abc-etüde Textwoche 2.18.2

Aus drei Wörtern in 10 Sätzen
eine Kurzgeschichte schreiben,
das ist die Herausforderung.
Die Wörter stammen von Christiane selbst und Ludwig hat wie immer illustriert.

Vergangenheit

„Zwei Hackepeterbrötchen und einen großen Pott Kaffee, bitte.“

Als sie die Stimme hörte, zuckte sie kurz zusammen und blickte in die graugrünen Augen vor sich  auf der anderen Seite des Tresens.

Sie erkannte die Stimme sofort, doch der Rest dieses Menschen, der vor ihr stand und sich teilnahmslos die Auslagen betrachtete, schien ihr vollkommen fremd.

Wie lange war das her, vierzig  oder fünfzig Jahre?

Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich in einer Arbeitsgruppe mit ihm, schon damals ganz Grün, ganz Öko und gegen den Rest der Welt, die die Umwelt  nach Strich und Faden ausbeutete.

Was hatten sie für gut durchdachte und für die damalige Zeit exzellente Pläne und  Ziele gehabt und was war aus all dem geworden?

Er trug die orangefarbene Arbeitskleidung der Müllabfuhr, schob die Bürde seines dicken Bauches vor sich her und strich sich die speckigen Haare aus der Stirn.

Sollte sie ihn ansprechen, sich ihm zu erkennen geben, denn offenbar erkannte er sie auch nicht.

‚Nein’, beschloss sie innerlich, das hätte keinen Sinn, denn der Reiz des damals so gut aussehenden Mannes mit seinen brillanten Ideen und seiner ansteckenden Fröhlichkeit war einem biederen, älteren wohlbeleibten Mann gewichen, nachdem sich heute keine Frau mehr umsehen würde.

Auch sie hatte dem Zahn der Zeit nicht entgehen können, bediente ihn professionell freundlich, kassierte ab und wandte sich dem nächsten Kunden zu, innerlich ein weiteres Kapitel ihres Lebens abschließend.

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Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18. (2)

Christiane und Ludwig laden wieder ein:

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

Der Jahreswechsel

Missmutig blickte Udo auf den Kalender, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und seufzte, denn es dauerte noch zwei Tage, bis der normale Alltag wieder in sein Leben einziehen würde, bis er sich wieder unter Menschen begeben, einkaufen oder seinen täglichen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Was für ein Irrsinn, was für eine Heuchelei, das neue Jahr mit Böllern und Raketen, mit Alkohol und Partys bis zum Umfallen zu begrüßen, in einer Welt, in der ohnehin nichts mehr stimmte, Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden, Liebe und Hass so in ein Ungleichgewicht geraten waren, dass es einem nur noch schlecht werden konnte!

Dieses vorsatzgeschwängerte Neujahrsläuten empfand er mittlerweile als genauso dekadent wie mancher Menschen Freude über den eigenen Geburtstag, denn ein Jahr älter zu werden und dem Ende der Wurst immer näher zu rücken, war doch nun wirklich kein Grund zur Freude, besonders dann nicht, wenn man alleine war und gewisse Zukunftsängste sich nicht mehr wegatmen oder schön trinken ließen.

„Du oller Miesepeter! Hast du vergessen, wie viele Silvesternächte wir mit Freunden durchgefeiert und auch durchgetanzt haben, bis wir am Neujahrsmorgen völlig fertig nur noch ins Bett gefallen sind? Unser Bleigießen ist immer daneben gegangen, denn wir brachten nur undefinierbare Bleiklumpen zustande und die Interpretationen, was das alles so sein könnte, waren immer die Lacher der Silvesternacht.

Unsere runden Geburtstage, die wir schon monatelang akribisch vorbereitet hatten, waren immer etwas ganz Besonderes und haben uns so viel Freude bereitet, dass wir noch lange darüber gesprochen und uns immer wieder die Fotos angesehen haben. Als die Kinder geboren wurden, ihre Ausbildung beendet hatten und ihre eigenen Familien gründeten, waren wir so stolz auf uns und der Meinung, dass wir zusammen eine Menge Gutes zustande bekommen haben und uns doch ein wenig auf die eigene Schulter klopfen könnten.

Und nun sitzt du da, verbiestert, vergrämt und mit Gott und aller Welt unzufrieden und jammerst mir die Ohren voll, doch das geht so nicht, denn du hattest ein Leben vor mir und hast auch noch ein Leben nach mir.

Es war mir nicht vergönnt, länger an deiner Seite bleiben zu dürfen, doch wenn du glaubst, dass ich auf dich warte und du kommst dann in diesem Zustand zu mir, kannst du eigentlich auch für immer am Leben und auf der Erde bleiben.“

Nachdenklich betrachtete er das Foto seiner verstorbenen Frau Sabine neben dem Kalender auf seinem Schreibtisch und wusste, dass er diese regelmäßigen ‚Kopfwaschaktionen’ von woher auch immer dringend brauchte, um sein unfreiwilliges Singleleben wieder in die richtige Form zu bringen.

© G.Bessen

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Christiane und Ludwig laden wieder ein:

Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.

Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

 

 

Paul, der Pechvogel

 Wieso wunderte es ihn nicht, dass auch das Weihnachtsfest gründlich in die Hose gegangen war, wie bereits all die Monate, die dem Heiligabend vorausgegangen waren?

Paul war ein ausgesprochener Pechvogel geworden, oder das Schicksal hatte sich gegen ihn gestellt, oder das Glück hatte ihn verlassen, oder er war generell auf dem absteigenden Ast oder, oder, oder … .
Darüber zu lamentieren, brachte ihn nicht weiter, er musste nun zusehen, wie er aus der sprichwörtlichen Nummer, besser gesagt, aus der Notaufnahme des Unfallkrankenhauses herauskam, bevor der Karpfen, der munter in seiner Badewanne schwamm, schon vier Tage vor Silvester einem Drehwurm oder einem Kreislaufkollaps erlag.

Doch so einfach war das nicht, denn das Röntgenbild musste noch ausgewertet werden und eine eventuelle Nachbehandlung dessen, was der Christbaumständer, den er sich hatte auf den rechten Fuß fallen lassen, möglicherweise angerichtet hatte, war noch nicht klar.

Wenigstens war Weihnachten vorbei, und obgleich die Notaufnahme des Krankenhauses noch in Schmalspurbesetzung arbeitete, fühlte sich Paul gut aufgehoben und betreut, denn bei genauerem Hinsehen saß er nicht alleine hier auf der Wartebank.

Mit ihm schien noch ein Dutzend anderer Verunfallter auf eine Erste-Hilfe-Maßnahme zu warten und hoffte auf Linderung, denn um manche Finger- und Handgelenke oder um einige Köpfe waren notdürftig Lappen oder amateurhaft Verbände gelegt worden, so manche dicke Wange wurde von einem Eisbeutel bedeckt und der Verein der Versehrten blickte in seiner Gesamtheit nicht ganz glücklich aus der Wäsche.

Nach einer gefühlten Endlosschleife rief man Paul ins Behandlungszimmer und verkündete ihm, was für ein Glück sein Mittelfuß doch gehabt hatte, denn lediglich eine mittelschwere Prellung mit zunehmender Buntfärbung würde ihn noch lange an den gefallenen Christbaumständer erinnern, aber das ginge irgendwann vorüber.

Somit schien ihm das Glück doch noch nicht eingefroren zu sein und mit einer schwungvollen Geste nahm er die zierliche, asiatisch aussehende Notärztin in die Arme, drehte sich mit ihr einmal im Kreis herum, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, flüsterte ihr die besten Wünsche für einen guten Jahreswechsel ins Ohr und humpelte, so schnell es ihm möglich war, dem Ausgang entgegen.

Doch Paul kam nicht weit, denn während er beim Gehen seine von der Kälte beschlagenen Brillengläser putzte, stolperte er über ein Skateboard, das herren- oder damenlos einfach in der Gegend herumstand, und fiel der Länge nach hin, genau auf seinen linken Arm, der ihm ohnehin von der Schulter her häufig wehtat.
Die zierliche, asiatisch aussehende Notärztin lächelte ihn verschmitzt an, während sie ihm etwa zwei Stunden später einen Gipsverband anlegte, und flüsterte ihm ins Ohr, dass er in der Silvesternacht gern mit einer Flasche alkoholfreien Sekts vorbeikommen dürfe, falls er nichts Besseres zu tun hätte, denn hier sei er in sicheren Händen.

© G. Bessen

 

 

Auf dem Weihnachtsweg: 4. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1:

Sabine  hatte sich selten innerlich so aufgeräumt gefühlt, wie zu Beginn dieser Vorweihnachtszeit.

Erst hatte sie das auf ihr Nicht-Mehr-Arbeiten-Müssen zurückgeführt, aber es hatte einen anderen, einen tieferen Grund. Morgen Abend würde er endlich nach Hause kommen, rechtzeitig  zu Weihnachten. Ein langes Jahr der Sorge und des Bangens gingen vorüber, ein Jahr der Ungewissheit, wie es ihm wirklich dort erging. Im ganzen Haus duftete es nach selbst gebackenen Keksen.

Das Backblech lag noch warm im Spülbecken. Sie suchte die Zutaten zusammen, um gleich morgen früh Dominosteine aus Lebkuchen, Fruchtgelee und Marzipan zu fertigen. Eigentlich passte diese Zuckerorgie gar nicht zu ihren sonstigen Ernährungsgewohnheiten, aber sie dachte eher an ihn und all das, was er ein Jahr entbehren musste.

Wie schnell dieses Jahr doch vergangen war. Sie setzte sich in ihren gemütlichen Fernsehsessel, goss sich ein Glas Rotwein ein und dachte über die vielen Diskussionen nach, die sie miteinander geführt hatten, nachdem er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte.

Fortsetzung folgt…

abc.etüden 48.17

Die Wörter der heutigen abc.etüde stammen von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée  und lauten:

 

 

Flussbett
langwierig
klöppeln

abc.etüde 48.17

Vorfreude in Siebenbrunn

Eine zarte Puderzuckerdecke hatte sich über das Vogtland gelegt und das Novembergrau bekam dadurch einen freundlicheren Anstrich.

Grete schob ihre Brille ein wenig höher und begutachtete ihren ersten fertiggestellten Christbaumschmuck für den diesjährigen Weihnachtsmarkt.
Sterne, Engel und Weihnachtsmänner blickten ihr zart und fein entgegen und diese filigrane Arbeit erfüllte sie mit Stolz, aber gleichzeitig mit Sorge, denn das Alter war ihr in die Hände gekrochen und von Jahr zu Jahr wurde es mit ihrer Gelenkarthrose mühsamer für sie zu klöppeln.

Die Frauen ihres Ortes hatten sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen und sich vorgenommen, diese traditionelle Handarbeit ihrer Heimat aufrechtzuerhalten und an die Jüngeren weiterzugeben.

Der Prozess der Überzeugung war langwierig, ohne Frage, denn Handarbeit schien generell immer mehr aus der Mode zu kommen.
Warum sich abmühen, wenn Textilien woanders hergestellt und in unseren Geschäften zu Schleuderpreisen wieder verkauft wurden, ohne zu hinterfragen, wie sie in den jeweiligen Ländern und unter welchen sozialen Bedingungen entstanden?
Das war im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler der hiesigen Schullandschaft noch nicht so angekommen, bis Frau Petermann aus Chemnitz als neue Direktorin des Schiller-Gymnasiums erreichte, Handarbeit und speziell das Klöppeln als Wahlfach einzurichten.

In ihrer mitreißenden und freundlichen Art schaffte sie es, zwei Kurse bis an die Obergrenze zu füllen und im Ort Siebenbrunn war wahrhaftig das Klöppelfieber bei Jung und Alt ausgebrochen, sodass die Alten zufrieden, die Jungen mit Feuereifer dabei waren und nur so gelang es , das Miteinander im Ort wieder in gute und gemeinschaftliche Bahnen zu lenken.

Der Weihnachtsmarkt war gut organisiert, die Werbung lief in vollen Zügen und Siebenbrunn erwartete ein gutes Geschäft, dessen Erlös der Infrastruktur des Ortes zugutekommen sollte. Nur die Weiße Elster bewahrte die Ruhe und schlängelte sich, gespannt auf das, was kommen würde, durch ihr breites Flussbett.

© G. Bessen

abc.etüden 47/17

3 Wörter von Wortgerinnsel  Pissnelke, krümelig, verdrehen vorgegeben, Ludwig Zeidler hat die Grafik erstellt und Christiane hat wieder aufgerufen:

3 Wörter in zehn Sätzen = Kurzgeschichte

 Das Sprachniveau

„Opa, was ist eine Pissnelke?“ , fragte die knapp vierjährige Frieda ihren Opa, dessen Kopf ruckartig nach oben schoss und der die Zeitung, die von seinen Knien rutschen wollte, samt Lesebrille im letzten Moment auffing.
„Ähm – wer will das wissen?“, fragte Opa Michael, nun hellwach.
„Meike, eine von den Erzieherinnen, hat das heute zur Köchin Olga gesagt und ich weiß nicht, was das ist.“
Friedas Ton klang etwas genervt, ein klares Zeichen, dass Opa Michael nun Rede und Antwort stehen sollte, während sie emsig dabei war, einen Zwieback als Futtergabe für das Vogelhäuschen zu zerkleinern. Auf dem Tisch vor ihr sah es äußerst krümelig aus und Michael musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen, denn wenn Oma Gitti gleich um die Ecke schoss, gab es womöglich Ärger.

Zu spät – Oma Gitti blickte zuerst ihre Enkelin, dann ihren Gatten an, strafend der Blick.

Pissnelke, das sollte man eigentlich nicht sagen, denn das ist eine Beleidigung für einen Menschen und ich glaube, das ist der Meike rausgerutscht, weil sie sich über die Olga geärgert hat“, klärte die Pädagogin im Ruhestand die kleine Frieda auf.

Der Blick, den sie Michael zuwarf, bedeutete genau das, worüber sie in letzter Zeit oft diskutierten: die Frage, wie sie einer Verrohung der Sprache entgegen wirken konnten.
Sie hatten beschlossen, Frieda so viel wie möglich vorzulesen, um ihren Sprachschatz auf einem gewissen Sprachniveau zu erweitern und um sie zu motivieren, bald selbst das Lesen lernen zu wollen.

Frieda blickte nachdenklich aus dem Fenster und fragte dann unvermittelt, warum sich ihr Opa so oft über den Nachbarn ärgere, wenn er sich bei Oma Gitti beschwerte, was der Nachbar, das blöde Arschloch, wieder alles angestellt hatte…

© G. Bessen

abc.etüden 46/17

Die Wörter für die Textwoche 46.17 spendete Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) und sie lauten:

Stilblüte
banal
jodeln

Die visuellen Schmankerl, wie immer, von Ludwig Zeidler.

 

Stilblüten sind eine Sache, bei der jeder banale Rotstift ins Hüpfen kommt  und der Lehrer das Jodeln lernen kann.

Der folgende Aufsatz entstand, nachdem das Schneeballverbot in der Hofpause wieder einmal missachtet wurde und ein Schneeball durch das offene Lehrerzimmerfenster flugs in die Kaffeetasse einer Kollegin klatschte, deren weißer Rolli im Handumdrehen weiß-braun gesprenkelt war. Wer sich nun wundert, warum Lehrer im Winter bei offenem Fenster im Lehrerzimmer sitzen, dem sei geflüstert, dass es Zeiten gab, in denen man in der Schule – im Lehrerraucherzimmer – noch rauchen durfte.

„Das Schneballwerfen ist in der Schule verboten weil, es schlimme folgen haben kann Z.B. Es können im Schneeball Steine sein und das kann´s in das Auge gehen und dann Kann man Blind werden. Und auch Z.B. Kann das ins Ohr gehen und dann Kann man Ohrenschmerzen bekommen. Mann kann Schneebälle auf die Nase bekommen und bekommt Nasenbluten. Man Kann auch durch ein Eisball am Bein getroffen werden und man bekommt Blaue Flecken. Wenn ein Schneball zu einem Eisball geworden ist und man wird am Kopf getroffen Kann man auch eine leichte Verletzung herbeitragen. Das war mein Aufsatz über Schneebälle und seine Folgen.“

(Der Verfasser ist der Autorin bestens bekannt  🙂 )

 

© G. Bessen