Die Zeit

Die Zeit

Die Zeit hatte sich eine Auszeit genommen. Sie stand, merklich gelangweilt, in der Ecke und wartete gespannt darauf, ob sich jemand mit ihr beschäftigen wollte, ja, wann man sie wieder als das Kostbarste im Leben ansehen würde.  Aber scheinbar war dieser Anspruch unverschämt, jetzt, wo jeder stöhnte und sich in dieser schon so lange andauernden Hitze kaum mit sich selbst beschäftigen wollte.Zeitlos leben, ohne Zwang und ohne Schweiß treibende Anstrengungen, so versuchten viele über diese heißen Tage zu kommen.

Vielen, besonders den Älteren und Kranken,  war alles zuviel, selbst die einfachsten Handgriffe erforderten maximale Anstrengungen. Beklagten viele Menschen sonst, wie schnell die Zeit verflog, so gab es in diesem Sommer welche, die die Uhren anstarrten in der Hoffnung, die Zeit würde einen Gang zulegen und bessere Zeiten folgen lassen. Zeit, etwas, was viele nie hatten, dehnte sich plötzlich wie ein ausgeleiertes Gummiband, wurde zur Belastung, zum Nerventöter, zur wahren Herausforderung.

Auch, wenn sich zeitliche Abläufe objektiv nicht ändern, eine Minute immer etwa sechzig Sekunden haben wird und man ein Jahr mit zwölf Monaten in jedem Kalender findet, haben viele bemerkt, dass sich ein Zeitbegriff subjektiv verändern kann und die eigene Befindlichkeit eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

© G. Bessen