abc.etüden 42.17

Die Wörter für die Textwoche 42.17 für die abc.etüden stammen von Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin (gerdakazakou.com), die im schönen Griechenland lebt, und lauten:

verdammt
Zweibrücken
grenzenlos

 

Zoff in Windelbach

Die Bewohner von Windelbach trauten ihren Ohren nicht, als der Bürgermeister das Mikrofon ergriff und verkündete, dass die 2000-Seelen-Gemeinde bald Zweibrücken heißen würde.
Verdammt noch einmal, Bürgermeister, was ist das denn für ein Schwachsinn!?“, fragte der Pfarrer der Gemeinde und wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn die  Stimmung im Festzelt war recht aufgeheizt und der goldene Oktobertag mit weit über zwanzig Grad tat sein Übriges.
„Das ist wohl ein Scherz zum Oktoberfest“, rief der Schuldirektor dem Pfarrer zu und hob mit einer vertraulichen Geste den Bierkrug, um dem Herrn Pfarrer zuzuprosten.

„Das ist ganz und gar kein Oktoberfestscherz“, bestärkte der Bürgermeister mit einer scheinbar grenzenlosen Ruhe und einer Geduld wie ein Schaukelpferd, und blickte dabei fest in die Runde der Anwesenden.

Die Bewohner von Windelbach schauten sich an, flüsterten einander etwas zu und es schien, als fingen sie an, die Bürgermeisterworte ernst zu nehmen.
„Und was soll dieser verdammte Quatsch? Seit den ersten Anfängen dieses Ortes vor gut dreihundert Jahren heißt er Windelbach und unsere Vorfahren haben sich damit einen Namen gemacht.

Schließlich leben wir hier von der Tradition unserer Vorfahren, denn unser Wein heißt „Der Windelbacher“ und nicht der „Zweibrückener“, und so wahr, wie ich Erwin Walter heiße, bleibt das auch so.“

Doch der Bürgermeister ließ sich nicht beirren und erklärte geduldig, dass mit der zweiten, eben erst eingeweihten Brücke über die Mosel der Anfang zu einem neuen Zeitalter, dem Wellnesszeitalter in Windelbach, bald Zweibrücken, beginnen würde und das würde er forcieren, solange er im Amt sei. Und innerlich schmunzelte er grenzenlos, denn mit seinen finanzkräftigen Gönnern würde er noch sehr lange im Amt bleiben.

© G. Bessen

Advertisements

abc.etüden 38.17

Die heutigen Wörter
für die abc.etüden
sind gestiftet von   Herbert

Achtsamkeit
verwurschteln
rosa-grün

 

abc.etüden 38.17: Kurerlebnisse

So richtig gefiel ihr das neue Leben noch nicht, denn das war nicht sie und es passte auch gar nicht zu ihr. Aber es währte ja erst drei Tage und es konnte nur besser werden.
Achtsamkeit – ja, gut und schön, aber wenn das bedeutete, sich gar kein Laster mehr zu gönnen, nur gesund zu leben und auf so Vieles verzichten zu müssen, dann war das nicht ihr Ding.
Innerlich zwang sie sich ein wenig zur Ruhe, denn ihr Blutdruck stieg im Verlauf des Vortages deutlich an und ihr Bluthochdruck war ja einer der Gründe, weshalb man sie ausgerechnet für sechs Wochen in eine psychosomatische Kurklinik geschickt hatte.

Gefahren des Rauchens, des Alkohols, der falschen Ernährung – das verwurschtelte der gute Doktor da vorne am Redepult gerade zu einer größeren Katastrophe als Donald Trump und den konnte doch eigentlich niemand so leicht toppen.

Noch war sie bereit, die Kur hier in dieser Klinik zu machen, obgleich sie nicht die Frau war, die alles widerspruchslos hinnahm oder gar durch die rosarote Brille sah. Sie war auch durchaus kompromissbereit, aber wenn sie vor Ärger grün im Gesicht wurde, war nicht gut mit ihr Kirschen essen.

Rauschender Beifall beendete des Doktors Vortrag, für sie eigentlich unverständlich und zum Widerspruch reizend, und sie begab sich zu ihrer nächsten Therapie, dem autogenen Training.

Dort fiel sie so tief in die Entspannung, dass sie auf rosa-grünen Wölkchen davonschwebte …

© G.Bessen

abc.etüden nach der Sommerpause 37.17

Für die abc.etüden, Woche 37.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von lz. und lauten: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

 

Der innere Schweinehund

Er graulte sich vor dem Samstagnachmittag.

Zwei Stunden saß er im Beichtstuhl fest, in dieser engen und düsteren Kabine  mit der  muffigen  Luft, in der er sich wegen  seiner Leibesfülle kaum bewegen konnte.

Und da ohnehin niemand kam, der ihm sein Herz ausschütten und um das Sakrament der Barmherzigkeit bitten würde, hatte er Zeit genug, über seine eigene Verwandlung nachzudenken, wenn…

 

…er nicht so träge wäre…

…er nicht so gern essen würde…

…er nicht so gern am Abend ein Weinchen oder auch ein Bierchen trinken würde…

Wenn ….. , diese wenn-Liste ließ sich beliebig fortsetzen.

Er seufzte.

Die Messe war gelesen, der innere Schweinehund grinste ihn wieder einmal triumphierend an.

Den Spitznamen ‚Knutschkugel’ würde er wohl mit in sein XXL-Grab nehmen.

© Text und Foto: G. Bessen

abc. etüden: Auf besonderen Wegen (1-9)

Am kommenden Sonntag geht es mit Christianes abc.etüden weiter.
Meine Geschichte habe ich bisher als Fortsetzung geschrieben, entweder mit den aktuell vorgegebenen Wörtern vom jeweiligen Sonntag oder auch zwischendurch mal mit Wörtern aus anderen Wochen.
Die Geschichte erscheint bis Sonntag in zwei Teilen .

Was bisher geschah… (Teil 1 – 9)

 

************

     Niemals hatte er diese Karte geschrieben, dafür kannte sie ihren Mann zu gut. Allein beim Aussprechen einiger  Wörter hätte er sich schon die Zunge mehrfach verknotet. Wieder und wieder las sie den Text der Karte und je öfter sie ihn las, desto unsicherer wurde sie. Sicher, als er vor vier Wochen aufgebrochen war, wollte er seine innere Mitte finden, zur Ruhe kommen und beten – ganz viel beten. Ob ihm das zu Kopf gestiegen war?

Hatte er etwa wieder angefangen, irgendwelche undefinierbaren Dinge zu rauchen, so dass er auf Knospenkollisionskurs war?

Gab es eine heilige Iris, der er aus lauter Einsamkeit ein Irisreinkarnationslied singen wollte und ihm kein passender Text dazu einfiel?

Sie wusste weder, wo er gerade war, noch, wie es ihm ging und schon gar nicht, wie sie ihn erreichen konnte, ohne irgendwelchen Safranstaubkussspuren zu hinterlassen, die der Wind sofort von dannen trüge.

Wie hatte sie nur zulassen können, dass ein Mann in der zweiten Lebenshälfte mutterseelenallein den Jakobsweg pilgerte, wo er doch zuhause kaum den Hintern aus dem Sessel heben konnte?

Sie hätte ihn begleiten müssen, denn ganz offensichtlich war er nun vollkommen übergeschnappt.

Das Vagabundenleben gefiel ihm außerordentlich gut. Ob Hildchen mittlerweile bemerkt hatte, dass er das Schließfach der Bank komplett leergeräumt hatte? Er war ein Schlawiner, ohne Frage, aber er hatte beschlossen, dass er ihren gemeinsamen Notgroschen jetzt brauchte und nicht, wenn er vielleicht schon an der Schnabeltasse hing! Hildchen  hatte einen großen Freundeskreis und würde den holden Gatten sicher mal für einige Zeit entbehren können. Bei ihren Freundinnen konnte sie jederzeit anrufen oder vorbeischauen, auch wenn es nach seinem Empfinden  nur um Kinkerlitzchen ging.

Zufrieden betrachtete er die am Cafe vorbeischlendernden Gäste und rauchte dabei eine echte Havanna. Er liebte Wien und ganz besonders den Wiener Charme.

Er wartete gerade auf sein Essen mit den  viel gepriesenen Paradeisern, als ihn eine schlanke und hoch gewachsene Brünette mit einem umwerfenden Augenaufschlag fragte, ob der Platz ihm gegenüber noch frei sei.

Sofort spürte er ein angenehmes Kribbeln im Bereich seiner Lenden und antwortete mit einem süffisanten Lächeln: „Für Sie doch immer, gnädige Frau.“ Wie ein Gentleman sprang er auf und  rückte seiner neuen Tischnachbarin den Stuhl zurecht , den sie mit einem ebenso süffisanten Lächeln in Beschlag nahm.

Hildchen war nicht auf den Mund und schon gar nicht auf den Kopf gefallen, denn als der Holde per Taxi in Richtung Flughafen davonfuhr, packte sie ihren Koffer und wartete aufgeregt auf ihre beste Freundin Antonia, mit der sie schon zu Schulzeiten lauter Flausen im Kopf gehabt hatte. Sollte Ludwig  doch pilgern und beten gehen, sie würde das Geld ihrer Erbtante Charlotte verprassen, von dem er nicht den blassesten Schimmer hatte.

Sie hatte alles bedacht, vom Programmieren der Zeitschaltuhren in Haus und Garten bis hin zum Nachsendeantrag und freute sich wie ein kleines Kind darauf, sich mit Antonia auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugendzeit zu bewegen. Wie lange war das her?

Natürlich hätte sie lieber im Roten Meer einen Tauchkurs gemacht und die viel gepriesenen Korallenriffe umschnorchelt. Das aber war etwas für junge Leute. Hildchen  liebte Backerbsen in allen Variationen, die es – so sagt man – in Ägypten gab und als Königin von Sanaa wollte sie schon als Kind in den prächtigsten Kleidern herumlaufen. Man kann vieles wollen und doch nicht alles haben.

So saß sie zufrieden neben der schlafenden Antonia im Reisebus nach Breslau, voller Vorfreude darauf, was sie in Breslau wohl alles wiedererkennen würden…

Antonia klappte der Unterkiefer herunter, als sie mit Hildchen mitten in der Breslauer Altstadt vor der alten Villa stand, die für die nächsten sieben  Tage ihr Domizil sein würde. Das Fünf-Sterne-Hotel ‚Platinum Palace’ strahlte auch im Inneren noch die Eleganz des vergangenen Jahrhunderts aus. Nur der Herr an der Rezeption machte einen etwas verworrenen Eindruck, als er etwas unsortiert aus einem angrenzenden Zimmer kam und die beiden Damen mit glänzenden Augen ansah.

„Der kommt wohl gerade von einem Schäferstündchen, die Hose ist nicht ganz zu.“ Antonia kicherte in sich hinein  und stieß Hildchen etwas zu heftig in die Seite.

„Hast du etwa noch nie Bürosex gehabt? Der ist prickelnder als die beste Flasche Champagner.“

Das Hotelinnere war so modern und auf dem neuesten Stand, dass die beiden Frauen gern die eine oder andere Gebrauchsanweisung gehabt hätten, beispielsweise zum Öffnen ihrer Zimmertür oder zum Betätigen diverser Wasserhähne und elektrischer Geräte.

Antonia, die gelegentlich den Badesee in ihrer Nähe mitten im Wald zum Schwimmen besuchte, freute sich darauf,  ihrem schon etwas reifen Körper den Genuss von Wellness in Form von Sauna und Hamam, Massagen und Aromatherapie bieten zu können.

Während sie Hildchen schon fast betrunken redete, wie genial deren Idee, genau dieses Hotel zu buchen, gewesen sei, entdeckte diese vom Balkon ihres Zimmers aus, wie der neu angelegte Golfrasen freigegeben wurde…

Ludwig saß auf dem Balkon seines Hotelzimmers und beobachtete eher gelangweilt ein paar Kinder, die sich jauchzend auf die Pusteblumen stürzten und die kleinen hellgrauen  Fallschirme in die warme Mailuft pusteten.

Er wusste weder ein noch aus. Die brünette Dame, die ihm das lang vermisste Gefühl gegeben hatte, er sei einzigartig und der beste und zärtlichste Liebhaber aller Zeiten, hatte zwei Tage Tisch und besonders Bett ganz intensiv mit ihm geteilt. Eines Morgens war sie wie ein zufriedenes Vögelchen heimlich davon geflattert – mit all dem Geld, das Ludwig bei sich gehabt hatte. Seitdem hatte er sich nicht mehr vor die Tür getraut. Der Zimmerservice, der ihm sein Essen brachte, hatte schon besorgt gefragt, ob er nach einem Arzt schicken sollte.

Er stand auf und ging ins Bad. Angewidert starrte er in den Spiegel. Dicke Tränensäcke, Augenringe und ein Dreitagebart, der selbst mit einem Käsehobel nicht mehr abgegangen wäre, starrten ihm entgegen.

Wie sollte er Hildchen das beibringen? Er – statt auf einer Pilgerreise in Spanien gehörnt und geprellt in einem Wiener Hotelzimmer, arm wie eine Kirchenmaus, mit nichts mehr in der Hinterhand, was sich noch zu einem passablen Preis versteigern ließ?

Hildchen kaufte nur im Urlaub ein, denn zuhause, vielleicht noch mit Ludwig an ihrer Seite war ihr das eindeutig  zu langweilig und zu zeitaufwändig. Sie war eher die Online-Vielbestellerin in zwei Größen,  mit Anprobe in den eigenen vier Wänden und vierzehntägiger Rückgabegarantie und fand, dass Frau gar nicht praktischer und bequemer einkaufen könnte. Als sie mit Antonia aus der Markthalle in die heiße Mailuft trat, musste diese sich einen Moment festhalten, denn ein Schwindelgefühl durchfuhr sie.

„ Glaub ja nicht, dass ich mich jetzt weiter in dieser Hitze mit dir verlustieren werde. Nimm deinen Kramladen…“, dabei warf sie einen Seitenblick auf Hildchens zwei prall gefüllte Taschen, „und komm.“

Schon stieg sie die Treppen zum Bierkeller links von der Markthalle hinunter und hielt Ausschau nach einem freien Tisch. Sie sehnte sich nach einem kalten Bier und Pierogi Polskie (gefüllte Teigtaschen), einem Gericht, dass sie noch heute nach den Rezepten ihrer Großmutter zubereitete. Hildchen folgte wortlos, denn sie hätte erst mal auch keinen Schritt weiter in diese sengende Hitze setzen können.

Nachdem sie sich ein wenig gestärkt und erholt hatten, fragte Antonia unvermittelt:

„Sag mal, Hildchen, wie kannst du hier so in aller Ruhe sitzen und nicht wissen, wie es deinem Mann geht? Du weißt weder, wo er ist, noch ob alles in Ordnung ist – ich jedenfalls würde vor Angst umkommen.“

Ludwigs Situation konnte auswegsloser nicht sein. Nach seinem bitteren Erlebnis hatte er jegliche Frühlingsgefühle verloren. Träge lag er in der Badewanne, das nur noch lauwarme Wasser fühlte er schon gar nicht mehr, denn sein Denken konzentrierte sich nur darauf, aus dieser misslichen Lage zu entkommen. Vor seinem inneren Auge formte sich erst schemenhaft eine Skizze, dann tauchte ein Gesicht auf und messerscharf  stand die Lösung vor ihm: Walter, sein Cousin, der – wenn er Glück hatte – noch in Wien lebte.

Mühsam hievte sich Ludwig aus der Badewanne und riss dabei fast den geblümten Duschvorhang mit sich. Es dauerte nicht lange, bis er über die Auskunft Walters Telefonnummer und seine Adresse hatte und sich nach einem Anruf bei Walter  frisch geduscht und herausgeputzt wie ein Lebemann auf den Weg zu seinem Cousin  machte.

Und plötzlich waren die Bilder ihres letzten Zusammentreffens vor etwa zwanzig Jahren wieder da.  Walters Mutter, sein Ein und Alles, war ganz plötzlich infolge eines unglücklichen Sturzes gestorben und Walter saß nach der Beerdigung beim Leichenschmaus wie auf einem anderen Stern, ungläubig und in einer Art Schockstarre, unfähig, auch nur irgendetwas auf die Reihe, geschweige über die Lippen zu bekommen. Seine Mutter war die einzige Frau in seinem Leben gewesen und sicher auch die  letzte, denn mit dem anderen Geschlecht stellte sich Walter an wie ein Ochse beim Tanzen. Aber er lebte noch in Wien, schien auch noch im Besitz seiner geistigen Kräfte und freute sich aufrichtig, dass Ludwig ihn besuchen kommen wollte.

Allerdings war Walter so eine geradlinige, aufrichtige und ehrliche Seele, die sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Verwandtschaftsbesucht durchaus auch hinterhältige Motive haben konnte.

      Hildchen setzte gerade an, um Antonias Frage zu beantworten, als ihr erneut schwindelig wurde, allerdings nicht von der Hitze, sondern von dem Kellergewölbe des Biergartens mit seinem dezenten Licht.

Sie erinnerte sich daran, dass sie – gerade mal fünf  Jahre alt – mit ihren Großeltern viele Stunden in einem Bunker verbracht hatte, der ihr infolge  verschiedener Kellerdurchbrüche wie ein riesiges  Labyrinth vorkam. Dieser Bunker in dem großen aber edlen  Mietshaus am Markt, in dem sie damals wohnten, hatte ihr noch viele Jahre düstere Albträume beschert.

Es war im Januar 1945, Breslau war wie eine Festung hermetisch abgeriegelt. Wer in den Westen flüchten wollte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Und doch versuchten es viele in letzter Minute, packten in Windeseile das Nötigste zusammen und  so setzte sich der Treck Ende Januar bei Minus fünfundzwanzig Grad in Bewegung Richtung Westen.

Hildchens Vater war an der Front, ihre Mutter hochschwanger und alleine wollten die Großeltern nicht aufbrechen. In Antonias Familie sah es nicht viel anders aus und so kam es, dass beide Mädchen in Breslau blieben und zusammen eingeschult wurden. Allerdings hatten sich die Erinnerungen, wie ihre Heimatstadt Breslau gebrandschanzt wurde, wie ein eitriger Ausschlag auf ihre zarten Kinderseelen gelegt und diese Narben waren  nie wirklich verheilt.

Es bedurfte nur weniger Worte und Antonia verstand Hildchens Gefühlsausbruch und beide aßen schweigend mit einem dicken Kloß in der Kehle.

Antonia hatte lange mit sich gekämpft, das Thema abzuwürgen oder weiter zu führen, denn auch ihr Leben war lange Zeit von den Kriegsereignissen geprägt worden.

„ Ich erinnere mich leider noch zu gut an den Bunker in unserem Haus und daran, wie zusammengepfercht wir in den Räumen, den Gängen und auf den Treppen waren. Die Toiletten konnten wir kaum benutzen, überall waren Tote und uns drohte der Hungertod. Es gab kaum Licht, alles war düster. Ich weinte bitterlich, wenn ich daran dachte, dass ich wohl keine Sommerblüten mehr zu sehen bekäme und keine bittersüßen Früchte in Omas Garten pflücken würde.

Aber Gott sei es gedankt, das haben wir überlebt und so manches andere auch. Deshalb werden wir jetzt gehen und uns den Sommerwind um die Nase wehen lassen. Der Dampfer zur Dominsel startet in einer Viertelstunde und die Anlegestelle habe ich auch schon entdeckt.“ Dankbar blickte Hildchen ihre Freundin an. Als sie wenig später auf dem kleinen Ausflugsdampfer saßen und die Sonne sie mit ihrem warmen Strahlen begleitete, vergaßen sie ihre dunklen Kindheitserlebnisse in dieser Stadt schnell wieder und wandten sich der Insel mit dem Dom und den unzähligen Kirchen zu.

 ©G. Bessen

 

 

 

 

 

 

 

Etüdensommerpausenintermezzo Triple-Drabble

Die neue Aufgabe von Christiane, bis die abc.etüden am 3. September weitergehen:

Triple-Drabble: Bringt diese 5 Wörter in 300 Wörtern
(gezählt ohne Überschrift) unter.
300 Wörter,keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks
Pflaster.

 

 

In einer anderen Welt…

Als er mit seiner großen Tasche in den Biergarten kam und sich suchend nach einem Platz umsah, hatte er schon meine Aufmerksamkeit erregt. Dabei war nichts an ihm besonders oder gar außergewöhnlich.

Er war um die fünfzig, hatte etwas lichtes, dunkelblondes Haar und wache Augen. Er  trug ein kariertes Hemd, kurzärmelig, Jeans und Turnschuhe.

Die  junge Kellnerin lächelte ihn erwartungsvoll an.

„Ein alkoholfreies Clausthaler, einen Kaffee und ein Glas Wasser. Ich zahle bar!“

„Selbstverständlich“, antwortete die Kellnerin und lächelte. Sie schien ihn zu kennen.

Mitten auf dem viereckigen Tisch stand ein Topf mit einer Sonnenblume, die ihn anzulächeln schien. Die Freundlichkeit, mit der er die Kellnerin begrüßt und bestellt hatte, war wie weggeblasen. Er starrte vor sich hin und ein Anflug von Trübsal legte sich über sein Gesicht.

Als er seinen Kaffee getrunken hatte, blickte er nach rechts und begann mit seinem Vortrag über den Streckenabschnitt von Lübben nach Rostock und wie er errechnet hatte, wie man die Höchstgeschwindigkeit des Zuges verändern konnte.

Seine Augen strahlten plötzlich  und er wandte sich mit denselben Worten zu seiner linken Seite. Immer wieder begann er zu reden, mal nach rechts, mal nach links, laut und deutlich. Dann folgten lange Pausen, in denen er konzentriert auf die Antworten lauschte, mit dem Kopf zustimmend nickte oder den Kopf ablehnend schüttelte. Er musste sehr in der Vergangenheit verhaftet gewesen sein, denn sein Vortrag bezog sich auf die DDR.

Doch weder rechts noch links saß jemand.

Er bezahlte bar. Die Rechnung, die er mit ein paar Worten auf der Rückseite versah, schob er in die leere Bierflasche, goss das Wasser aus dem Glas dazu und verklebte die Flaschenöffnung mit Pflaster. Er nahm seine Flaschenpost in seine rechte, die Tasche in die linke Hand, verbeugte sich nach rechts und links und ging. Sein  Schokokeks blieb ganz allein zurück.

© G. Bessen

abc.etüden (26)

Für die abc.etüden, Woche 26.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Karin

und lauten:

Vogelnest, sinnlos, Auftritt

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (11)

So sehr sich Ludwig um einen formvollendeten Auftritt bemühte, so sinnlos schien ihm bald dieses Unterfangen, seinen Cousin Walter verstehen zu können. Während er im übertragenen Sinne von ‚Äpfeln’ sprach, antwortete Walter mit ‚Birnen’ , das bedeutete, sie redeten komplett aneinander vorbei.

Ludwig schwammen alle Felle weg, als ihm immer mehr klar wurde, das Walter niemals sein Problem verstehen, geschweige, ihm helfen würde. Walter hatte seine inneren Augen geöffnet und erzählte Ludwig in epischer Breite, wie schwer ihm das Leben nach Gretas Tod gefallen sei, wie oft er an Selbstmord gedacht hatte, bis, ja, bis Edgar seinen Weg gekreuzt hatte.

Offenbar war Walter nicht unvermögend und ob er mit Edgar sein Geld verprassen oder dem Tierschutzverein vererben würde, der Cousin Ludwig aus Wuppertal würde nichts von dem kleinen Kuchen probieren können.

Als Walter unvermittelt nach Hildchen und Charlotte, deren gemeinsamer Tochter fragte, wurde es Ludwig doch zu bunt. Was sollte er antworten? Dass er ja eigentlich auf dem Jakobsweg sei  und die Tochter die familiäre Nabelschnur endgültig durchtrennt hatte?

Das ginge Walter nichts an! Ludwig beschloss, schnellstens einen langen Schuh zu machen und winkte Walter zu, wie er an der Tür stand, dem riesigen Königspudel die Kopfhaare kraulte, die in gewisser Weise den grauen, lückenhaften und lockigen Haaren von Walter glichen und eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Vogelnest hatten.

Für die Teile 1 – 10 einfach runter scrollen…

abc.etüden (25)

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de)

und lauten:

Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (10)

 Ludwig staunte nicht schlecht, als er vor Walters schmuckem Anwesen stand und klingelte.

Nach dem Fußweg vom Hotel zu Walter – ein Taxi konnte er sich nicht leisten  und niemand nahm ihn als Anhalter mit – fühlte er sich flunderplatt und dunkle Schweißflecken hatten sich vom Laufen in seinen Achselhöhlen gebildet.

Walter öffnete und erwartungsvoll blickten sich beide Cousins gegenseitig in die Augen, taxierend, abwartend und ein wenig misstrauisch, denn der Zahn der Zeit hatte auch an ihren Körpern genagt.

„Komm herein, mein Lieber“, brach Walter das Schweigen und öffnete einladend die dunkle Holztür des kleinen Häuschens, das er offensichtlich von seiner verstorbenen Frau Mama geerbt hatte. Ein Duft nach Badesalz, einer Mischung aus Ingwer und Lemongras, umwaberte Walter.

Tante Greta, so erinnerte sich Ludwig, war die Reinheit in Person gewesen. Dass Walter überhaupt noch Haut am Körper behalten hatte, grenzte fast an ein Wunder. Ludwig konnte sich bei Walter nicht daran erinnern, dass er je schmutzige Socken, durchbeulte Knie an seinen Hosenbeinen oder Dreck unter den Fingernägeln gehabt hatte. Dreck war in Walters Leben nicht vorgekommen und somit war er früher, als sie noch Kinder waren, in Ludwigs Augen nie ein waschechter  Junge gewesen. War er je ein richtiger Mann geworden oder hatte er den Lehrmeister-Modus seiner Frau Mutter übernommen, denn er starrte auf Ludwigs Schuhe, als fordere er ihn ohne Worte auf, sie bitte VOR der Tür zu lassen.