Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 (2)

Christiane hat wieder zur Etüde eingeladen.  Die Wörter für die Textwochen 18/19 des Schreibjahres 2021 stiftete Nina mit ihrem Blog Das Bodenlosz-Archiv. Sie lauten:

Korsett
rechtsdrehend
dampfen

 

Die Zerreißprobe

Das Geräusch war kaum zu ertragen und hielt seinen Körper von Kopf bis Fuß in Schach. Es kroch bis in den Haaransatz. Von dort aus setzte es sich wie Erdbebenwellen über die gesamte schwitzende Kopfhaut fort und rann den Rücken hinunter, Wirbel für Wirbel. Die Oberschenkel waren so verkrampft, dass ein Kribbeln von den Schenkelinnenseiten über beide Kniekehlen und dann über die Waden bis in die Fußspitzen zu spüren war.

Er spürte seine beiden Schulterblätter, die sich nach außen drückten, als könnten sie dieses dumpfe, durchdringende Geräusch dadurch besänftigen. Seine überstreckte Halswirbelsäule zog sich immer wieder vorsichtig rechtsdrehend aus einer Art Umklammerung. Die Fingerknöchel, weiß und bleich, hoben sich von seinen sonst gut durchbluteten Händen deutlich ab.

Hektisch sog er die Luft durch die Nasenöffnung. Dabei blähten sich seine Nasenlöcher wie die Nüstern eines Pferdes hoch und runter. Die Augen hielt er geschlossen und doch hatte er das Gefühl, direkt in das gleißende Licht der Lampe zu schauen. Sein Gesicht war mit kaltem Schweiß überzogen und schien gleichzeitig feuerrot zu glühen.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Obwohl er nur wegwollte, hatte er keine Chance, seinen Körper zu bewegen. Er war starr vor Schreck, wie in einem Korsett gefangen.  Die Anspannung zog  sich durch jeden Muskel seines Körpers. Gleichzeitig rauschte der Puls in seinem Trommelfell bis in die Innenseiten seiner Schläfen.

Eine zunehmend eklige  Feuchtigkeit im Mund ließ ihn innerlich erzittern. Es war Blut, das konnte er förmlich riechen und er hatte das Gefühl eine dampfende Wolke umhüllte sein Haupt.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und eine schier grenzenlose Erleichterung überfiel ihn. Nun konnte sein Körper langsam in den Normalzustand zurückkehren.

„Das wäre geschafft! Dieses Biest wird Sie nicht mehr quälen!“, sagte der Zahnarzt und zeigte ihm den soeben entfernten Weisheitszahn. Und dann wurde es schwarz vor seinen Augen …

300 Wörter

 

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 (2)

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut
haltlos
massieren

Tante Hilde rückte sich die dunkle große Sonnenbrille gerade ins Gesicht, ein untrügliches Zeichen, dass niemand ihre Tränen sehen sollte. Der große lilafarbene Sonnenhut saß perfekt auf ihren mahagonifarbenen Locken. Passend zum Anlass trug sie einen sauteuren langen schwarzen Rock und eine luftige schwarze Bluse.

Alles war vorbereitet und wir warteten im Garten meiner Tante auf die Dinge, die da kommen sollten. Alle Verwandten hatten sich versammelt und saßen trotz der sengenden Maisonne still und erwartungsvoll auf ihren Stühlen. Unter einem weißen Partyzelt wartete bereits ein kleiner Imbiss neben Kaffeethermoskannen, gut abgedeckt und so verhüllt, dass Kai und ich uns fragten, was es Leckeres gäbe.

Kai war mein Zwillingsbruder und wir wagten nicht, miteinander zu reden, ja nicht einmal zu flüstern. Im Lippenlesen waren wir beide gut und als Kai „kalter Hund“ mit den Lippen formte, wäre ich um ein Haar in haltloses Kichern ausgebrochen. Aber meine gute Erziehung und der bohrende Seitenblick meines Vaters hielten mich von Ausbrüchen dieser Art ab.

Langsam wurde die Sonne unangenehm. Meine Schläfen pochten ein wenig, der Magen hing mir in den Kniekehlen und das Stillsitzen war auch nicht mein Ding. Ich begann meine Schläfen zu massieren, als ein schwarz gekleideter Mann mit einem großen Karton kam, auf Tante Hilde zuschritt und ihr ein paar Worte zuflüsterte. Tante Hilde schluchzte nun ungehindert.

Eine schwarze Keramikurne, umhüllt von einem beigefarbenen Seidentuch, wurde aus dem Karton gehoben. „Mein geliebter Mephisto 2015 – 2020“ leuchtete in großen goldenen Lettern auf der Urne. Tante Hilde drohte zu kollabieren, so sehr hatte der Abschiedsschmerz sie im Griff.

Ich hingegen empfand keinerlei Trauer, eher Genugtuung. Hatte mich dieser neurotische Vierbeiner mit dem so passenden Namen zeit meines kurzen Lebens in Angst und Schrecken versetzt und mehrfach gebissen. Was war er auch so blöd sich loszureißen und in ein Auto zu rennen!

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die Wörter zu Christianes Schreibprojekt für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2021 stiftete endlich mal wieder Sabine (auch als Frau Flumsel bekannt) mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten:

Strickjacke
trügerisch
entdecken

 

Was für ein Anblick! Neles schmächtiger, von Krankheit gezeichneter Körper versank in der bunten, mittlerweile übergroßen Strickjacke, die Oma Helga liebevoll aus bunten Farben für sie gestrickt hatte.

Was hatte dieses liebreizende junge Mädchen schon alles erleiden müssen! Seit zwei Jahren war sie infolge der fortgeschrittenen Multiple Sklerose an den Rollstuhl gefesselt, anstatt mit ihren Freundinnen neugierig die Welt zu entdecken.

Es hatte die ganze Nacht über geschneit und Nele blickte hinaus in den verschneiten Garten. Sie konnte sich an der winterlichen Pracht nicht satt sehen, wie sie sich auch nicht erinnern konnte, so eine weiße Stille je bewusst erlebt zu haben. Erzählungen über eine weiße Weihnacht kannte sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Nun bekam sie eine Vorstellung davon, was Oma Helga damit meinte.

Auch wenn sich eine leise Traurigkeit auf Neles Gemüt legte, streichelte der Anblick der Winterlandschaft ihre Seele. Würde sie so etwas Schönes je wiedersehen? Die Krankheitsschübe, das ständige Auf und Ab waren trügerisch. Nele wusste, dass sie unheilbar krank war und doch hoffte sie immer wieder, eine geeignete Therapie zu bekommen, die ihr Leben wieder lebenswert machte. Sie brauchte diese Hoffnung wie ein Durstender das Wasser, sonst würde sie verrückt.

Und doch, je länger diese Krankheit an Körper und Seele nagte, umso tiefer wurden die Phasen der Akzeptanz. Es war ein Auf und Ab, ein Leben im Hamsterrad, ein Nicht-Entkommen-Können.

Das Netz der Liebe und Fürsorge ihrer Familie, das sie wie einen Kokon umspannte und umhüllte, gab ihr die Kraft weiterzuleben.

Nele fragte sich nicht mehr, welchen Sinn es hatte, dass ihr junges Leben eng begrenzt war, sie wollte jeden Tag, der ihr blieb, in Dankbarkeit erleben und ihren Weg gehen, wohin er sie auch führen würde. Nicht allein zu sein bis zur letzten Stunde war ihre Kraftquelle, der Brunnen, aus dem sie schöpfte.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 (2) | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

Die Landung war hart und unsanft. Paul konnte sich im ersten Moment nicht erklären, wo er war. Verschreckt schaute er sich um. Der Anblick, der sich ihm bot, war neu für ihn. Er konnte sich nicht erinnern, je so gestürzt zu sein. Er sah zu seiner Linken eine stattliche Anzahl Kraniche, deren Schnäbel mühevoll in den Boden hackten, um in dem vom Schnee bedeckten und gefrorenen Boden etwas Essbares zu finden. Unweit der Kraniche saßen Enten auf dem Feld, ebenso verzweifelt auf der Suche nach Nahrung.

Paul drehte seinen Kopf vorsichtig nach rechts und ein stechender Schmerz signalisierte, dass irgendetwas seinen Nacken blockierte. Seine Arme schmerzten und als er vorsichtig versuchte aufzustehen, gab sein linkes Bein nach und er sackte zurück auf den eisigen Boden.

Weder die Kraniche noch die Enten nahmen Notiz von ihm. Panik stieg in ihm auf. Nicht zu wissen, wo man war und bewegungsunfähig zu sein, war doch eine Nummer zu groß für ihn.

„He du komischer Vogel, wo kommst du denn her?“

Ein Kranich mit blitzenden Augen stand über Paul, blickte ihn forschend und gleichzeitig belustigt an. Paul bekam keinen Ton heraus.

„Überleg es dir, ich könnte dich ein Stück mitnehmen oder nach Hause bringen, wir fliegen gleich weiter.“

Paul überlegte fieberhaft. Wenn er auf Maries Fensterbrett saß und hinausschaute, war unweit ein kleiner Friedhof. Und drei Mal am Tag läuteten die Glocken. Umständlich erklärte er dem großen Kranich, dass er zur nächsten Kirche müsste, sich aber nicht bewegen könne. Der Kranich zögerte nicht lange, nahm Paul behutsam in seinen Schnabel und hob ab.

Als der Morgen graute, blinzelte Paul vorsichtig. Alles war warm und weich und er lag wie jeden Morgen sicher in Maries kleinen Armen. Sie schlief tief und fest. Der Vollmond zog sich still zurück und Paul begriff: Auch Affen können träumen.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein.

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren

„Dieser bornierte Affe“ schimpfte Hilde lautstark.

„Worüber regst du dich denn schon wieder auf?“

Hubert war gerade eingedöst, als Hildes Wortschwall ihn unsanft weckte.

„Kriegst du denn gar nichts mit? Ich setze den Blinker und der da schnappt mir einfach den Parkplatz weg. Wo gibt es denn so was???“

 Hubert hatte es sich abgewöhnt, auf die emotionalen Ausraster seiner Frau einzugehen, wusste er doch, dass sie damit erst so richtig Fahrt aufnahm und nicht zu bremsen war. Er war auf sie und ihre Gnade angewiesen, zumindest die nächsten sechs Wochen, dann bekam er seinen Führerschein zurück und würde sich wie ein neuer Mensch fühlen.

„Fahr ein Stück weiter, da ist doch ein großer Parkplatz.“

„Das sehe ich gar nicht ein, wegen dem da so weit zu laufen.“

Hilde hatte das Familienauto direkt neben dem ‚Parkplatzmopser’ geparkt und forderte Hubert mit einem stummen Impuls auf, auszusteigen und sich um die Angelegenheit zu kümmern, sich womöglich mit dem unverfrorenen Herrn im Auto rechts von ihr zu duellieren.

Hilde blockierte mittlerweile den folgenden Verkehr und neben den giftigen Blicken des ‚bornierten Affen’, der offenbar nichts sehnlicher wünschte, als aussteigen zu können, hatte Hubert das Gefühl, im nächsten Moment hyperventilieren zu müssen. „Bitte sei so gut und fahre weiter. Du machst uns ja beide zum Affen“.

„Ich denke gar nicht daran!“, antwortete Hilde und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.

„Wenn du nicht sofort weiterfährst, steige ich aus, dann kannst du sehen, wie du mit dem Wochenendeinkauf klarkommst.“ „Und, wenn du nicht umgehend handelst, steige ich aus und dann kannst du sehen, wie du das Auto nach Hause bekommst. Die Polizei fackelt nicht lange, wenn sie Menschen ohne Führerschein erwischt.“

Das war zu viel. Hubert öffnete die Tür, zwängte sich mit rollenden Augen zwischen beiden Fahrzeugen hindurch und steuerte den nächsten Taxistand an.

300 Wörter

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7.

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein. Sie lauten:

Lautsprecher
orange
erschüttern

Die Lautsprecher schwiegen und in der Luft lag eine Schwere, die fast schon schmerzlich war. Die Nachmittagssonne färbte den Himmel orange-rot ein und man hätte fast geglaubt, ein stiller Februartag neige sich langsam und friedlich dem Ende zu.

Doch von Frieden war keine Rede. Die Menschen waren aufgewühlt, am Ende ihrer so lange schon strapazierten Geduld und wollten sich nicht länger einkerkern lassen. Immer wieder wurden sie vertröstet, sich im Sinne des Allgemeinwohles zurückzuhalten und noch eine Weile durchzuhalten. Schließlich war das Licht am Ende des Tunnels ja zu sehen, obgleich der Weg dahin noch voller Stolpersteine lag.

Sie hatten sich zusammengeschlossen und sich deutlich Luft gemacht, diejenigen, die nun die Nase von vermeintlicher Verzögerungstaktik und Hinhaltemanövern voll hatten, und leider stießen sie bei vielen auf offene Ohren. Längst brodelnde innere Aggressionen, die sich nun verbal und körperlich Luft machten, hatten ein Chaos angerichtet, das an die Bilder eines wütenden Mob aus jüngster Vergangenheit in Washington, D.C. erinnerte.

Das, was alle täglich in den Medien vernehmen und schmerzlich sehen konnten, das, was die Verhaltensweisen weiterhin rechtfertigten, ja sogar zu einem MUSS erklärten, schien viele ebenso wenig zu erschüttern wie Millionen hungernder und bildungsferner Menschen in anderen Teilen der Welt, für die kein Licht am Tunnelende, sondern immer noch rabenschwarze Nacht zu sehen war. Denn so wie es momentan aussah, würden auch sie das Schlusslicht in der Bekämpfung der weltweit aktuellen Lage sein.

Aber andere Länder sind weit weg und der Blick über den eigenen Tellerrand ähnelt einer Hochgebirgs-Gipfelbesteigung. Hier spielt das Leben und das ist kaputtgemacht worden. ‚Holen wir uns das zurück’ – das war die Parole des Nachmittags und dafür rottete sich der Mob zusammen.

Die Polizei versorgte ihre verwundeten Kolleginnen und Kollegen und ließ viele von ihnen ins Krankenhaus bringen, in der Hoffnung auf ärztliche Kapazitäten und kompetente Hilfe.

300 Wörter

 

Mit dem heutigen Tag hat die Pandemie in Deutschland 50.642 Todesopfer gefordert.

Setzen wir um 16.30 Uhr ein Zeichen des Gedenkens
und stellen wir nach dem Vorschlag des Bundespräsidenten ein Licht ins Fenster.

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20

Einladung  von   Christiane   zur letzten regulären Etüde in diesem Jahr,  für die aus 3 Wörtern eine Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern entstehen soll.

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern

Magische Orte

„Nimm Platz“, forderte mich die hölzerne Bank mit einem stummen Impuls auf. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Eigentlich hatte ich keine Zeit, wenn ich daran dachte, was dieser Tag von mir noch abverlangen würde. In alten Akten konnte ich jedoch später noch stöbern, sie lagen ohnehin verstaubt und regungslos im Keller des Gerichtes herum und wurden von einem immerzu griesgrämig dreinschauenden Vorzimmerbeamten bewacht. Ich zögerte, innerlich unruhig und hin- und hergerissen. Doch ich konnte mich dem Zauber dieses Ortes nicht erwehren und nahm Platz. Schließlich war der Tag in seiner jahreszeitlichen Helligkeit und in seinem sanften Licht begrenzt.

Für einen Moment schloss ich die Augen, atmete tief durch und spürte, wie mich eine befreiende Ruhe durchflutete. Alle meine Sinne waren bereit, das vor mir und um mich herum sichtbare Schauspiel des leuchtenden Novembers in mich aufzunehmen und darin zu versinken. Der milde Herbsttag hielt mich umfangen und die Kraft der Umgebung durchströmte mich wie eine Quelle der Wiedergeburt. Stille umfing mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort letztendlich gesessen hatte. Als ich die Augen öffnete, lag der See wie schlafend vor mir. Nur ein ganz leichtes Säuseln des Windes und ein sanftes Schaukeln der Blätter verrieten mir, dass ich mitten in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt war.

Erfüllt mit neuer Kraft und Tatendrang machte ich mich auf den Weg in mein Büro und dankte dem Himmel für diese Kraft spendenden Minuten.

© Text und Fotos : G. Bessen, 233 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20

Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20

Der Einladung von Christiane zum Schreiben von Etüden möchte ich nach langer Zeit wieder einmal folgen. Die Wörter für die Textwochen 43/44 des Schreibjahres 2020 stiftete zum ersten Mal Judith mit ihrem Blog Mutiger leben. Sie lauten:

Schmutzfink
fabelhaft
mopsen

Wie übergroße Schneeflocken rieselten die zarten gelben Blätter der Birken zu Boden, und die Zweige des Magnolienbaumes mit seiner fabelhaften hellen Blattfärbung schaukelten sachte im Wind. Als mache es dem Wind einen Heidenspaß, den Bäumen die bunten Blätter zu mopsen, sie sachte zu Boden zu tragen und  kleine Hügel damit zu bauen, erfreute  sich der alte Mann seit Stunden an diesem Naturschauspiel. Ein sanftes Lächeln lag um seine von Falten umrahmten Augen.

Und er sah sich selbst als kleiner Junge, zu allen Jahreszeiten ein Schmutzfink, wie seine Mutter ihn oft zärtlich betitelte, wenn er von seinen Streifzügen durch Felder und Wiesen mit leuchtenden Augen und rosigen Wangen nach Hause kam. Die Natur war sein Leben, und er verbrachte oft noch Stunden draußen, wenn andere Kinder noch an ihren Hausaufgaben oder längst im Schlafanzug schon vor dem Fernseher saßen. Er war stets in guter Obhut, denn Paula, seine treue Schäferhündin, war immer an seiner Seite und passte auf ihn auf.

Letztlich war Paula mit dreizehn Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, doch seine Liebe zur Natur und zu den Streifzügen blieben angstfrei und ungebrochen.

Nun stand er selbst mitten im Herbst seines Lebens und blickte zufrieden zurück auf das, was an Leben und Erlebtem hinter ihm lag. Seine eingeschränkte Mobilität ließ ihn nicht mehr aktiv an allem teilhaben, doch er hatte so viel inneren Reichtum angesammelt, von dem er zehren und seine Gegenwart genießen konnte. Angekommen in der eigenen Mitte und ganz bei sich, scherte ihn nicht, was die Zukunft bringen würde.

Er konnte ohnehin wenig Zukünftiges beeinflussen und gab sich ganz dem Jetzt hin. Was kommen sollte, käme ohnehin. Das war seine Philosophie.

Ein Eichhörnchen jagte den Baumstamm hinauf, blickte sich keck nach allen Seiten um und rannte weiter. Konnte es Schöneres geben, als das zufriedene Leben im Hier und Jetzt?

300 Wörter

© G. Bessen

 

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (2)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

 

Sonnenuntergang
warm
fliegen

Der unsichtbare Gegner

Der junge Bademeister machte den Eindruck, als hätte er es mit einem direkten, aber unsichtbaren Gegner zu tun, dem er es deutlich zeigen wollte.

Zum Aufguss in der Mittagszeit hatte er eine Mischung aus Anis, Fenchel und Limone mitgebracht, und während er das heiße Wassergemisch in drei großen Kellen auf den Ofen spritzte und zufrieden auf dem Thermometer registrierte, dass 90 Grad warm genug sein sollten, nahm er das große weiße Badetuch in seine rechte Hand, begann es mit verbissenen Drehungen immer schneller und schneller zu drehen, als würde er dem Riesen Goliath gegenüberstehen und ihm persönlich ins Gesicht schlagen wollen. Die warmen Duftwellen begannen, wie heißer Wüstensand durch die Saunakabine zu fliegen.

Die wenigen Stammgäste, die sich noch hergetraut hatten, saßen über drei Etagen verteilt. Der Schweiß rann ihnen am Körper herunter. Es war still, auch lange nach dem Aufguss, bei dem das Schweigen oberstes Gebot ist. Möglicherweise dachte jeder daran, wie er der drohenden Katastrophe Corona die Stirn bieten könnte. Das Training des Immunsystems war auf keinen Fall verkehrt. In dieser Hitze würde sich jeder Virus freiwillig aus dem Staub machen.

Nach einem fantastischen Regenbogen klarte der Himmel am späten Nachmittag auf. Der beginnende Sonnenuntergang schien ein Stück Normalität über den Dächern von Berlin verkünden zu wollen. Doch der Schein wurde immer mehr zum Trugbild, denn stündlich verliert das pulsierende Leben in der Hauptstadt seine Lebendigkeit.

Corona hat es fest im Griff.

236 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt

Christiane lädt ein: 3 Wörter in einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2020 kommen von Corly und ihrem Blog „Corlys Lesewelt„. Ihre Begriffe lauten:

Sonnenuntergang
warm
fliegen

 

Weggabelungen

Lukas hatte sich wie auf einem Verschiebebahnhof gefühlt. Mit dem Abitur frisch in der Tasche, hatte er akribisch genau sein ‚Gap Year’ in Australien und Neuseeland geplant, vorbereitet und dafür gespart. Ein Jahr das Leben in ‚Down Under“ zu erforschen, Land und Leute kennenzulernen, arbeiten und reisen und sich auf den Weg zur eigenen Berufsfindung zu machen, das war ein lang gehegter Traum von ihm, dem freundlichen jungen Mann aus Rostock.

Die verheerenden Buschbrände in Australien ließen erste Zweifel in ihm aufkommen, ob es sinnvoll sei, gerade jetzt nach Australien zu fliegen oder abzuwarten. Dabei hatte er solch eine Sehnsucht, dem zu milden, aber nasskalten deutschen Winter zu entfliehen und irgendwo warm und trocken an einem menschenleeren Strand zu sitzen.

Dann kam das Coronavirus und etwa zeitgleich stolperte er über eine Anzeige in einem Blättchen, das bei seiner Oma auf dem Tisch lag: Kloster auf Zeit in der Abtei Münsterschwarzach.

Was es nicht alles gibt, dachte Lukas kurz und verschwendete erst einmal keinen weiteren Gedanken daran. Er hatte, wie auch seine Eltern, mit der Kirche nie etwas zu tun gehabt, war nicht einmal getauft und doch googelte er nach ein paar Tagen intensiv, was es denn mit Münsterschwarzach so auf sich hatte.

Man lud ihn nach Münsterschwarzach ein, unverbindlich zu einem Kennenlerngespräch und Lukas fuhr hin. Die Gegend um Würzburg war ihm bisher vollkommen unbekannt und als er nach einem Schnupperwochenende in seine Hansestadt zurückkam, war er erfüllt von neuen Eindrücken.

Das lag nun zwei Wochen zurück.

Heute war er im Kloster angekommen, bereit für das dreimonatige Abenteuer ‚ora et labora’. Er hatte seinen Koffer ausgepackt, öffnete das Fenster seines spartanisch eingerichteten Zimmers, zog die milde Frühlingsluft tief in seine Lungen und genoss den Sonnenuntergang.

Australien konnte warten. Menschen mit ungewöhnlichen Lebensformen konnte er quasi vor der Haustür finden und kennenlernen.

300 Wörter

 

* Gap Year – ein Lückenjahr zwischen Abitur und Berufseinstieg

* Abtei Münsterschwarzach