Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19(2)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Vergangenheit

 Maria hatte sich damals vorgenommen, dieses Haus nie wieder zu betreten. Als sie in der Todesanzeige gelesen hatte, dass das Miststück nicht mehr lebte, gab sie dem Drängen ihrer Tochter nach, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und damit abzuschließen. Ein Makler bemühte sich intensiv, das Haus, das vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden war, zu verkaufen.

Sie wusste, Miriam hatte recht. Sie musste sich von den düsteren Schatten der Vergangenheit lösen und ihren inneren Frieden finden. Zudem hatte das Mutter-Tochter-Verhältnis einige Risse bekommen, denn Miriam waren die Albträume ihrer Mutter, ihr nächtliches Schreien und ihre häufigen Depressionsphasen nicht verborgen geblieben, sodass das gute Zureden, gepaart mit unglaublichem Verständnis, doch gelegentlich in ein Bevormunden ausartete. Maria brach das Gespräch dann einfach ab und zog sich stundenlang in ihr Zimmer zurück. Damit war das Problem der Vergangenheit aber nicht zu lösen.

Maria nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen, als der Makler freundlich die Tür öffnete und die beiden Frauen bat, einzutreten. Es war alles so wie vor fünfundzwanzig Jahren. Nur die Bäume und Sträucher im Garten waren so sehr gewachsen, dass die Zimmer dunkel wirkten.

Als Maria eindringlich darauf bestand, alleine den Keller zu besichtigen, stutzte Miriam. Sie wusste von ihrer Mutter lediglich, dass sie in diesem Haushalt als Kindermädchen der drei Kinder kein einfaches Leben gehabt hatte und außerdem zu Diensten aller Art herangezogen wurde, für die sie nicht entlohnt wurde.

Maria blickte sich in dem kalten und feuchten Kartoffelkeller um. Sie fror erbärmlich  und hielt sich die Ohren zu, als würde er seine anzüglichen Bemerkungen noch heute in ihr Ohr flüstern. Sie hatte genug gesehen und stolperte die Treppe hinauf. Niemals würde Miriam erfahren, dass sie das Resultat einer brutalen Vergewaltigung in diesem Loch war. Lieber sollte sie weiterhin glauben, ihr Vater sei das Opfer eines Verkehrsunfalls geworden.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2019 kommen von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck. Ihre Begriffe für die neue Runde lauten:

Kartoffel
anzüglich
bevormunden

Mutterliebe

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Missmutig blickte Maya auf den liebevoll gedeckten Tisch, knallte sich lautstark auf ihren Stuhl und blickte ihre Mutter wütend an.

„Warum gibt es jeden Tag Kartoffeln? Die hängen mir ja schon langsam zum Hals raus. Warum gibt es nicht mal Nudeln, Pizza, Döner oder so was? Kartoffeln, wie langweilig!“

„Wenn Du unbedingt Nudeln möchtest, dann koch doch welche. Sich jeden Tag an den gedeckten Tisch zu setzen und noch zu meckern, ist keine Kunst und trägt nicht gerade zu einem harmonischen Familienleben bei.“ Nicole hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Sie wollte ihre pubertierende Tochter nicht bevormunden, aber sie ärgerte sich maßlos darüber, dass ihre Bemühungen so ignoriert wurden und sie sich stattdessen noch dumm kommen lassen sollte.

„Mir schmecken Kartoffeln, Mama. “ Mayas jüngere Schwester Lena gab Nicole das, was sie dringend brauchte, Zuspruch und Anerkennung.

Nicole bemühte sich, ihre innere Ruhe zu erlangen. Maya hatte ja keine Ahnung, weshalb sie als besorgte Mutter so viel Wert auf eine abwechslungsreiche und dabei kalorienarme Ernährung bei ihrer Tochter legte. Sie hatte neulich an Mayas 16. Geburtstag so einige anzügliche Bemerkungen von Klassenkameraden aufgeschnappt, und ihr war nicht entgangen, dass Maya ein Fan von Fast Food und Zucker in allen Variationen geworden war.

Die Pubertät war eine extrem schwierige Zeit, und wenn Nicole sich mit Maya über eine Kartoffeldiät zu ihrem eigenen Wohlbefinden auseinandergesetzt hätte, wären ohnehin die Fetzen geflogen. Maya lehnte zur Zeit fast alles ab, was ihre Mutter als gut und richtig empfand. Nicole erinnerte sich nur ungern an ihre eigene Pubertät und die ständigen Querelen mit ihrer Mutter zurück und hoffte, so ihrem Ziel auch näher zu kommen.

Dazu bedarf es aber weiterhin Geduld, Langmut und ein liebendes mütterliches Herz, auch, wenn es manchmal an seine Grenzen kam.

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