abc-Etüden 37.38.18 Beharrlichkeit

Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.18 | Wortspende von Irgendwas ist immer

Pünktlich zum Herbst haben sich auch in den abc-Etüden Neuerungen ergeben. Im Rhythmus von 14 Tagen heißt es nun: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.

Es können auch weniger Wörter sein, denn wer weiterhin bei 10 Sätzen bleiben will, kann das tun, ansonsten ist der Fantasie bis zu 300 Wörtern keine Grenze gesetzt. Die Überschrift zählt nicht mit.

Die erste Wortspende ist von Christiane, wie auch die Illustration, da unser Illustrator Ludwig aus triftigen Gründen z.Zt. kein Bloghaus führt.

Liebe Christiane, danke für deine viele Mühe für und deine Geduld mit uns.

Kunst
müde
verschwenden

 

Beharrlichkeit

 „Was soll daran Kunst sein?“

Die zynische Stimme des verhassten Kunstlehrers näherte sich Charlottes Ohren wie ein chronischer Tinnitus und sie zuckte zusammen. Unsicher blickte sie sich um, doch er stand nicht hinter ihr. Um sie herum waren an Kunst interessierte Menschen unterschiedlicher Altersstufen, die wie sie die neue Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam genossen und sich dabei wohlfühlten.

Noch immer verfolgte er sie, auch nach so vielen Jahren. Oft wurde sie nachts wach, in Schweiß gebadet, schreckte hoch und sah ihn vor ihrem geistigen Auge, pures Verlangen in seinem irren Blick.

Sie hatte damals weder ihre Eltern noch die Schulleitung eingeschaltet, denn wer hätte ihr geglaubt, einer unscheinbaren und angeblich mittelmäßig talentierten Schülerin der neunten Klasse? Wer hätte sie vor den zahllosen versuchten Zugriffen dieses besessenen Lehrers bewahren können?

Ihre Freundin Melanie hatte die zündende Idee. Und so konnten Charlotte und Melanie nach einem langen Gespräch mit der Vertrauenslehrerin mit Erlaubnis der Schulleitung regelmäßig im Kunstunterricht die gläsernen Schaukästen des weitläufigen Schulgebäudes mit den Werken von Schülerinnen und Schülern der unterschiedlichen Klassenstufen dekorieren und schmücken.

Der Kunstlehrer tobte, entzog sich Charlotte immer wieder seinem Verlangen und seinem direkten Zugriff. Er wurde nicht müde, ihr nachzustellen und wenn er es geschafft hatte, sie nach dem Pausenklingeln alleine im Kunstraum anzutreffen, hatte er nur spöttische und ironische Kommentare für sie übrig. Charlotte ihrerseits nahm die Note ‚ausreichend’ auf dem Zeugnis in kauf, denn es gab genügend Menschen in ihrem Umkreis, die sie liebten und schätzten

Sie ging ihren Weg konsequent, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, sie sei nicht talentiert genug.

Mit Leidenschaft und einem unerschütterlichen Glauben an die richtige Berufswahl kümmert sie sich heute als Kunsttherapeutin um die Gesundheit ihrer kleinen Patientinnen und Patienten, denen sie einen weiteren Schaden an Leib und Seele mit aller Kraft ersparen möchte.

299 Wörter

© G. Bessen

abc-etüde Textwoche 26/18

Schreibeinladung  von Christiane für die Textwoche 26.18 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Dank an Ludwig für die Illustration.

Die heutigen Wörter lauten:

Drachenei
altbacken
knallen

 

Die perfekte Vorbereitung

Manche hielten Karoline für altbacken, aber sie empfand sich als das genaue Gegenteil, denn sie hatte für jede Gelegenheit, auch kurzfristig, immer spritzige Ideen.

Der plötzliche Herbsteinbruch am kalendarischen Sommeranfang, das Zittern um das Weiterkommen der Deutschen Nationalelf im voller Spannung erwarteten Spiel gegen Schweden am Samstagabend brachten sie auf den Gedanken, die beiden Unterrichtsstunden mit ihrer siebten Klasse am Freitag mit dem Basteln von Dracheneiern als Terrassenwindlichter und dem Backen von Kanelbullar (schwedischen Zimtbrötchen) zu gestalten. Den Teig für die unzähligen Brötchen hatte Karoline bereits in aller Herrgottsfrühe zuhause vorbereitet, das Backen dauerte maximal zehn Minuten und das Bestreichen mit geschlagenem Eiweiß und Hagelzucker konnten einige der Mädchen übernehmen, die nicht so gerne bastelten.

Die Küche war für die dritte Unterrichtsstunde reserviert, und da Karoline das Wohl ihrer Kolleginnen und Kollegen nie aus den Augen verlor, kam man ihr mit ihren spontanen Ideen gern entgegen. Fächerübergreifender Unterricht wurde immer gern gesehen und bot sich oft auch an – zumindest für Karoline. Sie war mittlerweile eine geübte Verfechterin dieser Form des Unterrichtes, bot er den Kindern doch oft viel mehr Einblicke ins Leben als trockener, rahmenplangetreuer Unterrichtsstoff.

Ihre Freundin und Kunstlehrerin Petra hatte in ihrem Kunstraum alles, was Karoline zum Basteln dieser besonderen Windlichthalter benötigte und die Siebtklässler, die mühsam alle elementaren englischen Vokabeln zum Verständnis der einfachsten Fußballregeln erlernt hatten, sollten im WM-Fieber ins Wochenende gehen. Wer hatte noch Lust, so kurz vor den großen Ferien und noch dazu während einer Fußballweltmeisterschaft intensiven Unterricht zu machen? Am Ende des Unterrichtstages gingen siebenundzwanzig Siebtklässler mit Terrassenwindlichtern als Dracheneier und schwedischen Zimtbrötchen zufrieden nach Hause.

Ob es am Samstag nach den bitter nötigen Toren auch knallen würde, blieb zu hoffen.

© G.Bessen

 

 

abc-etüde Textwoche 4.18.

Schreibeinladung für die Textwoche 04.18 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die im Vergleich zur vergangenen Woche doch sehr geerdeten Wörter  stammen für diese nun folgende Textwoche 04.18 von Sabine aus dem Hause wortgeflumselkritzelkram (wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com) und lauten:

Discokugel
wahnsinnig
klauen

Kindermund

Als Paul aus der Schule kam, versuchte er, sich an seiner in der Küche hantierenden Mutter vorbeizuschleichen, doch sein körperlicher Vorbau hatte ihn verraten und die erstaunte Mutter unverzüglich in der Küchentür erscheinen lassen.

„Naaaaaa, willst  du mich nicht erst einmal begrüßen, bevor du dieses Ungetüm von Paket heimlich irgendwo verschwinden lässt und überhaupt, was ist das für ein Teil, das du da vor dich herschleppst?“

Paul merkte schnell, es hatte keinen Sinn, seiner Mutter irgendetwas verheimlichen zu wollen, denn ihre fraulich-mütterlichen Antennen schwangen durch das gesamte Haus und bemerkten einfach alles, ein Faktum, das seinen Vater fast wahnsinnig machte, weshalb er vor einem halben Jahr einen langen Schuh gemacht hatte.

„Das ist eine Discokugel“, gab Paul mit fester Stimme zum Besten und schaute seiner Mutter betont direkt in die hellblauen Augen.

„Was willst du denn mit einer Discokugel?“

Da Paul auf diese Frage gefasst war, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

„Ich habe in zwei Wochen Geburtstag und für die Feier brauche ich so etwas, diese Lichtreflexe  feuern beim Tanzen megamäßig an.“

„Paul, du wirst acht Jahre alt und ich dachte an einen Geburtstag im Garten, mit Kaffee oder Kakao und Kuchen und ein paar Spielen im Freien und nicht an einen schummerigen Abend mit Tanzen und Fummeln im ehemaligen  Partykellerraum deines Vaters! Das hat ja wohl noch ein paar Jahre Zeit!“

Pauls Augen funkelten bedrohlich, er dachte an seinen Vater, der ihn sicher nicht wie ein Kleinstkind  behandeln würde, sondern wie einen Mann, zumindest einen kleinen Mann, der  den Babyschuhen entwachsen war.

Mit den Worten: „Ich hätte auf Pit hören und das Ding klauen sollen, statt mein mühsam Erspartes für etwas zu opfern, was ich ohnehin nicht gebrauchen darf, weil du es mir nicht gönnst und mich immer noch wie ein Baby behandelst“, ließ er das Paket unmittelbar vor seiner Mutter fallen, hastete zur Tür und rannte hinaus, in der Hoffnung, bei seinem Vater uns seiner neuen Freundin mehr Verständnis zu finden.

© G. Bessen

Auf dem Weihnachtsweg: 22. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Sabine lief den ganzen Tag wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her. Von seelischem Blues, der sie um diese Jahreszeit manchmal umfing, war keine Rede mehr, denn sie war vollkommen erfüllt von der Hoffnung, Eric in etwa zwei Stunden am Flughafen in die Arme zu schließen.

Sie überprüfte noch einmal alle Lichterketten und Zeitschaltuhren, denn bei Erics Ankunft sollte sein Elternhaus wie ein Stern in der Finsternis strahlen.

Svea hatte darauf bestanden, sie zum Flughafen zu fahren, denn die Straßen waren durch den vielen Neuschnee so rutschig, dass Sabine in ihrer Aufgewühltheit und Vorfreude möglicherweise noch einen Unfall gebaut hätte. Und Svea, als Erics Patentante und Freundin, war ebenso gespannt, wie es ihrem Schützling ergangen war.

Als die Landung der Maschine angezeigt wurde, waren die beiden Frauen kaum noch auf ihren Plätzen im Flughafencafé zu halten. Sie reckten ihre Hälse um die Wette, als die ersten Passagiere aus dem Abfertigungsbereich kamen.

Ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit einem Vollbart und sanften brauen Augen blickte suchend umher, bis sein Blick den seiner aufgeregten Mutter traf und sich in ihren Augen versenkte.

Ein Zauber lag in der Luft, der die Zeit anzuhalten schien und als die ersten Tränen der Wiedersehensfreude auf ihren Gesichtern glänzten, löste er sich langsam auf.

Der Stern der Weihnacht war aufgegangen.

 

© G. Bessen

Auf dem Weihnachtsweg: 18. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Ungeachtet ihres nicht zu ignorierenden Katers stand Sabine, getrieben von einer inneren Unruhe, früh auf und holte frische Brötchen. Als Svea geraume Zeit später in ihren Kuschelsocken und in Sabines flauschigem Bademantel verschlafen in die Küche schlurfte, erwartete sie ein  fürstliches Frühstück bei Kerzenschein. „Ich bin ja so gespannt,“ sinnierte Svea vor sich hin und Sabine nickte ihr wortlos zu. Beide hatten dieselben Gedanken und waren gespannt auf Erics heutige Ankunft am Abend. „Ich weiß noch, wie ich ihn das erste Mal in meinen Armen hielt und mir voller Verwunderung dieses kleine rosige Wesen ansah. Er war so zart und wirkte so zerbrechlich und plötzlich  ist er ein erwachsener Mann und hat schon viel von der Welt gesehen.“

Sabine schluckte. Dann brach es aus ihr heraus. „Weißt du, was meine größte Angst ist? Was mache ich, wenn er seine Berufung darin gefunden hat, wieder nach Indien zu gehen und dort zu arbeiten?“

„Dann musst du lernen, ihn gehen zu lassen, wie auch unsere Eltern irgendwann diesen schmerzlichen Schritt gegangen sind.“

Fortsetzung folgt …

Auf dem Weihnachtsweg: 9. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

 

Teil 1 ist hier zu finden…

Teil 2:

Der Zeitungsausschnitt hatte sich wie einer dieser unzähligen Spendenaufrufe gelesen und sie hätte ihn fast weggeworfen. Doch Eric hätte ihr das vermutlich übel genommen, denn er suchte förmlich nach einer sinnvollen Tätigkeit, bis er sich über seinen eigentlichen Berufswunsch im Klaren war. Und damit fing alles an.

Die private Montessorischule im indischen Lucknow, als größte Schule der Welt, suchte junge Menschen mit Interesse am Lehrerberuf, die sich für ein Praktikum oder ein ganzes Schuljahr zur Verfügung stellten. Eric war Feuer und Flamme für diese Idee und setzte alles daran, sich erfolgreich zu bewerben, ungeachtet der Angst seiner Mutter und deren Schwierigkeiten, ihr einziges Kind in die Welt hinaus zu lassen.

Eric hatte Erfolg und zwischen Weihnachten und Neujahr des vergangenen Jahres packte er seine Sachen und zog in die große weite Welt, ausgerechnet nach Indien, in ein Land voller Gegensätze, überbevölkert und in vielen Landstrichen arm und doch durch eine so vielfältige facettenreiche Kultur  wieder reich.

Für Sabine begann ein einsames Jahr, ein Auf und Ab zwischen Freude über Erics Begeisterung, jedes Mal, wenn er sich meldete,  und ihrer eigenen Einsamkeit, die sich nach der Trennung von Erics Vater vor knapp zwei Jahren, immer wieder wie ein Virus in ihr Leben einnistete.

Aber das Jahr ging vorüber und nun war er fast da, der Tag des Wiedersehens und der Freude, ihr Kind am folgenden Tag wieder in die Arme zu schließen.

Fortsetzung folgt …

abc.etüden 48.17

Die Wörter der heutigen abc.etüde stammen von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée  und lauten:

 

 

Flussbett
langwierig
klöppeln

abc.etüde 48.17

Vorfreude in Siebenbrunn

Eine zarte Puderzuckerdecke hatte sich über das Vogtland gelegt und das Novembergrau bekam dadurch einen freundlicheren Anstrich.

Grete schob ihre Brille ein wenig höher und begutachtete ihren ersten fertiggestellten Christbaumschmuck für den diesjährigen Weihnachtsmarkt.
Sterne, Engel und Weihnachtsmänner blickten ihr zart und fein entgegen und diese filigrane Arbeit erfüllte sie mit Stolz, aber gleichzeitig mit Sorge, denn das Alter war ihr in die Hände gekrochen und von Jahr zu Jahr wurde es mit ihrer Gelenkarthrose mühsamer für sie zu klöppeln.

Die Frauen ihres Ortes hatten sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen und sich vorgenommen, diese traditionelle Handarbeit ihrer Heimat aufrechtzuerhalten und an die Jüngeren weiterzugeben.

Der Prozess der Überzeugung war langwierig, ohne Frage, denn Handarbeit schien generell immer mehr aus der Mode zu kommen.
Warum sich abmühen, wenn Textilien woanders hergestellt und in unseren Geschäften zu Schleuderpreisen wieder verkauft wurden, ohne zu hinterfragen, wie sie in den jeweiligen Ländern und unter welchen sozialen Bedingungen entstanden?
Das war im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler der hiesigen Schullandschaft noch nicht so angekommen, bis Frau Petermann aus Chemnitz als neue Direktorin des Schiller-Gymnasiums erreichte, Handarbeit und speziell das Klöppeln als Wahlfach einzurichten.

In ihrer mitreißenden und freundlichen Art schaffte sie es, zwei Kurse bis an die Obergrenze zu füllen und im Ort Siebenbrunn war wahrhaftig das Klöppelfieber bei Jung und Alt ausgebrochen, sodass die Alten zufrieden, die Jungen mit Feuereifer dabei waren und nur so gelang es , das Miteinander im Ort wieder in gute und gemeinschaftliche Bahnen zu lenken.

Der Weihnachtsmarkt war gut organisiert, die Werbung lief in vollen Zügen und Siebenbrunn erwartete ein gutes Geschäft, dessen Erlös der Infrastruktur des Ortes zugutekommen sollte. Nur die Weiße Elster bewahrte die Ruhe und schlängelte sich, gespannt auf das, was kommen würde, durch ihr breites Flussbett.

© G. Bessen

abc.etüden 47/17

3 Wörter von Wortgerinnsel  Pissnelke, krümelig, verdrehen vorgegeben, Ludwig Zeidler hat die Grafik erstellt und Christiane hat wieder aufgerufen:

3 Wörter in zehn Sätzen = Kurzgeschichte

 Das Sprachniveau

„Opa, was ist eine Pissnelke?“ , fragte die knapp vierjährige Frieda ihren Opa, dessen Kopf ruckartig nach oben schoss und der die Zeitung, die von seinen Knien rutschen wollte, samt Lesebrille im letzten Moment auffing.
„Ähm – wer will das wissen?“, fragte Opa Michael, nun hellwach.
„Meike, eine von den Erzieherinnen, hat das heute zur Köchin Olga gesagt und ich weiß nicht, was das ist.“
Friedas Ton klang etwas genervt, ein klares Zeichen, dass Opa Michael nun Rede und Antwort stehen sollte, während sie emsig dabei war, einen Zwieback als Futtergabe für das Vogelhäuschen zu zerkleinern. Auf dem Tisch vor ihr sah es äußerst krümelig aus und Michael musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen, denn wenn Oma Gitti gleich um die Ecke schoss, gab es womöglich Ärger.

Zu spät – Oma Gitti blickte zuerst ihre Enkelin, dann ihren Gatten an, strafend der Blick.

Pissnelke, das sollte man eigentlich nicht sagen, denn das ist eine Beleidigung für einen Menschen und ich glaube, das ist der Meike rausgerutscht, weil sie sich über die Olga geärgert hat“, klärte die Pädagogin im Ruhestand die kleine Frieda auf.

Der Blick, den sie Michael zuwarf, bedeutete genau das, worüber sie in letzter Zeit oft diskutierten: die Frage, wie sie einer Verrohung der Sprache entgegen wirken konnten.
Sie hatten beschlossen, Frieda so viel wie möglich vorzulesen, um ihren Sprachschatz auf einem gewissen Sprachniveau zu erweitern und um sie zu motivieren, bald selbst das Lesen lernen zu wollen.

Frieda blickte nachdenklich aus dem Fenster und fragte dann unvermittelt, warum sich ihr Opa so oft über den Nachbarn ärgere, wenn er sich bei Oma Gitti beschwerte, was der Nachbar, das blöde Arschloch, wieder alles angestellt hatte…

© G. Bessen

abc.etüden 46/17

Die Wörter für die Textwoche 46.17 spendete Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) und sie lauten:

Stilblüte
banal
jodeln

Die visuellen Schmankerl, wie immer, von Ludwig Zeidler.

 

Stilblüten sind eine Sache, bei der jeder banale Rotstift ins Hüpfen kommt  und der Lehrer das Jodeln lernen kann.

Der folgende Aufsatz entstand, nachdem das Schneeballverbot in der Hofpause wieder einmal missachtet wurde und ein Schneeball durch das offene Lehrerzimmerfenster flugs in die Kaffeetasse einer Kollegin klatschte, deren weißer Rolli im Handumdrehen weiß-braun gesprenkelt war. Wer sich nun wundert, warum Lehrer im Winter bei offenem Fenster im Lehrerzimmer sitzen, dem sei geflüstert, dass es Zeiten gab, in denen man in der Schule – im Lehrerraucherzimmer – noch rauchen durfte.

„Das Schneballwerfen ist in der Schule verboten weil, es schlimme folgen haben kann Z.B. Es können im Schneeball Steine sein und das kann´s in das Auge gehen und dann Kann man Blind werden. Und auch Z.B. Kann das ins Ohr gehen und dann Kann man Ohrenschmerzen bekommen. Mann kann Schneebälle auf die Nase bekommen und bekommt Nasenbluten. Man Kann auch durch ein Eisball am Bein getroffen werden und man bekommt Blaue Flecken. Wenn ein Schneball zu einem Eisball geworden ist und man wird am Kopf getroffen Kann man auch eine leichte Verletzung herbeitragen. Das war mein Aufsatz über Schneebälle und seine Folgen.“

(Der Verfasser ist der Autorin bestens bekannt  🙂 )

 

© G. Bessen

abc.etüden 42.17

Die Wörter für die Textwoche 42.17 für die abc.etüden stammen von Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin (gerdakazakou.com), die im schönen Griechenland lebt, und lauten:

verdammt
Zweibrücken
grenzenlos

 

Zoff in Windelbach

Die Bewohner von Windelbach trauten ihren Ohren nicht, als der Bürgermeister das Mikrofon ergriff und verkündete, dass die 2000-Seelen-Gemeinde bald Zweibrücken heißen würde.
Verdammt noch einmal, Bürgermeister, was ist das denn für ein Schwachsinn!?“, fragte der Pfarrer der Gemeinde und wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn die  Stimmung im Festzelt war recht aufgeheizt und der goldene Oktobertag mit weit über zwanzig Grad tat sein Übriges.
„Das ist wohl ein Scherz zum Oktoberfest“, rief der Schuldirektor dem Pfarrer zu und hob mit einer vertraulichen Geste den Bierkrug, um dem Herrn Pfarrer zuzuprosten.

„Das ist ganz und gar kein Oktoberfestscherz“, bestärkte der Bürgermeister mit einer scheinbar grenzenlosen Ruhe und einer Geduld wie ein Schaukelpferd, und blickte dabei fest in die Runde der Anwesenden.

Die Bewohner von Windelbach schauten sich an, flüsterten einander etwas zu und es schien, als fingen sie an, die Bürgermeisterworte ernst zu nehmen.
„Und was soll dieser verdammte Quatsch? Seit den ersten Anfängen dieses Ortes vor gut dreihundert Jahren heißt er Windelbach und unsere Vorfahren haben sich damit einen Namen gemacht.

Schließlich leben wir hier von der Tradition unserer Vorfahren, denn unser Wein heißt „Der Windelbacher“ und nicht der „Zweibrückener“, und so wahr, wie ich Erwin Walter heiße, bleibt das auch so.“

Doch der Bürgermeister ließ sich nicht beirren und erklärte geduldig, dass mit der zweiten, eben erst eingeweihten Brücke über die Mosel der Anfang zu einem neuen Zeitalter, dem Wellnesszeitalter in Windelbach, bald Zweibrücken, beginnen würde und das würde er forcieren, solange er im Amt sei. Und innerlich schmunzelte er grenzenlos, denn mit seinen finanzkräftigen Gönnern würde er noch sehr lange im Amt bleiben.

© G. Bessen