abc-etüde Textwoche 9/18

Christiane hat wieder zum Schreibprojekt eingeladen.

Dies sind  die Wörter der Textwoche 09/18, gespendet von Nina Bodenlosz mit ihrem Bodenlosz-Archiv und wieder illustriert von Ludwig Zeidler

Sie lauten:

Sonnenkollektoren
bräsig (Bedeutung bitte hier und hier nachlesen)
pürieren

Vergessen

Das verschlafene Nest im Lausitzer Braunkohlerevier, südöstlich von Cottbus, war weit entfernt, sich mit Plänen  zu erneuerbaren Energien auseinanderzusetzen.

Windräder, Sonnenkollektoren, die Abschaltung der Atomkraftwerke und die Einstellung des Braunkohletagebaus waren Themen, die das kleine Dorf, das ohnehin keine nennenswerte Infrastruktur hatte, eher zur Verzweiflung brachten. Wozu hatten sich die Männer ihr ganzes Leben abgerackert, Staublungen und Lungenkrebs in Kauf genommen und sich den Körper zerschunden, um dann so nach und nach von der Karte des Brandenburger Landes wegradiert zu werden? Die Kinder und Enkel der wenigen noch übrig gebliebenen Familien waren weggegangen, dorthin, wo es Arbeit gab, mit deren Entlohnung man seine Familie noch halbwegs satt bekommen konnte.

Zurückgeblieben waren die Alten, denen man nachsagte, sie seien stur und bräsig geworden, eine Handvoll Männer, die sich abends zum Bierchen im längst geschlossenen und langsam verfallenden Dorfkrug trafen, während die Frauen die wenigen Gartenerträge zu Lebensmitteln verarbeiteten, um sie auf dem Wochenmarkt der nächsten Kleinstadt für einen schmalen Taler  zu veräußern.

Zu tief saß die Resignation  der wenigen Dorfbewohner, von der Politik vergessen worden zu sein, ausgemustert, wie eine alte Staatsuniform.

Der Investor, der sich erst leidenschaftlich und voller Pläne für das Dorf und seine Infrastruktur interessiert hatte und es kaufen wollte, machte einen Rückzieher, da seine Vorhaben scheinbar nicht mehr lukrativ genug für ihn waren. Ihm schien es nichts auszumachen, einst hochtrabende Gedankenspiele und Vorschläge, dem Dorf eine neue Bedeutung, ja, eine neue Zukunft zu geben,  zu einem Einheitsbrei der Enttäuschung zu pürieren.

Eine Zukunft gab es scheinbar nicht und was die Damen und Herren in Berlin politisch vorhatten, ging ohnehin an den Belangen des Sechzehnseelendorfes vorbei. Somit erfreuten sich die Bewohner, wenn ihre Kinder und Enkel gelegentlich vorbeischauten und ein wenig Sonnenschein, Freude und Kinderlachen  ins triste Dorf brachten.

© G. Bessen

 

 

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abc-etüde Textwoche 8/18

Danke an Christiane für die Einladung und an Ludwig für die Illustration.

Die Wörter für die Textwoche 08.18 wurden von Petra Schuseil und ihrem Wesentlich-Werden-Blog (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) gespendet und lauten:

Pimpinelle (hier nachlesen)
stürmisch
glucksen.

 

Die Pimpinelle

Die zierlichen Köpfe der Familie  Pimpinelle schaukelten im Wind, denn es war recht stürmisch geworden. Für den Betrachter, der am Feldrand stand, bot sich ein amüsantes Bild. Es schien, als sei hier ein unbekannter Künstler mit einer perfekten Choreografie wie Phönix aus der Asche erstanden. Der aufmerksame Beobachter konnte jedoch noch mehr wahrnehmen. Die Familie der kleinen Wiesenknöpfe, denn so hieß die Familie der Pimpinelle im Volksmund, lauschte der Melodie des Windes und schunkelte im ¾-Takt einer Walzermelodie mal nach rechts, mal nach links.

Dabei schienen die kleinen Blüten vor Freude zu glucksen, so einen Spaß machte ihnen die Bewegung in der Hitze des späten Sommertages. Doch die Idylle war trügerisch, denn bereits am Horizont tauchten dunkle Wolken auf, die sich wenig später erbarmungslos mit dicken und schweren Tropfen über die fröhliche Pimpinellenschar ergießen und  die Jüngsten unter ihnen erbarmungslos mitreißen würden.

Das waren die Gesetze der Natur und sie nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden. Doch bis es so weit war, erfreute sich die Blütenschar ihres noch jungen und bewegungsreichen Lebens. Manchmal ist ein kurzes erfülltes Leben wertvoller als ein langes und freudloses.

©G. Bessen

 

 

abc.etüden (29)

Das sind die neuen Wörter, die Ulli aus dem Café Weltenall

(cafeweltenall.wordpress.com)

für die abc.etüden der Textwoche 29.17 gespendet hat:

Buddelkiste
schwadronieren
Tanzbein

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (14)

 Antonia staunte nicht schlecht, als Hildchen am folgenden Morgen bei ihr Sturm klingelte. Sie saß noch im Schlafanzug  beim Frühstück, blaue und gelbe Lockenwickler im Haar und war gerade damit beschäftigt, ihren Tag zu strukturieren.

„Was ist denn passiert?“, fragte sie Hildchen, die mit geröteten Augen und einem verzweifelten Gesichtsausdruck vor ihr stand.

„Soll ich dir das hier auf dem Flur erzählen, oder bittest du mich auch mal herein?“, fauchte Hildchen und drehte sich vorsichtig um, als sei ihr jemand von der Stasi auf den Fersen.

Nach zwei hastig hinunter gekippten Becherovka-Schnäpsen  und einer Tasse starken Kaffees war Hildchen in der Lage, von ihrem Besuch bei der Polizei zu berichten.  Die Vermisstenanzeige lief nun, doch die anzüglichen Bemerkungen des Polizeibeamten, sich erst nach sechs Wochen daran zu erinnern, dass der Ehemann womöglich abhanden gekommen sei und nun erst zu reagieren, hatte sie doch mächtig in Rage versetzt.

„Dieser junge Schnösel, was denkt er sich, schließlich kenne ich meinen Ludwig fast schon aus der Buddelkiste. Wir haben nächtelang über Gott und die Welt schwadroniert, Partys gefeiert, das Tanzbein geschwungen… . Ja, mein Ludwig war früher ein flotter Hecht, wenn ich das so recht bedenke.

Und nun pilgert  der plötzlich den Jakobsweg, verschwindet einfach und lässt mich hier sitzen, ohne Geld, denn unser Notgroschen ist auch weg!“

abc.etüden (28)

Hier sind sie, die Wörter für die Textwoche 28.17 der abc-etüden, gespendet von autopict.wordpress.com, und lauten:

Mondsichel
Zäsur
kontrollieren

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (13)

Hildchen konnte nicht einschlafen und starrte verzweifelt auf die scharf gezeichnete Mondsichel, die genau über ihrem Garten stand.  Ihr Herz klopfte als wolle es sich überschlagen. Kein Lebenszeichen hatte sie von Ludwig, weder im Postkasten noch auf dem Anrufbeantworter. Er war seit knapp sechs Wochen unterwegs, aber so ganz ohne Nachricht – sieht man von dieser merkwürdigen Pilger-Jakobsweg-Karte mal ab – war das ganz und gar nicht ihr Ludwig.

Ihrer beider Leben geriet deutlich aus den Fugen, das spürte sie genau.

Dieser seltsame Wunsch Ludwigs nun zu pilgern war so eine deutliche Zäsur in beider Leben, das Hildchen etwas ganz anderes dahinter vermutete, eine midlife crisis, den Wunsch nach einem zweiten Frühling, den Männer in der fortgeschrittenen Mitte ihres Lebens oft verspüren und sie fragte sich, was sie mit Ludwig überhaupt noch verband.

Sie begann, fürchterlich zu zittern, wie bei einem Schüttelfrost vor einer schweren Grippe. Es gelang ihr nicht, ihren Körper zu kontrollieren, die Nerven gehorchten ihr nicht und der Boden unter ihr wollte sich wie ein gähnender Schlund auftun.

Gleich am Morgen würde sie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben.

abc.etüden (27.1)

Für die abc.etüden, Woche 27.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bruni (wortbehagen.de) und lauten:

 

 

 

Achterbahn
Straßenschlucht
einzigartig

 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen (12)

 Die Ehe von Hildchen und Ludwig war immer gleichförmig gewesen, ohne nennenswerte Höhen und Tiefen und schon gar nicht wie eine spannende Achterbahnfahrt durchs gemeinsame Leben.

Sie hatten sich als Jugendliche im Jugendclub der Gemeinde kennengelernt, sich verliebt und mit dem Drang, früh zuhause auszuziehen, geheiratet. Töchterchen Charlotte, einzigartig was das nächtliche Durchschlafen betraf, kam mit genau Monaten als wahrer Wonneproppen auf die Welt und bis zu ihrer Volljährigkeit waren sie eine durchschnittliche Familie, zufrieden mit sich und der Welt.

Nun waren beide unterwegs, keiner wusste vom anderen, wo er war.

Hildchen machte sich seit der Postkarte ihres Angetrauten natürlich Sorgen, wo er steckte, denn die Nummer mit dem Jakobsweg war eine so platte, die hätte selbst der Weihnachtsmann nicht von sich gegeben. Die Annahme, dass er sie nach Strich und Faden belügen und betrügen würde, ließ sie nicht so nah an sich herankommen. Und Ludwig steckte so tief in der Klemme, dass er weder aus noch ein wusste und all seine Felle dahin schwimmen sah. Er wusste, dass er Hildchen eine Menge zumuten konnte, doch Lügen waren das Schlimmste, was er ihr antun konnte. Das war, als würde er die Büchse der Pandora öffnen.

Den Kopf eingezogen, eilte er durch die Straßenschluchten bis er sein Hotel erreicht hatte, während Hildchen und Antonia auf dem Rückweg von Breslau nach Hause waren und Hildchen unvermittelt zu Antonia sagte: „Ja, meine Liebe, ich mache mir große Sorgen um Ludwig und weiß gar nicht, wo ich nach ihm suchen soll.“

 

abc.etüden(23)

Das sonntägliche
Schreibprojekt
mit Wörtern von
redskiesoverparadise.wordpress.com

Kellerdurchbruch
hermetisch
brandschatzen

Eine wirkliche Herausforderung!!!

abc./etüden/Auf besonderen Wegen (8)

 Hildchen setzte gerade an, um Antonias Frage zu beantworten, als ihr erneut schwindelig wurde, allerdings nicht von der Hitze, sondern von dem Kellergewölbe des Biergartens mit seinem dezenten Licht.

Sie erinnerte sich daran, dass sie – gerade mal fünf  Jahre alt – mit ihren Großeltern viele Stunden in einem Bunker verbracht hatte, der ihr infolge  verschiedener Kellerdurchbrüche wie ein riesiges  Labyrinth vorkam. Dieser Bunker in dem großen aber edlen  Mietshaus am Markt, in dem sie damals wohnten, hatte ihr noch viele Jahre düstere Albträume beschert.

Es war im Januar 1945, Breslau war wie eine Festung hermetisch abgeriegelt. Wer in den Westen flüchten wollte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Und doch versuchten es viele in letzter Minute, packten in Windeseile das Nötigste zusammen und  so setzte sich der Treck Ende Januar bei Minus fünfundzwanzig Grad in Bewegung Richtung Westen.

Hildchens Vater war an der Front, ihre Mutter hochschwanger und alleine wollten die Großeltern nicht aufbrechen. In Antonias Familie sah es nicht viel anders aus und so kam es, dass beide Mädchen in Breslau blieben und zusammen eingeschult wurden. Allerdings haben sich die Erinnerungen, wie ihre Heimatstadt Breslau gebrandschanzt wurde, wie ein eitriger Ausschlag auf ihre zarten Kinderseelen gelegt und diese Narben sind nie verheilt.

Es bedurfte nur weniger Worte und Antonia verstand Hildchens Gefühlsausbruch und beide aßen schweigend mit einem dicken Kloß in der Kehle.