Etüdensommerpausenintermezzo Triple-Drabble

Die neue Aufgabe von Christiane, bis die abc.etüden am 3. September weitergehen:

Triple-Drabble: Bringt diese 5 Wörter in 300 Wörtern
(gezählt ohne Überschrift) unter.
300 Wörter,keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks
Pflaster.

 

 

In einer anderen Welt…

Als er mit seiner großen Tasche in den Biergarten kam und sich suchend nach einem Platz umsah, hatte er schon meine Aufmerksamkeit erregt. Dabei war nichts an ihm besonders oder gar außergewöhnlich.

Er war um die fünfzig, hatte etwas lichtes, dunkelblondes Haar und wache Augen. Er  trug ein kariertes Hemd, kurzärmelig, Jeans und Turnschuhe.

Die  junge Kellnerin lächelte ihn erwartungsvoll an.

„Ein alkoholfreies Clausthaler, einen Kaffee und ein Glas Wasser. Ich zahle bar!“

„Selbstverständlich“, antwortete die Kellnerin und lächelte. Sie schien ihn zu kennen.

Mitten auf dem viereckigen Tisch stand ein Topf mit einer Sonnenblume, die ihn anzulächeln schien. Die Freundlichkeit, mit der er die Kellnerin begrüßt und bestellt hatte, war wie weggeblasen. Er starrte vor sich hin und ein Anflug von Trübsal legte sich über sein Gesicht.

Als er seinen Kaffee getrunken hatte, blickte er nach rechts und begann mit seinem Vortrag über den Streckenabschnitt von Lübben nach Rostock und wie er errechnet hatte, wie man die Höchstgeschwindigkeit des Zuges verändern konnte.

Seine Augen strahlten plötzlich  und er wandte sich mit denselben Worten zu seiner linken Seite. Immer wieder begann er zu reden, mal nach rechts, mal nach links, laut und deutlich. Dann folgten lange Pausen, in denen er konzentriert auf die Antworten lauschte, mit dem Kopf zustimmend nickte oder den Kopf ablehnend schüttelte. Er musste sehr in der Vergangenheit verhaftet gewesen sein, denn sein Vortrag bezog sich auf die DDR.

Doch weder rechts noch links saß jemand.

Er bezahlte bar. Die Rechnung, die er mit ein paar Worten auf der Rückseite versah, schob er in die leere Bierflasche, goss das Wasser aus dem Glas dazu und verklebte die Flaschenöffnung mit Pflaster. Er nahm seine Flaschenpost in seine rechte, die Tasche in die linke Hand, verbeugte sich nach rechts und links und ging. Sein  Schokokeks blieb ganz allein zurück.

© G. Bessen

abc.etüden (26)

Für die abc.etüden, Woche 26.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Karin

und lauten:

Vogelnest, sinnlos, Auftritt

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (11)

So sehr sich Ludwig um einen formvollendeten Auftritt bemühte, so sinnlos schien ihm bald dieses Unterfangen, seinen Cousin Walter verstehen zu können. Während er im übertragenen Sinne von ‚Äpfeln’ sprach, antwortete Walter mit ‚Birnen’ , das bedeutete, sie redeten komplett aneinander vorbei.

Ludwig schwammen alle Felle weg, als ihm immer mehr klar wurde, das Walter niemals sein Problem verstehen, geschweige, ihm helfen würde. Walter hatte seine inneren Augen geöffnet und erzählte Ludwig in epischer Breite, wie schwer ihm das Leben nach Gretas Tod gefallen sei, wie oft er an Selbstmord gedacht hatte, bis, ja, bis Edgar seinen Weg gekreuzt hatte.

Offenbar war Walter nicht unvermögend und ob er mit Edgar sein Geld verprassen oder dem Tierschutzverein vererben würde, der Cousin Ludwig aus Wuppertal würde nichts von dem kleinen Kuchen probieren können.

Als Walter unvermittelt nach Hildchen und Charlotte, deren gemeinsamer Tochter fragte, wurde es Ludwig doch zu bunt. Was sollte er antworten? Dass er ja eigentlich auf dem Jakobsweg sei  und die Tochter die familiäre Nabelschnur endgültig durchtrennt hatte?

Das ginge Walter nichts an! Ludwig beschloss, schnellstens einen langen Schuh zu machen und winkte Walter zu, wie er an der Tür stand, dem riesigen Königspudel die Kopfhaare kraulte, die in gewisser Weise den grauen, lückenhaften und lockigen Haaren von Walter glichen und eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Vogelnest hatten.

Für die Teile 1 – 10 einfach runter scrollen…

abc.etüden (25)

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de)

und lauten:

Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (10)

 Ludwig staunte nicht schlecht, als er vor Walters schmuckem Anwesen stand und klingelte.

Nach dem Fußweg vom Hotel zu Walter – ein Taxi konnte er sich nicht leisten  und niemand nahm ihn als Anhalter mit – fühlte er sich flunderplatt und dunkle Schweißflecken hatten sich vom Laufen in seinen Achselhöhlen gebildet.

Walter öffnete und erwartungsvoll blickten sich beide Cousins gegenseitig in die Augen, taxierend, abwartend und ein wenig misstrauisch, denn der Zahn der Zeit hatte auch an ihren Körpern genagt.

„Komm herein, mein Lieber“, brach Walter das Schweigen und öffnete einladend die dunkle Holztür des kleinen Häuschens, das er offensichtlich von seiner verstorbenen Frau Mama geerbt hatte. Ein Duft nach Badesalz, einer Mischung aus Ingwer und Lemongras, umwaberte Walter.

Tante Greta, so erinnerte sich Ludwig, war die Reinheit in Person gewesen. Dass Walter überhaupt noch Haut am Körper behalten hatte, grenzte fast an ein Wunder. Ludwig konnte sich bei Walter nicht daran erinnern, dass er je schmutzige Socken, durchbeulte Knie an seinen Hosenbeinen oder Dreck unter den Fingernägeln gehabt hatte. Dreck war in Walters Leben nicht vorgekommen und somit war er früher, als sie noch Kinder waren, in Ludwigs Augen nie ein waschechter  Junge gewesen. War er je ein richtiger Mann geworden oder hatte er den Lehrmeister-Modus seiner Frau Mutter übernommen, denn er starrte auf Ludwigs Schuhe, als fordere er ihn ohne Worte auf, sie bitte VOR der Tür zu lassen.

 

 

 

abc.etüden(23)

Das sonntägliche
Schreibprojekt
mit Wörtern von
redskiesoverparadise.wordpress.com

Kellerdurchbruch
hermetisch
brandschatzen

Eine wirkliche Herausforderung!!!

abc./etüden/Auf besonderen Wegen (8)

 Hildchen setzte gerade an, um Antonias Frage zu beantworten, als ihr erneut schwindelig wurde, allerdings nicht von der Hitze, sondern von dem Kellergewölbe des Biergartens mit seinem dezenten Licht.

Sie erinnerte sich daran, dass sie – gerade mal fünf  Jahre alt – mit ihren Großeltern viele Stunden in einem Bunker verbracht hatte, der ihr infolge  verschiedener Kellerdurchbrüche wie ein riesiges  Labyrinth vorkam. Dieser Bunker in dem großen aber edlen  Mietshaus am Markt, in dem sie damals wohnten, hatte ihr noch viele Jahre düstere Albträume beschert.

Es war im Januar 1945, Breslau war wie eine Festung hermetisch abgeriegelt. Wer in den Westen flüchten wollte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Und doch versuchten es viele in letzter Minute, packten in Windeseile das Nötigste zusammen und  so setzte sich der Treck Ende Januar bei Minus fünfundzwanzig Grad in Bewegung Richtung Westen.

Hildchens Vater war an der Front, ihre Mutter hochschwanger und alleine wollten die Großeltern nicht aufbrechen. In Antonias Familie sah es nicht viel anders aus und so kam es, dass beide Mädchen in Breslau blieben und zusammen eingeschult wurden. Allerdings haben sich die Erinnerungen, wie ihre Heimatstadt Breslau gebrandschanzt wurde, wie ein eitriger Ausschlag auf ihre zarten Kinderseelen gelegt und diese Narben sind nie verheilt.

Es bedurfte nur weniger Worte und Antonia verstand Hildchens Gefühlsausbruch und beide aßen schweigend mit einem dicken Kloß in der Kehle.

 

abc.etüden (22)

Sonntägliche Schreibeinladung mit den Wörtern:
verlustieren, Kramladen, Angst von
Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin aus Griechenland

(Blog: gerdakazakou.com) 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen(6)

Teil 1 – 5 weiter unten…

Hildchen kaufte nur im Urlaub ein, denn zuhause und dann vielleicht noch mit Ludwig an ihrer Seite, war ihr das eindeutig  zu langweilig und zu zeitaufwändig. Sie war eher die Online-Vielbestellerin in zwei Größen  mit Anprobe in den eigenen vier Wänden und vierzehntägiger Rückgabegarantie und fand, dass Frau gar nicht praktischer und bequemer einkaufen könnte. Als sie mit Antonia aus der Markthalle in die heiße Mailuft trat, musste diese sich einen Moment festhalten, denn ein Schwindelgefühl durchfuhr sie.

„ Glaub ja nicht, dass ich mich jetzt weiter in dieser Hitze mit dir verlustieren werde. Nimm deinen Kramladen…“, dabei warf sie einen Seitenblick auf Hildchens zwei prall gefüllte Taschen, „und komm.“

Schon stieg sie die Treppen zum Bierkeller links von der Markthalle hinunter und hielt Ausschau nach einem freien Tisch. Sie sehnte sich nach einem kalten Bier und Pierogi Polskie (gefüllte Teigtaschen), einem Gericht, dass sie noch heute nach den Rezepten ihrer Großmutter anfertigte.

Hildchen folgte wortlos, denn sie hätte erst mal auch keinen Schritt weiter in diese sengende Hitze setzen können.

Nachdem sie sich ein wenig gestärkt und erholt hatten, fragte Antonia unvermittelt:

„Sag mal, Hildchen, wie kannst du hier so in aller Ruhe sitzen und nicht wissen, wie es deinem Mann geht? Du weißt weder, wo er ist, noch ob alles in Ordnung ist – ich jedenfalls würde vor Angst umkommen.“

 

abc.etüden (21)

Schreibeinladung für die Textwoche 21.17 | Wortspende von Andrea aus Bremen

mit den Worten: Pusteblume, Käsehobel, versteigern

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (5)

Ludwig saß auf dem Balkon seines Hotelzimmers und beobachtete eher gelangweilt ein paar Kinder, die sich jauchzend auf die Pusteblumen stürzten und die kleinen hellgrauen  Fallschirme in die warme Mailuft pusteten.

Er wusste weder ein noch aus. Die brünette Dame, die ihm das lang vermisste Gefühl gegeben hatte, er sei einzigartig und der beste und zärtlichste Liebhaber aller Zeiten, hatte zwei Tage Tisch und besonders Bett ganz intensiv mit ihm geteilt und dann war sie eines Morgens wie ein zufriedenes Vögelchen heimlich davon geflattert – mit all dem Geld, das Ludwig bei sich gehabt hatte. Seitdem hatte er sich nicht mehr vor die Tür getraut. Der Zimmerservice, der ihm sein Essen brachte, hatte schon besorgt gefragt, ob er nach einem Arzt schicken sollte.

Er stand auf und ging ins Bad. Angewidert starrte er in den Spiegel. Dicke Tränensäcke, Augenringe und ein Dreitagebart, der selbst mit einem Käsehobel nicht mehr abgegangen wäre, starrten ihm entgegen.

Wie sollte er das Hildchen beibringen? Er – statt auf einer Pilgerreise in Spanien gehörnt und geprellt in einem Wiener Hotelzimmer, arm wie eine Kirchenmaus, mit nichts mehr in der Hinterhand, was sich noch zu einem passablen Preis versteigern ließ?

Für die Teile 1-4 bitte nach unten scrollen…

abc.etüden (14/4)

Auch am Ostersonntag ging das Schreibprojekt  bei Christiane weiter, diesmal mit den von Annette Mertens gespendeten Wörtern:

 

 

Duschvorhang, Leichenschmaus, Frühlingsgefühle

Beruf und Leidenschaft (4) Teil 1-3 weiter unten

Drei Tage nach dem grausigen Fund gab eine Vermisstenanzeige die ersten Hinweise auf die Identität der Toten und obwohl der Familienname der jungen Frau Marc nicht unbekannt war, konnte er immer noch keinen Zusammenhang herstellen.

Am Morgen der Beisetzung – Thomas und er mussten zum Friedhof, denn so mancher Mörder wurde schon am offenen Grab dingfest gemacht – lief alles schief. Zuviel Seife in der Duschtasse hätten Marc fast um Kopf und Kragen gebracht. Doch der Unfall endete glimpflich, nur der Duschvorhang hatte daran glauben müssen und war aus seinen Halterungen gerissen.

Die Trauergemeinde war so groß und für die beiden Polizisten, die sich versteckt hielten, so unübersichtlich, dass sie ihren Einsatz schon bald als sinnlos einstuften. Zudem hatte der Himmel alle Schleusen geöffnet und ein nasskalter Aprilwind ließ die Trauernden noch enger zusammen rücken. Von Frühlingsgefühlen konnte Mitte April nun wirklich keine Rede sein.

Die junge, eben begrabene  Frau musste aus wohlhabendem Haus stammen, denn die dunklen Limousinen, die sich nach und nach zum angesetzten Leichenschmaus begaben, waren für einen jungen Polizisten wie Marc unbezahlbar.

Er schreckte zusammen, als ihn eine tiefe dunkle Männerstimme von der Seite ansprach: „ Das glaube ich jetzt nicht! Ich hoffe, du stellst dich bei der Suche nach dem Mörder meiner Tochter erfolgreicher an als bei deinem gerade-mal-so-Abitur.“ Marc wurde blass um die Nase und blickte geradewegs in das markante und bekannte Gesicht seines ihm so verhassten ehemaligen Klassenlehrers.