Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.22 (2)

Die Wortspende für die Textwochen 38/39 des Jahres 2022 für Christianes Etüden-Schreibprojekt stammt von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet:

Regentonne
sensibel
schwanken

 

 

 

Blättertanz

Die tagelangen Schauer waren endlich abgeklungen und hatten die Regentonnen gut gefüllt. Die kühle, klamme Luft der letzten Septembertage erwärmte sich jeden Tag ein wenig mehr. Doch der Sommer hatte längst seine Koffer gepackt und war bereit zur Abreise.

Der junge Herbstwind hingegen hatte blendende Laune und strotzte nur so vor Energie. Die Sonne lächelte ihm freundlich zu, als ahne sie bereits, was er im Schilde führte. Er nahm Anlauf, sprang in die Luft und riss ziemlich unsensibel die welkenden bunten Blätter auf dem Waldboden mit sich.

„Nicht so schnell“, stöhnte das eine oder andere Blatt schwankend auf. „Wir haben nicht mehr so viel Kraft.“

„Haltet euch aneinander fest, dann geht niemand von euch verloren!“ Der Herbstwind lächelte den Blättern aufmunternd zu und führte sie zu einer Wiese. Dort sammelten sie sich erneut und mit einer kleinen Beschleunigung seiner Geschwindigkeit ermunterte der Wind sein verwirrtes Gefolge.
Die Blätter fassten sich an, hielten aneinander fest und ließen sich vom Wind durch die Luft wirbeln. Zwischendurch sank das eine oder andere Blatt zu Boden, ruhte sich kurz aus und wurde dann erneut zum Blätterreigen abgeholt.
So viel Spaß hatten die Blätter noch nie gehabt. Der Wind ließ sie langsam auf die Wiese schweben.
„Danke für dieses wunderbare Vergnügen, lieber Wind“, raunten die Blätter dem Wind zu, der sich bei allen Blättern einzeln verabschiedete.
Nun fielen die Blätter in ihren wohlverdienten letzten Ruheschlaf.

Die Blätter, die dieses Stadium noch nicht erreicht hatten, klammerten sich angstvoll an ihre Äste. Sie hatten das Treiben mit gemischten Gefühlen beobachtet.
„Ob er uns auch abholt, wenn unsere Zeit gekommen ist?“, fragten sie sich gegenseitig.
„Ihr habt noch Zeit“, flüsterten die Äste „und bis dahin steht ihr unter unserem persönlichen Schutz.“
Die grünen, gelben und roten Blätter waren erleichtert und schaukelten beruhigt in der leichten Brise des Windes.

300 Wörter

November

Novembergrau
Innenschau
Jahreslauf
Wehmut kommt auf

Frühes Dunkel und kürzere Tage,
spürbar der Herbst des eigenen Lebens,
wenn auch vage.

Meine Seele sucht das Licht,
die Freude, die Liebe und das Leben.
Platz für Trübsal hat sie nicht.

Das Jahr vergeht,
ein neues wird kommen.
Damit wird die Angst genommen,
Stillstand gibt es nicht.
Nach der Dunkelheit

© G. Bessen

 

Blauer Himmel

Blauer Himmel

Am blauen Himmel keine Wolke
nur einige lange weiße Linien

Jetzt gerade entsteht eine neue
lautlos und ganz akkurat

Wohin der Flug wohl geht
wer mag da unterwegs sein

Das frage ich mich während ich
Wäsche aufhänge
unter blauem Himmel

© Beate Hannen
Aus: »Zwischen gestern und morgen«, 2019