abc.etüden 38.17(2)

Die  Wörter
für die abc.etüden
sind gestiftet von   Herbert

Achtsamkeit
verwurschteln
rosa-grün

 

 

 

 

abc.etüden/Die werdende Oma

Der freudige Gedanke, zum ersten Mal Oma zu werden, ließ sie kaum noch los.

Die werdende Mutter musste eine Litanei von Verhaltensregeln über sich ergehen lassen.

„Mama, ich bin schwanger, aber nicht krank“, tönte es noch in Paulas Ohren und sie überlegte, ob ihre Mutter sie auch so mit Vorsichtsmaßnahmen bombardiert hatte, wie sie es derzeit mit Lisa machte.

Paula fluchte leise vor sich hin, denn eine Masche war ihr von der Stricknadel verloren gegangen und die zu finden und ordnungsgemäß in das rosa-grüne Babyjäckchen einzufädeln, erforderte ihre ganze Achtsamkeit.

Je krampfhafter sie sich um die Masche bemühte, desto mehr verwurschtelte sie das Gebilde in ihren Händen.

Genervt betrachtete Paula das Konstrukt in ihren Händen und plötzlich tat ihr das ungeborene Enkelkind schon leid. So eine blöde Farbe – das passte doch gar nicht zusammen, rosa und grün. Nach einem Babyjäckchen sah das Ganze eigentlich auch nicht aus und Paula hatte noch keine Ahnung, wie sie kleine Ärmelchen daran stricken sollte.

Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gestrickt hatte und ihr fiel ein, dass sie sich mit Stricken in so mancher Vorlesung wach gehalten hatte. Kurz entschlossen ribbelte sie den Babyjäckchenversuch auf, gab die Wollknäuel ihren beiden Katzen zum Spielen und zündete sich, sichtlich erleichtert, eine Zigarette an.

© G. Bessen

Zwischen-Menschliches (6)

Entscheidungen

Das Klappern ihrer Absätze auf dem Steinfußboden verriet ihm, dass sie dem Ausgang zustrebte. Er atmete erleichtert auf .Obwohl es kühl war, wischte er sich die Schweißperlen von der Stirn. Angespannt lauschte er, ob noch jemand seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, aber er konnte nichts dergleichen vernehmen. Feierabend.

Müde schloss er die schwere Holztür, setzte sich in eine der hinteren Bänke und schlug die Hände vors Gesicht.

Wer war er, dass er einer jungen Frau eine Moralpredigt halten konnte? Eine Frau, die ihm vor wenigen Minuten verlegen gestanden hatte, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann und Familienvater zu haben? Ausgerechnet er hob den moralischen Zeigefinger und faselte etwas vom Gebot des Ehebrechens, bevor er zum „Ego te absolvo…“ ansetzte.

Er konnte so nicht weiter leben. Als junger und aufgeschlossener Priester hatte er vor drei Jahren die Gemeinde in der Kleinstadt übernommen. Er war beliebt wegen seiner Offenheit, seiner Fähigkeit, den Menschen das Wort Gottes lebendig und verständlich  nahe zu bringen.

Die sozialen Projekte in seiner Gemeinde waren über die Grenzen der Kleinstadt hinaus bekannt und fanden gerne Nachahmer. Er konnte stolz auf seine Gemeinde, ihre Lebendigkeit und ihr Engagement sein und er war es auch. Er vermittelte und lebte das, an was er glaubte: modernes, engagiertes Christentum, die Basis der Kirche.

Nur seine eigene Haut, die wurde zu eng, nahm ihm die Luft zum Atmen und erdrückte ihn. Die Schlinge, die er sich selbst vor einem Jahr um den Hals gelegt hatte, zog sich immer fester zu.

Bei seiner Priesterweihe hatte er sich keine Gedanken gemacht, was der Zölibat in letzter Konsequent bedeuten würde. Er war viel zu glücklich, am Ziel seines Berufsweges angekommen zu sein, sein Idealismus trieb ihn vorwärts.

Und dann hatte es ihn erwischt, ohne Vorwarnung, wie ein Blitz aus heiterem Himmel – die Liebe zu einer Frau. So sehr er sich auch dagegen gewehrt hatte, sie ließ ihn nicht mehr los. Alles war ins Wanken geraten und er spürte, wie die Erde unter ihm immer größere Risse bekam und ihn zu verschlingen drohte.

Das Beichtgespräch vor einigen Minuten war der Moment der glasklaren Erkenntnis, vor dem er nicht länger weglaufen konnte. Farbe bekennen – das war das, was er von seinen Gemeindemitgliedern abverlangte und selbst nicht mehr vorleben konnte.

Schmerzlich wurde ihm bewusst, was er alles aufgeben und verlieren würde, all das, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte.

Er verließ die abgedunkelte Kirche, schloss sie ab und setzte sich in sein Auto. Er hatte sich entschieden und das wollte er der Liebe seines Lebens mitteilen, die schon lange auf seine Entscheidung gewartet hatte, ohne ihn zu bedrängen. Die nötigen weiteren Schritte würde er in den nächsten Tagen einleiten und dann würde er sich mit ihr auf die Geburt ihres gemeinsamen Kindes vorbereiten, das ein Recht auf einen Vater hatte, der bedingungslos zu ihm stand.

© G.B. 10/2011