abc.etüden (18)

Das sonntägliche Schreibprojekt mit den Wörtern: Meer, Mensch, Kind

Die Wortspende stammt von Jaecki Lindenau

abc.etüden/ Einschnitte

Wir jagen der Zeit hinterher, als könnten wir sie wie Schmetterlinge einfangen und  festhalten. Sie gleitet uns durch die Hände wie der feine helle Sand der Dünen.

Und doch gibt es Situationen, da möchten wir sie antreiben, anflehen, doch zu verstreichen. Sie lähmt uns, sie macht uns handlungsunfähig und blockiert unser Denken. Auch wenn der Kopf ein JA signalisiert, sagt der Bauch eindeutig NEIN und das zerreißt uns.

Gestern gab es eine solche Situation.

Mit sechs Wochen lag mein Hund als Welpe in meiner Handfläche. Gestern hielt ich ihn im Arm, bis das kleine Herz aufhörte zu schlagen. Ich kam mir vor wie ein Mensch, dem man ein Kind entreißt, das so gern noch gelebt hätte. Der Kreis hat sich geschlossen und ich schwimme in einem  Meer voller Traurigkeit.

abc.etüden (17)

abc/etüden(17)/ Auf besonderen Wegen (3)

heute mit Worten aus einer früheren Kalenderwoche:
Königin, Backerbsen, Korallenriff

Hildchen war nicht auf den Mund und schon gar nicht auf den Kopf gefallen, denn als der Holde per Taxi in Richtung Flughafen davonfuhr, packte sie ihren Koffer und wartete aufgeregt auf ihre beste Freundin Antonia, mit der sie schon zu Schulzeiten lauter Flausen im Kopf gehabt hatte. Sollte Ludwig  doch pilgern und beten gehen, sie würde das Geld ihrer Erbtante Charlotte verprassen, von dem er nicht den blassesten Schimmer hatte.

Sie hatte alles bedacht, vom Programmieren der Zeitschaltuhren in Haus uns Garten bis hin zum Nachsendeantrag und freute sich wie ein kleines Kind darauf, sich mit Antonia auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugendzeit zu bewegen. Wie lange war das her?

Natürlich hätte sie lieber im Roten Meer einen Tauchkurs gemacht und die viel gepriesenen Korallenriffe umschnorchelt. Das aber war etwas für junge Leute. Hildchen  liebte Backerbsen in allen Variationen, die es – so sagt man – in Ägypten gab und als Königin von Sanaa wollte sie schon als Kind in den prächtigsten Kleidern herumlaufen. Man kann vieles wollen und doch nicht alles haben.

So saß sie zufrieden neben der schlafenden Antonia im Reisebus nach Breslau, voller Vorfreude darauf, was sie in Breslau wohl alles wiedererkennen würden…

abc.etüden (16)

Für die heutige Sonntagsausgabe  der abc/etüden geht es um die drei Worte:

Paradeiser, Schlawiner und Kinkerlitzchen von Jule Pfeiffer-Spiekermann

Zur heutigen Geschichte gibt es bereits den Teil vom vergangenen Sonntag und die Fortsetzung von heute. Viel Lesespaß!

abc/etüden (15)/ Auf besonderen Wegen (1)

Niemals hatte er diese Karte geschrieben, dafür kannte sie ihren Mann zu gut. Allein beim Aussprechen dieser Wörter hätte er sich schon die Zunge mehrfach verknotet. Wieder und wieder las sie den Text der Karte und je öfter sie ihn las, desto unsicherer wurde sie. Sicher, als er vor vier Wochen aufgebrochen war, wollte er seine innere Mitte finden, zur Ruhe kommen und beten – ganz viel beten. Ob ihm das zu Kopf gestiegen ist?

Hatte er etwa wieder angefangen, irgendwelche undefinierbaren Dinge zu rauchen, so dass er auf Knospenkollisionskurs war?

Gab es eine heilige Iris, der er aus lauter Einsamkeit ein Irisreinkarnationslied singen wollte und ihm kein passender Text dazu einfiel?

Sie wusste weder, wo er gerade war, noch, wie es ihm ging und schon gar nicht, wie sie ihn erreichen konnte, ohne irgendwelchen Safranstaubkussspuren zu hinterlassen, die der Wind sofort von dannen trüge.

Wie hatte sie nur zulassen können, dass ein Mann in der zweiten Lebenshälfte mutterseelenallein den Jakobsweg pilgerte, wo er doch zuhause kaum den Hintern aus dem Sessel heben konnte?

Sie hätte ihn begleiten müssen, denn ganz offensichtlich war er nun vollkommen übergeschnappt…..

 

abc/etüden(16)/ Auf besonderen Wegen (2)

Das Vagabundenleben gefiel ihm außerordentlich gut. Ob Hildchen mittlerweile bemerkt hatte, dass er das Schließfach der Bank komplett leer geräumt hatte? Er war ein Schlawiner, ohne Frage, aber er hatte beschlossen, dass er ihren gemeinsamen Notgroschen jetzt brauchte und nicht, wenn er vielleicht schon an der Schnabeltasse hing! Hildchen  hatte einen großen Freundeskreis und würde den holden Gatten sicher mal für einige Zeit entbehren können. Bei ihren Freundinnen konnte sie jederzeit anrufen oder vorbeischauen, auch wenn es nach seinem Empfinden  nur um Kinkerlitzchen ging.

Zufrieden betrachtete er die am Cafe vorbeischlendernden Gäste und rauchte dabei eine echte Havanna. Er liebte Wien und den Wiener Charme ganz besonders.

Er wartete gerade auf sein Essen mit den  viel gepriesenen Paradeisern, als ihn eine schlanke und hoch gewachsene Brünette mit einem umwerfenden Augenaufschlag fragte, ob der Platz ihm gegenüber noch frei sei.

Sofort spürte er ein angenehmes Kribbeln im Bereich seiner Lenden und antwortete mit einem süffisanten Lächeln: „Für Sie doch immer, gnädige Frau.“ Wie ein Gentleman sprang er auf und  rückte seiner neuen Tischnachbarin den Stuhl zurecht , den sie mit einem ebenso süffisanten Lächeln in Beschlag nahm.

Vom Sehen und Hören (6)

Vom Sehen und Hören (6)

„Was ist unser Leben?
Alles,
was wir sehen,
greifen, hören,
schmecken, fühlen;
alles,
was uns umgibt,
was wir besitzen,
woran wir gewöhnt sind,
was wir lieben. …“

(aus einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer)

 

Überholspur

 Du warst immer der Erste. Dein Studium hast du erfolgreich vor uns beendet, du hattest bereits deinen gut bezahlten Traumjob, als wir noch endlose Bewerbungen schrieben. Du hast Geld nie leiden können, deshalb warst du der Erste, der ein eigenes Haus mit einem ansehnlichen Grundstück vorweisen konnte.

Wir haben bereits geheiratet, als die anderen von uns noch ihre Sturm- und Drang Phase auslebten. Du warst rastlos, seitdem ich dich kenne. Obwohl ich mich bemüht habe, mit dir Schritt zu halten, ging mir die Puste aus. Immer öfter musste ich anhalten, um durchzuatmen. Dein Leben verlief immer auf der Überholspur, risikofreudig, aber genau kalkuliert, bis du den entscheidenden Fehler begangen hast. Frontal hat es dich erwischt, du konntest nicht mehr ausweichen. Du hast dein Leben auf der Überholspur beendet.

Mich hast du einfach auf der Standspur zurückgelassen – alleine. Wie lange werde ich hier verweilen, bis ich mich wieder in den  normalen Verkehr einfädeln kann?

© G. Bessen, 2009

 

Wo du geliebt wirst…

Wo du geliebt wirst,
kannst du getrost alle Masken ablegen,
darfst du dich frei und ganz offen bewegen.
Wo du geliebt wirst,
zählst du nicht nur als Artist,
wo du geliebt wirst,
darfst du so sein, wie du bist.
Wo du geliebt wirst,
mußt du nicht immer nur lachen,
darfst du es wagen, auch traurig zu sein.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Fehler machen
und du bist trotzdem nicht häßlich und klein.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Schwächen zeigen
oder den fehlenden Mut,
brauchst du die Ängste nicht zu verschweigen,
wie das der Furchtsame tut.
Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Sehnsüchte haben,
manchmal ein Träumender sein,
und für Versäumnisse, fehlende Gaben
räumt man dir mildernde Umstände ein.
Wo du geliebt wirst,
brauchst du nicht ständig zu fragen
nach dem vermeintlichen Preis.
Du wirst von der Liebe getragen,
wenn auch unmerklich und leis.

aus: Elli Michler, „Ich wünsche dir Zeit“
Die schönsten Gedichte von Elli Michler
(c) Don Bosco Verlag, München 2008, 4. Auflage

 

Ende

abc.etüden (15.1.)

                         

Ein Bücherwurm stöbert im Laden,
und findet im Buch kleine  Maden.
„Oh weh, welch ein Graus!!
Wörter plumpsen raus!
Ich brauche doch schöne Balladen!“

Text : G. Bessen
Foto: pixabay

Für die abc.etüden,

Woche 17.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Frau Käthe (bittemito) und lauten:

Safranstaubkussspuren
Knospenkollisionskurs und
Irisreinkarnationslied

abc/etüden: Nomen est Omen

Es war so einfach, so verdammt einfach! Tagelang war er durch die Museen gelaufen und hatte seine Werke bis ins Detail studiert. Was konnte der, was er nicht konnte? Ohne hochnäsig sein zu wollen  glaubte er sogar, ein ähnliches Talent zu haben.

Das nützte ihm momentan allerdings wenig, denn sein Stromlieferant VATTENFALL hatte ihm gedroht, ihm in den nächsten Tagen das Licht auszudrehen. Die TELEKOM hatte schon das Internet und sein Telefon lahmgelegt und für die fällige Miete zum Monatsbeginn musste er sich noch etwas einfallen lassen. Sein Vermieter stammte nicht aus der Kategorie der Spaßvögel.

‚Danke, großer Meister’, seufzte er innerlich. ‚Zu deiner Zeit mögen Titel wie Getreideschober, Strada Romana oder Pfingstrosen ausreichend gewesen sein, um nicht als Künstler mit brotloser Kunst ins Armenhaus zu kommen. Ich werde meine Bilder umbenennen.

Willst du ihre Namen wissen? Safranstaubkussspuren, Knospenkollisionskurs und Irisreinkarnationslied.‘

 

 

abc.etüden (15)

Für die abc.etüden,

Woche 17.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze.

Die Worte stammen in dieser Woche von Frau Käthe (bittemito) und lauten:

Safranstaubkussspuren,
Knospenkollisionskurs und
Irisreinkarnationslied.

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen

Niemals hatte er diese Karte geschrieben, dafür kannte sie ihren Mann zu gut. Allein beim Aussprechen dieser Wörter hätte er sich schon die Zunge mehrfach verknotet. Wieder und wieder las sie den Text der Karte und je öfter sie ihn las, desto unsicherer wurde sie. Sicher, als er vor vier Wochen aufgebrochen war, wollte er seine innere Mitte finden, zur Ruhe kommen und beten – ganz viel beten. Ob ihm das zu Kopf gestiegen ist?

Hatte er etwa wieder angefangen, irgendwelche undefinierbaren Dinge zu rauchen, so dass er auf Knospenkollisionskurs war?

Gab es eine heilige Iris, der er aus lauter Einsamkeit ein Irisreinkarnationslied singen wollte und ihm kein passender Text dazu einfiel?

Sie wusste weder, wo er gerade war, noch, wie es ihm ging und schon gar nicht, wie sie ihn erreichen konnte, ohne irgendwelchen Safranstaubkussspuren zu hinterlassen, die der Wind sofort von dannen trüge.

Wie hatte sie nur zulassen können, dass ein Mann in der zweiten Lebenshälfte mutterseelenallein den Jakobsweg pilgerte, wo er doch zuhause kaum den Hintern aus dem Sessel heben konnte?

Sie hätte ihn begleiten müssen, denn ganz offensichtlich war er nun vollkommen übergeschnappt…..

Vom Sehen und Hören (5)

 Vom Sehen und Hören (5)

„Was ist unser Leben?
Alles,
was wir sehen,
greifen, hören,
schmecken, fühlen;
alles,
was uns umgibt,
was wir besitzen,
woran wir gewöhnt sind,
was wir lieben. …“

(aus einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer)

„Mein Haus, mein Auto, meine Yacht, mein …..“ Geht das Leben so?

Wir sind reich, reich an materiellen Dingen, die wir oder unsere Eltern und Großeltern angeschafft und gesammelt und uns möglicherweise überlassen haben.  Wir sind so reich, dass wir uns immer mehr einfallen lassen, wo und wie wir unsere Schätze unterbringen können.  Und irgendwann wird es uns zu viel. Dann wollen wir uns von all dem trennen, was uns überflüssig erscheint, was wir nicht zum Leben brauchen.

All das, was mühsam den Weg zu uns gefunden hat, sucht nicht weniger mühsam den Weg zu anderen.

Minimalismus – das neue Modewort macht die Runde.

„Minimalismus bezeichnet einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Seine Anhänger versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen.“ (Wikipedia.de)

Die Globalisierung macht die Welt kleiner. Wir können überall hin, wir sind im Nu weltweit vernetzt und verbunden. Doch die Überflussgesellschaft mit ihrer Schnelllebigkeit und ihrer Reizüberflutung kann uns auf Dauer nicht gut tun. Aber die Welt wird dadurch nicht besser, nicht einfacher und schon gar nicht friedlicher. Und wenn wir glauben, wir seien reich, wird unsere Armut uns irgendwann eines Besseren belehren.

Reich ist man nicht durch das,
was man besitzt,
sondern mehr noch durch das,
was man mit Würde
zu entbehren weiß.

(Immanuel Kant)

©Text und Foto: G. Bessen