Briefe von Dir

Briefe von Dir
bleiben mir
aus einer Zeit,
so nah und doch so weit.

Wir waren jung,
naiv, verliebt,
voll Staunen,
dass es so was gibt.

Ich weiß nicht,
wo Du heute bist
und wer
an Deiner Seite ist.

Briefe von Dir
bleiben mir,
zarte Worte
auf vergilbtem Papier.

 © Text und Foto: G. Bessen

Des Messers Schneide

100_0253-cropSeine Worte hatten sie bis ins Mark getroffen. Messerscharf schnitten sie ihr ins Herz. Sie fühlte sich ausgeblutet, von einer Hülle der Leere umfangen.

Sie hatte alle Vorwarnungen beiseite geschoben, jetzt hallten sie durch den Raum wie kleine Kobolde, die sich in ihrem Leid suhlten und Grimassen schnitten.

‚Lass die Finger von ihm, das geht nie gut.’ – ‚Er ist ein Windhund.’ – ‚Er ist auf der Jagd nach allem, was Röcke trägt.’ – ‚Was willst du mit einem, der so viel jünger ist und bei dem ersten Problem auf uns davon ist?’

 Sie hatte ihre Lektion gelernt. Und doch blieb ein Rest dessen, was ihr einsame Seele gestreichelt hatte. Sie konnte zurückblicken auf Stunden, in denen sie beachtet und sich angenommen fühlte, auf  Stunden voll zärtlicher Intimität und schmerzlicher Leidenschaft, auf Stunden, in denen sie ganz sie selbst war. Jedesmal, wenn er zu ihr kam, brachte er ihr eine einzelne rote Rose mit und sie blühte in und mit ihr auf.

Nun standen die Rosen zum Trocknen in einer bauchigen Vase und sie sah sich in ihnen wie in einem Spiegel: ausgetrocknet und verwelkt.

Sie ließ ihren cremefarbenen Bademantel fallen, stieg in das heiße Schaumbad und legte sich die beiden Gegenstände zurecht, die sie noch brauchte: ein Glas mit rubinrotem Wein und eine Rasierklinge.

Sie war entschlossen, das letzte Restchen Leben in ihr auszuhauchen.

© G.B. 10/8/13