Fahrerflucht

Fahrerflucht

Er beugte sich über sie und suchte verzweifelt nach einem Lebenszeichen. Sie atmete ganz flach. Ihr Körper lag mitten auf der Fahrbahn, schwer verletzt. „Du Dummchen, warum hast du nicht auf mich gehört? Es war zu gefährlich, einfach loszurennen.“ Sie versuchte, den Kopf zu drehen, um  zu antworten, aber sie hatte keine Kraft mehr. Ihr kleiner Kopf fiel zur Seite. Sie war tot.
Nervös schaute er nach rechts und links, denn er selbst war in höchster Gefahr. In dieser Kurve kamen die Autos so schnell herangefahren, dass nur eine schnelle Reaktion und ein langer Sprung von der Fahrbahn sein Leben retten konnte.
Und so machte er mehrere Anläufe, sie wenigstens von der Fahrbahn an den Straßenrand zu ziehen. Resigniert gab er auf. Der Berufsverkehr nahm zu und wollte er nicht selber sein Leben lassen, musste er aufgeben.
Er war wütend, dass der Fahrer, der sie überfahren hatte, einfach weiter gefahren war. Warum hatte er nicht wenigstens angehalten und den kleinen Körper an den Straßenrand gelegt? Oder hatte er es nicht einmal bemerkt?
Erbarmungslos donnerten  unzählige Autoreifen über sie hinweg. Er hatte sich einen sicheren Platz am Straßenrand  gesucht, immer noch in der Hoffnung, sie von der Fahrbahn wegziehen zu können.
Um den kleinen verrenkten Körper hatte sich Blut  verteilt. Von weitem sah es aus, wie ein dunkler Fleck und so nahmen es die herannahenden Autofahrer  wahr.

Nur im letzten Moment konnte man die kleine tote Eichkatze erkennen, die beim Überqueren der Straße nicht schnell genug gewesen war.
Am nächsten Morgen erinnerte nur ein schwarzbrauner, platt gefahrener, tellergroßer  Fleck an sie. Der Eichkater hatte nichts mehr tun können und war weiter gezogen, in einen Wald, in dem er keine Angst haben musste, von den Reifen eines Autos erfasst zu werden.

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©Text: G.Bessen

Foto: La Liana/pixelio.de

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29 Kommentare

  1. Ach wie traurig, diese Geschichte. Aber auch solche Momente gehören zum Leben dazu, leider.
    Ich habe hier auf meiner Terasse auch schon Eichhörnchen gesehen, die sich mit den Vögeln das Futter teilen, das ich ihnen jeden Morgen hinstreue. Hoffentlich bleiben sie vom Tod auf der Straße verschont!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Genau so schon viele Male gesehen. Platt auf der Straße. Schöne große Vögel ebenso, Katzen, Eichkätzchen, viele Igel. So ist das halt im Land der Raser. Mitleidlos wird darüber gedonnert. Wobei man sagen muss, dass es lebensgefährlich ist, auf Autobahnen anzuhalten. Aber ansonsten kann man einigermaßen vorsichtig fahren.

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  3. ich habe noch nie ein Tier überfahren und ich hoffe, es wird auch so bleiben. Ich darf es mir gar nicht vorstellen. Ein Wesen, das eben noch gelebt hat, durch mich getötet… grausam, nicht nur für das andere Geschöpf…
    Deine Geschichte ist sehr berührend. Ich glaube, ich würde auf jeden Fall anhalten, schon alleine durch den Schock, durch das, was da passiert ist.
    Liebe Grüße zum Sonntag, liebe Anna-Lena

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  4. Wenn ich in meiner Heimat an der Bundesstraße zwischen Berchtesgaden und Königssee entlang spaziere, kommen mir stets eine Handvoll Tierkadaver unter… Viele wollen grad in den kalten Jahreszeiten einfach von den höher gelegenen Bergwäldern in die niederen nahe der Ache wechseln, und geraten dabei unter die Räder… Diese Straße verleitet leider, leider zum rücksichtslosen Rasen, da helfen auch Hinweisschilder und regelmäßige Blitz-Aktionen nichts…
    Ich wünsche dir einen schönen und unbeschwerten Sonntag!

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  5. Liebe Anna-Lena,

    so eine Beobachtung musste ich leider auch schonmal machen. Mir hat es schier das Herz aus der Brust gerissen. Auch ein Grund, weshalb ich keinen Führerschein habe und als Mitfahrerin sicher oft keine gute Begleitung bin. Die Angst, so ein Tierchen anzufahren, ist riesengroß. Ich stehe bei jeder Fahrt 1000 Ängste aus.

    Liebe Grüße
    die Waldameise

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  6. Ich bin auch immer ganz traurig, wenn ich so was sehe. 😦
    Wie oft sieht man auch ein Kätzchen daliegen.

    Manche fahren aber auch wie die Irren. Da muss man sogar als Mensch Angst haben.
    Ich erlebe es immer wieder hier auf der engen Straße, die durch die Felder führt und zwei kleine Dörfer miteinander verbindet. Es passt nur ein Auto auf die Straße und als Fußgänger muss man auch auf der Straße laufen. Der Begriff Straße ist eigentlich zu hoch gegriffen. Es fahren dort auch nicht viele Autos. Dort gehe ich oft mit Pepper ein Stück. Das Verhalten der Autofahrer ist so unterschiedlich. Manche fahren ganz langsam an uns vorbei, sind rücksichtsvoll, andere fahren viel zu schnell an uns vorbei. Da ist ja nicht viel Platz zwischen uns und dem Auto. Einmal straucheln … schon würde man erfasst.
    Wie oft habe ich mich schon aufgeregt und hätte dem Autofahrer am liebsten einen Stein hinterher geworfen. Mach ich natürlich nicht. 🙂 Aber unschöne Ausdrücke sind mir schon über die Lippen gerutscht. 🙂 Hört da ja keiner.

    Ein bisschen Rücksicht auf Mensch und Tier wäre schon schön.

    Liebe Grüße,
    Martina

    P.S. Übrigens, ziemlich krass aber gut geschrieben!

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    • So etwas erlebe ich bei uns auch immer wieder.
      „Hört da ja keiner.“ Das ist schade. Bei mir zuckt da eher schon mal der Stinkefinger, den kann man zumindest sehen :mrgreen: .

      Ich fahre jeden Tag elf Kilometer eine Landstraße durch den Wald. Nicht nur Tiere wechseln da die Seiten, viele Radfahrer sind da auch unterwegs, aber die wenigsten Autofahrer beherzigen das, so dass die Schilder „Wildwechsel“ offenbar für viele überflüssig sind.

      Liebe Grüße,
      Anna-Lena

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  7. Pingback: Eichhörnchenschulung statt Eichhörnchenburger | Anni Freiburgbärin von Huflattich

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