abc-etüde Textwoche 6.18.2

Christiane lädt ein, Ludwig illustriert und ich durfte die Wörter spenden

knallvergnügt
verzichten
Unterhemd

Tolle Tage

Rolf war an diesem Morgen alles andere als ‚knallvergnügt’, als er die Augen öffnete und sich verwundert umsah, in welchem Bett er dieses Mal gelandet war, denn er konnte sich an nichts erinnern und in seinem Kopf hämmerte es obendrein, als sei eine ganze Schar Spechte fröhlich am Werk.
Es war immer wieder das Gleiche, der sonst so biedere Finanzbeamte und Ehemann ließ an Karneval so richtig die Sau raus und wirklich nichts anbrennen, während seine Gattin Sabine – eine Karnevalsmuffeline – die tollen Tage mit einer Freundin zu einem Wellnessurlaub auf Sylt nutzte.
Als gebürtiger Rheinländer konnte, und wollte er darauf nicht verzichten und so plante er das ganze Jahr über akribisch, welches Kostüm ihm so viel Sicherheit garantierte, dass ihn auch wirklich niemand aus seiner Behörde erkannte.

Schweißperlen standen plötzlich in seinem Gesicht, als er genauer betrachtete, was er am Körper trug, denn sein schwarzes Baumwollunterhemd und sein passender Slip waren durch eine Art Hausanzug aus Seide ersetzt worden.
Er sank resigniert zurück in die Kissen und versuchte verzweifelt, sich an Einzelheiten des gestrigen Abends zu erinnern – vergeblich – Filmriss.

Als die Schlafzimmertür aufflog und ein knallvergnügter blonder junger Mann mit einem Frühstückstablett in der Hand und einem fröhlichen ‚Guten Morgen, mein Lieber’ auf den Lippen zielgerichtet auf das Bett zusteuerte, spürte Rolf, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg.

Alles, nur nicht das, durchfuhr es ihn, wobei der junge Mann, der sich nun auf seine Bettkante platzierte und ihm eine Tasse dampfenden Kaffees in die Hand drückte, nicht jemand war, den man in solchen Kreisen von der Bettkante stoßen würde.

Doch bei aller Toleranz war das absolut nicht seine Neigung und Rolf blickte sein Gegenüber fragend an, in der Hoffnung, er würde ihm schnellstens auf die für ihn so lebenswichtigen Sprünge helfen.

„Wie bin ich … ähm … hier gelandet und wer bist Du?“, kam es Rolf zögerlich … die Lippen, „und … ähm … haben wir …“, und dann stockte er, denn er fand nicht die richtigen Worte und der heiße Kaffee auf seiner pelzigen Zunge machte ein Weitersprechen ebenfalls unmöglich.
„Nein Schatz, leider, haben wir nicht, aber ich war so frei, dir ein Dach über dem Kopf anzubieten und dich mitzunehmen, nachdem wir am Tresen beide bis zum Umkippen auf deine Kosten getrunken und gequatscht haben, was ich als sehr bereichernd empfand und nun frühstücke erst einmal, damit du wieder in dein Leben zurückfindest.“

©G. Bessen

 

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abc-etüde Textwoche 4.18.

Schreibeinladung für die Textwoche 04.18 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die im Vergleich zur vergangenen Woche doch sehr geerdeten Wörter  stammen für diese nun folgende Textwoche 04.18 von Sabine aus dem Hause wortgeflumselkritzelkram (wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com) und lauten:

Discokugel
wahnsinnig
klauen

Kindermund

Als Paul aus der Schule kam, versuchte er, sich an seiner in der Küche hantierenden Mutter vorbeizuschleichen, doch sein körperlicher Vorbau hatte ihn verraten und die erstaunte Mutter unverzüglich in der Küchentür erscheinen lassen.

„Naaaaaa, willst  du mich nicht erst einmal begrüßen, bevor du dieses Ungetüm von Paket heimlich irgendwo verschwinden lässt und überhaupt, was ist das für ein Teil, das du da vor dich herschleppst?“

Paul merkte schnell, es hatte keinen Sinn, seiner Mutter irgendetwas verheimlichen zu wollen, denn ihre fraulich-mütterlichen Antennen schwangen durch das gesamte Haus und bemerkten einfach alles, ein Faktum, das seinen Vater fast wahnsinnig machte, weshalb er vor einem halben Jahr einen langen Schuh gemacht hatte.

„Das ist eine Discokugel“, gab Paul mit fester Stimme zum Besten und schaute seiner Mutter betont direkt in die hellblauen Augen.

„Was willst du denn mit einer Discokugel?“

Da Paul auf diese Frage gefasst war, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

„Ich habe in zwei Wochen Geburtstag und für die Feier brauche ich so etwas, diese Lichtreflexe  feuern beim Tanzen megamäßig an.“

„Paul, du wirst acht Jahre alt und ich dachte an einen Geburtstag im Garten, mit Kaffee oder Kakao und Kuchen und ein paar Spielen im Freien und nicht an einen schummerigen Abend mit Tanzen und Fummeln im ehemaligen  Partykellerraum deines Vaters! Das hat ja wohl noch ein paar Jahre Zeit!“

Pauls Augen funkelten bedrohlich, er dachte an seinen Vater, der ihn sicher nicht wie ein Kleinstkind  behandeln würde, sondern wie einen Mann, zumindest einen kleinen Mann, der  den Babyschuhen entwachsen war.

Mit den Worten: „Ich hätte auf Pit hören und das Ding klauen sollen, statt mein mühsam Erspartes für etwas zu opfern, was ich ohnehin nicht gebrauchen darf, weil du es mir nicht gönnst und mich immer noch wie ein Baby behandelst“, ließ er das Paket unmittelbar vor seiner Mutter fallen, hastete zur Tür und rannte hinaus, in der Hoffnung, bei seinem Vater uns seiner neuen Freundin mehr Verständnis zu finden.

© G. Bessen

abc-etüde Textwoche 2.18.1

Ein neues Jahr mit neuer Minimalprosa.
Aus drei Wörtern in 10 Sätzen
eine Kurzgeschichte schreiben,
das ist die Herausforderung.
Diesmal stammen die Wörter von Christiane selbst und Ludwig hat wie immer illustriert.

Herausforderungen

Verstohlen blickte er hinter sich, doch niemand schien ihm zu folgen.

Es war so bitterkalt, dass er glaubte, seine Hände kaum noch zu spüren und mit zusammengebissenen Lippen versuchte er, den voll beladenen Einkaufswagen über das vereiste Kopfsteinpflaster zu schieben.

Hoffentlich hatte er an alles gedacht, denn in dieser Kälte wollte er nicht noch einmal zurück in den Supermarkt, in dem er sich ohnehin nicht mehr lange blicken lassen konnte, denn die Kassiererin hatte ihn heute wieder so misstrauisch angesehen.

Er war fünfzehn Jahre alt, in den Augen seiner ehemaligen Freunde ein absoluter Loser und seitdem sein alkoholsüchtiger Vater ihn rausgeschmissen hatte, wollte so richtig niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben.

Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange er überhaupt noch zur Schule gehen würde, denn die Erzieher in der Auffangstation, in der er zurzeit wohnte, beschwerten sich schon lange über seine Unzuverlässigkeit und er hatte keine Lust auf stundenlange und sinnlose Diskussionen.
Und einen Schulabschluss würde er ohnehin nicht schaffen, da verbrachte er seine Zeit doch lieber mit der Gruppe obdachloser Jugendlicher, mit denen er sich derzeit anfreundete, obgleich ihm die Mutprobe, die sie ihm abverlangten, wie eine zentnerschwere Bürde auf der Schulter lag.

Er schob sich die speckig gewordenen Haare aus der Stirn und betrachtete prüfend, was er so alles zusammengeklaut und in seinem gut versteckten alten Einkaufswagen in das leer stehende Haus bringen wollte, in dem sie sich zu viert ein Quartier errichteten.
Alles, was sie als grundlegende Ausstattung benötigten, klaute er zusammen, das war die Aufnahmebedingung, die sein weiteres Schicksal entscheiden würde.
Natürlich hatte er schon immer mal hier und da etwas mitgehen lassen oder seinem Vater Geld aus der Brieftasche geklaut, wenn der bis obenhin zu war und ohnehin keine Peilung mehr hatte.
Aber die Anerkennung seiner selbst, so wie er war, hatte ihm immer gefehlt und die wollte er sich in seiner neuen Clique verdienen, egal, was sie von ihm verlangten.

abc.etüden 41.17(2)

Für die abc.etüden, Woche 41.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd von Red Skies over Paradise (redskiesoverparadise.wordpress.com) und lauten:

Monat, fragwürdig, gehen.

Neubeginn

Sie hatte große Lust wegzugehen, egal wohin.

Jeder Monat der hier verging, war reine Zeitverschwendung, schal und öde, ohne Perspektive und ohne Zukunft.

Um sie herum hatte sich alles verändert. Die Naturgewalten hatten wieder einmal zugeschlagen, noch unerbittlicher, zerstörerischer und unheilvoller als in den vergangenen Jahren. Was sollte sie hier noch, hier, wo niemand mehr da war, der ihr nahe stand?

Ihre Familie war tot, ertrunken in den reißenden Fluten des Monsun und ihre wenige Habe war weggeschwemmt worden. Sie besaß nur noch das, was sie am Leib trug und damit würde sie sicher nicht weit kommen.

Aber woanders hätte sie vielleicht eine Möglichkeit, eine Bleibe zu finden oder etwas Geld zu verdienen, wenn auch in fragwürdigen Gewerben.

Sie musste es versuchen. Mit einem letzten Blick aufs Meer und einem stummen Gruß an die Toten, begann sie ihr neues Leben, das sie wenigstens versucht haben wollte…

© G. Bessen

abc.etüden 41.17

Für die abc.etüden, Woche 41.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd von Red Skies over Paradise (redskiesoverparadise.wordpress.com) und lauten:

Monat, fragwürdig, gehen.

 

Seelische Gesundheit

Sie hatte sich intensiv auf diesen heutigen 10. Oktober, dem  Internationalen Tag der seelischen Gesundheit, vorbereitet.

Seit Jan gegangen war hatte sie Woche um Woche ausgemistet, sicherlich ist dabei ein ganzer Monat ins Land gegangen. Ihre kleine gemütliche Wohnung war wieder aufgeräumt, frisch renoviert und geputzt und bot ihr eine kleine stille Oase inmitten der Großstadt.

In ihrem Inneren hatte sich das Gefühl einer überflüssigen, zeitverschwenderischen,  von vornherein fragwürdigen Beziehung zu Jan so gefestigt, dass sie diese harte innere Nuss, seit langem von allen Seiten betrachtet, nun knacken musste. Denn was nützte ihr ein schönes Drumherum, ein Refugium zum Wohlfühlen, wenn die Dornen in ihrem Inneren piekten und sie ständig neu verletzten?

Ruhe für ihr Inneres, Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit und die innere Mitte finden, das waren ihre nächsten Programmpunkte und mit Sicherheit die herausforderndsten. Aber sie hatte sich soweit wieder gefangen, dass sie diesen Weg voller Mut  in Angriff nehmen konnte.

Pah, sie hatte doch schon ganz andere Dinge gemeistert und würde wegen einer gescheiterten Liaison mit einem Mann ihr restliches Leben doch nicht in Gefahr bringen.

Es klingelte, das bestellte Taxi war da und es wurde Zeit zu gehen. Vier Wochen Urlaub auf einer kleinen Insel in der Nordsee, mit Wellness und seelischem Hausputz, das würde ihr gut tun und ihr inneres Gleichgewicht wiederherstellen.

© G. Bessen

abc.etüden 38.17(2)

Die  Wörter
für die abc.etüden
sind gestiftet von   Herbert

Achtsamkeit
verwurschteln
rosa-grün

 

 

 

 

abc.etüden/Die werdende Oma

Der freudige Gedanke, zum ersten Mal Oma zu werden, ließ sie kaum noch los.

Die werdende Mutter musste eine Litanei von Verhaltensregeln über sich ergehen lassen.

„Mama, ich bin schwanger, aber nicht krank“, tönte es noch in Paulas Ohren und sie überlegte, ob ihre Mutter sie auch so mit Vorsichtsmaßnahmen bombardiert hatte, wie sie es derzeit mit Lisa machte.

Paula fluchte leise vor sich hin, denn eine Masche war ihr von der Stricknadel verloren gegangen und die zu finden und ordnungsgemäß in das rosa-grüne Babyjäckchen einzufädeln, erforderte ihre ganze Achtsamkeit.

Je krampfhafter sie sich um die Masche bemühte, desto mehr verwurschtelte sie das Gebilde in ihren Händen.

Genervt betrachtete Paula das Konstrukt in ihren Händen und plötzlich tat ihr das ungeborene Enkelkind schon leid. So eine blöde Farbe – das passte doch gar nicht zusammen, rosa und grün. Nach einem Babyjäckchen sah das Ganze eigentlich auch nicht aus und Paula hatte noch keine Ahnung, wie sie kleine Ärmelchen daran stricken sollte.

Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gestrickt hatte und ihr fiel ein, dass sie sich mit Stricken in so mancher Vorlesung wach gehalten hatte. Kurz entschlossen ribbelte sie den Babyjäckchenversuch auf, gab die Wollknäuel ihren beiden Katzen zum Spielen und zündete sich, sichtlich erleichtert, eine Zigarette an.

© G. Bessen

abc.etüden (30)

abc.etüden/Auf besonderen Wegen (15)

 Wenn ihr nur wissen wollt, wann es wieder weitergeht: Die nächste Runde startet mit der Ausgabe der neuen Wörter für die abc.Etüden Anfang September, und zwar am Sonntag, den 3. September für die Textwoche 36.17.

 „Wie, euren Notgroschen, was meinst du damit?“, fragte Antonia mit vor Schreck geweiteten Augen und ließ fast ihr Stativ fallen. Sie hatte sich früher immer gewünscht, eine berühmte Portraitfotografin zu werden, doch der Krieg hatte diesen Kindheitstraum brutal weggewischt.

Nun fotografierte sie, was ihr vor die Linse kam und da sie eine ganz erlesene Pflanze hatte, deren Blüte sich nur in der Nacht öffnen würde, hatte sie Kamera und Stativ stets in Reichweite.

„Wir haben ein wenig Geld auf die Seite gelegt, für später, als Notgroschen. Man weiß doch nie, was noch kommt, und dieses Geld befand sich in einem Bankschließfach, zu dem wir beide eine Vollmacht und jeder einen Schlüssel haben und das Schließfach ist nun leer.“

Hildchen ließ ihre eigenen  Worten mit angehaltenem Atem durch den Raum schweben, als glaube sie selbst nicht, was sie da gerade erzählt hatte.

„Das hört sich ja fast so an, als sei er wie ein Verbrecher getürmt, vor dir, aus eurer Ehe, ja, aus eurem gesamten Leben – unglaublich!“

Antonia sank auf den nächsten Stuhl, griff nach dem aus Breslau mitgebrachten  Becherovka und goss Hildchen und nun auch sich großzügig einen ein.

„Den siehst du nie wieder, verlass dich drauf!“

Nun war es an Hildchen, die Augen aufzureißen und Antonias Worten nachzuspüren – fassungslos, ungläubig und entsetzt.