Gedankensprünge

Nicht alle Gedanken lassen sich zurückdrängen und auf Dauer unter Verschluss halten. Plötzlich brechen sie wie Urgewalten hervor und verwüsten, einem Tornado gleich, alles, was ihnen in die Quere kommt.

dunkle WolkenText und Foto: G. Bessen

Der Eierbaum

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 Der Eierbaum

Ist man schon einige Zeit auf Erden,
dann gibt es doch schon mal Beschwerden.
Der Baum hier, sieh ihn Dir gut an,
ist von Frau Dr. Eiermann.

Die blauen hier an diesem Strauch
die sind sehr gut für Deinen Bauch!
Die wirbeln in dem runden Ding
viel besser als ein Kümmerling.

Doch kannst Du, lass es Dir ruhig sagen,
den Alkohol nicht mehr vertragen,
tut Dir die Galle einmal weh,
dann iss zwei grüne, nur mit Tee!

Und streikt einmal die dumme Blase,
dann lauf sogleich zur Ostervase,
nimm von den rosa Eiern zwei,
das Bächlein rauscht, – Streik ist vorbei!

Hast Du jedoch Wind in den Gedärmen,
nimm die in lila, die erwärmen!
Dann gibt´s gewöhnlich einen Knall,
damit erledigt sich der Fall.

Sollt’ der Blutdruck Angst bereiten,
iss zwei rote hier beizeiten.
Auch das hilft manchmal , ganz egal,
knutsche mit dem Nachbarn mal.

Hier für hinterlistige Zwecke,
nimm zwei gelbe von der Ecke.
In kurzer Zeit, mit viel Getose,
wird der Stuhlgang weich und lose.

Schönheitseier aller Sorten
brauchst du wirklich nicht zu horten.
Befolgst Du meinen Rat? Oh Gott,
dann bist du noch mit hundert flott.

Ach ich vergaß, es ist verhext,
das Ei auch für den Sport und Sex.
Doch dachte ich, – ein alter Brauch ?
Ein Suppenrettich tut es auch.

Iss alles täglich und lass Dir sagen,
dies kannst du garantiert vertragen.
Viel Erfolg wünscht also dann
Deine Frau Dr. Eiermann.

(abgewandelt nach dem Gedicht:

Der Pillenbaum – Verfasser unbekannt)

 

Die Versuchung

erdbeertorte3”Nein’, schalt sie sich innerlich und versuchte, ihre Gedanken ganz bewusst in eine andere Richtung zu lenken. Was passierte da mit ihr? Seit Wochen hatte sie sich und ihre Gedanken völlig unter Kontrolle und wenn die Gedanken in eine andere Richtung drifteten, hatte sie genügend Mechanismen entwickelt, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
Heute schien sie in einem inneren Ausnahmezustand zu sein. Ihre Hände wurden feucht und sie spürte förmlich, wie sich ihre hektischen Flecken vom Kinn über die Nase, weitläufig nach rechts und links ausbreiteten, um dann zu allerletzt auch ihre Stirn zu zieren.
Unruhig wanderten ihre Augen zu den Nachbarn am linken und rechten Tisch. Niemand schien ihre Unruhe zu bemerken.

Ihre Augen vertieften sich wieder  in die Sonntagszeitung, ohne den Sinn des Gelesenen zu erfassen. Was hielt sie hier? Warum konnte sie nicht einfach aufstehen und gehen? Niemand kannte sie, niemandem würde das auffallen.
Sie hatte das Gefühl, an ihrem Platz zu kleben. Die Beine nahmen den Appell des Gehirns ‚Steh auf’, nicht wahr. Mutlos schaute sie aus dem Fenster. Sollte sie oder sollte sie nicht?
‚Nein’ sagte ihre innere Stimme rigoros. ‚Du hast dich doch nicht wochenlang gequält, um jetzt von einer Sekunde zur anderen wieder schwach zu werden. Dann war alles umsonst.’
Es war, als krabbelten Ameisen an ihrem Körper auf und ab. Sie blickte verstohlen an sich hinunter, nichts. Es war nur ihre innere Unruhe, die sie förmlich auf ihrer Haut spürte

Sie hatte sich wahrlich gequält. Aber sie war auch stolz, bisher durchgehalten zu haben.
Der Verzicht hatte sich gelohnt und sie war zufrieden mit sich.

Sie hatte einen entscheidenden Fehler gemacht. Die ersten Frühlingssonnenstrahlen hatten sie hinausgelockt und zu einem Spaziergang animiert. Die bunt leuchtenden Krokusse hatten sie fasziniert und so war sie dem Ehepaar vor ihr in Gedanken einfach gefolgt. Und als sie das erkannt hatte, war es zu spät.

‘Nein, es war kein Fehler, es sollte so sein.’ Als ihr dieser Gedanke kam, wurde sie schlagartig ruhig. Ihre Augen blickten suchend umher. Da kam sie, die freundliche Bedienung und brachte ihr das bestellte Kännchen Kaffee.
„Bitte, seien Sie so gut und bringen Sie mir noch ein Stück Erdbeertorte.“
„Gerne, antwortete die freundliche Bedienung, „die ist heute besonders gut.“

© G.Bessen