abc-etüde Textwoche 16/18

Schreibeinladung für die Textwoche 16.18 | Wortspende von Irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwoche 16.18 stammen also dieses Mal von Christiane  (Irgendwas ist immer) und lauten:

Notenblatt
schwanger
trainieren.

Lebensglück

Lisa war unbeschreiblich glücklich und merkte nicht, wie ihre verkrampften  Hände das Notenblatt immer mehr zerknüllten und der Schweiß der Handinnenseiten das dünne Papier durchfeuchteten. Erst der fragende Blick von Dana machte ihr klar, dass sie sich besser auf die Chorprobe konzentrieren sollte.

Endlich verlief Lisas Leben in annähernd normalen Bahnen und sie fühlte sich dem Ziel ihrer Wünsche immer näher.

Wie lange hatte sie darauf gewartet, endlich so sein zu dürfen, wie sie wirklich war?  Ihr ganzes bisheriges Leben stand unter dem Damoklesschwert, eine von ihrer Familie und ihrer Umgebung erwartete Rolle zu trainieren und zu spielen, die nicht dem entsprach, was Lisa fühlte und in tiefster Seele auch war. Erst Dana hatte ihr den richtigen Weg gezeigt, einen schmerzhaften, der Courage und Standhaftigkeit erforderte.  Danas Scheidung und der erfolgreiche Kampf um das Sorgerecht für die beiden Kinder lagen hinter ihnen.  Lisas Familie hatte immer noch enorme  Schwierigkeiten damit, eine Frau als Lebensgefährtin ihrer einzigen Tochter zu akzeptieren.  Und nun lag noch ein großer Felsbrocken vor Lisa, Dana einzugestehen, dass ihre Reise nach Dänemark keine Fortbildung war, wie Lisa ihr erzählt hatte, sondern ihr künftiges gemeinsames Familienglück besiegeln sollte.

Die Insemination in der Kopenhagener Sellmer-Klinik war erfolgreich verlaufen und Lisas größter Wunsch, endlich schwanger zu sein, hatte sich erfüllt.

©G. Bessen

Anmerkung: Die Sellmer Klinik ist eine Fertilitätsklinik in Kopenhagen. Dort werden Singlefrauen, Frauen die in einer lesbischen Beziehung sind und Frauen die in heterosexuellen Beziehungen leben, behandelt.

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abc-etüde Textwoche 9/18

Christiane hat wieder zum Schreibprojekt eingeladen.

Dies sind  die Wörter der Textwoche 09/18, gespendet von Nina Bodenlosz mit ihrem Bodenlosz-Archiv und wieder illustriert von Ludwig Zeidler

Sie lauten:

Sonnenkollektoren
bräsig (Bedeutung bitte hier und hier nachlesen)
pürieren

Vergessen

Das verschlafene Nest im Lausitzer Braunkohlerevier, südöstlich von Cottbus, war weit entfernt, sich mit Plänen  zu erneuerbaren Energien auseinanderzusetzen.

Windräder, Sonnenkollektoren, die Abschaltung der Atomkraftwerke und die Einstellung des Braunkohletagebaus waren Themen, die das kleine Dorf, das ohnehin keine nennenswerte Infrastruktur hatte, eher zur Verzweiflung brachten. Wozu hatten sich die Männer ihr ganzes Leben abgerackert, Staublungen und Lungenkrebs in Kauf genommen und sich den Körper zerschunden, um dann so nach und nach von der Karte des Brandenburger Landes wegradiert zu werden? Die Kinder und Enkel der wenigen noch übrig gebliebenen Familien waren weggegangen, dorthin, wo es Arbeit gab, mit deren Entlohnung man seine Familie noch halbwegs satt bekommen konnte.

Zurückgeblieben waren die Alten, denen man nachsagte, sie seien stur und bräsig geworden, eine Handvoll Männer, die sich abends zum Bierchen im längst geschlossenen und langsam verfallenden Dorfkrug trafen, während die Frauen die wenigen Gartenerträge zu Lebensmitteln verarbeiteten, um sie auf dem Wochenmarkt der nächsten Kleinstadt für einen schmalen Taler  zu veräußern.

Zu tief saß die Resignation  der wenigen Dorfbewohner, von der Politik vergessen worden zu sein, ausgemustert, wie eine alte Staatsuniform.

Der Investor, der sich erst leidenschaftlich und voller Pläne für das Dorf und seine Infrastruktur interessiert hatte und es kaufen wollte, machte einen Rückzieher, da seine Vorhaben scheinbar nicht mehr lukrativ genug für ihn waren. Ihm schien es nichts auszumachen, einst hochtrabende Gedankenspiele und Vorschläge, dem Dorf eine neue Bedeutung, ja, eine neue Zukunft zu geben,  zu einem Einheitsbrei der Enttäuschung zu pürieren.

Eine Zukunft gab es scheinbar nicht und was die Damen und Herren in Berlin politisch vorhatten, ging ohnehin an den Belangen des Sechzehnseelendorfes vorbei. Somit erfreuten sich die Bewohner, wenn ihre Kinder und Enkel gelegentlich vorbeischauten und ein wenig Sonnenschein, Freude und Kinderlachen  ins triste Dorf brachten.

© G. Bessen

 

 

abc-etüde Textwoche 8/18

Danke an Christiane für die Einladung und an Ludwig für die Illustration.

Die Wörter für die Textwoche 08.18 wurden von Petra Schuseil und ihrem Wesentlich-Werden-Blog (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) gespendet und lauten:

Pimpinelle (hier nachlesen)
stürmisch
glucksen.

 

Die Pimpinelle

Die zierlichen Köpfe der Familie  Pimpinelle schaukelten im Wind, denn es war recht stürmisch geworden. Für den Betrachter, der am Feldrand stand, bot sich ein amüsantes Bild. Es schien, als sei hier ein unbekannter Künstler mit einer perfekten Choreografie wie Phönix aus der Asche erstanden. Der aufmerksame Beobachter konnte jedoch noch mehr wahrnehmen. Die Familie der kleinen Wiesenknöpfe, denn so hieß die Familie der Pimpinelle im Volksmund, lauschte der Melodie des Windes und schunkelte im ¾-Takt einer Walzermelodie mal nach rechts, mal nach links.

Dabei schienen die kleinen Blüten vor Freude zu glucksen, so einen Spaß machte ihnen die Bewegung in der Hitze des späten Sommertages. Doch die Idylle war trügerisch, denn bereits am Horizont tauchten dunkle Wolken auf, die sich wenig später erbarmungslos mit dicken und schweren Tropfen über die fröhliche Pimpinellenschar ergießen und  die Jüngsten unter ihnen erbarmungslos mitreißen würden.

Das waren die Gesetze der Natur und sie nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden. Doch bis es so weit war, erfreute sich die Blütenschar ihres noch jungen und bewegungsreichen Lebens. Manchmal ist ein kurzes erfülltes Leben wertvoller als ein langes und freudloses.

©G. Bessen

 

 

abc-etüde Textwoche 2.18.2

Aus drei Wörtern in 10 Sätzen
eine Kurzgeschichte schreiben,
das ist die Herausforderung.
Die Wörter stammen von Christiane selbst und Ludwig hat wie immer illustriert.

Vergangenheit

„Zwei Hackepeterbrötchen und einen großen Pott Kaffee, bitte.“

Als sie die Stimme hörte, zuckte sie kurz zusammen und blickte in die graugrünen Augen vor sich  auf der anderen Seite des Tresens.

Sie erkannte die Stimme sofort, doch der Rest dieses Menschen, der vor ihr stand und sich teilnahmslos die Auslagen betrachtete, schien ihr vollkommen fremd.

Wie lange war das her, vierzig  oder fünfzig Jahre?

Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich in einer Arbeitsgruppe mit ihm, schon damals ganz Grün, ganz Öko und gegen den Rest der Welt, die die Umwelt  nach Strich und Faden ausbeutete.

Was hatten sie für gut durchdachte und für die damalige Zeit exzellente Pläne und  Ziele gehabt und was war aus all dem geworden?

Er trug die orangefarbene Arbeitskleidung der Müllabfuhr, schob die Bürde seines dicken Bauches vor sich her und strich sich die speckigen Haare aus der Stirn.

Sollte sie ihn ansprechen, sich ihm zu erkennen geben, denn offenbar erkannte er sie auch nicht.

‚Nein’, beschloss sie innerlich, das hätte keinen Sinn, denn der Reiz des damals so gut aussehenden Mannes mit seinen brillanten Ideen und seiner ansteckenden Fröhlichkeit war einem biederen, älteren wohlbeleibten Mann gewichen, nachdem sich heute keine Frau mehr umsehen würde.

Auch sie hatte dem Zahn der Zeit nicht entgehen können, bediente ihn professionell freundlich, kassierte ab und wandte sich dem nächsten Kunden zu, innerlich ein weiteres Kapitel ihres Lebens abschließend.

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18. (2)

Christiane und Ludwig laden wieder ein:

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

Der Jahreswechsel

Missmutig blickte Udo auf den Kalender, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und seufzte, denn es dauerte noch zwei Tage, bis der normale Alltag wieder in sein Leben einziehen würde, bis er sich wieder unter Menschen begeben, einkaufen oder seinen täglichen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Was für ein Irrsinn, was für eine Heuchelei, das neue Jahr mit Böllern und Raketen, mit Alkohol und Partys bis zum Umfallen zu begrüßen, in einer Welt, in der ohnehin nichts mehr stimmte, Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden, Liebe und Hass so in ein Ungleichgewicht geraten waren, dass es einem nur noch schlecht werden konnte!

Dieses vorsatzgeschwängerte Neujahrsläuten empfand er mittlerweile als genauso dekadent wie mancher Menschen Freude über den eigenen Geburtstag, denn ein Jahr älter zu werden und dem Ende der Wurst immer näher zu rücken, war doch nun wirklich kein Grund zur Freude, besonders dann nicht, wenn man alleine war und gewisse Zukunftsängste sich nicht mehr wegatmen oder schön trinken ließen.

„Du oller Miesepeter! Hast du vergessen, wie viele Silvesternächte wir mit Freunden durchgefeiert und auch durchgetanzt haben, bis wir am Neujahrsmorgen völlig fertig nur noch ins Bett gefallen sind? Unser Bleigießen ist immer daneben gegangen, denn wir brachten nur undefinierbare Bleiklumpen zustande und die Interpretationen, was das alles so sein könnte, waren immer die Lacher der Silvesternacht.

Unsere runden Geburtstage, die wir schon monatelang akribisch vorbereitet hatten, waren immer etwas ganz Besonderes und haben uns so viel Freude bereitet, dass wir noch lange darüber gesprochen und uns immer wieder die Fotos angesehen haben. Als die Kinder geboren wurden, ihre Ausbildung beendet hatten und ihre eigenen Familien gründeten, waren wir so stolz auf uns und der Meinung, dass wir zusammen eine Menge Gutes zustande bekommen haben und uns doch ein wenig auf die eigene Schulter klopfen könnten.

Und nun sitzt du da, verbiestert, vergrämt und mit Gott und aller Welt unzufrieden und jammerst mir die Ohren voll, doch das geht so nicht, denn du hattest ein Leben vor mir und hast auch noch ein Leben nach mir.

Es war mir nicht vergönnt, länger an deiner Seite bleiben zu dürfen, doch wenn du glaubst, dass ich auf dich warte und du kommst dann in diesem Zustand zu mir, kannst du eigentlich auch für immer am Leben und auf der Erde bleiben.“

Nachdenklich betrachtete er das Foto seiner verstorbenen Frau Sabine neben dem Kalender auf seinem Schreibtisch und wusste, dass er diese regelmäßigen ‚Kopfwaschaktionen’ von woher auch immer dringend brauchte, um sein unfreiwilliges Singleleben wieder in die richtige Form zu bringen.

© G.Bessen

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Christiane und Ludwig laden wieder ein:

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

 

 

Paul, der Pechvogel

 Wieso wunderte es ihn nicht, dass auch das Weihnachtsfest gründlich in die Hose gegangen war, wie bereits all die Monate, die dem Heiligabend vorausgegangen waren?

Paul war ein ausgesprochener Pechvogel geworden, oder das Schicksal hatte sich gegen ihn gestellt, oder das Glück hatte ihn verlassen, oder er war generell auf dem absteigenden Ast oder, oder, oder … .
Darüber zu lamentieren, brachte ihn nicht weiter, er musste nun zusehen, wie er aus der sprichwörtlichen Nummer, besser gesagt, aus der Notaufnahme des Unfallkrankenhauses herauskam, bevor der Karpfen, der munter in seiner Badewanne schwamm, schon vier Tage vor Silvester einem Drehwurm oder einem Kreislaufkollaps erlag.

Doch so einfach war das nicht, denn das Röntgenbild musste noch ausgewertet werden und eine eventuelle Nachbehandlung dessen, was der Christbaumständer, den er sich hatte auf den rechten Fuß fallen lassen, möglicherweise angerichtet hatte, war noch nicht klar.

Wenigstens war Weihnachten vorbei, und obgleich die Notaufnahme des Krankenhauses noch in Schmalspurbesetzung arbeitete, fühlte sich Paul gut aufgehoben und betreut, denn bei genauerem Hinsehen saß er nicht alleine hier auf der Wartebank.

Mit ihm schien noch ein Dutzend anderer Verunfallter auf eine Erste-Hilfe-Maßnahme zu warten und hoffte auf Linderung, denn um manche Finger- und Handgelenke oder um einige Köpfe waren notdürftig Lappen oder amateurhaft Verbände gelegt worden, so manche dicke Wange wurde von einem Eisbeutel bedeckt und der Verein der Versehrten blickte in seiner Gesamtheit nicht ganz glücklich aus der Wäsche.

Nach einer gefühlten Endlosschleife rief man Paul ins Behandlungszimmer und verkündete ihm, was für ein Glück sein Mittelfuß doch gehabt hatte, denn lediglich eine mittelschwere Prellung mit zunehmender Buntfärbung würde ihn noch lange an den gefallenen Christbaumständer erinnern, aber das ginge irgendwann vorüber.

Somit schien ihm das Glück doch noch nicht eingefroren zu sein und mit einer schwungvollen Geste nahm er die zierliche, asiatisch aussehende Notärztin in die Arme, drehte sich mit ihr einmal im Kreis herum, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, flüsterte ihr die besten Wünsche für einen guten Jahreswechsel ins Ohr und humpelte, so schnell es ihm möglich war, dem Ausgang entgegen.

Doch Paul kam nicht weit, denn während er beim Gehen seine von der Kälte beschlagenen Brillengläser putzte, stolperte er über ein Skateboard, das herren- oder damenlos einfach in der Gegend herumstand, und fiel der Länge nach hin, genau auf seinen linken Arm, der ihm ohnehin von der Schulter her häufig wehtat.
Die zierliche, asiatisch aussehende Notärztin lächelte ihn verschmitzt an, während sie ihm etwa zwei Stunden später einen Gipsverband anlegte, und flüsterte ihm ins Ohr, dass er in der Silvesternacht gern mit einer Flasche alkoholfreien Sekts vorbeikommen dürfe, falls er nichts Besseres zu tun hätte, denn hier sei er in sicheren Händen.

© G. Bessen

 

 

Auf dem Weihnachtsweg: 4. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1:

Sabine  hatte sich selten innerlich so aufgeräumt gefühlt, wie zu Beginn dieser Vorweihnachtszeit.

Erst hatte sie das auf ihr Nicht-Mehr-Arbeiten-Müssen zurückgeführt, aber es hatte einen anderen, einen tieferen Grund. Morgen Abend würde er endlich nach Hause kommen, rechtzeitig  zu Weihnachten. Ein langes Jahr der Sorge und des Bangens gingen vorüber, ein Jahr der Ungewissheit, wie es ihm wirklich dort erging. Im ganzen Haus duftete es nach selbst gebackenen Keksen.

Das Backblech lag noch warm im Spülbecken. Sie suchte die Zutaten zusammen, um gleich morgen früh Dominosteine aus Lebkuchen, Fruchtgelee und Marzipan zu fertigen. Eigentlich passte diese Zuckerorgie gar nicht zu ihren sonstigen Ernährungsgewohnheiten, aber sie dachte eher an ihn und all das, was er ein Jahr entbehren musste.

Wie schnell dieses Jahr doch vergangen war. Sie setzte sich in ihren gemütlichen Fernsehsessel, goss sich ein Glas Rotwein ein und dachte über die vielen Diskussionen nach, die sie miteinander geführt hatten, nachdem er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte.

Fortsetzung folgt…