Vom Sehen und Hören (1)

Vom Sehen und Hören (1)

„Was ist unser Leben?
Alles,
was wir sehen,
greifen, hören,
schmecken, fühlen;
alles,
was uns umgibt,
was wir besitzen,
woran wir gewöhnt sind,
was wir lieben. …“

(aus einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer)

„Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.“
„Mir fehlt der Durchblick.“

Mit dem Sehen ist das so eine Sache. Manchmal sind wir einfach blind für die wichtigen Dinge im Leben. Sei es, dass wir viel zu sehr mit uns beschäftigt sind und den Blick für das Wesentliche verloren haben.

Was aber ist das Wesentliche?
Die Menschen in meiner Familie, die ich liebe.
Der Mensch neben mir, der auf meine Hilfe zählt.
Der Mensch in meinem Haus, der niemanden mehr hat und einsam ist.
Der Mensch, der mir täglich in der S-Bahn begegnet, mit dem ich ein Stück des Weges gemeinsam fahre und der mir trotzdem absolut fremd ist.
Der Mensch im Supermarkt, der sich nur etwas zu essen kaufen kann, wenn er genügend Flaschenpfand gesammelt hat.
Der Mensch in meiner Firma, der immer wieder gemobbt wird.
Der Mensch mit einer anderen Hautfarbe, der gemieden wird, als sei er an Lepra erkrankt.
Sehen wir all das? Wollen wir das sehen? Und wenn ja, was tun wir?
Wer blind ist, hat eine Entschuldigung. Möglicherweise hört er mehr und nutzt diese Fähigkeit.
Wer nicht blind ist und doch nicht sieht, sollte seine Wirklichkeit vielleicht überdenken.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.
Antoine de Saint-Exupéry

©Text und Foto: G. Bessen

 

 

 

Mit allen Sinnen

Mit allen Sinnen

Wie gern ich sie rieche,
die frische Morgenluft,
gereinigt durch die Nacht,
belebend und kühl.

Wie gern ich sie schmecke,
die sonnige Mittagsluft,
gespickt mit Gewürzen,
Kräutern und Gaben.

Wie gern ich sie sehe,
die satte Luft des Abends,
mit dem Tanz der Insekten
und dem Lied vom Tag.

Wie gern ich sie höre,
die Stille der Nacht,
gehüllt in das Dunkel,
das Sicherheit schafft.

© Text und Fotos: G. Bessen

abc.etüden (13/3)

Das Projekt geht weiter, auch wenn die Betreiber gewechselt haben.

 

 

Beruf und Leidenschaft (3)

Für Teil 1 und 2 bitte nach unten scrollen 🙂 .

heute mit den drei Worten: Treppenstufen, Michkaffee, komm

Komm, ich hole uns einen Kaffee, Du siehst grün um die Nase aus“, sprach Thomas seinen jungen Kollegen aufmunternd an. In unmittelbarer Tatortnähe öffnete gerade ein kleiner Kiosk und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee nahm dem grausigen Fundort etwas von seiner Schärfe.

Die Spurensicherung hatte bereits mit der Arbeit begonnen, routiniert und schnell erledigte das aufeinander eingespielte Team die nötigen Untersuchungen und bereiteten die Leiche für den Abtransport in die Gerichtsmedizin vor.

Der Kioskbesitzer arbeitete unter Hochdruck, denn so eine große  Mannschaft am frühen Morgen mit so einer unschönen Arbeit versprach auch  einen guten Umsatz.  Außerdem hoffte er zu erfahren, was dort eigentlich vorgefallen war, schließlich passierte hier normalerweise den ganzen Tag über reichlich wenig. Mit zwei Milchkaffee und zwei belegten Brötchenhälften kehrte Thomas zurück und fand seinen Kollegen, immer noch blass um die Nase, auf den  seitlichen Treppenstufen eines Polizeieinsatzwagens.

 „Wir haben nichts, gar nichts, nicht einmal einen Hinweis, wer die Tote ist,“ brummelte Thomas  vor sich hin und reichte dem Kollegen einen Kaffee und ein halbes Brötchen.

Marcs Gehirn ratterte immer noch und er wollte noch nicht preisgeben, dass er die Frau irgendwie kannte, wenn ihm auch noch nicht eingefallen war, woher.

Schweigend nehmen sie ihr Frühstück zu sich. Sie beobachteten das Procedere vor sich , für Thomas eine routinierte Ablauffolge verschiedener Arbeitsschritte und für Marc erneut mit der Frage im Hinterkopf, ob dieser Beruf  wirklich seine Berufung war.

 

abc.etüden (12/2)

Beruf und Leidenschaft (2)

heute mit den drei Worten: Pudding, Fingernagel, friemeln

 Beruf und Leidenschaft (1) hier

Der Kollege war neu, jung und noch unerfahren. Entsetzt starrte er auf die tote junge Frau. Er spürte Pudding in seinen Beinen, sie war das erste leblose Opfer seiner noch frischen Polizeikarriere.

„Oh, mein Gott!“, entfuhr es ihm und er begann, an den Knöpfen seiner Jacke zu friemeln, eine Angewohnheit, wenn er nicht so recht wusste, was er sagen sollte.

Er drückte alle Fingernägel in den Stoff seiner Uniformjacke, als böte sie ihm Halt und Sicherheit, während sein Mageninhalt gleichzeitig versuchte, den umgekehrten Weg nach oben zu testen.

Tief in seinem Inneren und vor seinem geistigen Auge suchte er etwas.

Er suchte nach dem Gesicht einer Frau, als es noch rosig und lebendig war.

Thomas nahm plötzlich Notiz von seinem jungen Kollegen. Mitleidig sah er ihn an, wusste er doch noch zu gut, wie es ihm ging, als er das erste Mal vor einer Leiche stand. Die allerdings war übel zugerichtet und hatte jegliche Appetitlichkeit verloren….

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Erfreulicherweise bleibt das Projekt,
aber die „Betreiber“ wechseln ab dem kommenden Sonntag.
Textstaub widmet sich seinen eigenen Projekten und Christiane übernimmt.
DANKE Euch beiden!

Meine kleine Freundin

Meine kleine Freundin,

als du 6 Wochen alt warst, passtest du bequem in meine Handfläche. Mit 9 Wochen holten wir euch, dich und deine Halbschwester, ab. Ihr hattet die Größe eines Meerschweinchens.

Von diesem Tag an zog ein ganz besonderer Sonnenschein in unser Haus ein. Die Freude über euch war so groß, dass sie über Wochen, Monate und Jahre anhielt.

Im Oktober 2013 mussten wir Cara ganz plötzlich gehen lassen. Sie war so krank, dass zwei Operationen ihr Leben vielleicht ein wenig verlängert hätten, sie aber unendlich hätte leiden müssen. Das hatte sie nicht verdient.

Im Gegensatz zu uns hast du nicht so offenkundig gelitten, denn deine Schwester hat dich sehr oft dominiert und du musstest zurückstecken.

Obwohl wir euch immer gleich behandelt hatten, hast du nun die doppelte Aufmerksamkeit eingefordert und natürlich auch die doppelte Zuneigung bekommen.

Dein offenes und fröhliches Wesen hat uns in unserer Trauer getröstet.

Nun stehst auch du an der Schwelle zur Regenbogenbrücke, denn deine Krankheit, von der wir seit einigen Tagen wissen, zeigt uns wieder einmal, wie endlich unser aller Leben ist.

Noch bist du fröhlich, hast offenbar keine Schmerzen, frisst gut und bist ein durch und durch zufriedener Hund.

Doch so schwer uns das auch fällt, wir müssen uns mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass Cara bereits in der Nähe der Regenbogenbrücke steht und auf dich wartet.  Du hast deine Schwester um gut 3 Jahre überlebt und wie auch bei ihr werden wir dir keine lebensverlängernde Operation zumuten. Wenn es dir offenkundig schlecht geht, werden wir dich gehen lassen, auch wenn uns der Gedanke daran jetzt schon das Herz zerreisst.

Ihr zwei habt und so viel Freude gebracht!

Wir hoffen, dass du den Sommer noch in deinem geliebten Garten in der Sonne genießen kannst und noch eine Weile bei uns bleibst.

Danke für die vielen ungezählten  Glücksmomente mit dir!