Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21

Christiane hat wieder eingeladen. Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 Sie hätte es besser wissen müssen und sich nicht dazu hinreißen lassen dürfen. Aber der regelmäßige nachmittägliche Ausflug war einfach zu verlockend. Nun war es zu spät.

Als sie losgegangen war, schien die Sonne und der Himmel war voll von bauschigen Schönwetterwolken. Der Wolkenbruch, der sich vor wenigen Minuten über sie ergossen hatte, ließ den von den Sonnenstrahlen erwärmten Waldboden dampfen und die prasselnden Regentropfen hinterließen auf dem frischen Maigrün eine sanfte Tränenspur.

Der Sturm war noch nicht vorüber, denn die Baumwipfel der Kiefern sangen ihr eigenes Lied und die dünnen Baumstämme schwankten je nach Laune des Windes fast unmerklich, mal rechtsdrehend, dann wieder linksdrehend. Der Wettergott gab den Ton an und die Natur ergab sich ihm in völliger Demut.

Der Wald hinterließ schon lange einen erbärmlichen Eindruck. Überall lagen umgeknickte Baumstämme, wie Mikadostäbchen einfach umgepustet, herausgerissen aus dem zu trockenen märkischen Sandboden. Nur die zarten Triebe der Blätter an den Sträuchern und den jungen Birken gaben Hoffnung auf das neue Leben, das sich nicht unterkriegen ließ.

Ein dumpfes Grollen und ein zuckender Blitz ließen das kleine Wesen in ihren Armen erneut wild zappeln. Die Angst kroch wild durch seinen jungen Körper. Aber er durfte sich auf keinen Fall befreien und losreißen, wer weiß, wohin die Angst und sein Jagdinstinkt vor diesen fremden Gewalten ihn trieben. Auch wenn es ihr selbst wehtat, sie musste ihn festhalten.

Gefangen wie in einem Korsett, so musste sich das verletzte Wesen fühlen und irgendwann gab es seinen Widerstand auf. Ein erneuter Schauer ging hernieder, ein Gemisch aus dicken Regentropfen und dicken Hagelkörnern, die sich wie weiße Blütenblätter auf das helle Hundefell legten und infolge der Körperwärme sofort schmolzen.

Bald hatten sie es geschafft, und am Ende des breiten Waldweges schaute die Sonne hinter ein paar dunklen Wolken hervor und zauberte einen breiten leuchtenden Regenbogen.

300 Wörter

13 Kommentare

    • Du hast schon richtig erkannt, dass autobiografische Elemente dabei sind. Nelly hat enorme Angst vor Donner und Blitz und versucht ohnehin jeden Gartenzaun genau zu betrachten. In dem Leben vor uns hat sie ja in Rumänien auf der Straße gelebt, wer weiß, was sie da so erlebt hat.

      Verletzt war sie nicht – das war die künstlerische Freiheit … Ich habe sie gut behütet 🙂 .

      Herrliche Sonntagsgrüße auch an die Fellnasenmutter !

      Gefällt 2 Personen

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 20.21.21 | Wortspende von Red Skies Over Paradise | Irgendwas ist immer

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