Haarwurzelkatarrh

 

„Fass mich bitte nicht an!“
„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Ach, lass mich doch einfach in Ruhe!“
„Ich bin dann im Keller. Brauchst du was?“
„Ruhe, einfach nur Ruhe!“

Wenige Minuten später ertönen aus dem Keller dumpfe Bässe, die mir fast das letzte bisschen Verstand rauben. Ich schleppe mich vom Sofa in die Küche, löse eine weitere Aspirintablette im Wasser auf und schleiche mit meiner trüben Flüssigkeit im Glas hinauf ins Schlafzimmer. Den Blick in den Spiegel verkneife ich mir, er steht der Trübheit in meinem Wasserglas sicher in nichts nach.
Die Decke bis an die Ohren hochgezogen versuche ich erneut zu schlafen – vergeblich. Bumm – bumm – bumm…dröhnt es zwar leiser, aber nicht weniger penetrant in meinen Ohren.

Irgendwann schlafe ich ein, unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Grelles Licht lässt meine Augenlider fast explodieren. Ich fühle mich geblendet, wie elektrisiert. Schon wieder diese Stiche!
„Warum bist du denn hier?“
„Machst du bitte das Licht aus?“ Ich wimmere fast.
„Muss ich mir Sorgen machen?“ Vorsichtig, fast zaghaft, schleicht er an mein Bett und setzt sich auf die Bettkante.
„Nein, musst du nicht. Wen du auf den Kalender schauen und ein wenig nachdenken würdest, wüsstest du, dass ich meine Tage habe und einen Migräneanfall dazu. Mehr nicht!“

„Alles klar! Ich mache dir deinen Tee, am besten gleich eine ganze Kanne, ist dir das recht?“
„Wenn du so gut wärst?“, flöte ich.

Na bitte – geht doch! Ich lösche das Licht, drehe mich um und bitte meinen Haarwurzelkatarrh, doch endlich weiterzuziehen.

© G. Bessen 9/14

Puschelkaktus

Wenn er wüsste, dass ich ihn schon mehrmals entsorgen wollte. Jahrelang stand er mit zwei Artgenossen in einem gemeinsamen Topf. Niemand von den Dreien bewegte sich, wagte es auch nur, millimeterweise zu wachsen. Eine öde Kakteenlandschaft, unbeweglich, fast wie tot.
Eines Tages nahm ich einen Hammer, zerschlug den braunen Tontopf und betrachtete die drei armseligen Exemplare, die mir voller Lethargie ihre Stacheln entgegenstreckten.
Aber Pflanzen sind besondere Wesen und ich brachte es nicht übers Herz, sie dem Kompost zu überlassen.
Mit frischer Erde bescherte ich ihnen ein neues Heim, eins für jeden von ihnen, redete ihnen gut zu, sich doch ein wenig zu entwickeln und mir, wie alle anderen Pflanzen, ein wenig Freude zu machen.

Es blieb ruhig.
Doch eines Tages, als ich den Kakteen ein wenig frisches Wasser geben wollte, bemerkte ich ihn, einen spärlichen Haarwuchs. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Jeden Tag sah ich nach, ob der Kaktus mir etwas mitteilen wollte.

Das wollte er, denn mittlerweile zieren zwei kräftige Haarpuschel seinen Kopf, weich und flaumig wie das Gefieder eines jungen Küken.

Was will er mir damit wohl mitteilen?

© G. Bessen 9/14

Puschelkaktus

Am Straßenrand

Sie stand an der Bushaltestelle und stützte sich mit beiden Händen gegen die runde Stange, an der weiter oberhalb die Abfahrtzeiten des Busses angegeben waren. Ihr Gesicht war blass. Große braune Augen schauten offen in die Welt. Ihr krauses dunkles Haar war zu einem Zopf gebunden. Und doch lag ein schmerzlicher Zug um ihren Mund.
Es war bereits dunkel und ich wunderte mich, warum ein so junges Mädchen noch unterwegs war, dem es offensichtlich nicht gut ging. Ein weiteres Mädchen rechts neben ihr redete beruhigend auf sie ein.
Ich schätzte sie auf höchstens zwölf Jahre. In ihren schwarz-weißen Leggins und den schwarzen Stiefeletten kamen ihre langen Beine gut zur Geltung. Ein kindliches Gesicht und eine frauliche Figur, was für ein Gegensatz. Sie richtete sich auf.
Die Ampel schlug auf grün und ich musste weiterfahren. Der letzte Blick, den ich auf sie werfen konnte mündete in die Erkenntnis, dass sie hochschwanger war.

© G. Bessen 9/14

Suppenkoma

Mittlerweile habe ich alle Tricks ausprobiert, um diesem täglichen Suppenkoma zu entkommen. Ich gehe nicht mehr in der Kantine essen. Ballast braucht der Magen ebenso wenig wie überflüssige Kalorien. Mittags packe ich meinen Salat aus, trinke statt Kaffee nur Buttermilch und trotzdem – das Suppenkoma kommt. Und ich bekomme langsam lange Zähne, denn ich fühle mich wie ein Kaninchen bei so vielen grünen Salatblättern und frischem Gemüse.

Mit Nordic-Walking-Stöckern bewaffnet schnaufend durch den angrenzenden Park zu walken, den Kunden, die nach der Mittagspause womöglich vor meiner Tür Schlange stehen und ungehalten einer nach dem anderen an meinen Schreibtisch treten, verschwitzt und keuchend zu begegnen, ist auch nicht das Gelbe vom Ei und wirft kein gutes Licht auf meine Firma.

Die Firma müsste ein Schwimmbad für die Mittagspause oder zumindest einen Ruheraum haben, aber so viel Arbeitgeberfreundlichkeit ist in der heutigen Zeit wohl kaum zu erwarten. Ich kann mich ja schlecht in unserem Großraumbüro in der Mittagspause auf meine Yogamatte legen, mich von Entspannungsmusik einlullen lassen und ein kurzes Nickerchen machen. Schon meine Arbeitskleidung mit Rock, Bluse und hochhackigen Schuhen verbietet das.

Mein Lieblingsitaliener lässt sich nicht mehr mit einer Ausrede abspeisen, ich müsste derzeit Kalorien zählen, denn Rohkost und Walken haben einige Pfunde purzeln lassen. Und schon habe ich den Duft der herrlichsten Spaghettis mit den entsprechenden Soßen in der Nase, schnüffele wie eine Drogenabhängige und werde unruhig, wenn ich an den Grappa und den Espresso danach denke…

Und heute mache ich es! Der Salat und die Buttermilch werden für das Abendessen eingeplant und in der Mittagspause gehe ich zum Italiener – basta. Und das Suppenkoma werde ich zukünftig als das betrachten, was es wirklich ist: der Leistungsabfall in der Mittagszeit, biologisch belegt und garantiert ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Suppenkoma

©G. Bessen 9/14

Das Rad der Zeit

Unaufhaltsam
dreht es sich,
zeigt sich derzeit
sommerlich.

Noch gestern
sah ich ihn,
so fein,
des vollen Mondes
hellen Schein.

Heut’ Nacht wird
Regen uns ereilen
Ich fürchte sehr,
er wird verweilen.

Solange Helle
in den Herzen,
ist jedes Wetter
zu verschmerzen.
Riesenrad am Abendc/Gaby Bessen