Winterzeit – Erkältungszeit

Winterzeit – Erkältungszeit

Bazillen, die chillen,
sind mir ein Graus,
sie mähren sich
unendlich lange aus.

Sie pirschen sich ran,
vereinzelt und leise,
vermehren sich still
auf listige Weise.

Dann greifen sie an,
mit voller Gewalt,
toben sich aus,
es wird einem kalt,
alsbald wieder heiß,
ein Hin und ein Her.
Wo habe ich das
nur wieder her?

Die Nase, sie läuft,
der Husten keucht,
die Stimme versagt,
der Körper klagt,
eine Arie in Moll,
des Jammerns voll.

Doch hilft kein Gezeter,
kein Jammern und Klagen,
der Körper will nur
Zeit für sich haben,
um zu gesunden,
sich zu erholen,
Kraft zu tanken,
dem Himmel zu danken,
wenn es vorbei zieht
und er das Leben
mit neuen Augen sieht.

©G. Bessen 2012

Allen Kranken schnelle und gute Besserung!

Duftig

Duftig

Obwohl wir uns nicht kannten, waren wir einander vertraut. Der Morgenzug um 5.26 Uhr in Richtung Grünau verband uns. Wir grüßten uns nie, nicht einmal der Hauch eines Kopfnickens war uns wichtig. Und doch machte ich mir Gedanken, wenn er mal nicht auf dem S-Bahnhof stand. Ich legte absolut keinen Wert auf eine Unterhaltung, er war ganz und gar nicht mein Typ.

Seinem Äußeren nach lebte er alleine. Seine blauen Jeans, seine Turnschuhe und seine blaugraue Fleecejacke schienen nicht immer ganz keimfrei zu sein. Seine etwas schütteren Haare wirkten oft speckig und ungewaschen.

In der S-Bahn saßen wir auf „unseren“ Plätzen, in Fahrtrichtung und jeder von uns in seine Morgenzeitung vertieft. Am S- Bahnhof Bornholmer Straße trennten sich unsere Wege, bis zum nächsten Arbeitstag

An diesem Morgen versetzte er mich in Erstaunen. Er war von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Seine Haare waren frisch gewaschen und in Form geschnitten, sein Dreitagebart fehlte. Er trug eine hellbraune Übergangsjacke, die den Kontrast zu seinen schwarzen Jeans hervorhob.
Seine Füße steckten in schwarzen Halbschuhen. Ich konnte einen Hauch von Attraktivität nicht leugnen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich schloss die Augen und versuchte, den letzten Rest Schlaf aus meinem Körper zu vertreiben. Meine Sinne reagierten schnell, ein Duft stieg mir in die Nase, der mir fremd und doch vertraut vorkam.

Mein Kopfkino sprang an und ich reiste in meine Kindheit, um diesen Duft aufzuspüren. Alle hatten sie, meine Uroma, meine Großtanten, nur bei uns gab es so etwas nicht. Scheinbar hatte meine Mutter auch nie daran Gefallen gefunden.
Ich sah sie vor mir, die kleinen Kissen, kunstvoll bestickt, aus denen getrockneter Lavendelduft aufstieg und meine Nasenflügel wurden leicht kraus.

Es war nicht so, dass ich Lavendel nicht mochte, im Gegenteil. Wenn die Luft im Sommer vom Summen der Insekten erfüllt war und die lilablauen Lavendelblüten sich leicht im Sommerwind hin und her bogen, war das Sommergefühl perfekt. Dazu ein süßer Duft von Rosen, deren rote Blütenköpfchen einen perfekten Kontrast zum Lilablau des Lavendels abgaben, das war Sommer pur.

Ich öffnete die Augen, neugierig, woher der zarte Lavendelduft kam, Mein Blick ging in eine Richtung und ich betrachtete meinen vertrauten Mitreisenden, der in seine Zeitung vertieft war. Ich war sicher, dass er seinen Tag morgens im Lavendelschaum begonnen hatte und der Rest seines Schaum- oder Duschbades nun gleichmäßig durch das Zugabteil waberte.

Die Sonne hatte die Wolkendecke durchbrochen und schickte ihre warmen Strahlen in das Abteil. Ich hatte noch Zeit, schloss die Augen und träumte mich in ein riesiges Feld mit blühendem Lavendel.
Der Tag konnte so richtig beginnen.

Lavendel

© G. Bessen 10/14

Duftnoten

Nach Emilys amüsanter Käsegeschichte habe ich in meinem Archiv gesucht und bin fündig geworden…

Duftnoten

Was für ein Duft! Nicht jeder fand ihn angenehm und einige begannen, die Nase zu rümpfen. Andere wiederum konnten nicht hinreichend genug davon bekommen und benahmen sich wie ein Süchtiger an einer Schnüffeltüte.
„So etwas hat es hier noch nie gegeben“, schimpfte die Erdbeermarmelade, „mir wird schon ganz pelzig auf der Zunge“.
„Nun hab’ dich dicht so mimosenhaft“, entgegnete die Leberwurst. „Daran wirst du nicht versauern.“
Die Eier beugten sich in ihrer Schale kurz hervor, rümpften die Nase und verschwanden wieder in ihrem obersten Fach.
„So eine Sauerei, da wird einem ja ganz übel“, regten sich die Tomaten auf, „das halten wir nicht lange aus! Eine Zumutung!“
Das Vollkornbrot schielte neugierig zu dem neuen Mitbewohner. Es konnte sich einen engeren Kontakt mit diesem wohlriechenden Gesellen gut vorstellen.
„Was hältst du von dem?“, fragte er seine Nachbarin, die Butter.
„Nicht übel“, antwortete sie mit einem leuchtenden Blick in den Augen. „Den würden wir nicht von der Kante stoßen, oder?“
„Auf keinen Fall“, antwortete das Vollkornbrot. „ich versuche schon die ganze Zeit, mit ihm in Blickkontakt zu kommen, aber die Meckerei hier hat ihn wohl etwas eingeschüchtert“.
„Habt Ihr keine anderen Sorgen?“, raunte eine Bierflasche gelangweilt vom obersten Regal.
Dieser Spruch trieb den Tomaten die Zornesröte mitten ins fleischige Gesicht.
„Du hast gut reden. Deine Haltbarkeit in deiner verschlossenen Flasche steht ja nicht auf dem Spiel. Wir sind schließlich dünnhäutig und ich merke schön jetzt, wie mir überall die Pelle juckt. Wenn ich krank werde, ist mein Ende schneller da, als mir lieb ist.“
„Selber schuld”, höhnte die Bierflasche. „Eure zu Saft gewordenen Schwestern haben es da wohl besser“.
„Das ist aber nicht fair“, entgegnete die Milchtüte mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Bierflasche. „man hat schließlich wenig Einfluss darauf, wie lange einem das Leben vergönnt ist.“
„Echauffiere dich nicht so, liebe Milch, sonst wirst du vor lauter Aufregung noch ganz sauer.“ Der Bierflasche schien es Spaß zu machen, die Stimmung bewusst anzuheizen.
Dem neuen Mitbewohner war gar nicht wohl in seiner Haut. Dort, wo er her kam, waren alle nett zueinander gewesen. Er verstand den Aufruhr nicht. Ganz still lag er in der Ecke und rührte sich nicht vom Fleck. Vorsichtig schielte er zu seinem linken Nachbarn, dem Kohlrabi. Er schien nichts gegen ihn zu haben, beäugte ihn aber neugierig.
„He, Kumpel, mach dir nichts draus, die werden sich schon an dich gewöhnen“, flüsterte er ihm zu.
„Meinst du? Ich komme mir vor wie ein Störenfried, so wie hier einige reagieren.“
„Papperlapapp! Hör einfach nicht hin.“
Mittlerweile war eine rege Diskussion zwischen den Tomaten und der Butter, der Milch und der Bierflasche und dem Vollkornbrot und der Leberwurst entstanden. Alle diskutierten wild und lautstark miteinander.
Plötzlich war es ganz dunkel geworden und das Stimmengewirr ging in ängstliches Schweigen über.
Die dunkle, tiefe Stimme der Energie meldete sich zu Wort.
„ Ich warne Euch. Wenn Ihr nicht sofort friedlich miteinander umgeht, bleibt die Kühlung aus. Ihr seid meine Gäste und als Gast sollte man sich zu benehmen wissen. Geht dieser Unfrieden weiter, sorge ich dafür, dass Euer letztes Stündchen geschlagen hat. Dann landen die meisten von Euch in der Mülltonne und sterben einen grausamen Tod. Ich hoffe, das war klar genug.“
Niemand erwiderte etwas. Nur der kleine Käse legte sich behaglich in seine Schachtel und begann sich wohl zu fühlen.

©G. Bessen 2010

Reise in die Vergangenheit

Reise in die Vergangenheit

Schon als Kind haben mich alle Bücher fasziniert, die vom Leben in einem Internat handelten. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass es mich selbst einmal in ein Internat verschlagen würde, noch dazu in ein ganz außergewöhnliches.
In meiner von Pubertät gekennzeichneten Sturm- und Drangzeit mussten wir von einer beschaulichen Kleinstadt mitten im Ruhrgebiet in das ferne Berlin ziehen, für mein damaliges Vorstellungsvermögen unendlich weit weg. Was ich damals von Berlin wusste und hörte, war eher Angst einflößend als motivierend.
Meine sehr katholische Tante hatte gerade ihre beiden Ältesten in einem Klosterinternat in Holland untergebracht und so nutzte ich auch dieses Schlupfloch für mich – ungeachtet der Proteste meines Vaters und der Bedenken meiner Mutter. Meine schulischen Leistungen waren damals nicht so, dass die Versetzung in die nächste Klasse sicher war. Zucht, Ordnung und Disziplin, das versprachen sich meine Eltern von einer deutschen Auslandsschule, und ein von Nonnen geführtes Internat schien diese Tugenden zu garantieren. Von der Mitte der siebenten Klasse bis zur Mittleren Reife schlossen sich die Klosterpforten hinter mir und ich erlebte eine Zeit, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.
Der Übergang später von dort in ein Gymnasium in Berlin-Neukölln war ein Kulturschock in jeder Hinsicht, aber auch der ließ sich nach einigen Eingewöhnungsschwierigkeiten gut meistern.

Der Kontakt zum Kloster riss auch nach meiner Mittleren Reife im Juni 1971 nie ab, und so freute ich mich besonders, als ich im Oktober 2004 eine Einladung zu einem Treffen der Ehemaligen erhielt, um das hundertjährige Bestehen des Hauses zu feiern. Ein preiswerter Flug von Berlin-Tegel nach Düsseldorf war schnell gebucht und eine Bahnfahrt von Düsseldorf nach Venlo kein Problem. Ein Taxi brachte mich vom Venloer Bahnhof direkt zum Kloster und dann begann meine Reise in die Vergangenheit, die gut dreißig Jahre zurücklag. Ich war bewusst ein paar Tage vor dem großen Treffen nach Holland gefahren, um dort genügend Zeit für mich zu haben.

Kaum hatte ich das Kloster betreten, erfüllte mich der typische und unbeschreibbare Geruch, der diesem Haus inne war und ich wurde wie in einer Zeitreise zurück versetzt, ein überaus erfüllendes Gefühl. Bereits an der Pforte begrüßte mich eine Schwester, die mit mir dieselbe Klasse besuchte. Sie war genau so schlank und zart wie damals und hatte immer noch dieses Herz erfrischende Lächeln. Sie führte mich in das Empfangszimmer, in dem alle Besucher nach Ankunft mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wieder hier zu sein und ich erinnerte mich, meine Eltern, wenn sie mich damals besucht hatten, in diesem Zimmer voller Freude begrüßt zu haben.
Wenig später wurde ich von einer anderen Schwester abgeholt, die mich zu meiner noch lebenden Deutschlehrerin – mittlerweile dreiundneunzig – bringen wollte.
“Aber das ist doch Klausur, da kann ich doch gar nicht hin,” warf ich skeptisch ein.
“Das war einmal, das sehen wir heute nicht mehr so eng.”

So eng wurde heute scheinbar so Einiges nicht mehr gesehen. Ich traf nur noch wenige Schwestern im Ordenskleid an, viele trugen zivile Kleidung und an mehreren Ecken auf den langen Fluren hörte ich das eine oder andere Handy klingeln. Ich gebe zu, ich war ein wenig schockiert, das hatte ich nicht erwartet. Zu meiner Internatszeit herrschte auf den langen, dunklen Klosterfluren Stillschweigen und wenn man mit jemandem sprechen wollte, zog man sich mit seiner Gesprächspartnerin in einen der breiten Türrahmen eines vom Flur abgehenden Zimmers zurück und flüsterte.

Als wir in der siebten Klasse waren, kursierte das Gerücht, dass die Schwestern ihre Tracht modernisieren wollten. Außer dem Gesicht sah man nämlich nichts, die Stirn war von einem weißen, steifen Stirnband bedeckt, dass mit dem langen blauen Schleier verbunden war. Unsere Mathematiklehrerein erschien zur ersten Stunde in alter Tracht und zur letzten Stunde – wir wurden von ihr auch in Physik unterrichtet – mit neuer Tracht. Sie hatte Haare auf dem Kopf, braune zurück gekämmte Haare. das Ordenskleid hörte am Fußknöchel auf und ging nicht mehr bis fast zum Boden. Uns stand der Mund buchstäblich offen.
Diese Erneuerung motivierte auch uns, bei unserer Schulleiterin durchzusetzen, dass wir Mädchen, statt immer nur Kleider und Röcke, lange Hosen tragen durften. Dieser Weg war jedoch kein einfacher, denn unsere Schulleiterin war zwar eine herzensgute Frau, aber sehr streng.

Meine Deutschlehrerin empfing mich in ihrem geräumigen Zimmer. Sie saß an ihrem Schreibtisch und blickte mir strahlend entgegen. Sie in ziviler Kleidung zu treffen, überraschte mich nun auch nicht mehr. Weiße Haare umrahmten ihr zartes, schmales Gesicht und noch immer leuchteten ihre gütigen blauen Augen. Messerscharf noch immer der Verstand, ungebrochen ihre Neugier auf das Leben “draußen” und nach dem, was meine eigene berufliche Entwicklung in den letzten Jahren geprägt hat. Gleichgewichtsstörungen erschwerten ihr das Laufen. Wir hatten ein langes, interessantes Gespräch bei diesem unerwarteten Wiedersehen.

Und wieder machte ich, wie auch früher schon, die Erfahrung, dass Ordensschwestern scheinbar zeitlos waren. Der geregelte Tagesablauf, die Gemeinschaft und das geistige Leben hatten kaum Spuren hinterlassen, wenn auch der Körper seinen zeitlichen Tribut forderte.

Als ich damals ins Internat kam, zählte die Schwesternschaft etwa dreihundert Schwestern und wir Mädchen brachten es auch auf eine stolze Zahl von über hundert.
Diese Zeiten waren längst vorbei. Wenige Jahre nach meinem Weggang wurde das Internat geschlossen. Es fehlten junge Lehrkräfte und die doch sehr strenge Erziehung war nicht mehr zeitgemäß. Den eigenen Nachwuchs durch das Internat sicherzustellen, war schon zu meiner Zeit nur in Einzelfällen gelungen. Mittlerweile war die Schwesternschaft auf weniger als hundert geschrumpft. Da das Haus in Holland das Mutterhaus des Ordens ist, ist der Anteil an jungen Schwestern sehr gering.

Ja, streng war die Zeit, aber für vieles, was grundlegende Werte vermittelt hat, bin ich heute noch sehr dankbar. Habe ich doch täglich den Vergleich mit heutigen jungen Menschen, deren Werteerziehung durch die Eltern oft viel zu kurz kommt.

So ein großes Haus musste damals auch unterhalten werden. Und so war es eine Selbstverständlichkeit, auch bestimmte Pflichten innerhalb des Hauses zu übernehmen. Unsere Räume, dazu zählten die Klassenräume, in denen wir uns vormittags und auch nachmittags zum “Studieren” aufhielten, die Schlaf- und Waschräume, das große Speisezimmer, hielten wir selbst sauber.
Am Sonntag wurden wir für weitere Tätigkeiten eingesetzt.
Alles wurde selbst hergestellt, die Mahlzeiten wurden in einer riesig großen Küche zubereitet, Brot und Kuchen wurden in der Klosterbäckerei gebacken und der große Klostergarten mit Obstbäumen, Beerensträuchern und Gemüsebeeten wurde ebenfalls selbst bewirtschaftet. Ich erinnere mich, dass in einem Teil des Gartens sogar Spargel angebaut wurde.

Ich habe mich am Sonntagvormittag am liebsten in der Bäckerei aufgehalten. Noch heute habe ich den Duft von frisch gebackenem Brot und Kuchen aller Art in der Nase.

Unser Tagesablauf war streng geregelt. Morgens nach der Frühmesse gab es ein Frühstück, anschließend wurde der Schlafsaal aufgeräumt und dann hatten wir drei Stunden Unterricht. Nach einer Frühstückspause folgten drei weitere Stunden bis zum Mittagessen. Anschließend war eine Erholungspause, die wir meist im Garten verbrachten.
Der Nachmittag gehörte ausschließlich dem Lernen, nur einmal unterbrochen von einer Kaffeepause, zu der es einen dünnen Milchkaffee und Brote mit Marmelade gab. Nach der zweiten Runde im Klassenraum gab es Abendbrot, danach noch eine Zeit der individuellen Beschäftigung im Haus in mehreren Aufenthaltsräumen, die auch zum Teil mit einem Fernseher ausgestattet waren. Da wir um halb sechs aufstanden, gingen wir auch zeitig schlafen. Dass die Zeiten nicht immer so gestaltet wurden, wie es die Vorschrift verlangte, versteht sich von selbst. Ich erinnere mich gut, einem enormen Verschleiß an Batterien für meine Taschenlampe gehabt zu haben, denn wenn das Licht im Schlafsaal gelöscht wurde, schliefen wir noch lange nicht.
Je höher die Klassenstufe, desto gelockerter waren die Vorschriften.
Die Mädchen der Oberstufe hatten auch abends immer noch zu lernen.

Jedes Mädchen, das annähernd ein musikalisches Talent hatte, lernte ein Instrument. Unser Chor, mit Schwestern und Schülerinnen, ließ sich durchaus hören und noch heute sehe ich meine Klavierlehrerin, die recht klein war, die Orgel spielen. Dabei hatte sie merkliche Schwierigkeiten, die Fußpedale der Orgel zu treffen. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können, wenn sie in der Kirche die Orgel spielte.
Meine Klavierstunden mit ihr waren nicht immer einfach und so manches mal rollten mir die Tränen die Wange runter, wenn sie meine verknoteten Finger in Engelsgeduld entknotete. Zur Mittleren Reife spielten wir fehlerfrei Mozarts “Kleine Nachtmusik” vierhändig vor. Ihr habe ich es zu verdanken, dass in mir der Wunsch heranreifte, später Musik zu studieren, was aber auch vielerlei Gründen dann doch nicht ging.

Unser Schulunterricht wurde ausschließlich von Ordensschwestern gegeben. Aus meiner damaligen Sicht waren sie alle älter, aber bei der heutigen Jugend zählt man schon ab dreißig zu den “Älteren”. Meine Internatsleiterin lebt noch, sie geht auf die neunzig zu, alle anderen Lehrerinnen, die ich im Unterricht hatte, sind bereits tot. Ihr Leben als Lehrerinnen war von Idealismus geprägt. Sie hatten es alle geschafft, uns von der Notwendigkeit einer guten schulischen Ausbildung zu überzeugen. Das gemeinsame Lernen machte uns Spaß, hatten wir doch auch keine Alternative. Von Klassenfrequenzen, die wir damals hatten, träumt heute jede Lehrkraft. Kleine gemütliche Lerngruppen, Disziplin und eine gute Lernbereitschaft war der Weg zu guten Schulabschlüssen.

Am Samstag Nachmittag durften wir das Kloster verlassen und in den Ferien fuhren wir selbstverständlich nach Hause.

Während ich so meine Tage dort verbrachte, wandelte ich auf vielen Pfaden meiner Jugend und schwelgte in Erinnerungen. Manches war wie zeitlos und noch genauso wie früher, anderes hatte sich doch sehr verändert.
Am Samstag Abend reisten die ersten ehemaligen Schülerinnen und auch ehemalige Schwestern an. Manche erkannte ich sofort, andere kamen mir irgendwie bekannt vor, doch auch nach so vielen Jahren erkannten wir uns wieder und plauderten über die längst vergangenen Zeiten.
Wir saßen abends im Besucherzimmer an der Pforte, als eine Schwester hineinkam und eine ehemalige Schülerin ankündigte.
Sofort hatte ich ein Bild vor meinem geistigen Auge. Sie machte Abitur, als ich in der achten Klasse war. Damals war sie schlank, hatte leuchtende blaue Augen und eine sehr angenehme Art, sich zu bewegen und zu sprechen.
Die Tür ging auf. Eine wohlproportionierte, ältere Frau mit einem grauen langen Zopf kam fröhlich grüßend herein und betrachtete erwartungsvoll die bereits Anwesenden. Ihre Augen, die erkannte ich wieder, der Rest hatte sich im Laufe der Jahrzehnte doch mächtig verändert.

Solche Situationen gab es am nächsten Tag immer wieder und wir hatten viel Spaß. Die sonst stillen Klosterflure waren von Leben und Lachen erfüllt. Eine besondere Freude war, dass über die Hälfte meiner ehemaligen Klasse da war.
Viele Räume, die wir damals bewohnt hatten, wurden inzwischen einem anderen Zweck zugeführt, doch Begebenheiten aus der damaligen Schulzeit ließen sich auch bei veränderter Raumgestaltung schnell wieder an die Oberfläche holen. “Weißt du noch…”, wurde zum bedeutendsten Einleitungsatz des Tages.

Am Sonntag Abend holte uns das reale Leben wieder ein. Ich fuhr mit einer Klassenkameradin zusammen nach Düsseldorf und flog von dort nach Berlin zurück.

Obwohl ich das Kloster schon viele Male zuvor besucht hatte, war dieses Treffen ein einschneidendes Erlebnis.
Wenn man mehrere Jahre dort verbringt, kommt auch die Frage auf, ob dieses Leben das richtige für den eigenen Lebensweg ist. Mit fünfzehn und sechzehn glaubte ich das. Mit siebzehn ging ich dort weg.
Ich bewundere heute noch immer die Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus weltweit sozial und karitativ engagieren. Das Leben in einem Orden halte ich auch heute noch für diejenigen bedeutsam, die sich dazu berufen fühlen. Mein Verhältnis zur katholischen Amtskirche ist seit Jahren negativ belastet und wer sich mit der Amtskirche nicht identifiziert, findet auch keinen Platz im Orden.
Trotzdem hoffe ich, dass Menschen, die sich dazu berufen fühlen, auch den Mut dazu finden und mit ihrem Einsatz für eine friedlichere und gerechtere Welt beitragen.

c/ G. Bessen, 2012

Veröffentlicht in:
Anja Polaszewski (Hrsg)
Auf Reisen
Anthologie
polamedia Verlag
November 2012

Kürzlich gab es wieder zwei Treffen von Ehemaligen, aber die Termine lagen so ungünstig, dass ich nicht daran teilnehmen konnte.
Dafür werde ich in den Herbstferien (zehn Jahre nach meinem letzten Besuch) zusammen mit einer Freundin aus meiner Klasse auf den Spuren der Vergangenheit wandeln…

Kloster Steyl