse Kaffee lässt das Rheuma in den Augen nach und die Lebensgeister erwachen, Sinn für Sinn.

Noch jeden Morgen müssen die jahrzehntelang eingeübten Handgriffe sitzen, vom Betten machen bis zum Duschen. Beim Haarewaschen wird das Outfit des heutigen Tages gedanklich durchgespielt, in Abhängigkeit von den zu erwartenden In- oder Outdoor-Aktivitäten und eventuell zusätzlichen spontanen Unternehmungen.

Jeans sind immer die praktischste Variante, dazu etwas Kurzärmeliges und eine Weste oder leichte Strickjacke oder ein Pullover. Wenn das Grobe soweit in Sack und Tüten ist, kommen die Feinheiten.

Die zweite Tasse Kaffee wandert mit ins Bad, denn der Kampf mit den Kontaktlinsen beginnt. Fatal, wenn man bei noch nicht hinreichender Konzentration rechts und links verwechselt. Dann ist der Blick den ganzen Tag aus der Bahn geworfen. Und nicht jeden Morgen sind Kontaktlinsen bereit, an Ort und Stelle zu haften. Der Herr des Hauses wartet jeden Morgen auf den gellenden Aufschrei „Komm mal bitte und bring die Taschenlampe mit.“ Kontaktlinsen auf weißen Bodenfliesen zu suchen, macht am Morgen wach, aber so was von hellwach.

DER Schrei kommt nicht, dafür aber ein unmissverständliches „Sch…“. Der Herr des Hauses hält den Atem an, ist sprungbereit, um jede erdenkliche Form der Ersten Hilfe zu leisten. Die Dame des Hauses sprintet hoch, reißt die Kleiderschranktür auf und greift mit einer einsetzenden Schimpfkanonade nach einem neuen Oberteil.

„Was ist passiert?“, fragt der Herr des Hauses ein wenig nervös. Statt einer Antwort bekommt er das dunkle Shirt mit einem deutlichen Zahnpastaklecks in Busenhöhe vor die Nase gehalten. Der gut gemeinte Versuch, die Sache zu entschärfen, wie „Hat die Erde heute wieder eine besondere Anziehungskraft?“, wird lediglich mit einem stummen bösen Blick beantwortet. Er kann sich getrost seiner Aufgabe widmen, das Frühstück weiter vorzubereiten.

„Ich glaube es nicht!“ Die Tonlage verrät: Gewitter im Anmarsch. Der Vierbeiner hat es sich anders überlegt, hat die angelehnte Tür gesehen und marschiert eine Runde durch den Garten. Die Regel „Ich-bleibe-an-der-Tür-sitzen-bis-die-feuchten-Pfoten-sauber-gewischt-sind“, hat ihm heute Morgen niemand zugeflüstert und ist damit gerade außer Kraft gesetzt.

Mit einem freudigen Satz springt er an Frauchens Hosenbeinen hoch, als hätte er sie ewig nicht gesehen. Die hellblaue Jeans wäre das gefundene Fressen für jede Spurensicherung. Deutlich zeichnen sich die schmutzigen Pfoten am rechten und am linken Hosenbein ab.

Der Frauchen-Blick spricht Bände, die blaue Jeans wird durch eine schwarze ersetzt. Der Herr des Hauses geht vorsorglich in Deckung, denn würde er nun doch seine Lieblingsbemerkung loslassen „Schatz, du bist spät dran!“, wäre ein Donnerwetter wohl zwangsläufig die Folge. Zwischen einer herunter geschlungenen Scheibe Toast, einem erneuten schnellen Zähneputzen und dem Griff nach Tasche und Autoschlüssel ist eines klar: Der Morgen ist aus dem Zeittakt geraten.

Der Herr des Hauses versucht nicht hinzuhören, als die Gattin viel zu schnell vom Hof reitet. Das arme Auto, denkt er nur. Ohne Hindernisse ist der Weg zum Ziel in 20 Minuten zu schaffen, die normale Zeit beträgt 30 Minuten. Auf der Straße durch den Wald, der um diese Zeit noch unter Nebelschwaden liegt, sind die Risiken enorm. Von rechts und links können sie kommen, einzeln oder in Rudeln. Keine Radfahrer, keine Autos, auch keine Weihnachtsbäume von oben, sondern Wildschweine und anderes Getier. Die Augen laufen zu Höchstleistungen auf, denn die Kontaktlinsen haben sich formvollendet an den Tränenfilm des Auges angepasst und schwimmen gleichförmig in der Augenflüssigkeit mit.

Am Ortseingangsschild hat die vernünftige Fahrweise mit Tempo fünfzig wieder Vorrang, an dieser Stelle gibt es häufig so etwas wie ‚Wetterleuchten‘ und das ist auf Dauer eine Menge Geld.

Nun noch eine seit Wochen aufgestellte Baustellenampel. Aus völlig unerfindlichen Gründen ist das Rechtsabbiegen plötzlich nur noch für Einsatzfahrzeuge gestattet. Baustellenampel grün, – der Blick nach rechts – den Blinker gesetzt und abgebogen (gelernt hat sie das von einer Nachbarin, die sich den morgendlichen Umweg von mindestens fünf Minuten und drei Ampeln inzwischen erspart). Außerdem ist man auf dem Weg zum Arzt im Einsatz und somit auch ein Einsatzfahrzeug.

Die allerletzte Hürde ist die Parkplatzsuche. Die verlorene Doppel-Anziehzeit ist wieder aufgeholt, der dringend benötigte Parkplatz wartet bereits wie ein Geschenk und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass alles wieder im Zeitfenster ist.

Pünktlich zum Termin steht sie vor der Zahnarztpraxis. Nach einem fröhlichen „Guten Morgen“ mit Zahnpastalächeln kann der Tag beginnen.

Und – wer abends nicht ins Bett kommt, weil er eine Nachteule ist, wird am Morgen nicht zur Lerche, auch nicht als Rentnerin.

© G. Bessen