Auf dem Weihnachtsweg: 7. Dezember

Ich wünsche Dir Zeit

Ich wünsche dir Zeit
Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu  freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.
 
Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.
 
Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.
 
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
 
Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!
 
© Elli Michler

aus:     Elli Michler,  „Dir zugedacht“

            Wunschgedichte

            Copyright: Don Bosco Verlag, München 2010, 20. Auflage

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Auf dem Weihnachtsweg: 5. Dezember

 

Wir sagen euch an den lieben Advent

Advent, Ankommen, ist mir das eigentlich klar?

Siehe die erste Kerze brennt.

Eine nach der anderen; sie sollen mich hinführen zum Ende und zugleich zum Anfang:

Weihnachten!

Wir sagen euch an eine heilige Zeit,

geprägt vom Konsum, unruhig, nur noch getrieben

Machet dem Herrn die Wege bereit!

Die Fressstraßen der Christkindlmärkte? Die Shoppingmalls der Kaufhäuser? Die künstlich beschneiten Skipisten? Die autogefüllten Straßen der Stadt?

Freut euch ihr Christen,

Die gibt’s doch gar nicht mehr, die heißen doch nur noch so und kramen halt ihr Christsein schnell mal an Weihnachten hervor.

Freuet euch sehr,

Auf die Geschenke? Das Familientreffen? Die Christmette? Die Weihnachtsgans?

Schon ist nahe der Herr

Aber: Auch wenn wir ihn aussperren, nicht mehr an uns heranlassen; er ist da. Er ist damals für uns gekommen und er kommt immer wieder; in Gestalt eines Mitmenschen, der Hilfe braucht, in einem guten Freund, der uns zur Seite steht; immer wieder neu.

 ©Text: Florian Raith

Foto: pixabay

Auf dem Weihnachtsweg: 4. Dezember

Christiane lädt ein zur: Sonderedition Adventsetüde 49.2017

Es gibt die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Teil 1:

Sabine  hatte sich selten innerlich so aufgeräumt gefühlt, wie zu Beginn dieser Vorweihnachtszeit.

Erst hatte sie das auf ihr Nicht-Mehr-Arbeiten-Müssen zurückgeführt, aber es hatte einen anderen, einen tieferen Grund. Morgen Abend würde er endlich nach Hause kommen, rechtzeitig  zu Weihnachten. Ein langes Jahr der Sorge und des Bangens gingen vorüber, ein Jahr der Ungewissheit, wie es ihm wirklich dort erging. Im ganzen Haus duftete es nach selbst gebackenen Keksen.

Das Backblech lag noch warm im Spülbecken. Sie suchte die Zutaten zusammen, um gleich morgen früh Dominosteine aus Lebkuchen, Fruchtgelee und Marzipan zu fertigen. Eigentlich passte diese Zuckerorgie gar nicht zu ihren sonstigen Ernährungsgewohnheiten, aber sie dachte eher an ihn und all das, was er ein Jahr entbehren musste.

Wie schnell dieses Jahr doch vergangen war. Sie setzte sich in ihren gemütlichen Fernsehsessel, goss sich ein Glas Rotwein ein und dachte über die vielen Diskussionen nach, die sie miteinander geführt hatten, nachdem er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte.

Fortsetzung folgt…

Auf dem Weihnachtsweg: 3. Dezember und 1. Advent

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

Theodor Fontane  (1819 – 1898), dt. Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker

https://www.aphorismen.de/gedicht/147948

 

 

 

Auf dem Weihnachtsweg: 1. Dezember

Freitagsgesichter

An diesem Freitagmorgen hingen die grauen Wolken so schwer und tief vom Himmel, als wollten sie sich auf den Asphalt der Straße legen. Seit zwei Tagen kündigte der Wetterbericht den Wintereinbruch an, mit starken Windböen, Schneefällen und überfrierender Nässe.
Nahmen die Menschen die Warnungen ernst? Es war ein Verkehr wie an jedem Freitagmorgen, nicht mehr und nicht weniger.
Auf dem Weg in die Innenstadt hatte Svenja an jeder roten Ampel einige Momente Zeit, das Treiben um sich herum genau zu beobachten.

Die Menschen an der Bushaltestelle hatten, trotz unterschiedlicher Ziele, alle die gleiche Erwartung. Alle Blicke gingen in eine Richtung, in die, aus welcher der Bus kommen würde. Die Hände tief in den Jackentaschen oder in wärmende Handschuhe verpackt, ließ der eine oder andere den Blick gen Himmel wandern. Die ersten Regentropfen klatschten hernieder und wer an einen Regenschirm gedacht hatte, brauchte keine Angst zu haben, nass zu werden. Als sie im Rückspiegel ihres Autos den Bus kommen sah, erhellten sich die Gesichter der Menschen an der Bushaltestelle deutlich. Die bisherige Lethargie wich einem plötzlichen Bewegungsdrang.

An einer anderen Ampel strömten die Menschen mit vollen Taschen und Körben aus einem Supermarkt zur Bushaltestelle oder zum eigenen Auto auf dem Parkplatz. Freitag, der Tag, der das Wochenende einläuten und ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubern sollte. Aber nur die Kinder, die mit ihren schweren Schulranzen zur Schule gingen oder schon Unterrichtsschluss hatten, waren fröhlich gestimmt. Zwei Tage ausschlafen, keine Hausaufgaben, ein Grund zur Freude! In den Gesichtern der Erwachsenen las sie eher Hektik und Missmut. Das bevorstehende Wochenende war in deren Gesichtsausdrücken noch nicht angekommen. Und wer das Wochenende alleine verbringen musste, war nicht automatisch fröhlich. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Freitag auch den Beginn der diesjährigen Adventszeit einläutete.

An der Ampel vor dem DRK-Krankenhaus bot sich ein anderes Bild. Raucher vor der Krankenhaustür, einer sogar mit einem fahrbaren Tropf. Ein perverses Bild, den Kranken im Bademantel und mit Tropf zu beobachten, der mehr an seiner Zigarette als an seinem Leben hing. Ein eifriges Hin- und Herlaufen des weiß gekleideten Krankenhauspersonals von einem Gebäude zum anderen lockerte diesen Anblick etwas auf.
Der Regen wurde stärker. Unter dem Vordach einer Dönerbude diskutierten zwei abgerissene Gestalten mit glasigen Augen, wild gestikulierend mit ihren Bierflaschen. Das Treiben um sie herum, der Regen, der langsam in dicke Schneeflocken überging, schien sie nicht zu interessieren. Menschen, die schon morgens an der Bierflasche hängen, haben die Welt um sich herum meist schon längst vergessen.

Je näher Svenja der Innenstadt kam, desto dicker wurden die Schneeflocken. Der Himmel schien alle Schleusen geöffnet zu haben. Unwillkürlich musste sie an das Märchen von Frau Holle denken. In ihrem Auto saß sie warm und trocken. Die Menschen draußen zogen ihre Hälse immer tiefer in ihre Jacken und Mäntel, ein unangenehmer Wind trieb ihnen die Schneeflocken mitten ins Gesicht. So manche Nase war gerötet und begann zu triefen.

Am Breitscheidplatz waren die Holzbuden aufgebaut. Der Weihnachtsmarkt lief bereits auf Hochtouren. Wer dachte noch an den Anschlag genau hier im vergangenen Dezember, bei dem elf Menschen ihr Leben verloren hatten? Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erhob sich wie ein drohender Zeigefinger in die schneebeladenen Wolken.

Es war fast zehn Uhr morgens und noch immer schwebte ein Hauch von Dämmerung über der Stadt. Es wollte heute gar nicht hell werden. Unendlich viele Lichterketten schmückten den Kurfürstendamm. Weihnachten war nicht mehr weit. Ein Jahr neigte sich dem Ende entgegen und in den Gesichtern der Menschen lebte der Augenblick. Hektik, die letzten Wochenendeinkäufe nach Hause zu bringen, Sehnsucht, an ein warmes trockenes Plätzchen zu gelangen und in Ruhe dem Wochenende entgegen zu blicken, Missmut über das feuchte Wetter, dessen unangenehme Kälte von unten nach oben kroch. Nicht besser sah es auf der Straße aus, ein Auto drängte sich hinter das andere, Radfahrer, die noch schnell bei Rot waghalsig über die Ampel preschten, neben ihr die aufgeregte junge Frau, die ununterbrochen rechts in ihr Handy sprach, mit links das Lenkrad hielt und den Kopf von links nach rechts warf, um den Überblick über den Verkehr zu behalten.

Plötzlich kurz vor der großen Kreuzung ein Drängeln nach rechts und links, halb auf den Gehsteig und ein einsetzendes, wütendes Hupkonzert, dass die Sirene des herankommenden Krankenwagens fast übertönte.
Wieder ein Blick zur Seite. Der linke Nachbar zeigte seinem Vordermann einen Vogel, ihr Hintermann, offenbar sehr in Eile, schaute genervt in seinen Rückspiegel und trommelte nervös auf seinem Lenkrad herum.
Von Ruhe und Gelassenheit keine Spur.

Svenja versuchte bewusst, sich in einen anderen Tag hineinzudenken, in einen warmen Sommertag mit strahlend blauem Himmel, die Cafés am Straßenrand gut besucht mit freundlichen Menschen, die die Sonne und das Verweilen bei einer heißen Tasse genossen. Und plötzlich wurde es ganz hell um sie.

© G. Bessen, Foto:pixabay