Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Etüdensommerpausenintermezzo (1)

Da die abc.etüden gerade in der Sommerfrische bzw. Sommerpause sind, soll es ja hier nicht still bleiben. Daher hat Christiane zum Etüdensommerpausenintermezzo geladen, die nachfolgenden Wörter vorgegeben und wir Schreiberlinge sollen daraus eine Geschichte schreiben. Es müssen alle Wörter verarbeitet werden und Regen soll eine zentrale Rolle spielen.

Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle,
Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler

Der Wassermaler

Die Zeichen standen auf Sturm, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwarze Gewitterwolken hatten sich gefährlich um die Bergwipfel gelegt und ein kühler Wind pfiff durch das Tal. Clarissa, Leonie und Marie standen vor der Hütte und blickten stumm zum Himmel empor.„ Kommt, lasst und hineingehen, der Wind frischt auf.“ Leonie zog sich ihre Jacke enger um den Oberkörper, kehrte den anderen den Rücken zu und ging zielstrebig zur Hütte.

„Na, wie sieht es aus?“, fragte Ele, die in der Hütte geblieben war und bereits den Tisch für das Abendessen gedeckt hatte.

„Ich fürchte, ein schlimmes Unwetter kommt auf uns zu. Hoffen wir, dass es uns nicht den morgigen Tag verhagelt“, antwortete Leonie etwas unwirsch.

Die vier Schulfreundinnen hatten sich nach der gemeinsamen Schulzeit in alle Winde verstreut, doch zum 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweiz, trafen sie sich jedes Jahr für drei Tage in der schmucken Berghütte, die Leonie von ihren Eltern geerbt hatte. Und jedes Jahr hatten die vier sich unendlich viel zu erzählen.

Unweit der Hütte war ein kleiner See, mit einer Farbe, die an leuchtende Smaragde erinnerte. Man erzählte sich, dass viele Jahre lang ein Wassermaler um den Feiertag herum zu diesem See kam und stundenlang vor diesem herrlichen Geschenk der Natur  saß und den See vor der gewaltigen Kulisse der Schweizer Alpen  malte. Dabei gelang es ihm, die zeitlich verschiedenen Sonnenstände und deren Lichtreflexe im See farblich so gekonnt einzufangen, dass der Erlös seiner verkauften Bilder ihm etwa ein Jahr lang ein sorgenfreies Leben ermöglichte.

Wenn er seine Bilder fertig hatte, blieb er meist noch ein paar Tage und wohnte in einem kleinen Zelt. Tagsüber lag er oft stundenlang in seinem Liegestuhl und döste oder las. Er ernährte sich überwiegend von selbst geangelten Fischen. Niemand wusste, woher er kam und – was noch schlimmer war – was aus ihm geworden war, denn der Wassermaler kam schon seit drei Jahren nicht mehr.

Eines Tages hatten zwei Buben des Wassermalers Badelatschen vor seinem leeren Zelt gefunden, der Wassermaler jedoch war weit und breit nicht zu sehen. Beide  hatten ihren Eltern etwas von ‚hitzefrei’ erzählt, doch in Wahrheit hatten sie einfach die Schule geschwänzt, um sich einen netteren Vormittag am See zu gönnen. Sie hatten an alles gedacht, was zwei Jungen den Ausflug an den See verschönern sollte. Der Jüngere war noch kein sicherer Schwimmer und so hatte er  zwei Schwimmflügel und eine lila Qualle aus Plastik  zum Festhalten zu seiner  eigenen Sicherheit eingepackt.

Er war ein Blondschopf, mit Sommersprossen über das ganze Gesicht verteilt, und  hatte schon Holz gesammelt, während  der andere bereits die Angel fertig machte, in der Hoffnung, zwei große Forellen zu fangen.

Vom Wassermaler selbst fehlte jede Spur. Nur ein kleiner Rest von  Qualm über einem noch glimmenden Feuer deutete darauf hin, dass er wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen war. Die Polizei hatte weiträumig alles abgesucht, auch Taucher hatten im See vergeblich nach ihm gesucht – der geheimnisvolle Fremde blieb verschwunden. Die wenigen Habseligkeiten des Malers wurden  in die Asservatenkammer der Polizei gebracht, wo sie weiterhin ein freudloses Dasein fristeten.

Mitten beim Abendessen krachte der Donner durch die Bergwelt  und Blitze zuckten grell durch die Wolkendecke. Der Regen prasselte unerbittlich auf die kleine Hütte und ein Sturm heulte um das Haus.

„Alleine würde ich hier verrückt werden! Gut, dass ihr alle hier seid. Auf uns!“ Leonie hob erwartungsvoll das Rotweinglas und blickte ihre Freundinnen lächelnd an.

„Prosit!“ – „Zum Wohl!“ – „Schön, dass es euch gibt!“

Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach jäh die Trinkpause der jungen Frauen. Erschrocken blickten sie einander an.

„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Marie mit einem ängstlichen Blick in Richtung Tür. Das Klopfen wurde energischer. Nur das Surren des Ventilators durchschnitte die plötzlich still zu stehende Luft.

Leonie stand auf, legte mit einem warnenden Blick zu den anderen den Finger an die Lippen und bedeutete den Mädchen still zu sein. Hinter der Tür fragte sie mit fester Stimme: „ Wer ist da?“

„Bitte, lassen Sie mich hinein, ich bin vom Regen völlig durchnässt und brauche Hilfe“, antwortete eine tiefe Männerstimme  von draußen. Die Mädchen hatten sich inzwischen leise hinter Leonie versammelt, bewaffnet mit Gegenständen, die im Zweifelsfalle ein blitzschnelles Zuschlagen ermöglicht hätten. Leonie öffnete die Tür und blickte in zwei dunkelbraune Augen, die unruhig flackerten und eine graue Haarmähne, die bis zu den Schultern reichte und tropfnass war.

„Danke, vielen Dank.“ Der Fremde hatte sich zielstrebig an Leonie vorbei geschoben und stand nun drei weiteren Frauen gegenüber, die ihn anstarrten, als sei er der Wettergott persönlich.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich wusste nicht wohin. Das Unwetter hat mich völlig  überrascht. Mein Name ist übrigens  Michael.“ Michael blickte verschämt unter sich und beobachtete die Pfütze, die sich kontinuierlich unter ihm ausbreitete.

„Kommen Sie!“ Leonie hatte als erste von allen ihre Sprache wiedergefunden und zog ihn ins Badezimmer.

„Nehmen Sie eine heiße Dusche, ich bringen Ihnen etwas Trockenes zum Anziehen. Sie holen sich ja sonst den Tod.“

Kurze Zeit später saß Michael in einem flauschigen Bademantel, umringt von vier Jungen Frauen und trank einen heißen Grog.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen  danken soll. Obwohl ich schon mehrfach hier am See war, hatte ich plötzlich die Orientierung verloren und bin eine ganze Weile in Panik herumgelaufen, weil ich nicht mehr so richtig wusste, wo ich bin. Aber das hat ja wohl alles damit zu tun, mit damals…“  Sein Blick wurde starr und schien ganz nach innen gerichtet zu sein.

„Was meinen Sie mit damals?“, fragte die sonst meist stille Clarissa. Michael blickte sie lange an. Dann begann er zu erzählen – eine Geschichte, die haarsträubender nicht hätte sein können.

Er war der verschollene Wassermaler. Als er vor drei Jahren hier gewesen war, wollte er noch am ersten August bleiben, um die Höhenfeuer auf den Berggipfeln nicht zu verpassen. In der Nacht wurde er brutal überfallen. Es waren mehrere, stark alkoholisierte Männer, die ihn halb tot geschlagen hatten. In einem Krankenhaus in Zürich war er nach mehreren Wochen auf der Intensivstation und nach einem zweijährigen Koma wieder aufgewacht. Seitdem war er ununterbrochen damit beschäftigt, seine Erinnerung wiederzugewinnen und sein in etliche Scherben zerfallenes Leben wie ein Puzzle wieder zusammenzufügen.

© G. Bessen

 

Engpässe

Engpässe,

die das Leben einschnüren,

die Luft zum Atmen nehmen,

die Gedanken rotieren  lassen.

 

Engpässe,

die Kräfte erfordern,

wo keine Kraftreserven mehr sind,

die Energien freisetzen können,

die niemand mehr vermutet hat.

 

Engpässe.

Wird es zu eng?

Wird es zu steil?

Wird es sich lohnen?

 

Fragen

ohne Antwort.

Entscheidungen

ohne Sicherheit.

Der Sprung

ohne Netz

und doppelten Boden.

 

Ein Risiko.

Eine Herausforderung.

Ein Versuch.

 

Aber einen  Versuch wert,

um Antworten

auf Fragen zu bekommen,

Entscheidungen zu bejahen,

es wenigstens versucht zu haben.

 

Möge der Blick ins weite Tal

risikofreudig,

herausfordernd,

versuchsweise

das Ergebnis sein.

 

(Für T.)

©G.B. 14/8/12

Der Feriengast

Zufrieden blickte Anna sich in dem gemütlich eingerichteten Zimmer um. Das Bett war frisch bezogen, die zartgelben  luftigen Gardinen wehten im lauen Frühlingswind. Ein Strauß Tulpen und Narzissen aus dem Garten  verströmte seinen lieblichen Duft im gesamten Zimmer. Alles war für die Ankunft des neuen Gastes vorbereitet.

Nachdem Günter sie nach zehn Jahren wegen einer Jüngeren  verlassen hatte, brauchte sie lange, um aus diesem Loch wieder herauszukommen. Aber da es kein Mann wert ist, ewig um ihn zu trauern, nahm sie ihr Leben von Tag zu Tag energischer selbst in die Hand. Er hatte  sich eine Lebensversicherung auszahlen lassen, davon eine Segeljacht gekauft und wollte mit seiner neuen Flamme im zweiten Frühling die Welt umsegeln.

Anna hatte mit ihm in ihrem Elternhaus gelebt, im ‚Land der Tausend Seen’. Nachdem sie das obere Stockwerk zu einer Ferienwohnung hatte ausbauen lassen, denn die untere Etage reichte für sie völlig aus, lud sie auf einer eigenen Homepage Gäste zu einem Urlaub in der Mecklenburgischen Seenplatte ein. Sie war wählerisch und führte vorab einen intensiven E-Mail-Kontakt mit ihren Anwärtern. Sie nahm nicht jeden. Als allein stehende Frau, mit Mitte vierzig, wollte sie schon genau wissen, mit wem sie ihr Heim für eine gewisse Zeit teilte. Finanziell hatte sie es eigentlich nicht nötig. Sie hatte nach dem Tod ihrer pflegebedürftigen Eltern viel geerbt und von ihrem ersten verstorbenen Mann Erwin bekam sie eine gute Witwenrente. Ihren Beruf als Krankenschwester hatte sie kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes aufgegeben.
Günter war ein langjähriger Lebensabschnittsgefährte, dem sie genau die zwei Koffer, mit denen er einzog, zum Auszug vor die Tür gestellt hatte.

Ihre Feriengäste waren ausschließlich Männer, die sie ganz bewusst auswählte. Es ging ihr nicht um einen neuen Partner, sondern um ein bisschen Gesellschaft. Sie genoss es, für ihren Gast zu kochen und zu backen, mit ihm kulturelle Veranstaltungen zu besuchen oder abends bei einem Glas Rotwein ein interessantes Gespräch zu führen. Bisher hatte sie Glück mit ihren Gästen, es waren ausnahmslos nette Menschen, die ihren geistigen Horizont bereicherten und gerne wiederkamen.
Oliver  und Maja, ihre Kinder aus der Ehe mit Erwin, hatten ihre Mutter für verrückt erklärt und regelmäßig nach ihr geschaut, wenn sie einen Gast hatte. Aber Lotte, die wachsame Schäferhündin, ließ ihr Frauchen nur selten aus den Augen.

Anna saß auf ihrer Terrasse und las die Zeitung, als ein silberfarbener BMW vor ihrem Grundstück hielt. Das war er, der Chirurg aus Lübeck, der sich für drei Wochen bei ihr einquartieren wollte. Er bezeichnete sich selbst als Einzelgänger und hatte die Ferienwohnung mit Selbstverpflegung gebucht

Mit einem Koffer und einer Reisetasche, in dunkelblauen Jeans und weißem Polohemd, stand er kurz darauf vor dem Gartentor. Seine leicht angegrauten, welligen Haare bildeten einen angenehmen  Kontrast zu seinem sonnengebräunten Gesicht und seinen warmen, braunen Augen. Lotte betrachtete den Ankömmling erst skeptisch, dann  mit  wedelnder Rute und Anna atmete auf. Nach Lottes indirektem ‚Okay, den kannst du reinlassen’, öffnete Anna dem neuen Gast einladend das Gartentor.
„Hallo, ich bin Anna Scholz. Und Sie sind sicher Doktor Mertens“, begrüßte sie ihn mit einem charmanten Lächeln und reichte ihm die Hand.
„Peter Mertens, den Doktor lassen wir weg“, antwortete der Gast freundlich und drückte Annas Hand mit einem festen, warmen Händedruck.

Nachdem Peter Mertens seine Wohnung bezogen und von Anna zu einem Kaffee und einem Stück Käsekuchen überredet worden war, bekam sie ihn die nächsten drei Tage kaum zu Gesicht. Morgens ging er joggen, danach frühstückte und duschte er und meist verschwand er dann für den Rest des Tages. Abends, wenn sie bereits zu Bett gegangen war, hörte sie ihn, wie er unruhig in seinem Zimmer hin und her lief.                                                  Sie hatte ein feines Gespür und war überzeugt, dass ihm etwas auf der Seele brannte, etwas, das ihn in dieses abgelegene Ferienhaus getrieben hatte. Er bekam keine Anrufe und keine Post, niemand besuchte ihn.

Sie wusste kaum etwas von ihm und war ein wenig enttäuscht, dass dieser gut aussehende Mann so reserviert und fast ein wenig scheu war.
Als Peter Mertens an diesem Abend nach Hause kam, hatte sie gerade das Abendessen fertig.
„Wenn Sie Lust haben, dürfen Sie mir beim Essen gern Gesellschaft leisten. Es reicht auch für zwei“, begrüßte sie ihn, als er in den Hausflur trat.
Peter Mertens schaute sie überrascht an.
„Es riecht fantastisch“. Der Duft nach gebratener Forelle und Speckkartoffelsalat erfüllte den gesamten Flur. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sehr gerne, ich bin in fünf Minuten da“, antwortete er und nahm gleich zwei Treppenstufen auf einmal.

Annas Kochkünste überzeugten ihn so sehr, dass er seine Selbstverpflegung aufgab und sich von ihr zum Frühstück und zum Abendessen gern verwöhnen ließ.
„Haben Sie sich schon ein wenig erholt? In Ihrem Beruf haben Sie das sicher dringend nötig“, bemerkte sie eines Abends, als sie nach dem Essen gemeinsam einen Rotwein auf der Terrasse tranken. Sein Gesicht verfinsterte sich im Schein der Lampe, die die Terrasse in ein gemütliches Licht tauchte.
„Nein, leider nicht. Ich komme nicht zur Ruhe, so sehr ich mich auch darum bemühe.“
„Wenn Sie jemandem zum Reden brauchen, ich bin eine gute Zuhörerin.“

Peter Mertens goss beideGläser noch einmal voll und dann brach es aus ihm heraus. Anna hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die Last der Schuld erfasste, die er seit Wochen mit sich herumtrug.

Er hatte auf dem Weg zur Klinik einen kleinen Jungen angefahren, der plötzlich zwischen zwei Autos herausschoss,  ohne dass er ihn vorher gesehen hatte. Er bremste sofort, aber der Junge lag halb unter seinem Auto. Peter Mertens fuhr in dem bald eintreffenden Krankenwagen mit, ordnete per Handy alle notwendigen Vorbereitungen für eine Notoperation an und war nicht davon abzubringen, den Jungen selbst zu operieren. Er war ein hervorragender Chirurg, der selbst in größten Krisensituationen die Ruhe bewahren konnte.
Der Junge hatte schwere innere Verletzungen. Die Operation dauerte mehrere Stunden und schien zunächst erfolgreich. Nach der Operation stellte sich Doktor Mertens der wartenden Polizei zur Vernehmung.
Als  er sich in sein Dienstzimmer zurückzog um ein wenig zu schlafen, piepte ihn die Intensivstation an. Wenig später erlag der Junge einer Hirnblutung.

Obwohl er wusste, dass er den Unfall nicht hätte verhindern können und auch alles Menschenmögliche bei der Operation getan hatte, fühlte er sich am Tod des Jungen schuldig. Er nahm unbefristeten Urlaub, solange alle notwendigen Untersuchungen  und Verfahren liefen.
Über eines war er sich in den Tagen seines Urlaubes jedoch klar geworden, er wollte nicht mehr als Chirurg arbeiten. Er konnte es nicht mehr. Und er wollte alles hinter sich lassen, seine Wohnung und seine Klinik in Lübeck und irgendwo ganz von vorne anfangen.

„Eigentlich habe ich immer gedacht, ich könnte ohne den Flair einer Großstadt nicht leben, aber seit ich hier bin, genieße ich die Natur wie nie zuvor. Vielleicht sollte ich mein neues Betätigungsfeld im ländlichen Raum suchen.“

Nachdem er seine quälende Last losgeworden war, wirkte er ruhiger und gefasster.
„Danke, dass Sie mir zugehört haben“. Er warf Anna einen langen, fast zärtlichen Blick zu und da es mittlerweile spät geworden war, verabschiedete sich bald darauf und ging in sein Zimmer.

Anna und Peter kamen sich im freundschaftlichen Sinn in den nächsten Tagen näher. Peter  ließ sich von Annas kulinarischen Künsten verwöhnen und gemeinsam sorgten sie dafür, dass diese Köstlickeiten keine dauerhaften Rückstande hinterließen.
Anna fand Freude am morgendlichen Joggen, dass von Lottes lautem Freudengebell begleitet wurde. Peter lernte durch Anna die Schönheiten der Landschaft rund um die Mecklenburgische Seenplatte kennen. Und abends saßen sie gemeinsam bei einer Flasche Rotwein auf der Terrasse, lasen oder unterhielten sich.

Manchmal erwischte sich Anna bei dem Gedanken, dass es ewig so weitergehen könnte. Sie mochte Peter sehr, aber eine gewisse scheue Distanz blieb zwischen ihnen bestehen, da konnte auch das vertrauliche DU nichts gegen ausrichten.

Eines Morgens hatte Anna wie rein zufällig eine Zeitung neben Peters Frühstücksteller gelegt. In einer Anzeige kündigte der Internist des Ortes an, dass er einen Nachfolger für seine Praxis suche, um in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Sie beobachtete Peter verstohlen und war sicher, dass er die Anzeige gelesen hatte.
Er verabschiedete sich nach dem Frühstück in einem hellen Leinenanzug und einem dezent gestreiften Hemd, was gar nicht nach seiner bisherigen Freizeitkleidung passte. Sie hoffte, dass er angebissen habe.

Als er am späten Nachmittag zurückkam, musste Anna sich sehr auf die Zunge beißen, um ihn nicht zu fragen, ob er in der Praxis war. Peter sagte nichts, aber er war für den Rest des Tages sehr nachdenklich und hüllte sich in konsequentes Schweigen.

Peters Urlaub war in drei Tagen vorbei.
„Hast du eigentlich nach mir einen neuen Gast?“
„Ich habe mich noch nicht entschieden, aber zwei Anwärter warten auf meine Antwort.“
Damit hatte Peter nicht gerechnet. Enttäuscht biss er in sein Marmeladenbrötchen.
„Kannst du mir die Wohnung freihalten? Ich werde sie wahrscheinlich noch eine ganze Weile brauchen“, setzte er zögern hinzu. “Natürlich nur, wenn du mich noch eine Weile ertragen möchtest.“
„Das kommt ganz darauf an, was du vorhast“, schmunzelte Anna.
„Ich werde morgen nach Lübeck zu einem wichtigen Termin in die Klinik fahren. Je nachdem, wie das Gespräch ausgeht, werde ich mich entscheiden, ob ich dort kündige und Doktor Heinrichs Praxis weiterführe oder nicht. Morgen Abend komme ich wieder und dann wissen wir beide mehr. Und wenn ich hier bleibe, brauche ich ja erst mal ein Dach über dem Kopf. Auf einer Behandlungsliege schläft es sich schlecht.“

„Du kannst die Wohnung so lange nutzen, wie du willst.“
Anna schaute ihm fest in die Augen. Peter hielt ihrem intensiven Blick stand. Ihre weibliche Intuition hatte ihr bereits verraten, wie er sich entscheiden würde.

©G.B. 2009