abc-etüde Textwoche 23/18

Eine neue Herausforderung, zu der Christiane einlädt.

Hier die Wortspende für die Textwoche 23.18. Stifterin ist Gerda Kazakou (gerdakazakou.com), die die meisten von euch kennen werden, ist sie doch mit ihren Kata-Strophen (und nicht nur mit denen) eine wertgeschätzte Etüden-Mitschreiberin der ersten Stunde. Ihre Wörter lauten:

Schräge
brennend
köpfen

 Es war fünfzehn Jahre her, seit sie die Treppe zum Dachgeschoss das letzte Mal hochgegangen war und schon damals hatte ihr die Arthritis arg zugesetzt. Sein Zimmer war abgeschlossen, sie hatte nichts darin verändert, seit dem Tag vor genau fünfzehn Jahren, und wie so oft stieß sie sich den Kopf an der Schräge, an die sie sich nie gewöhnt hatte.

Die Tür knarrte und sie schlurfte mit zitternden Knien in das kleine Zimmer unter dem Dach, in das Hans sich gern nach dem Mittagessen und an kalten Abenden zurückgezogen hatte. Sie sah ihn vor sich, in seinem Schaukelstuhl am Fenster, den Blick nach draußen auf das Meer gerichtet, das er so sehr geliebt hatte und auf dem er sein halbes Leben als Fischer verbracht hatte. Ein brennendes Verlangen, Hans in die Arme zu schließen, seinen Kopf zu umfangen und zu streicheln, stieg in ihr auf und die Tränen rollten  in kleinen Sturzbächen  ihre faltigen Wangen hinab. Alles hatte er ihr genommen, ihre Familie, ihre Lebensaufgabe, ihren Lebenssinn.

Wie oft hatte sie in all den Jahren an langen Abenden am Kamin gesessen, von Rachegedanken erfüllt und sich ausgemalt, wie sie sich an ihm rächen würde, an diesem Dahergelaufenen, der ihr das Liebste auf der Welt genommen hatte. Stück für Stück wollte sie ihn zerlegen oder mit einem Schlag köpfen, gleich einem glatten Schlag beim  Holzhacken, denn es kam ihr darauf an, dass er litt und um Gnade winselte wie ein geprügelter Hund.

Gnade gab es in ihren Augen jedoch nicht, nicht für das, was er ihr angetan hatte.

Hans war tot und auch Jonas, ihr gemeinsamer Sohn war tot, und nun hatte man diesen skrupellosen Mörder doch begnadigt, damit er das Leben weiterer Menschen auslöschen konnte, als würde er mal eben eine Kerze ausblasen – unglaublich!

© G. Bessen

 

 

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21 Kommentare

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