Vom Sehen und Hören (6)

Vom Sehen und Hören (6)

„Was ist unser Leben?
Alles,
was wir sehen,
greifen, hören,
schmecken, fühlen;
alles,
was uns umgibt,
was wir besitzen,
woran wir gewöhnt sind,
was wir lieben. …“

(aus einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer)

 

Überholspur

 Du warst immer der Erste. Dein Studium hast du erfolgreich vor uns beendet, du hattest bereits deinen gut bezahlten Traumjob, als wir noch endlose Bewerbungen schrieben. Du hast Geld nie leiden können, deshalb warst du der Erste, der ein eigenes Haus mit einem ansehnlichen Grundstück vorweisen konnte.

Wir haben bereits geheiratet, als die anderen von uns noch ihre Sturm- und Drang Phase auslebten. Du warst rastlos, seitdem ich dich kenne. Obwohl ich mich bemüht habe, mit dir Schritt zu halten, ging mir die Puste aus. Immer öfter musste ich anhalten, um durchzuatmen. Dein Leben verlief immer auf der Überholspur, risikofreudig, aber genau kalkuliert, bis du den entscheidenden Fehler begangen hast. Frontal hat es dich erwischt, du konntest nicht mehr ausweichen. Du hast dein Leben auf der Überholspur beendet.

Mich hast du einfach auf der Standspur zurückgelassen – alleine. Wie lange werde ich hier verweilen, bis ich mich wieder in den  normalen Verkehr einfädeln kann?

© G. Bessen, 2009

 

Wo du geliebt wirst…

Wo du geliebt wirst,
kannst du getrost alle Masken ablegen,
darfst du dich frei und ganz offen bewegen.
Wo du geliebt wirst,
zählst du nicht nur als Artist,
wo du geliebt wirst,
darfst du so sein, wie du bist.
Wo du geliebt wirst,
mußt du nicht immer nur lachen,
darfst du es wagen, auch traurig zu sein.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Fehler machen
und du bist trotzdem nicht häßlich und klein.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Schwächen zeigen
oder den fehlenden Mut,
brauchst du die Ängste nicht zu verschweigen,
wie das der Furchtsame tut.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Sehnsüchte haben,
manchmal ein Träumender sein,
und für Versäumnisse, fehlende Gaben
räumt man dir mildernde Umstände ein.
Wo du geliebt wirst,
brauchst du nicht ständig zu fragen
nach dem vermeintlichen Preis.
Du wirst von der Liebe getragen,
wenn auch unmerklich und leis.

aus: Elli Michler, „Ich wünsche dir Zeit“
Die schönsten Gedichte von Elli Michler
(c) Don Bosco Verlag, München 2008, 4. Auflage

 

Ende

Wahrheit

Mitunter sind es die Folgen
der Unwahrheit
die uns auf den Weg
der Wahrhaftigkeit
zwingen

denn
nur die Wahrheit
befreit

© Margot Bickel

Wahrheit

Ich möchte die Wahrheit glauben.
Doch welche ist die wahre Wahrheit?
Die, die ich mir zurechtlege,
weil sie mir angenehm ist?
Die, deren Inhalt ich begreife
und die mein Bauchgefühl bejaht?

Wahrheit ist manchmal
wissenschaftlich beweisbar,
doch manchmal ist das wahr,
was ich glaube,
ohne Beweis,
aus meinem Bauchgefühl heraus.

© Text und Foto: G. Bessen

Dazu ein lesenswerter Beitrag vom finbar .

Wie ein Rufer in der Wüste

rufer-in-der-wueste

Geborstene Erde,
versandetes Land.
Nirgendwo Menschen.
Kein Regen,
nur Risse im Sand.
Sand unter,
was liegt darunter?
Bleiche Gerippe,
gespaltene Knochen.
Weder Tiere noch Pflanzen,
Dünen aus Sand.
Dürre, Verwüstung,
nur trocknender Wind.
Entvölkerte Wüste,
einst fruchtbares Land.
Versengende Hitze,
keinerlei Leben.
In Bergen
von treibendem Sand
verschwand es
im Laufe der Jahre
lautlos
und wenig bekannt.

© Bruni Kantz, 2008

Schutzengel Haiku

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LICHT IN DER STILLE
MENSCHEN AN DEINER SEITE
SO FÜRCHTE DICH NICHT

© Haiku: G. Bessen

Damiel – der Engel

Er friert nicht
Er schwitzt nicht
Er ist ein Engel

Der zwischen Menschen
geht und auch zwischen
ihnen steht

Wen er berührt
spürt ein Wohlgefühl
wie ein federleichtes
Wölkchen das sachte
vorüberzieht

Als das Kind Kind war
konnte es den Engel
noch sehen …

© Bruni Kantz

Anmerkung: Die erste Zeile des letzten Verses
sind Worte des Engels Damiel
aus dem verzauberten Film
*Der Himmel über Berlin* und
sie entstammen der Feder von
Peter Handke.

 

Auf dem Weihnachtsweg 23

kerzen

Vier Kerzen

Eine Kerze für den Frieden,
die wir brauchen,
weil der Streit nicht ruht.

Für den Tag voll Traurigkeiten
eine Kerze für den Mut.

Eine Kerze für die Hoffnung
gegen Angst und Herzensnot,
wenn Verzagtsein unsren Glauben
heimlich zu erschüttern droht.

Eine Kerze, die noch bliebe
als die wichtigste der Welt:
eine Kerze für die Liebe,
voller Demut aufgestellt,

daß ihr Leuchten den Verirrten
für den Rückweg ja nicht fehlt,
weil am Ende nur die Liebe
für den Menschen wirklich zählt.

 Elli Michler 1923-2014
Aus: Ich wünsche dir Zeit ,

© Don Bosco Verlag  München, 5.Aufl. 2010

 

Auf dem Weihnachtsweg 9

Licht

Licht breitet sich aus

Eine Kerze
Entzündet in der Dunkelheit
Gibt Licht
Sie erleuchtet
Läßt erkennen
Gibt Hoffnung

Eine Kerze

Auch Du
Kannst
So eine Kerze sein

Es ist Advent

kerze

© Gudrun Kropp
(*1955), Lyrikerin, Aphoristikerin, Kinder- und Sachbuchautorin
Quelle: »Der empfindsame Weihnachtsbaum: Ungewöhnliche Geschichten, Gedichte & Gedanken zur Advents- und Weihnachtszeit«, Carmen-Verlag, 2005

Auf dem Weihnachtsweg 2

gross-st-martin-koeln

„Was ich bin?
Ich denke, also bin ich.
Ich fühle, also bin ich.
Ich arbeite, also…
Aber begründet das mein Leben?
Was mich zutiefst bestimmt und erfüllt,
ist mein Bezogensein auf Dich.
Denn Du liebst mich – also bin ich.
Ich bin von Dir geliebt – das bin ich!“

Quelle: Hans Joachim Eckstein, DU liebst mich also bin ich, Gedanken – Gebete – Meditationen, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1989, 2. Auflage