Öffis und die Hitzewelle

Öffis und die Hitzewelle

In Zeiten akuter Hitze ist das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel ein Erlebnis der besonderen Art.

Die Luft steht. Das Öffnen zu vieler Fenster würde die „ich-hol-mir-was-weg“ und „es-zieht“ Gegner zu sehr auf den Plan rufen. Erleben wir doch gerade in Großbritannien, was so ein Kopf-an-Kopf-Rennen an sozialen Spannungen bringt. Also durchhalten, die Nasenflügel  an der nächsten Haltestelle weiträumig öffnen, um einen Hauch weiterer abgestandener – aber möglicherweise kühlerer – Luft einzufangen.

Die Gesichter glänzen vor Schweiß. Ich war nie eine Mathematikleuchte, sonst könnte ich vielleicht errechnen, wie viele Liter Schweiß  alleine in diesem Waggon zusammen kämen, wenn man kleine Auffangbecken aufstellen würde. Sehr viel Interessantes lese ich nicht in den Gesichtern. Müdigkeit. Hitzestau. Nur ganz selten ein nettes Gespräch mit einem Unbekannten via Smartphone. Diejenigen, die einen Sitzplatz ergattern konnten, dösen vor sich hin, lesen (wie schön, ich sehe auch Bücher) oder wippen leicht mit dem Kopf zu Tönen aus diesen schwarzen großen Teilen, die auf ihren Ohren kleben.

Die Kleidung ist mehrheitlich völlig unspektakulär. Hosen verschiedener Länge, von klassischen Jeans bis Leggins, dazu meist etwas Luftiges als Oberteil (einige junge Mädchen auch mit einer etwas gewagten Länge bei nicht optimalem Körperbau). Einige wirklich bemitleidenswerte Herren, die in Ihren Anzügen mit Hemd und Krawatte einem offensichtlichen Martyrium ausgesetzt sind. Ja, bemitleidenswert finde ich auch die muslimischen Mädchen, deren Haare unter Kopftüchern kleben.

Mein Blick wandert weiter in Richtung Fußabteilung. Da tun sich wahre Abgründe auf. Den Herren verpasse ich mal gleich die Rote Karte. Die Fußnägelpflegekultur ist bei manchen Herren der Schöpfung noch nicht angekommen. Was sich da in ausgelatschten Birkenstocksandalen barfüßig präsentiert, erzeugt nahezu Augenkrebs. Warum verstecken viele ihre Füße in Turnschuhen aller Art? Die heutigen Turnschuhe sind ein weiteres Thema zum Nachdenken. Es gibt sie in allen Farben und aus unterschiedlichen Materialien. Nun, unsere Nationalmannschaft macht die Vielfarbigkeit ja vor. In den bisherigen EM-Spielen konnte ich Jerome Boateng gut an seinen froschgrünen Laufschuhen erkennen.

Zumindest wertet das Laufwerk einiger Mitmenschen ihre Gesamterscheinung sogar auf. „Zeigt her Eure Füße…“, trifft auf die meisten Damen wohlwollend zu. Gepflegte und lackierte Fußnägel sind – zumindest bei mir – im Sommer ein Muss, wenn die Socken in der Ruhephase sind.

Hitze, nackte Füße, Fußpilz. Da kommen mir ähnliche Gedanken wie bei den nicht sichtbaren Schweißtropfen. Könnte man diesen unliebsamen Zeitgenossen farbig leuchten lassen, würde das Ergebnis sicher Ekel erregen. Lieber Fußpilz, bleib da, wo du dich gerade häuslich eingerichtet hast.

© G. Bessen, Juni 2016

Zwischen-Menschliches (5)

 Neuigkeiten

Es war im Altweiber-Sommer. Die Sonne schickte ihre letzten wärmenden Strahlen aus. Die Menschen, die an diesem Nachmittag zum Dorffest am alten Anger herbeiströmten, waren guter Laune und freuten sich darauf  zu bummeln, Freunde und Bekannte zu treffen, ein wenig zu klönen und an den vielen Buden und Ständen ihren Hunger und Durst zu stillen.

Sie nahm den Teller mit dem Russischen Zupfkuchen  und ihren Milchkaffee und suchte sich vor dem Kuchenstand auf einer Holzbank einen Sitzplatz. Sie war allein. Ihr Alter war schwer zu schätzen, irgend etwas zwischen fünfundsechzig und achtzig. Ihr graues Wollkostüm war ebenso zeitlos wie ihre grauen Haare, die sorgfältig hoch gesteckt waren.  Ihr braun gebranntes Gesicht mit den unzähligen Fältchen um Augen und Mund  und ihre derben, mit Altersflecken übersäten  Hände zeigten, dass sie viel an der frischen Luft arbeitete.

Mit zufriedenem Gesicht verzehrte sie den Kuchen langsam, mit Genuss. Zum Kaffee rauchte sie eine Zigarette und sog den Rauch tief ein. Dann begann sie zu sprechen, leise und lebhaft. Dabei glitten ihre graugrünen Augen aufmerksam über den Platz. Aufmerksam  beobachtete sie die Menschen um sich herum, die zu zweit oder in Grüppchen beisammen standen. Der eine oder andere grüßte sie, sie antwortete stets mit einem freundlichen Kopfnicken und redete weiter vor sich hin. Niemand schien sich darüber zu wundern, dass sie alleine saß und mit sich selbst redete.

Ich folgte ihr in sicherem Abstand, als sie an einem Stand mit selbst gestalteten Seidenschals verweilte und sich ein Halstuch kaufte, an einem anderen Stand prüfend das Obst betrachtete und ein Pfund Pflaumen erwarb. Hin und wieder blieb sie stehen, schüttelte dem einen oder anderen die Hand und wechselte ein paar Worte mit Bekannten, die sich offenbar freuten, sie hier zu treffen.

Aber stets setzte sie ihren Weg alleine fort.  An einem Weinstand kaufte sie eine Weißweinschorle, setzte sich wieder ein wenig abseits von einer Gruppe und rauchte eine weitere Zigarette.

Ihr Blick schweifte ein wenig ab und sie begann erneut zu reden. Diese Frau übte eine eigenartige Faszination auf mich aus.

Sie nahm als intensiver Beobachter und aktiver Teilhaber an diesem Dorffest teil und trotzdem schien sie sich in ihrer eigenen Welt  zu bewegen. Niemanden störte das. Sie schien mit sich selbst und ihrer Welt in Einklang. Und das, was sie erzählte, war nur für einen einzigen Menschen bestimmt, für jemanden, der nicht mehr auf dieser Welt weilte.

Sie sprach mit ihrem Mann, mit dem sie jedes Jahr im Herbst auf diesem Fest war, seitdem sie hier wohnten. Alle Neuigkeiten teilte sie ihm mit,  so wie sie es in all den Jahren ihrer gemeinsamen, langen  Ehe getan hatte. Und er hatte immer aufmerksam zugehört und ihr zugelächelt.

© G.B. 2009