Schreibeinladung für die Textwochen 28.29.19(3)

Christiane lädt  noch einmal zur Etüde vor der Sommerpause ein:

Die Wörter für die Textwochen 28/29 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt. Die neuen Begriffe lauten:

Füße
harmonisch
wünschen

In der Spur bleiben

Oft wünsche ich mir, dem Drang meiner Füße folgen zu dürfen und einfach loszulaufen, gespannt darauf, welches Ziel meine Füße anstreben. Fernab vom staubigen Straßenpflaster, kalten Steinfußböden und Parkett möchte ich den warmen Waldboden oder feuchte Wiesen unter meinen Füßen spüren, ganz eins sein mit der Natur.

Bei Ausflügen vor meinem inneren Auge stoße ich auf Barfußspuren im feuchten Sand eines Strandes und sehe Lebenslinien: Harmonisch, weich und immer wieder von Meerwasser umspült, bis sie schließlich ganz verschwunden sind.

Faszinierend finde ich Spuren im frisch gefallenen, noch jungfräulichen Schnee. Kleine Füße und große Füße, kleine Pfoten und große Pfoten, zwei oder vier an der Zahl, haben hier ihre Muster hinterlassen und sie bleiben, bis der Wind sie verweht, neuer Schnee sie sanft zudeckt oder die Sonne sie zerfließen lässt.


Ich wünsche mir, geerdet zu bleiben, überall und jederzeit mit beiden Füßen fest auf dem Boden des Lebens stehen zu dürfen, egal wie stark der Sturm des Lebens um mich herum wird. Stark wie ein Baum hoffe ich, allen Widrigkeiten zu trotzen.
Und wenn unser eigener Weg einmal zu Ende geht, bleibt zu wünschen, dass er richtungweisend ist und andere sich an unseren hinterlassenen Fußabdrücken erfreuen können.

194 Wörter

Szenen einer Ehe

„Willst du heute Abend schon wieder weg?“
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Ulla fürs Kino verabredet bin.“
„Ich finde, du könntest mal wieder einen Abend zu Hause bleiben.“
„Wenn du unternehmungslustiger wärst, könnten wir abends öfter gemeinsam weggehen.“
„Ich bin gerne zu Hause. Und vergiss nicht, dass ich zehn Stunden am Tag arbeite.“
„Oh nee, als wenn ich nicht arbeiten würde! Und der Haushalt macht sich auch nicht von alleine. Nebenher kaufe ich noch ein, koche, wasche die Wäsche, bügele deine Hemden….“
„So meinte ich das auch nicht. Was schaut ihr euch denn an?“
„Einen Frauenfilm.“
„Da wäre ich sowieso fehl am Platz.“
„Was machst du heute Abend?“
„Ich werde die Zeitung lesen, das meiste habe ich nur überflogen. Im Fernsehen kommt eine interessante Wirtschaftsreportage, die will ich mir ansehen.“
„Dann ist es doch egal, ob ich zu Hause bleibe oder ins Kino gehe. Ach übrigens, vergiss nicht, dass morgen der Elternabend ist. Du wolltest hingehen.“
„Morgen??? Ausgeschlossen. Ich habe um siebzehn Uhr eine Arbeitsbesprechung und ich weiß nicht, wie lange sie dauert.“
„Wir hatten das aber abgesprochen.“
„Kannst du nicht hingehen?“
„Schon wieder? Ich war beim letzten Mal da und beim vorletzten Mal. Du hast Tobias’ Lehrerin noch nicht kennengelernt. Außerdem habe ich morgen keine Zeit.“
„Wieso? Was hast du morgen denn schon wieder vor?“
„Morgen ist Mittwoch und Mittwochabend gehe ich zum Sport. Und das schon regelmäßig seit drei Monaten. Vielleicht mache ich danach noch ein oder zwei Saunagänge. Das würde dir übrigens auch gut tun.“
„Sport ist Mord! Ist das eigentlich eine gemischte Sauna?“
„Wenn die Sportkurse gemischt sind, ist auch die Sauna gemischt. Was für eine blöde Frage! Hast du ein Problem damit?“
„Und wenn ich eines damit hätte, würdest du doch trotzdem hingehen, oder?“
„Ja, denn ich gehe dahin, weil ich mich entspannen will und weil es mir gut tut.“
„Was machen wir denn nun mit dem Elternabend?“
„Ich habe dir den Termin in deinen Kalender eingetragen, nachdem du gesagt hast, dass du hingehst. In einen Terminkalender sollte man auch gelegentlich schauen.“
„Hast du heute eine miese Laune!“
„Ich habe keine miese Laune. Ich bin verabredet und muss gleich los.“
„Dann musst du gehen, wenn dir andere wichtiger sind als ich! Ich kann morgen definitiv nicht!“
„Ich auch nicht! Tobias ist auch dein Sohn!“
„Das hoffe ich doch!“
„Nun mach mal halblang, ja?“
„Ich rufe die Lehrerin an und frage sie, ob sie mit mir das Wichtigste am Telefon besprechen kann. Was sollen wir machen, wenn wir beide nicht können?“
„Du denkst auch, ein Lehrer hat einen Vierundzwanzigstundenjob?? Kommt gar nicht infrage!“
Missmutig schaute er ihr nach, als sie mit einem kurzen ‚Bis später’ lautstark die Tür hinter sich zu knallte.
© G.Bessen