Auf dem Weihnachtsweg: 14. Dezember

Die Kerze, die nicht brennen wollte

 

 

Nein, das hatte es noch nicht gegeben. Eine Kerze, die nicht brennen wollte, war absolut einmalig. Es herrschte große Aufregung unter den Kerzen im Wohnzimmer – zumal bald Weihnachten gefeiert werden sollte und die Kerzen mit ihrem festlichen Glanz die Dunkelheit verwandeln wollten. Eine alte erfahrene Kerze bot sich an, mit der Kleinen zu reden. „Nein, ich möchte nicht brennen“, antwortete die Kleine störrisch. „Wer brennt, verbrennt recht bald, und dann ist es um ihn geschehen. Ich möchte bleiben wie ich bin – so schlank, so schön und so elegant.“

„Wenn du nicht brennst, bist du tot, noch bevor du gelebt hast“, antwortete die Alte gelassen. „Dann bleibst du auf ewig Wachs und Docht, und Wachs und Docht sind nichts. Nur wenn du dich entzünden lässt, wirst du, was du wirklich bist.“

„Na, da danke ich schön“, entgegnete die Kleine ängstlich. Ich möchte mich nicht verlieren, ich möchte lieber bleiben, was ich jetzt bin. Gut, es ist etwas langweilig und manchmal etwas dunkel und kalt, aber es tut noch lange nicht so weh, wie die verzehrend flackernde Flamme.“

„Man kann es eigentlich nicht mit Worten erklären, man muss es erfahren“, antwortete die Alte rätselhaft, „nur wer sich hergibt, verwandelt die Welt, und indem er die Welt verwandelt, wird er auch mehr er selbst. Du darfst nicht über das Dunkel und die Kälte klagen, wenn du nicht bereit bist, dich anstecken zu lassen.“ Da ging der kleinen Kerze plötzlich ein Licht auf. „Du meinst, man ist das, was man von sich herschenkt?“

„Ja“, antwortete die Alte. „Man bleibt dabei nicht so schlank, so schön und so elegant. Man wird gebraucht und gerät auch etwas aus der Form. Aber man ist mächtiger als jede Nacht und alle Finsternis der Welt.“

So geschah es, dass die kleine Kerze ihren Widerstand aufgab und sich entzünden ließ. Je mehr sie flackerte, um so mehr verwandelte sie sich in ein reines Licht und leuchtete und strahlte, als gelte es die ganze Welt zu wärmen und alle Nächte hell zu machen. Wachs und Docht verzehrten sich, aber ihr Licht leuchtete bis auf den heutigen Tag in den Augen und Herzen all der Menschen, für die sie brannte.

© Ulrich Peters
aus: “Sagt es leise weiter”
Anregungen und Materialsammlung
für Familienkreise im Advent

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Auf dem Weihnachtsweg: 13. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1

Teil 2

Teil 3:

Als Sabines Handy vibrierte und sie las, dass ihre Freundin Svea draußen  vor der Tür bereits wartete, schreckte sie hoch. Fast hätte sie ihren lange geplanten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt vergessen.

„Komme“, rief sie unsinnigerweise in ihre leeren Wohnräume,  schnappte sich dabei Mantel, Schal und Mütze, rutschte in ihre gefütterten Stiefeletten und schloss hastig die Haustür ab.

Svea, gut erholt und blendend aussehend, überfiel Sabine mit ihren brandneuen  Urlaubserlebnissen auf der Insel Teneriffa und zog sie, untergehakt und mit flotten Schritten, über den Weihnachtsmarkt. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit, hatten immer Freud und Leid miteinander geteilt und Sabine hörte gespannt zu, was Svea von dieser zauberhaften Insel zu erzählen hatte.

Sabine freute sich so für Svea, die nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren so den Boden unter den Füßen verloren hatte und nicht mehr leben wollte. Das hatte sich durch Manfred, die neue Liebe ihres Lebens geändert und es war zu befürchten, dass Svea in absehbarer Zeit hier ihre Zelte abbrechen und bei Manfred auf Teneriffa neu aufbauen würde.

Angenehme Temperaturen und viel Sonne hatten Svea so verwöhnt, dass sie sich nach einem ersten Rundgang über den Weihnachtsmarkt wie eine schnatternde Frostbeule fröhlich dem Glühwein hingab.

Und während ein leichter Schneefall einsetzte und die Landschaft wie mit Puderzucker berieselte, zogen die beiden Frauen mit einer letzten Flasche Glühwein zu Sabines Haus, um den Abend feuchtfröhlich zu beenden. Dieses Wiedersehen musste einfach gefeiert werden.

Fortsetzung folgt …

Auf dem Weihnachtsweg: 12. Dezember

Glaube und Zweifel

So wie der Körper und die Seele die zwei Seiten einer Medaille bilden, so gehören auch der Glaube und der Zweifel wie Bruder und Schwester zusammen.

Jeder Mensch glaubt irgendwann in seinem Leben in irgendetwas oder irgendwen, wie auch immer er das bezeichnet, woran er glaubt. Für viele ist es die Natur, die Liebe oder die Schöpfung schlechthin, für andere der eigene Sportverein, ein sehr prägender Mensch, ein Idol oder auch Gott.

Im Laufe unserer eigenen Lebensgeschichte kann sich unser Glauben auch verändern, so wie wir den Kinderschuhen entwachsen und die jeweils größere Nummer brauchen. Glaube ist nichts Statisches, Unveränderliches, sondern etwas, woran der Zweifel gern mal nagt. Und so kann unser Grundpfeiler durchaus ins Wanken geraten, wie ein Haus, das die Wellen eines Erdbebens zu spüren bekommt.

Gott schickt uns keine sichtbaren und greifbaren Beweise, dass er existiert, aber auch nicht, dass er nicht existiert. Und so bleibt es spannend, zu glauben, ohne zu wissen und bei  allen Glaubensfragen zeigen Zweifel, dass wir immer noch auf einem lebendigen Weg und damit auch glaubwürdig sind.

© Text und Foto: G. Bessen

 

Eine halbe Stunde Meditation
ist absolut notwendig –
außer wenn man
sehr beschäftigt ist.
Dann braucht man
eine ganze Stunde.

Franz von Sales (1567 – 1622)
Ordensgründer, Mystiker und Kirchenlehrer

           

Auf dem Weihnachtsweg: 9. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

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Teil 1 ist hier zu finden…

Teil 2:

Der Zeitungsausschnitt hatte sich wie einer dieser unzähligen Spendenaufrufe gelesen und sie hätte ihn fast weggeworfen. Doch Eric hätte ihr das vermutlich übel genommen, denn er suchte förmlich nach einer sinnvollen Tätigkeit, bis er sich über seinen eigentlichen Berufswunsch im Klaren war. Und damit fing alles an.

Die private Montessorischule im indischen Lucknow, als größte Schule der Welt, suchte junge Menschen mit Interesse am Lehrerberuf, die sich für ein Praktikum oder ein ganzes Schuljahr zur Verfügung stellten. Eric war Feuer und Flamme für diese Idee und setzte alles daran, sich erfolgreich zu bewerben, ungeachtet der Angst seiner Mutter und deren Schwierigkeiten, ihr einziges Kind in die Welt hinaus zu lassen.

Eric hatte Erfolg und zwischen Weihnachten und Neujahr des vergangenen Jahres packte er seine Sachen und zog in die große weite Welt, ausgerechnet nach Indien, in ein Land voller Gegensätze, überbevölkert und in vielen Landstrichen arm und doch durch eine so vielfältige facettenreiche Kultur  wieder reich.

Für Sabine begann ein einsames Jahr, ein Auf und Ab zwischen Freude über Erics Begeisterung, jedes Mal, wenn er sich meldete,  und ihrer eigenen Einsamkeit, die sich nach der Trennung von Erics Vater vor knapp zwei Jahren, immer wieder wie ein Virus in ihr Leben einnistete.

Aber das Jahr ging vorüber und nun war er fast da, der Tag des Wiedersehens und der Freude, ihr Kind am folgenden Tag wieder in die Arme zu schließen.

Fortsetzung folgt …

Auf dem Weihnachtsweg: 4. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

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Teil 1:

Sabine  hatte sich selten innerlich so aufgeräumt gefühlt, wie zu Beginn dieser Vorweihnachtszeit.

Erst hatte sie das auf ihr Nicht-Mehr-Arbeiten-Müssen zurückgeführt, aber es hatte einen anderen, einen tieferen Grund. Morgen Abend würde er endlich nach Hause kommen, rechtzeitig  zu Weihnachten. Ein langes Jahr der Sorge und des Bangens gingen vorüber, ein Jahr der Ungewissheit, wie es ihm wirklich dort erging. Im ganzen Haus duftete es nach selbst gebackenen Keksen.

Das Backblech lag noch warm im Spülbecken. Sie suchte die Zutaten zusammen, um gleich morgen früh Dominosteine aus Lebkuchen, Fruchtgelee und Marzipan zu fertigen. Eigentlich passte diese Zuckerorgie gar nicht zu ihren sonstigen Ernährungsgewohnheiten, aber sie dachte eher an ihn und all das, was er ein Jahr entbehren musste.

Wie schnell dieses Jahr doch vergangen war. Sie setzte sich in ihren gemütlichen Fernsehsessel, goss sich ein Glas Rotwein ein und dachte über die vielen Diskussionen nach, die sie miteinander geführt hatten, nachdem er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte.

Fortsetzung folgt…

Auf dem Weihnachtsweg: 1. Dezember

Freitagsgesichter

An diesem Freitagmorgen hingen die grauen Wolken so schwer und tief vom Himmel, als wollten sie sich auf den Asphalt der Straße legen. Seit zwei Tagen kündigte der Wetterbericht den Wintereinbruch an, mit starken Windböen, Schneefällen und überfrierender Nässe.
Nahmen die Menschen die Warnungen ernst? Es war ein Verkehr wie an jedem Freitagmorgen, nicht mehr und nicht weniger.
Auf dem Weg in die Innenstadt hatte Svenja an jeder roten Ampel einige Momente Zeit, das Treiben um sich herum genau zu beobachten.

Die Menschen an der Bushaltestelle hatten, trotz unterschiedlicher Ziele, alle die gleiche Erwartung. Alle Blicke gingen in eine Richtung, in die, aus welcher der Bus kommen würde. Die Hände tief in den Jackentaschen oder in wärmende Handschuhe verpackt, ließ der eine oder andere den Blick gen Himmel wandern. Die ersten Regentropfen klatschten hernieder und wer an einen Regenschirm gedacht hatte, brauchte keine Angst zu haben, nass zu werden. Als sie im Rückspiegel ihres Autos den Bus kommen sah, erhellten sich die Gesichter der Menschen an der Bushaltestelle deutlich. Die bisherige Lethargie wich einem plötzlichen Bewegungsdrang.

An einer anderen Ampel strömten die Menschen mit vollen Taschen und Körben aus einem Supermarkt zur Bushaltestelle oder zum eigenen Auto auf dem Parkplatz. Freitag, der Tag, der das Wochenende einläuten und ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubern sollte. Aber nur die Kinder, die mit ihren schweren Schulranzen zur Schule gingen oder schon Unterrichtsschluss hatten, waren fröhlich gestimmt. Zwei Tage ausschlafen, keine Hausaufgaben, ein Grund zur Freude! In den Gesichtern der Erwachsenen las sie eher Hektik und Missmut. Das bevorstehende Wochenende war in deren Gesichtsausdrücken noch nicht angekommen. Und wer das Wochenende alleine verbringen musste, war nicht automatisch fröhlich. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Freitag auch den Beginn der diesjährigen Adventszeit einläutete.

An der Ampel vor dem DRK-Krankenhaus bot sich ein anderes Bild. Raucher vor der Krankenhaustür, einer sogar mit einem fahrbaren Tropf. Ein perverses Bild, den Kranken im Bademantel und mit Tropf zu beobachten, der mehr an seiner Zigarette als an seinem Leben hing. Ein eifriges Hin- und Herlaufen des weiß gekleideten Krankenhauspersonals von einem Gebäude zum anderen lockerte diesen Anblick etwas auf.
Der Regen wurde stärker. Unter dem Vordach einer Dönerbude diskutierten zwei abgerissene Gestalten mit glasigen Augen, wild gestikulierend mit ihren Bierflaschen. Das Treiben um sie herum, der Regen, der langsam in dicke Schneeflocken überging, schien sie nicht zu interessieren. Menschen, die schon morgens an der Bierflasche hängen, haben die Welt um sich herum meist schon längst vergessen.

Je näher Svenja der Innenstadt kam, desto dicker wurden die Schneeflocken. Der Himmel schien alle Schleusen geöffnet zu haben. Unwillkürlich musste sie an das Märchen von Frau Holle denken. In ihrem Auto saß sie warm und trocken. Die Menschen draußen zogen ihre Hälse immer tiefer in ihre Jacken und Mäntel, ein unangenehmer Wind trieb ihnen die Schneeflocken mitten ins Gesicht. So manche Nase war gerötet und begann zu triefen.

Am Breitscheidplatz waren die Holzbuden aufgebaut. Der Weihnachtsmarkt lief bereits auf Hochtouren. Wer dachte noch an den Anschlag genau hier im vergangenen Dezember, bei dem elf Menschen ihr Leben verloren hatten? Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erhob sich wie ein drohender Zeigefinger in die schneebeladenen Wolken.

Es war fast zehn Uhr morgens und noch immer schwebte ein Hauch von Dämmerung über der Stadt. Es wollte heute gar nicht hell werden. Unendlich viele Lichterketten schmückten den Kurfürstendamm. Weihnachten war nicht mehr weit. Ein Jahr neigte sich dem Ende entgegen und in den Gesichtern der Menschen lebte der Augenblick. Hektik, die letzten Wochenendeinkäufe nach Hause zu bringen, Sehnsucht, an ein warmes trockenes Plätzchen zu gelangen und in Ruhe dem Wochenende entgegen zu blicken, Missmut über das feuchte Wetter, dessen unangenehme Kälte von unten nach oben kroch. Nicht besser sah es auf der Straße aus, ein Auto drängte sich hinter das andere, Radfahrer, die noch schnell bei Rot waghalsig über die Ampel preschten, neben ihr die aufgeregte junge Frau, die ununterbrochen rechts in ihr Handy sprach, mit links das Lenkrad hielt und den Kopf von links nach rechts warf, um den Überblick über den Verkehr zu behalten.

Plötzlich kurz vor der großen Kreuzung ein Drängeln nach rechts und links, halb auf den Gehsteig und ein einsetzendes, wütendes Hupkonzert, dass die Sirene des herankommenden Krankenwagens fast übertönte.
Wieder ein Blick zur Seite. Der linke Nachbar zeigte seinem Vordermann einen Vogel, ihr Hintermann, offenbar sehr in Eile, schaute genervt in seinen Rückspiegel und trommelte nervös auf seinem Lenkrad herum.
Von Ruhe und Gelassenheit keine Spur.

Svenja versuchte bewusst, sich in einen anderen Tag hineinzudenken, in einen warmen Sommertag mit strahlend blauem Himmel, die Cafés am Straßenrand gut besucht mit freundlichen Menschen, die die Sonne und das Verweilen bei einer heißen Tasse genossen. Und plötzlich wurde es ganz hell um sie.

© G. Bessen, Foto:pixabay

 

Auf dem Weihnachtsweg

Auf dem Weihnachtsweg 2017

Morgen beginnt der Advent, eine Zeit, um deren Geschäftigkeit wir wissen und der wir uns nur bedingt entziehen können. Aber es ist auch die Zeit des Innehaltens, die Zeit um selbst ein wenig zur Ruhe zu kommen und die Vorweihnachtszeit, das Fest der Liebe, und den beginnenden Jahresausklang bewusst zu erleben und zu gestalten.

Auch in diesem Jahr werde ich hier einen kleinen Weihnachtsweg gestalten, mit selbst Geschriebenem, Gedanken von anderen, die mir erlaubt haben, sie hier einzustellen, mit den traditionellen Gedichten längst verstorbener Schriftsteller und … ja, lasst Euch überraschen. Es wird sowohl profanes als  auch religiöses Gedankengut dabei sein und jeder sollte sich das ansehen, was zu ihm und seiner Einstellung passt.

 

Ich wünsche Euch eine stimmungsvolle
und leuchtende Adventszeit.

„Die Adventszeit ist eine Zeit,
in der man Zeit hat,
darüber nachzudenken,
wofür es sich lohnt,
sich Zeit zu nehmen.“
©Gudrun Kropp