abc-etüde Textwoche 26/18

Schreibeinladung  von Christiane für die Textwoche 26.18 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Dank an Ludwig für die Illustration.

Die heutigen Wörter lauten:

Drachenei
altbacken
knallen

 

Die perfekte Vorbereitung

Manche hielten Karoline für altbacken, aber sie empfand sich als das genaue Gegenteil, denn sie hatte für jede Gelegenheit, auch kurzfristig, immer spritzige Ideen.

Der plötzliche Herbsteinbruch am kalendarischen Sommeranfang, das Zittern um das Weiterkommen der Deutschen Nationalelf im voller Spannung erwarteten Spiel gegen Schweden am Samstagabend brachten sie auf den Gedanken, die beiden Unterrichtsstunden mit ihrer siebten Klasse am Freitag mit dem Basteln von Dracheneiern als Terrassenwindlichter und dem Backen von Kanelbullar (schwedischen Zimtbrötchen) zu gestalten. Den Teig für die unzähligen Brötchen hatte Karoline bereits in aller Herrgottsfrühe zuhause vorbereitet, das Backen dauerte maximal zehn Minuten und das Bestreichen mit geschlagenem Eiweiß und Hagelzucker konnten einige der Mädchen übernehmen, die nicht so gerne bastelten.

Die Küche war für die dritte Unterrichtsstunde reserviert, und da Karoline das Wohl ihrer Kolleginnen und Kollegen nie aus den Augen verlor, kam man ihr mit ihren spontanen Ideen gern entgegen. Fächerübergreifender Unterricht wurde immer gern gesehen und bot sich oft auch an – zumindest für Karoline. Sie war mittlerweile eine geübte Verfechterin dieser Form des Unterrichtes, bot er den Kindern doch oft viel mehr Einblicke ins Leben als trockener, rahmenplangetreuer Unterrichtsstoff.

Ihre Freundin und Kunstlehrerin Petra hatte in ihrem Kunstraum alles, was Karoline zum Basteln dieser besonderen Windlichthalter benötigte und die Siebtklässler, die mühsam alle elementaren englischen Vokabeln zum Verständnis der einfachsten Fußballregeln erlernt hatten, sollten im WM-Fieber ins Wochenende gehen. Wer hatte noch Lust, so kurz vor den großen Ferien und noch dazu während einer Fußballweltmeisterschaft intensiven Unterricht zu machen? Am Ende des Unterrichtstages gingen siebenundzwanzig Siebtklässler mit Terrassenwindlichtern als Dracheneier und schwedischen Zimtbrötchen zufrieden nach Hause.

Ob es am Samstag nach den bitter nötigen Toren auch knallen würde, blieb zu hoffen.

© G.Bessen

 

 

Betreten erwünscht!

Betreten erwünscht!

Still und ergeben erstreckt er sich über mehrere Etagen, immer wieder variierend in seiner farblichen Gestaltung und der Anordnung seiner Muster.Unzählige Augenpaare haben ihn betrachtet, bewundert, abgeschätzt und wertgeschätzt und nur er könnte preisgeben, wie viele Füße ihn im Laufe der Jahrzehnte berührt haben.

Erwähnt werden sollten auch all die Knie, die auf ihm weilten, die fleißigen Hände, die ihn schrubbten und bis heute für sein strahlendes Aussehen sorgten.

Es gab eine Zeit der Schulmädchenfüße, die es oft eilig hatten und geräuschvoll über seine immer glänzende Oberfläche gelaufen sind. Junge Füße sind oft verhalten über ihn gehuscht, den drohenden Zeiger der Uhr mit der Verspätung im Nacken und der Hoffnung, nicht erwischt zu werden. Er lernte Füße mit energischem Schritt kennen, zielgerichtet und selbstbewusst und wusste bald, welche Füße wann und in welche Richtung gingen. Aber auch die Füße der Ruhe und der inneren Gelassenheit begegneten ihm und noch heute empfindet er ihren ausgleichenden Charakter als sehr wohltuend.

Voller Anteilnahme erfasste er die Füße, die nicht mehr so schnell sein konnten, wie sie vielleicht wollten, wenn die Beine zu müde waren oder der Körper insgesamt, oft schwer und träge, in die Jahre gekommen war. Immer häufiger erspürte er schleppende Schritte und dazu die Räder der fahrbaren Gehhilfen.

Ja, sie alle waren in die Jahre gekommen und doch fühlten sie sich immer noch miteinander verbunden, heimisch und geerdet.

 

©Text und Fotos: G. Bessen

abc-etüde Textwoche 23/18

Eine neue Herausforderung, zu der Christiane einlädt.

Hier die Wortspende für die Textwoche 23.18. Stifterin ist Gerda Kazakou (gerdakazakou.com), die die meisten von euch kennen werden, ist sie doch mit ihren Kata-Strophen (und nicht nur mit denen) eine wertgeschätzte Etüden-Mitschreiberin der ersten Stunde. Ihre Wörter lauten:

Schräge
brennend
köpfen

 Es war fünfzehn Jahre her, seit sie die Treppe zum Dachgeschoss das letzte Mal hochgegangen war und schon damals hatte ihr die Arthritis arg zugesetzt. Sein Zimmer war abgeschlossen, sie hatte nichts darin verändert, seit dem Tag vor genau fünfzehn Jahren, und wie so oft stieß sie sich den Kopf an der Schräge, an die sie sich nie gewöhnt hatte.

Die Tür knarrte und sie schlurfte mit zitternden Knien in das kleine Zimmer unter dem Dach, in das Hans sich gern nach dem Mittagessen und an kalten Abenden zurückgezogen hatte. Sie sah ihn vor sich, in seinem Schaukelstuhl am Fenster, den Blick nach draußen auf das Meer gerichtet, das er so sehr geliebt hatte und auf dem er sein halbes Leben als Fischer verbracht hatte. Ein brennendes Verlangen, Hans in die Arme zu schließen, seinen Kopf zu umfangen und zu streicheln, stieg in ihr auf und die Tränen rollten  in kleinen Sturzbächen  ihre faltigen Wangen hinab. Alles hatte er ihr genommen, ihre Familie, ihre Lebensaufgabe, ihren Lebenssinn.

Wie oft hatte sie in all den Jahren an langen Abenden am Kamin gesessen, von Rachegedanken erfüllt und sich ausgemalt, wie sie sich an ihm rächen würde, an diesem Dahergelaufenen, der ihr das Liebste auf der Welt genommen hatte. Stück für Stück wollte sie ihn zerlegen oder mit einem Schlag köpfen, gleich einem glatten Schlag beim  Holzhacken, denn es kam ihr darauf an, dass er litt und um Gnade winselte wie ein geprügelter Hund.

Gnade gab es in ihren Augen jedoch nicht, nicht für das, was er ihr angetan hatte.

Hans war tot und auch Jonas, ihr gemeinsamer Sohn war tot, und nun hatte man diesen skrupellosen Mörder doch begnadigt, damit er das Leben weiterer Menschen auslöschen konnte, als würde er mal eben eine Kerze ausblasen – unglaublich!

© G. Bessen