Vom Sehen und Hören (4)

Vom Sehen und Hören (4)

„Was ist unser Leben?
Alles,
was wir sehen,
greifen, hören,
schmecken, fühlen;
alles,
was uns umgibt,
was wir besitzen,
woran wir gewöhnt sind,
was wir lieben. …“

(aus einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer)

Hier sind  wieder mal unsere  Fähigkeiten des Sehens und des Hörens angesprochen.

Wie sehr haben wir uns doch in unseren Komfortzonen eingerichtet, in einem Land und einem  Leben, das uns zwar nicht immer als das erscheint, was wir uns verdient zu haben glauben, das uns aber in einer Sicherheit wiegt, die uns, oberflächlich gesehen, zufrieden stellt. Die ewigen Nörgler, Besserwisser und Unzufriedenen wird es immer geben und wenn ihnen keiner zuhört, werden sie sich auch wieder beruhigen. Und die Menschen am Rand unserer Gesellschaft hat es auch immer gegeben.

Und doch –  manchmal kommt ein Weckruf, ein schrilles Klingeln, das uns hochfahren lässt und uns die Augen und die Ohren  öffnet. Wir werden darauf gestoßen, dass unsere vermeintliche Sicherheit nur ein hauchdünnes Blättchen ist, das seine Richtung ändert, wenn der Wind mal ein wenig dreht. Dann erzittern wir in unseren Komfortzonen, rücken ängstlich aneinander, denn plötzlich ist es um uns herum kalt und dunkel. Das Leben auf den großen Bühnen der Welt und auch auf unserer eigenen kleinen Lebensbühne erzittert, gerät durcheinander und ins Wanken.

Und wir?

Bauen wir unser Häuschen der Sicherheit neu auf und richten uns wieder gemütlich ein oder stehen wir auf, mit dem glasklaren Blick der Erkenntnis, was um uns herum geschieht und unsere Erde bedroht? Packen wir die Probleme entschlossen, alle gemeinsam an, oder warten wir, bis sich der Aufruhr wieder gelegt hat und unsere eigene kleine Komfortzone uns die gewohnte Sicherheit zurückgibt?

© Text und Foto: G. Bessen

Cut

Der Spiegel zerbarst in unzählige Splitter.

Sie fühlte sich besser, nun nicht mehr in ihre vom vielen Weinen rotgeränderten  Augen, und auf ihre Augenringe blicken zu müssen. Zum letzten Mal bürstete sie ihr langes schwarzes Haar, band es fest zu einem Pferdeschwanz zusammen und ging unter die Dusche. Mit einem Peeling aus Avocado, Olive und Limone versuchte sie in Gedanken alles abzuschrubben, was sich in den letzten Tagen in ihrem Inneren festgesetzt hatte. All ihre Wut und Enttäuschung, das Salz auf ihrer Haut von den unendlichen Tränen der letzten zwei Nächte. Der Massagehandschuh hinterließ unzählige rote Striemen auf ihrer Haut. Doch sie fühlte sich besser, gereinigt und geläutert und mit neuer Energie durchblutet.

Vorbei war es mit ihren depressiven Gedanken, den flüchtigen Momenten, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Sie brauchte Veränderung, in jeder Hinsicht. Ihr Terminkalender für heute war randvoll.

Als erstes würde sie sich die langen Haare in Streichholzlänge schneiden und mit ein paar roten und hellen Farbsträhnchen  aufpeppen lassen. Dann würde sie sich von ihrer dunklen, dezenten  Kleidung verabschieden und sich den bunten Farben des bevorstehenden Sommers öffnen.

Sie wollte neue Möbel kaufen. Nur so konnte sie seinen Geruch, den sie in jeder Ecke einatmete, aus ihren Sinnen verbannen. Für morgen hatte sie die Maler bestellt. Leicht abgetönte, aber helle  Farben nahmen in ihrer Vorstellung Gestalt an.

Als sie sich umschaute, kam sie sich vor wie einem Museum. Dunkel und deprimierend war alles um sie herum, genau wie die Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte. Diese Aura hatte sich wie ein Schleier auf ihre Seele gelegt.

Sie zog die dunklen Vorhänge beiseite. Der Tag kündigte sich mit Vogelgezwitscher an und am Horizont ging die Sonne auf, langsam und strahlend.

Ihre Seele sah endlich ein Licht am Ende des Tunnels.

©G.B.