Etüdensommerpausenintermezzo (2)

Etüdensommerpausenintermezzo (2)

 Da die abc.etüden gerade in der Sommerfrische bzw. Sommerpause sind, soll es ja hier nicht still bleiben. Daher hat Christiane zum Etüdensommerpausenintermezzo geladen, die nachfolgenden Wörter vorgegeben und wir Schreiberlinge sollen daraus eine Geschichte schreiben. Es müssen alle Wörter verarbeitet werden und Regen soll eine zentrale Rolle spielen.

Urlaubsfeeling

Die Freude über das Zeugnis der 14-jährigen Tochter hielt sich arg in Grenzen. Petra tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie selbst als Pubertierende andere Flausen im Kopf gehabt hatte als die Schule und sich das bei ihr auch von alleine gegeben hatte – irgendwann.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, knipste den Ventilator an und betrachtete das Sammelsurium von Wäsche auf dem Bett, das sie nun in zwei Koffern verstauen musste.

Die von der Schule gestresste Tochter  Vanessa lag immer noch in aller Ruhe im Liegestuhl im Garten, wippte mit den Füßen offenbar nach den Klängen ihrer grauenhaften Musik, die sie sich über Kopfhörer in die Gehirngänge dröhnen ließ, anstatt ihre Reisetasche zu packen.

Sohnemann Paul, das Nesthäkchen mit den unzähligen Sommersprossen im zarten Gesicht,  betrachtete mit wachsendem Interesse die Nacktschnecken auf dem Rasen, denn die ständigen Schauer hatten diese braunen  Schleimmonster zu ausgiebigen Völkerwanderungen animiert.

Petra setzte alle Hoffnung auf ihren  Gatten, der sicher bald käme und ihr tatkräftige Unterstützung beim Packen leisten würde.

„Bin daaaaaa!“, ertönte es plötzlich an der Eingangstür und Christians Kopf erschien kurz in der Schlafzimmertür.

„Schön, dass du schon da bist. Ich…“. Weiter kam sie nicht.

„Ich habe mir selbst hitzefrei gegeben, diese Schwüle hält ja niemand aus. Sei nicht böse, ich springe mal kurz in den Pool und dann lege ich mich ein Stündchen hin, ja?“ Und schon war er wieder weg. Petra seufzte. ‚Wir wollen ja nur morgen früh an die Nordsee fahren und es ist noch nichts gepackt’. Sie war mal wieder der Dödel vom Dienst, was scheinbar niemanden interessierte.

„Mama, warum zickt Vanessa so rum? Sie sagt, ich kann gar nicht schwimmen und in der Nordsee verbrennt man sich“, fragte Sohnemann Paul mit weinerlicher Stimme.

„Wenn du deine Schwimmflügel anhast, schwimmst du schon ganz gut. Und wieso solltest du dich verbrennen?“ Petra nahm ihren Jüngsten in den Arm und strich ihm behutsam über die blonden Locken.

„Sie sagt, da sind so komische Tiere, die verbrennen einen.“

„In der Nordsee gibt es Feuerquallen. Man sollte sie nicht unbedingt anfassen, das könnte auf der Haut brennen. Aber zu dieser Jahreszeit halten sie sich meist in der Tiefe auf und du brauchst keine Angst haben.“

‚Das kleine Luder! Immer muss sie Paul Angst machen.’

Petra wappnete sich innerlich, um mit ihrer Großen ein Wörtchen zu reden, als sie einen Aufschrei aus dem Garten hörte.  Es hatte ganz plötzlich wieder angefangen zu regnen und Vanessa war mit ihren neonfarbenen Badelatschen offenbar im feuchten Gras ausgerutscht und lag in voller Länge im Gras.

„Hast du dir wehgetan“?, fragte Petra vom Fenster aus und blickte ihre Tochter skeptisch an.

„Keine Ahnung“!, war die knappe Antwort.

Es donnerte. Petra musste lächeln, als sie beobachtete, wie Vanessa und Christian in Windeseile ihre „sieben Sachen“ packten und schnell ins Trockene eilen wollten. Christian hatte sich gerade eine Zigarette angezündet, der Qualm zog kerzengerade zum Schlafzimmerfenster empor. Nun musste er sich entscheiden, nass im Regen zu rauchen oder den Glimmstengel angesichts des häuslichen Rauchverbotes auszumachen. Paul schaute angestrengt in den tiefgrauen Himmel.

„Kommt gleich ein Höhenfeuer?“, fragte er Petra und blickte sie gespannt an.

„Du meinst sicher einen Blitz, oder?“

„Ja, das Wort war mir nicht eingefallen.“ Paul strahlte sie an.

„Wann gibt es etwas zu essen?“, maulte nun auch Vanessa. Petra platzte fast der Kragen. Sie lief die Treppe nach unten, blickte sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter an.

„Es gibt dann etwas zu essen, wenn jeder von euch seinen Koffer gepackt hat und etwas kocht, den Pizza-Service bestellt oder anderweitig etwas zu Essen organisiert. Klappt das nicht, könnte ihr morgen früh alleine an die Nordsee fahren. Dann mache ich nämlich Urlaub von der Familie. Und nun werde ich mit Paul den ‚Wassermaler’ beobachten und mir ansehen, welchen Teil unseres Gartens er dieses Mal überschwemmt!“

© G. Bessen

Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Da die abc.etüden gerade in der Sommerfrische bzw. Sommerpause sind, soll es ja hier nicht still bleiben. Daher hat Christiane zum Etüdensommerpausenintermezzo geladen, die nachfolgenden Wörter vorgegeben und wir Schreiberlinge sollen daraus eine Geschichte schreiben. Es müssen alle Wörter verarbeitet werden und Regen soll eine zentrale Rolle spielen.

Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle,
Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler

Der Wassermaler

Die Zeichen standen auf Sturm, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwarze Gewitterwolken hatten sich gefährlich um die Bergwipfel gelegt und ein kühler Wind pfiff durch das Tal. Clarissa, Leonie und Marie standen vor der Hütte und blickten stumm zum Himmel empor.„ Kommt, lasst und hineingehen, der Wind frischt auf.“ Leonie zog sich ihre Jacke enger um den Oberkörper, kehrte den anderen den Rücken zu und ging zielstrebig zur Hütte.

„Na, wie sieht es aus?“, fragte Ele, die in der Hütte geblieben war und bereits den Tisch für das Abendessen gedeckt hatte.

„Ich fürchte, ein schlimmes Unwetter kommt auf uns zu. Hoffen wir, dass es uns nicht den morgigen Tag verhagelt“, antwortete Leonie etwas unwirsch.

Die vier Schulfreundinnen hatten sich nach der gemeinsamen Schulzeit in alle Winde verstreut, doch zum 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweiz, trafen sie sich jedes Jahr für drei Tage in der schmucken Berghütte, die Leonie von ihren Eltern geerbt hatte. Und jedes Jahr hatten die vier sich unendlich viel zu erzählen.

Unweit der Hütte war ein kleiner See, mit einer Farbe, die an leuchtende Smaragde erinnerte. Man erzählte sich, dass viele Jahre lang ein Wassermaler um den Feiertag herum zu diesem See kam und stundenlang vor diesem herrlichen Geschenk der Natur  saß und den See vor der gewaltigen Kulisse der Schweizer Alpen  malte. Dabei gelang es ihm, die zeitlich verschiedenen Sonnenstände und deren Lichtreflexe im See farblich so gekonnt einzufangen, dass der Erlös seiner verkauften Bilder ihm etwa ein Jahr lang ein sorgenfreies Leben ermöglichte.

Wenn er seine Bilder fertig hatte, blieb er meist noch ein paar Tage und wohnte in einem kleinen Zelt. Tagsüber lag er oft stundenlang in seinem Liegestuhl und döste oder las. Er ernährte sich überwiegend von selbst geangelten Fischen. Niemand wusste, woher er kam und – was noch schlimmer war – was aus ihm geworden war, denn der Wassermaler kam schon seit drei Jahren nicht mehr.

Eines Tages hatten zwei Buben des Wassermalers Badelatschen vor seinem leeren Zelt gefunden, der Wassermaler jedoch war weit und breit nicht zu sehen. Beide  hatten ihren Eltern etwas von ‚hitzefrei’ erzählt, doch in Wahrheit hatten sie einfach die Schule geschwänzt, um sich einen netteren Vormittag am See zu gönnen. Sie hatten an alles gedacht, was zwei Jungen den Ausflug an den See verschönern sollte. Der Jüngere war noch kein sicherer Schwimmer und so hatte er  zwei Schwimmflügel und eine lila Qualle aus Plastik  zum Festhalten zu seiner  eigenen Sicherheit eingepackt.

Er war ein Blondschopf, mit Sommersprossen über das ganze Gesicht verteilt, und  hatte schon Holz gesammelt, während  der andere bereits die Angel fertig machte, in der Hoffnung, zwei große Forellen zu fangen.

Vom Wassermaler selbst fehlte jede Spur. Nur ein kleiner Rest von  Qualm über einem noch glimmenden Feuer deutete darauf hin, dass er wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen war. Die Polizei hatte weiträumig alles abgesucht, auch Taucher hatten im See vergeblich nach ihm gesucht – der geheimnisvolle Fremde blieb verschwunden. Die wenigen Habseligkeiten des Malers wurden  in die Asservatenkammer der Polizei gebracht, wo sie weiterhin ein freudloses Dasein fristeten.

Mitten beim Abendessen krachte der Donner durch die Bergwelt  und Blitze zuckten grell durch die Wolkendecke. Der Regen prasselte unerbittlich auf die kleine Hütte und ein Sturm heulte um das Haus.

„Alleine würde ich hier verrückt werden! Gut, dass ihr alle hier seid. Auf uns!“ Leonie hob erwartungsvoll das Rotweinglas und blickte ihre Freundinnen lächelnd an.

„Prosit!“ – „Zum Wohl!“ – „Schön, dass es euch gibt!“

Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach jäh die Trinkpause der jungen Frauen. Erschrocken blickten sie einander an.

„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Marie mit einem ängstlichen Blick in Richtung Tür. Das Klopfen wurde energischer. Nur das Surren des Ventilators durchschnitte die plötzlich still zu stehende Luft.

Leonie stand auf, legte mit einem warnenden Blick zu den anderen den Finger an die Lippen und bedeutete den Mädchen still zu sein. Hinter der Tür fragte sie mit fester Stimme: „ Wer ist da?“

„Bitte, lassen Sie mich hinein, ich bin vom Regen völlig durchnässt und brauche Hilfe“, antwortete eine tiefe Männerstimme  von draußen. Die Mädchen hatten sich inzwischen leise hinter Leonie versammelt, bewaffnet mit Gegenständen, die im Zweifelsfalle ein blitzschnelles Zuschlagen ermöglicht hätten. Leonie öffnete die Tür und blickte in zwei dunkelbraune Augen, die unruhig flackerten und eine graue Haarmähne, die bis zu den Schultern reichte und tropfnass war.

„Danke, vielen Dank.“ Der Fremde hatte sich zielstrebig an Leonie vorbei geschoben und stand nun drei weiteren Frauen gegenüber, die ihn anstarrten, als sei er der Wettergott persönlich.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich wusste nicht wohin. Das Unwetter hat mich völlig  überrascht. Mein Name ist übrigens  Michael.“ Michael blickte verschämt unter sich und beobachtete die Pfütze, die sich kontinuierlich unter ihm ausbreitete.

„Kommen Sie!“ Leonie hatte als erste von allen ihre Sprache wiedergefunden und zog ihn ins Badezimmer.

„Nehmen Sie eine heiße Dusche, ich bringen Ihnen etwas Trockenes zum Anziehen. Sie holen sich ja sonst den Tod.“

Kurze Zeit später saß Michael in einem flauschigen Bademantel, umringt von vier Jungen Frauen und trank einen heißen Grog.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen  danken soll. Obwohl ich schon mehrfach hier am See war, hatte ich plötzlich die Orientierung verloren und bin eine ganze Weile in Panik herumgelaufen, weil ich nicht mehr so richtig wusste, wo ich bin. Aber das hat ja wohl alles damit zu tun, mit damals…“  Sein Blick wurde starr und schien ganz nach innen gerichtet zu sein.

„Was meinen Sie mit damals?“, fragte die sonst meist stille Clarissa. Michael blickte sie lange an. Dann begann er zu erzählen – eine Geschichte, die haarsträubender nicht hätte sein können.

Er war der verschollene Wassermaler. Als er vor drei Jahren hier gewesen war, wollte er noch am ersten August bleiben, um die Höhenfeuer auf den Berggipfeln nicht zu verpassen. In der Nacht wurde er brutal überfallen. Es waren mehrere, stark alkoholisierte Männer, die ihn halb tot geschlagen hatten. In einem Krankenhaus in Zürich war er nach mehreren Wochen auf der Intensivstation und nach einem zweijährigen Koma wieder aufgewacht. Seitdem war er ununterbrochen damit beschäftigt, seine Erinnerung wiederzugewinnen und sein in etliche Scherben zerfallenes Leben wie ein Puzzle wieder zusammenzufügen.

© G. Bessen

 

abc.etüden (30)

abc.etüden/Auf besonderen Wegen (15)

 Wenn ihr nur wissen wollt, wann es wieder weitergeht: Die nächste Runde startet mit der Ausgabe der neuen Wörter für die abc.Etüden Anfang September, und zwar am Sonntag, den 3. September für die Textwoche 36.17.

 „Wie, euren Notgroschen, was meinst du damit?“, fragte Antonia mit vor Schreck geweiteten Augen und ließ fast ihr Stativ fallen. Sie hatte sich früher immer gewünscht, eine berühmte Portraitfotografin zu werden, doch der Krieg hatte diesen Kindheitstraum brutal weggewischt.

Nun fotografierte sie, was ihr vor die Linse kam und da sie eine ganz erlesene Pflanze hatte, deren Blüte sich nur in der Nacht öffnen würde, hatte sie Kamera und Stativ stets in Reichweite.

„Wir haben ein wenig Geld auf die Seite gelegt, für später, als Notgroschen. Man weiß doch nie, was noch kommt, und dieses Geld befand sich in einem Bankschließfach, zu dem wir beide eine Vollmacht und jeder einen Schlüssel haben und das Schließfach ist nun leer.“

Hildchen ließ ihre eigenen  Worten mit angehaltenem Atem durch den Raum schweben, als glaube sie selbst nicht, was sie da gerade erzählt hatte.

„Das hört sich ja fast so an, als sei er wie ein Verbrecher getürmt, vor dir, aus eurer Ehe, ja, aus eurem gesamten Leben – unglaublich!“

Antonia sank auf den nächsten Stuhl, griff nach dem aus Breslau mitgebrachten  Becherovka und goss Hildchen und nun auch sich großzügig einen ein.

„Den siehst du nie wieder, verlass dich drauf!“

Nun war es an Hildchen, die Augen aufzureißen und Antonias Worten nachzuspüren – fassungslos, ungläubig und entsetzt.

 

abc.etüden (30) vor der Sommerpause

 

 

 

 

 

 

 

 

Christiane lädt wieder ein:

Und auf zum Endspurt!
Heute, meine lieben Mitschreiber-/innen und Leser-/innen,
gibt es die letzten Wörter vor der Sommerpause.
Von Sommer, sprich: Hitze, haben wir hier oben
im Norden zwar bisher noch nicht viel mitbekommen,
aber ich gebe die Hoffnung erst zum Herbstanfang auf.

Die Wörter für diese Woche hat Anna-Lena von „Meine literarische Visitenkarte“ (visitenkartemyblog.wordpress.com) gespendet. Sie lauten:

Stativ
Kindheitstraum
nachspüren

Damit wir nicht ins Sommerloch fallen, hat Christiane auch eine Idee für ein Etüdensommerpausenintermezzo. Eine gute Idee gegen Entzugserscheinungen für alle, die nicht in Ferien oder Urlaub sind…