N wie Narr

Du Narr

Ich habe dich sofort entdeckt,

trotz Maskerade und Kostüm.

Ich hab’ mich nicht vor dir versteckt,

trotzdem hast du mich nicht geseh’n.

Du lebst in einer anderen Sphäre,

das ist mir schon seit langem klar.

Und selbst, wenn das auch mein Ziel wäre,

so würde aus uns nie ein Paar.

Im Schutze deiner Maskerade

benimmst du dich ganz ungeniert.

Bewegst dich auf verbotenem  Pfade,

wenn das mal nur kein Fehltritt wird.

So geh du deinen Weg ruhig weiter

und ich such’ meinen, ganz für mich.

Heut lass uns feiern, möglichst heiter,

was morgen kommt, das weiß man nicht.

 c/ G.B. 2009

M wie Meeresrauschen

Hörst du das Rauschen des Meeres?

 

Es erzählt dir seine Geschichte

von unerforschten Tiefen

und seiner bunt schillernden Welt,

die das Herz erfreut.

 

Von tosenden Gewalten,

die unbarmherzig Leben zerstören

und von Menschen,

die auch das letzte Geheimnis

lüften und vermarkten wollen.

 

Begnüge dich mit einer Muschel,

lausche ihrem Klang,

einem Zeugen aus vergangener Zeit,

als die Welt des Meeres

noch ein Eigenleben hatte.

 

©  G.B. 13.2.12

Mein Winterbaum

Mein Winterbaum

 

Lange hab’ ich ihn gesucht,

den Baum,

den ich zum Freund erwählt.

 

Stolz steht er aufrecht,

nackt und bloß

und trotzt der Kälte

blätterlos.

 

Bald zieht sein

Frühlingskleid er an,

ich werde es bestaunen,

dann und wann.

 

Erzähl’ ihm

meine Nöte, Sorgen

und weiß,

sie sind

bei ihm geborgen.

 

Sei mir gegrüßt,

mein schöner Baum,

mein stiller Freund

für alle Tage.

 

© G.B. 5.2.12

K – wie Käthe und Anton

Müde saß er am Küchentisch und legte das Gesicht in seine runzligen Hände. Seit Tagen saß ihm ein Kloß im Hals, der wie ein Abzess von Tag zu Tag dicker wurde. Wie sollte es weitergehen?
Verstohlen wischte er sich über die feuchten Augen, denn Käthe kam in die Küche. Sie sollte seine Tränen nicht sehen.
„Wollen wir essen? Es ist alles fertig.“
Er nickte ihr freundlich zu, erhob sich mühsam und deckte den Tisch. Beim fast schweigsamen Mittagessen lief das Radio mit den aktuellen Tagesnachrichten und den neuesten Meldungen aus aller Welt.
„Ich möchte nicht mehr jung sein“, brach es plötzlich aus Käthe hervor. „So viele Schwierigkeiten, denen die jungen Leute heutzutage ausgesetzt sind.“
„Haben wir es früher leichter gehabt? Hast du den Krieg und die schweren Zeiten danach vergessen?“
Beim Wort ‘vergessen’ biss Anton sich fast auf die Unterlippe.
„Nein, natürlich nicht. Es waren harte Zeiten, damals . . .“
Käthe legte ihren Löffel in den halbleeren Teller und schaute aus dem Fenster, als kehre ihr inneres Auge um einige Jahrzehnte zurück.
„Käthe? Bist du schon satt?“, fragte Anton beunruhigt.
„Nein, ich habe nur daran gedacht, dass wir damals anders waren. Wir hatten ein Ziel, wir waren motiviert und wir hatten gelernt, gemeinsam etwas anzupacken und haben es auch geschafft. Und heute? Was erwartet die jungen Leute? Arbeitslosigkeit, ob mit oder ohne Schulabschluss, eine vergiftete Umwelt und Krankheiten, die es früher nicht gab.“
„Doch, Käthe, all das gab es früher auch. Bloß stand das damals alles im Hintergrund und man konnte es nicht benennen, man wusste zu wenig“, konterte Anton energisch, doch das wollte Käthe so nicht stehen lassen.
„Für uns war früher klar, wie das Leben seinen Lauf nimmt. Man hat einen Beruf erlernt und eine Familie gegründet Ein Kind wurde nicht geplant, wenn es da war, war es da. Einen weiteren ‘Esser bekommen wir auch noch satt’. So hat man gedacht und auch gehandelt. Und irgendwann war man alt und ist gestorben. Und heute? Wie viele Kinder können gar nicht erwachsen werden und werden vorher abgetrieben oder kommen auf andere Weise um? Wie viele junge Leute sterben durch Drogen? Wie viele intakte Familien gibt es noch? Wie viele geraten auf die schiefe Bahn, weil sie mit dem Leben nicht mehr klar kommen?“
Angriffslustig blickte sie Anton an, der das Thema beenden wollte.
„Die Zeiten haben sich geändert, ebenso wie die Menschen.“
Mit Appetit wandte er sich wieder seiner Sauerkrautsuppe zu und bestrich sich eine weitere Scheibe Brot dick mit Butter.
„Anton, der Arzt hat gesagt, du sollst nicht so viel Butter essen. Das erhöht deine Cholesterinwerte.“
Käthes mahnende Stimme hielt ihn nicht davon ab, noch eine Lage Butter aufs Brot zu schmieren.
„Wir müssen alle mal sterben, wie, ist doch auch egal.“
Käthe gab es auf. Über gesunde Ernährung konnte sie mit Anton nicht reden. Er aß, was ihm schmeckte. Ob gesund oder nicht, darüber machte er sich kaum Gedanken.
Während Anton sein Vesper genoss, wanderten seine Gedanken zum Gespräch mit Käthe zurück. Innerlich musste er lächeln, so redselig war sie lange nicht mehr beim Essen gewesen. In letzter Zeit schien sie oft abwesend und in sich gekehrt zu sein. Merkte sie etwas? Warum sprach sie nicht mit ihm darüber?
Er hatte mehrfach vor, sie direkt zu fragen, aber er scheute sich davor. Er wusste auch nicht, wie er ein solches Gespräch beginnen sollte. Er konnte doch nicht mit der Tür ins Haus fallen . . .
Käthe hatte mittlerweile den Tisch abgeräumt, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine gepackt und Wasser für einen Kaffee aufgesetzt. Alles im grünen Bereicht, registrierte Anton.
„Käthchen, ich mach mir ein Bier auf, trink du mal deinen Kaffee. Bei der Hitze heute brauche ich etwas Kaltes.“
„Wie du willst“, antwortete Käthe, goss sich heißes Wasser auf den Teelöffel Nescafé und balancierte die Kaffeetasse, deren Inhalt beinahe überschwappte, zum Küchentisch.
Wie jeden Mittag nahm Anton sein Kreuzworträtselheft und Käthe schaute in die Tageszeitung. Eine halbe Stunde Mittagsruhe, nach der jeder von ihnen entspannt an seine Arbeit zurückging.
Bisher hatte Anton für Zweifelsfälle ein Kreuzworträtsellexikon benutzt. Obwohl es griffbereit da lag, schaute er nicht hinein, sondern fragte Käthe.
„Warum schlägst du nicht nach?“, fragte sie missmutig, ohne von ihrer Zeitung aufzublicken.
‘Ja, warum wohl?’, dachte Anton und brubbelte „Das Nachschlagen dauert mir zu lange“ vor sich hin. Käthe ließ sich von ihrer Zeitungslektüre nicht ablenken und las ungestört weiter. So kam aber auch Anton nicht weiter. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er schaute Käthe an.
„Musst du nicht heute Nachmittag zum Arzt? Heute ist doch der sechsundzwanzigste.“
„Meinst du? Ich weiß es nicht. Habe ich das nicht irgendwo aufgeschrieben?“
Obwohl er sie wieder beim Lesen gestört hatte, stand sie sofort auf, schlurfte zur Pinnwand und suchte nach einer handgeschriebenen Notiz. „Tatsächlich, du hast Recht“, murmelte sie mit großen Augen.
Es gab Anton einen erneuten Stich. Käthe war immer ein lebender Terminkalender gewesen. Sie hatte alle Termine, Daten für Überweisungen, Geburtstage und wichtige Telefonnummern stets präsent gehabt. Seit geraumer Zeit jedoch bepflasterte sie die Pinnwand mit unzähligen Zetteln, gespickt mit roten und blauen Pfeilen, mit den Zusätzen ‘wichtig’ und ‘noch in dieser Woche zu erledigen’.
„Dann werde ich mich mal fertig machen.“
Käthe faltete sorgfältig die Zeitung zusammen, schlurfte aus der Küche und ging die knarrende Treppe zum Schlafzimmer hinauf.
Als Käthe mit ihrem Fahrrad schließlich außer Sichtweite war, verschloss Anton sorgfältig die Terrassentür und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Er starrte wie hypnotisiert auf den Hörer des alten, schwarzen Telefons, nahm ihn mehrfach auf und legte ihn resigniert zurück auf die Gabel. Wie schwer es doch war, gleich über zwei Schatten zu springen . . .
Drei Jahre war es her, dass er sich mit seiner Tochter zerstritten und sie nicht mehr angerufen hatte. Er wusste, dass Käthe regelmäßig mit ihr telefonierte und tat so, als ginge ihn das alles nichts mehr an. In seinem Inneren litt er wie ein Hund, aber Charlotte hatte seinen Dickkopf geerbt und würde sich eher selbst die Finger abhacken, als den ersten Schritt zu tun.
Er gab sich einen Ruck und wählte mit zitternden Händen die noch vertraute Nummer. Ehe Anton nur einen Gedanken daran verschwenden konnte, womöglich wieder aufzulegen, meldete sich der Teilnehmer schon.
„Schmidt, guten Tag.“
„Guten Tag, Charlotte.“
„Vater, du? Was ist passiert? Ist etwas mit Mutter?“
Anton hörte den sorgenvollen Unterton in ihrer Stimme und fragte sich, ob sie sich je Sorgen um ihn gemacht habe.
„Nein . . . doch. Ich mache mir große Sorgen um sie.“
Und dann stürzte es aus ihm heraus, was er in den vergangenen Wochen an Veränderungen bei Käthe bemerkt hatte. Ihre Gedächtnislücken an kurz zurückliegende Ereignisse, dass sie mehrmals vergessen hatte, die Herdplatten auszuschalten, dass sie ihr Gebiss in den Kühlschrank oder in den Backofen, statt in den Gebissbehälter gelegt und erst nach langem Suchen wiedergefunden hatte. Er berichtete seiner Tochter von Käthes Mühen, ihre Schnürsenkel zu binden, dass sie in Gesprächen oft den roten Faden und im Dorf immer mehr die Orientierung verlor und gute Bekannte nach ihren Namen gefragt hatte . . .
„Ach, Charlotte“, seine Stimme zitterte, „es wird von Tag zu Tag schlimmer. Als würde sich eine Laufmasche durch ihren Kopf ziehen und immer breiter werden.“
Seine Stimme versagte und Charlotte hörte ihren Vater zum ersten Mal weinen. Ihre Stimme war ganz belegt. Sie musste sich erst räuspern, bevor sie ihre Fragen formulieren konnte.
„Weiß Mutter über ihren Zustand Bescheid? Habt ihr darüber gesprochen?“
„Sie irrt manchmal nachts durchs Haus und ich höre sie weinen. Sie wird merken, dass etwas anders geworden ist. Sie selbst sagt nichts darüber und ich weiß nicht, wie ich mit ihr darüber reden soll. Ich passe aber gut auf sie auf.“
„ Das solltest du auch weiterhin tun. Ich werde so schnell wie möglich für ein paar Tage zu euch kommen. Das ist gar kein Problem, denn ich habe noch etliche Tage Resturlaub. Und wenn ich da bin, rede ich mit ihr, ganz behutsam. Und dann bringen wir sie zum Arzt und sehen weiter.“
„Ja, das wäre großartig. Lass uns jetzt aufhören, deine Mutter kommt zurück. Ich freue mich, Charlotte, und das meine ich von Herzen. Und . . . danke.“
Wieder wischte sich Anton die Tränen aus dem Gesicht und ging in den Flur, um Käthe zu begrüßen.
„Da bist du ja wieder. Und – was sagt der Arzt?“
Zärtlich nahm Anton seine Frau in die Arme. Käthe lehnte sich kurz zurück und blickte ihn prüfend an. „Alles bestens – er ist sehr zufrieden mit mir“, antwortete sie und schmiegte sich wieder in Antons Arme. Wie lange hatten sie nicht mehr so eng umschlungen zusammen gestanden.
Käthe seufzte tief. Anton schien immer noch nichts von ihrer beginnenden Krankheit bemerkt zu haben. Wie lange würde sie ihm das noch verheimlichen können? Sie schloss die Augen und genoss den Augenblick der Wärme und Zärtlichkeit.

© G.B. 2009

J wie JA – SAGEN

Lebenssituationen können sich ändern, Lebensplanungen ins Wanken geraten.  Ohne, dass wir gefragt werden, müssen wir handeln, uns neu orientieren, Überlegungen anstellen und uns auf das Neue, Unbekannte einlassen.
Ja – sagen bedeutet, das Unbekannte annehmen, unvoreingenommen, vertrauensvoll, ohne wenn und aber. Das erfordert Mut, Urvertrauen, Kraft und Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen. Bis in unsere Grundfesten erschüttert, kann das Ja uns aussaugen, ausbluten lassen, uns an unsere Grenze bringen.

Doch nur am Ende wissen wir, ob es sich gelohnt hat, diesen Weg gegangen zu sein. Ein Versuch ist es wert, denn es könnte der Weg zum Ziel sein.

Wer wagemutig ist,
kann abwägen,
die Wagschale füllen,
und es wagen,
sich ins Wagnis
zu stürzen,
um die Waage
ins Gleichgewicht
zu bringen

© G.B. 28.01.12

 

I – In letzter Sekunde

Heute war der Tag, an dem sich ihr Leben ändern würde. Nur, in welche Richtung?

Gedankenverloren saß sie auf der Terrasse, drehte die zarte gelbe Blüte zwischen ihren feuchten Fingern und begann, wie automatisch, die leuchtenden Blätter abzuzupfen, so wie sie es als Kind mit kleinen weißen Gänseblümchen gemacht hatte.

‚er liebt mich – er liebt mich nicht’

‚er kommt – er kommt nicht’

‚ich mache Schluss – ich mache nicht Schluss’

Vor ihrem inneren Auge liefen die letzten zwei Jahre wie im Film ab. Der blendend aussehende Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben gestolpert war und sie nicht mehr aus seinem Bann ließ.

Sie liebten und sie hassten sich, suchten verzweifelt die Nähe des anderen und flüchteten in die Distanz. Zwei lange Jahre, in denen sie die zweite Geige in seinem Orchester gespielt hatte, geduldig und ohne Forderungen, zufrieden mit dem, was sie von ihm bekam.

Wie oft hatte er ihr beteuert, mit seiner Frau zu reden, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen war. Irgendwann hatte sie den Spieß herumgedreht und ihm ein Ultimatum gesetzt. Heute Abend lief es ab.

Er hatte es ihr versprochen, an diesem Abend zu ihr zu kommen. In den letzten Tagen hatte sie mit viel Liebe ihre schmucke Wohnung so umgestaltet, dass sie Platz für zwei bot. Alles war bereit, er brauchte nur noch mit seinen Sachen vor ihrer Tür stehen und bei ihr einziehen.

Wie sehr hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt, ihn ganz für sich zu haben.

Dunkle Schatten mischten sich plötzlich in die leuchtenden Bilder der Vergangenheit.

Wie oft hatte sie auf ihn gewartet, wenn er kommen wollte und ohne ein Lebenszeichen wegblieb. Sie könnte die Entschuldigungen am nächsten Tag nicht mehr hören – er kam nicht weg, das Kind war krank, sie hatten einen Termin, den er vergessen hatte.

Die starrte auf das letzte Blütenblatt. Ihr Wortreigen stockte – er liebt mich nicht – er kommt nicht – ich mache Schluss.

Das war die nackte Wahrheit. Selbst, wenn er käme, welche Garantie hatte sie, dass er nicht zu seiner Frau zurückkehrte? Ihre Waffen waren nicht zu unterschätzen. Eine lange Ehe, ein schönes Haus, ein gemeinsames Kind und ein gesellschaftliches Ansehen, in dessen Schatten er sich sonnen konnte.

Zum Teufel mit diesem verheirateten, unentschlossenen, unzuverlässigen Beziehungsangsthasen, der sich das nimmt, was er will, so wie es ihm bequem ist.

Soll er sich seine kalten Beziehungsfüße weiterhin bei seiner Ehefrau wärmen lassen oder Frostbeulen bekommen.

Mit tränennassen Augen warf sie die blattlose Blüte in den Müll und begann, ihre Wohnung umzuräumen. Es sollte ihre Puppenstube bleiben, nur für sie.

© G.B. 2009

H – wie Hoffnung

H – wie Hoffnung

Wenn die Stürme des Lebens uns umknicken wollen, brauchen wie verwurzelte Freunde, die uns halten. Vielleicht gelingt es uns hin und wieder, gegen das, was uns bedroht, erfolgreich  anzukämpfen.

Setzen wir der dunklen Bedrohung  Entschlossenheit entgegen. Versuchen wir, die lähmende Angst mit Mut zu bekämpfen. Wenn wir in ein tiefes schwarzes Loch fallen, sollten wir immer Ausschau halten, das helle Licht am Ende des Tunnels zu finden. Der schweren Last, die auf unseren Schultern liegt, sollten wir eine aufrechte Haltung entgegen setzen. Das ratternde Kopfkino braucht freundliche, die Stimmung aufhellende Bilder. Nerven, die blank liegen, bedürfen einer heilenden Packung.
Freunde, denen wir vertrauen, dürfen wir unsere Schwäche offenbaren, sie geben uns etwas von ihrer Kraft und Stärke, können unsere bitteren Tränen trocknen und uns an die Hand nehmen, wenn wir drohen zu fallen.

Ein schwieriges Unterfangen – ohne Zweifel, aber immer wieder des Versuches wert, wenn wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen.

© G.B. 20.01.12