Betreten erwünscht!

Betreten erwünscht!

Still und ergeben erstreckt er sich über mehrere Etagen, immer wieder variierend in seiner farblichen Gestaltung und der Anordnung seiner Muster.Unzählige Augenpaare haben ihn betrachtet, bewundert, abgeschätzt und wertgeschätzt und nur er könnte preisgeben, wie viele Füße ihn im Laufe der Jahrzehnte berührt haben.

Erwähnt werden sollten auch all die Knie, die auf ihm weilten, die fleißigen Hände, die ihn schrubbten und bis heute für sein strahlendes Aussehen sorgten.

Es gab eine Zeit der Schulmädchenfüße, die es oft eilig hatten und geräuschvoll über seine immer glänzende Oberfläche gelaufen sind. Junge Füße sind oft verhalten über ihn gehuscht, den drohenden Zeiger der Uhr mit der Verspätung im Nacken und der Hoffnung, nicht erwischt zu werden. Er lernte Füße mit energischem Schritt kennen, zielgerichtet und selbstbewusst und wusste bald, welche Füße wann und in welche Richtung gingen. Aber auch die Füße der Ruhe und der inneren Gelassenheit begegneten ihm und noch heute empfindet er ihren ausgleichenden Charakter als sehr wohltuend.

Voller Anteilnahme erfasste er die Füße, die nicht mehr so schnell sein konnten, wie sie vielleicht wollten, wenn die Beine zu müde waren oder der Körper insgesamt, oft schwer und träge, in die Jahre gekommen war. Immer häufiger erspürte er schleppende Schritte und dazu die Räder der fahrbaren Gehhilfen.

Ja, sie alle waren in die Jahre gekommen und doch fühlten sie sich immer noch miteinander verbunden, heimisch und geerdet.

 

©Text und Fotos: G. Bessen

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Szenen einer Ehe

„Willst du heute Abend schon wieder weg?“
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Ulla fürs Kino verabredet bin.“
„Ich finde, du könntest mal wieder einen Abend zu Hause bleiben.“
„Wenn du unternehmungslustiger wärst, könnten wir abends öfter gemeinsam weggehen.“
„Ich bin gerne zu Hause. Und vergiss nicht, dass ich zehn Stunden am Tag arbeite.“
„Oh nee, als wenn ich nicht arbeiten würde! Und der Haushalt macht sich auch nicht von alleine. Nebenher kaufe ich noch ein, koche, wasche die Wäsche, bügele deine Hemden….“
„So meinte ich das auch nicht. Was schaut ihr euch denn an?“
„Einen Frauenfilm.“
„Da wäre ich sowieso fehl am Platz.“
„Was machst du heute Abend?“
„Ich werde die Zeitung lesen, das meiste habe ich nur überflogen. Im Fernsehen kommt eine interessante Wirtschaftsreportage, die will ich mir ansehen.“
„Dann ist es doch egal, ob ich zu Hause bleibe oder ins Kino gehe. Ach übrigens, vergiss nicht, dass morgen der Elternabend ist. Du wolltest hingehen.“
„Morgen??? Ausgeschlossen. Ich habe um siebzehn Uhr eine Arbeitsbesprechung und ich weiß nicht, wie lange sie dauert.“
„Wir hatten das aber abgesprochen.“
„Kannst du nicht hingehen?“
„Schon wieder? Ich war beim letzten Mal da und beim vorletzten Mal. Du hast Tobias’ Lehrerin noch nicht kennengelernt. Außerdem habe ich morgen keine Zeit.“
„Wieso? Was hast du morgen denn schon wieder vor?“
„Morgen ist Mittwoch und Mittwochabend gehe ich zum Sport. Und das schon regelmäßig seit drei Monaten. Vielleicht mache ich danach noch ein oder zwei Saunagänge. Das würde dir übrigens auch gut tun.“
„Sport ist Mord! Ist das eigentlich eine gemischte Sauna?“
„Wenn die Sportkurse gemischt sind, ist auch die Sauna gemischt. Was für eine blöde Frage! Hast du ein Problem damit?“
„Und wenn ich eines damit hätte, würdest du doch trotzdem hingehen, oder?“
„Ja, denn ich gehe dahin, weil ich mich entspannen will und weil es mir gut tut.“
„Was machen wir denn nun mit dem Elternabend?“
„Ich habe dir den Termin in deinen Kalender eingetragen, nachdem du gesagt hast, dass du hingehst. In einen Terminkalender sollte man auch gelegentlich schauen.“
„Hast du heute eine miese Laune!“
„Ich habe keine miese Laune. Ich bin verabredet und muss gleich los.“
„Dann musst du gehen, wenn dir andere wichtiger sind als ich! Ich kann morgen definitiv nicht!“
„Ich auch nicht! Tobias ist auch dein Sohn!“
„Das hoffe ich doch!“
„Nun mach mal halblang, ja?“
„Ich rufe die Lehrerin an und frage sie, ob sie mit mir das Wichtigste am Telefon besprechen kann. Was sollen wir machen, wenn wir beide nicht können?“
„Du denkst auch, ein Lehrer hat einen Vierundzwanzigstundenjob?? Kommt gar nicht infrage!“
Missmutig schaute er ihr nach, als sie mit einem kurzen ‚Bis später’ lautstark die Tür hinter sich zu knallte.
© G.Bessen