abc.etüden(23)

Das sonntägliche
Schreibprojekt
mit Wörtern von
redskiesoverparadise.wordpress.com

Kellerdurchbruch
hermetisch
brandschatzen

Eine wirkliche Herausforderung!!!

abc./etüden/Auf besonderen Wegen (8)

 Hildchen setzte gerade an, um Antonias Frage zu beantworten, als ihr erneut schwindelig wurde, allerdings nicht von der Hitze, sondern von dem Kellergewölbe des Biergartens mit seinem dezenten Licht.

Sie erinnerte sich daran, dass sie – gerade mal fünf  Jahre alt – mit ihren Großeltern viele Stunden in einem Bunker verbracht hatte, der ihr infolge  verschiedener Kellerdurchbrüche wie ein riesiges  Labyrinth vorkam. Dieser Bunker in dem großen aber edlen  Mietshaus am Markt, in dem sie damals wohnten, hatte ihr noch viele Jahre düstere Albträume beschert.

Es war im Januar 1945, Breslau war wie eine Festung hermetisch abgeriegelt. Wer in den Westen flüchten wollte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Und doch versuchten es viele in letzter Minute, packten in Windeseile das Nötigste zusammen und  so setzte sich der Treck Ende Januar bei Minus fünfundzwanzig Grad in Bewegung Richtung Westen.

Hildchens Vater war an der Front, ihre Mutter hochschwanger und alleine wollten die Großeltern nicht aufbrechen. In Antonias Familie sah es nicht viel anders aus und so kam es, dass beide Mädchen in Breslau blieben und zusammen eingeschult wurden. Allerdings haben sich die Erinnerungen, wie ihre Heimatstadt Breslau gebrandschanzt wurde, wie ein eitriger Ausschlag auf ihre zarten Kinderseelen gelegt und diese Narben sind nie verheilt.

Es bedurfte nur weniger Worte und Antonia verstand Hildchens Gefühlsausbruch und beide aßen schweigend mit einem dicken Kloß in der Kehle.

 

abc.etüden (22.1)

Schreibprojekt abc.etüden

Eine weitere Folge der Geschichte
Auf besonderen Wegen mit Wörtern
von Annette Mertens
aus einer frühen Etüdenfolge.

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (7)

Ludwigs Situation konnte auswegsloser nicht sein und nach seinem bitteren Erlebnis hatte er jegliche Frühlingsgefühle verloren. Träge lag er in der Badewanne, das nur noch lauwarme Wasser fühlte er schon gar nicht mehr, denn sein Denken konzentrierte sich nur darauf, aus dieser misslichen Lage zu entkommen. Vor seinem inneren Auge formte sich erst schemenhaft eine Skizze, dann tauchte ein Gesicht auf und messerscharf  stand die Lösung vor ihm: Walter, sein Cousin, der – wenn er Glück hatte – noch in Wien lebte.

Mühsam hievte sich Ludwig aus der Badewanne und riss dabei fast den geblümten Duschvorhang mit sich. Es dauerte nicht lange, bis er über die Auskunft Walters Telefonnummer und seine Adresse hatte und sich nach einem Anruf bei Walter  frisch geduscht und herausgeputzt wie ein Lebemann auf den Weg zu seinem Cousin  machte.

Und plötzlich waren die Bilder ihres letzten Zusammentreffens vor etwa zwanzig Jahren wieder da.  Walters Mutter, sein Ein und Alles, war ganz plötzlich infolge eines unglücklichen Sturzes gestorben und Walter saß nach der Beerdigung beim Leichenschmaus wie auf einem anderen Stern, ungläubig und in einer Art Schockstarre, unfähig, auch nur irgendetwas auf die Reihe, geschweige über die Lippen zu bekommen. Seine Mutter war die einzige Frau in seinem Leben gewesen und sicher auch die  letzte, denn mit dem anderen Geschlecht stellte sich Walter an wie ein Ochse beim Tanzen. Aber er lebte noch in Wien, schien auch noch im Besitz seiner geistigen Kräfte und freute sich aufrichtig, dass Ludwig ihn besuchen kommen wollte.

Allerdings war Walter so eine geradlinige, aufrichtige und ehrliche Seele, die sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Verwandtschaftsbesucht durchaus auch hinterhältige Motive haben konnte.

abc.etüden (22)

Sonntägliche Schreibeinladung mit den Wörtern:
verlustieren, Kramladen, Angst von
Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin aus Griechenland

(Blog: gerdakazakou.com) 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen(6)

Teil 1 – 5 weiter unten…

Hildchen kaufte nur im Urlaub ein, denn zuhause und dann vielleicht noch mit Ludwig an ihrer Seite, war ihr das eindeutig  zu langweilig und zu zeitaufwändig. Sie war eher die Online-Vielbestellerin in zwei Größen  mit Anprobe in den eigenen vier Wänden und vierzehntägiger Rückgabegarantie und fand, dass Frau gar nicht praktischer und bequemer einkaufen könnte. Als sie mit Antonia aus der Markthalle in die heiße Mailuft trat, musste diese sich einen Moment festhalten, denn ein Schwindelgefühl durchfuhr sie.

„ Glaub ja nicht, dass ich mich jetzt weiter in dieser Hitze mit dir verlustieren werde. Nimm deinen Kramladen…“, dabei warf sie einen Seitenblick auf Hildchens zwei prall gefüllte Taschen, „und komm.“

Schon stieg sie die Treppen zum Bierkeller links von der Markthalle hinunter und hielt Ausschau nach einem freien Tisch. Sie sehnte sich nach einem kalten Bier und Pierogi Polskie (gefüllte Teigtaschen), einem Gericht, dass sie noch heute nach den Rezepten ihrer Großmutter anfertigte.

Hildchen folgte wortlos, denn sie hätte erst mal auch keinen Schritt weiter in diese sengende Hitze setzen können.

Nachdem sie sich ein wenig gestärkt und erholt hatten, fragte Antonia unvermittelt:

„Sag mal, Hildchen, wie kannst du hier so in aller Ruhe sitzen und nicht wissen, wie es deinem Mann geht? Du weißt weder, wo er ist, noch ob alles in Ordnung ist – ich jedenfalls würde vor Angst umkommen.“

 

Aus dem Leben einer Postkarte

Es ist Urlaubszeit. Viele machen sich nicht mehr die Mühe, Karten zu schreiben, aber so manche Reisende pflegen diesen schönen Brauch. Hören wir, was eine Postkarte dazu sagt:

Endlich hatte sich jemand meiner erbarmt. Tagelang hatte ich in diesem heißen Metallständer, der prallen Sonne unmittelbar ausgesetzt, vor mich hin geschwitzt und schon befürchtet, meine satten, leuchtenden  Farben würden sich unter dem Einfluss des Lichtes auflösen. Eine junge Frau kaufte mich endlich  und steckte mich in ihre dunkle, kühle Handtasche. Ein Päuschen zum Erholen! Selig schmiegte ich mich zwischen Lippenstift, Haarspange  und Tempotaschentücher und schloss für ein Weilchen die Augen. Ich war gespannt, wo meine Reise hingehen würde. Das ist das größte Erlebnis im Leben einer Postkarte, gekauft, geschrieben und möglichst um den halben Erdball geschickt zu werden. Etwas unsanft wurde ich aus meiner gemütlichen Position befreit und landete mitten auf einem harten Holztisch, mitten in der sengenden Mittagssonne.

„Was soll ich denn schreiben?“, frage die junge Frau ratlos ihren Begleiter, der gelangweilt sein Bierglas zwischen seinen Händen hin und herdrehte. „Was weiß ich? Das Übliche eben, Wetter schön, Hotel sauber und Essen genießbar.“ Ich fasste es nicht! Ich, die von  intensiven Farben leuchtende Postkarte mit den schönsten Ecken der  landschaftlich so reizvollen  Insel war nur für einen lapidaren Bla-Bla-Gruß ausgewählt worden? Möglicherweise waren die Empfänger Verwandte, die genau so oberflächlich reagierten. „Guck mal, eine Karte aus Spanien. Na, viel haben sie ja nicht geschrieben.“ Ich sah mich schon, unbeachtet meiner reizvollen Vorderseite, mit einem verächtlichen Blick auf die Bla-Bla-Grüße in den nächsten Papierkorb wandern. Die junge Frau nahm seufzend einen Kugelschreiber und schrieb mit wenigen Worten das, was ihr Begleiter ihr kurzerhand mit wenigen Worten über den Tisch geschleudert hatte. Sie schien eine kleine, zierliche Handschrift zu haben, denn ich spürte, dass noch soviel  weiße  Fläche zum Beschreiben frei geblieben war.

„Hallo, seid doch nicht so einfallslos!“, rief ich verzweifelt und meine vier Ecken begannen unbemerkt zu zittern. So sehr ich mich auch anstrengte, einen stummen Impuls an die junge Frau zu geben, es war umsonst. Sie bespeichelte  eine Briefmarke, klebte sie in meine obere rechte Ecke und haute mit der Faust noch einmal nach, damit die Briefmarke auch kleben blieb. Grobian! Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass das Porto nicht ausreichend war, denn die Briefmarke fühlte sich so leicht an. Verzweifelt sah ich meine Weltreise im Wasser versinken, denn mit einem nicht ausreichenden Porto durfte ich bestimmt nicht um den halben Erdball reisen. Ich verschwand wieder in der Handtasche, diesmal nicht ganz so komfortabel, denn ich fühlte die Stacheln einer Haarbürste und roch  süße, klebrige Bonbons. Ich war so deprimiert, dass mein erwartungsvolles Reisefieber in eine heftige Postkartendepression umschlug und ich mich meinem Schicksal fügte. Meine Reise dauerte wider Erwarten lange, aber das interessierte mich schon gar nicht mehr. Unendlich müde schloss ich die Augen und ließ mich treiben.

Die letzte Station war ein kuscheliges Plätzchen zwischen Zeitungen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nichts entziffern, diese Sprache war mir völlig fremd. Plötzlich riss ich verwundert die Augen auf. Eine warme Hand berührte mich, und drehte mich mehrfach mit ihren Händen um. „Schau mal, Tobias, hier ist Post für dich“, vernahm ich die freundliche Stimme einer älteren Frau.

Zwei kleine Hände nahmen mich behutsam in den Griff und ich lauschte dem begeisterten Staunen eines kleinen Jungen. „Ist das schön! Schau mal Oma, so ein großer See!“ „Das ist ein Meer, Tobias, viel größer als die Ostsee. Sicher wohnen da ganz außergewöhnliche Fische und Meerespflanzen.“

Der kleine Tobias hielt mich ehrfürchtig in den Händen. Ich konnte sein zartes Gesicht mit den hellblauen Augen und dem blonden Haar erkennen  und musste mich  mit aller Kraft bemühen, die Tränen der Rührung zurück zu halten. „Steht da auch etwas drauf?“ Tobias hatte mich umgedreht und sah seine Oma Hilfe suchend an. „Aber ja, Liebchen. Mutti und Papa schreiben, dass sie dich sehr vermissen und  große Sehnsucht nach dir haben. Sie freuen sich sehr auf dich.“ „Das ist schön. Ich freue mich auch, wenn sie wieder da sind, obwohl ich auch sehr gern bei dir bin.“

Ich landete nicht im Papierkorb. Tobias stellte mich behutsam vor die Lampe auf seinen Nachttisch und ich bewachte ihn voller Dankbarkeit  – jede Nacht.

© Gaby Bessen

Suppenkoma

Suppenkoma –
oder wie halte ich mich über die Mittagspause fit?

Mittlerweile hat Hanna  alle Tricks ausprobiert, um diesem täglichen Suppenkoma zu entkommen. Sie geht  nicht mehr in der Kantine essen. Ballast braucht der Magen
ebenso wenig wie überflüssige Kalorien. Mittags packt sie ihren  Salat aus, trinke statt Kaffee nur Buttermilch und trotzdem – das Suppenkoma kommt. Und sie  bekomme langsam lange Zähne, denn sie fühlt sich  wie ein Kaninchen bei so vielen grünen Salatblättern und frischem Gemüse.

Mit Nordic-Walking-Stöckern bewaffnet schnaufend durch den angrenzenden  Park zu walken, den Kunden, die nach der Mittagspause womöglich vor ihrer Tür Schlange stehen und ungehalten einer nach dem anderen an ihren Schreibtisch treten, verschwitzt und keuchend zu begegnen, ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Vor allem wirft so ein Zustand kein gutes Licht auf die Firma, zu der sie seit ihrer Ausbildung gehört.

Die Firma müsste ein Schwimmbad für die Mittagspause oder zumindest einen Ruheraum haben, aber so viel Arbeitgeberfreundlichkeit ist in der heutigen Zeit wohl kaum zu erwarten. Sie  kann sich ja schlecht im Großraumbüro in der Mittagspause auf ihre Yogamatte legen, sich von Entspannungsmusik einlullen lassen und ein kurzes Nickerchen machen. Schon die geforderte  Arbeitskleidung mit Rock, Bluse und hochhackigen Schuhen verbietet das.

Hannas  Lieblingsitaliener lässt sich nicht mehr mit einer Ausrede abspeisen, sie  müsse derzeit Kalorien zählen, denn Rohkost und Walken haben einige Pfunde purzeln lassen. Und schon steigt ihr  den Duft der herrlichsten Spaghettis mit den entsprechenden Soßen in der Nase. Sie  schnüffelt wie eine Drogenabhängige und wird unruhig, wenn sie  an den Grappa und den Espresso danach denkt…

Und heute mache sie es! Der Salat und die Buttermilch werden für das Abendessen eingeplant und in der Mittagspause geht  sie  zum Italiener – basta. Und das Suppenkoma wird sie zukünftig als das betrachten, was es wirklich ist: der Leistungsabfall in der Mittagszeit, biologisch belegt und garantiert ohne Risiken und Nebenwirkungen.

©Text und Bild: G. Bessen

abc.etüden (21)

Schreibeinladung für die Textwoche 21.17 | Wortspende von Andrea aus Bremen

mit den Worten: Pusteblume, Käsehobel, versteigern

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (5)

Ludwig saß auf dem Balkon seines Hotelzimmers und beobachtete eher gelangweilt ein paar Kinder, die sich jauchzend auf die Pusteblumen stürzten und die kleinen hellgrauen  Fallschirme in die warme Mailuft pusteten.

Er wusste weder ein noch aus. Die brünette Dame, die ihm das lang vermisste Gefühl gegeben hatte, er sei einzigartig und der beste und zärtlichste Liebhaber aller Zeiten, hatte zwei Tage Tisch und besonders Bett ganz intensiv mit ihm geteilt und dann war sie eines Morgens wie ein zufriedenes Vögelchen heimlich davon geflattert – mit all dem Geld, das Ludwig bei sich gehabt hatte. Seitdem hatte er sich nicht mehr vor die Tür getraut. Der Zimmerservice, der ihm sein Essen brachte, hatte schon besorgt gefragt, ob er nach einem Arzt schicken sollte.

Er stand auf und ging ins Bad. Angewidert starrte er in den Spiegel. Dicke Tränensäcke, Augenringe und ein Dreitagebart, der selbst mit einem Käsehobel nicht mehr abgegangen wäre, starrten ihm entgegen.

Wie sollte er das Hildchen beibringen? Er – statt auf einer Pilgerreise in Spanien gehörnt und geprellt in einem Wiener Hotelzimmer, arm wie eine Kirchenmaus, mit nichts mehr in der Hinterhand, was sich noch zu einem passablen Preis versteigern ließ?

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