Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram Die Wörter für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2019 kommen von  Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Eingeladen hat, wie immer, Christiane. Die neuen Begriffe lauten:

Lesezeichen
altersschwach
hüpfen

 

Lebensgefühle

Sie erwachte mit einem brennenden Schmerz im Kopf. Autsch! Irgendetwas auf ihrem Kopf ließ sich weder schieben noch bewegen und als die Krankenschwester hereinkam und lautstark erklärend fast ihre Hände über dem Kopf zusammenschlug, wurde Elena ganz blass.

Nun war der lange gefürchtete Tag gekommen, der sie in eine neue Lebensrichtung drängte. Der Lack war ab, die Uhr tickte unerbittlich und alle jugendliche Leichtigkeit fiel von Elena ab, wie eine verbrauchte Haut, aus der sich eine Schlange wand.

Auch wenn sie auf unbestimmte Zeit in dieser Klinik bleiben musste, konnte sie doch mit einem genussvollen Lächeln zurückblicken. Sie hatte nichts anbrennen lassen, bis heute, war von Blüte zu Blüte geflogen und hatte die Männer betört und gesammelt, wie andere Menschen Bücher und Lesezeichen. Jede Mode hatte sie mitgemacht, ihre Kleiderschränke platzten vor Kleidung und Schuhen, bis sie sich durchgerungen hatte, etwas wegzugeben, um Platz für neues zu schaffen. Als ihr Körper anfing, erste Alterserscheinungen zu zeigen, stürmte sie die Fitnessstudios, studierte Tabellen zur Ernährungsberatung und versuchte, alle Zeichen des Älterwerdens zu beseitigen. Finanziell abgesichert mit dem nötigen ‚Spargroschen’ hatte sie die ersten erfolgreichen Bekanntschaften mit Schönheitschirurgen gemacht.

Als sie irgendwann feststellte, dass die Fotos in ihren Alben rein gar nichts mehr mit ihrem heutigen äußeren Erscheinungsbild gemein hatten, ließ ihr Wahn nach ewiger Jugend und Schönheit nach.

Nun lag sie im weißen Klinikbett, an mehreren Stellen ihres Körpers bandagiert, eingegipst und verbunden und fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben altersschwach. Und warum? An einem schönen Vorfrühlingstag sah sie plötzlich Kinder vor einem Hinkekasten und eine mädchenhafte Freude und die Lust zu hüpfen erfasste sie. Aber der tote Winkel im Außenspiegel  ließ den Lkw ungebremst weiterfahren, noch ehe sie den Hinkekasten überhaupt erreicht hatte. Als sie dumpf auf dem Asphalt aufschlug, hatte sie das Bewusstsein verloren.  Doch sie lebte!

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 (2)

Entscheidungen (2)

Es dauerte keine drei Tage, da hatte Ernst seine Meinung über Seniorenheime mit Pflegemöglichkeit  gründlich revidiert. Die freundliche Aufnahme, das helle, dem See zugewandte Zimmer und sein Zimmernachbar Ludwig hatten ihn mit seinem momentanen Schicksal versöhnt.

Ludwig und er verbrachten viele Stunden auf der Bank am  stillen Seeufer und plauderten gern miteinander über Gott und die Welt. Sie hatten das Gefühl, sich schon ein Leben lang zu kennen. Und zum ersten Mal wurde Ernst so deutlich wie nie bewusst, dass der restliche Lebensweg doch nicht mehr unendlich war, sondern, wie bei Ludwig, eine scharfe Kurve einschlagen konnte und man dann alle Hände voll zu tun hatte, nicht selbst völlig aus der Kurve getragen zu werden.

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Da war etwas dran, sinnierte Ernst. Niemand wollte alt werden, schon gar nicht altersschwach und krank. Aber irgendwann war es vorbei mit dem jugendlichen  Hüpfen und wer nicht lernte, das Leben rechtzeitig in jeder Lebenslage als ein Geschenk und eine immer  neue Herausforderung zu sehen, die es zu bewältigen galt, der machte sich etwas vor.

Ernst steckte sein Lesezeichen ins Buch und erhob sich langsam. Es wurde windig auf der Bank am See und Ludwig erwartete ihn in seinem Zimmer zu einer Partie Schach. Mit dem Rollator brauchte Ernst schon eine gewisse Zeit zurück zum Haus  und seine gute Erziehung ließ ihn trotz seiner Bewegungseinschränkung  pünktlich sein.

Sobald er und Christel wieder in ihrem Zuhause waren, würde er sich mit ihr gemeinsam Gedanken über einen Umzug in diese Villa am See machen. Ein Doppelzimmer für Ehepaare hatte er sich bereits zeigen lassen.

Warum sollten sie sich mit ihrem  Haus weiterhin belasten, das zunehmend mehr Arbeit machte, anstatt  mit Menschen ihres Alters noch eine gute Zeit in netter Gesellschaft zu erleben und in Würde den letzten Weg gemeinsam zu gehen?

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 (1)

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram Die Wörter für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2019 kommen von  Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Eingeladen hat, wie immer, Christiane. Die neuen Begriffe lauten:

Lesezeichen
altersschwach
hüpfen

 

 Entscheidungen (1)

Sein Herz war weit entfernt davon freudig zu hüpfen, als er den Taxifahrer bezahlte, der sich sofort auf den Weg zu seinem nächsten Kunden machte. Ernst betrachtete die alte Villa, die ihrem neuen Besucher still und wissend im Licht der Frühlingssonne entgegenblickte.

’Du bist so altersschwach wie ich’, erwiderte Ernst den stummen Blick des vornehmen Hauses. ‚Aber ich bleibe nicht lange, in vier Wochen bist du mich wieder los.’

Ernst steckte sich ein Lesezeichen in sein dünnes Buch und schob es tief in die Manteltasche, denn er brauchte beide Hände, um sich und den Rollator zum Eingang zu bewegen.

Kurzzeitpflege – das Wort erschien ihm wie ein Hohn angesichts der Tatsache, dass er nun vier Wochen in diesem herrschaftlichen Alterssitz mit anderen Alten und Kranken verbringen sollte. Er, der nie in ein Heim wollte, war nun dazu verdammt, sich hier vier Wochen lang das Gerede und Gezeter fremder Menschen anzuhören. Abgeschoben fühlte er sich, ausrangiert, wie ein altes Möbelstück.

Er schämte sich seiner Gedanken, aber sie waren nun einmal da und ließen sich nicht einfach wegstecken, wie die unzähligen Lesezeichen in seinen Büchern. Überhaupt – wie sollte er die vier Wochen ohne seine Bibliothek, seine Zeitschriften und Bücher überstehen? Lesen war das einzige Hobby, das ihm geblieben war, nachdem seine arthritischen Hände ihm immer weniger die Möglichkeit boten, sich an seinen Flügel zu setzen und zu spielen. Der Rollator half ihm wenigstens, sich langsam in Haus und Garten zu bewegen.

Nun war ein Umstand eingetreten, der es ihm unmöglich machte, vier Wochen alleine zu Hause zu bleiben. Christel brauchte dringend ein neues Hüftgelenk und nach der Operation eine Rehamaßnahme. So war Ernst hier gelandet, ob ihm das  passte oder nicht.

Ja, er war ein alter Egoist und kurz entschlossen schob er weitere negative Gedanken beiseite und nahm den Weg zum Eingang in Angriff.

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwoche 06.07.19

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2019 kommen aus der Schweiz, und zwar von Petra Schuseil und ihrem Blog Wesentlich werden.
Die neuen Begriffe, vorgestellt bei Christiane,  lauten:

Winterreifen
eifersüchtig
stolpern

Jan  war gegangen – einfach so, diskussionslos, nur mit zwei Koffern und einer Reisetasche. Seine junge und attraktive Doktorandin hatte ihn geködert und er hatte angebissen. Und sie, Lore, saß bis unter die Haarwurzeln eifersüchtig und enttäuscht in ihrem kleinen, von ihren Eltern geerbten Häuschen am Waldrand und konnte nun sehen, wie sie sich seiner restlichen Sachen entledigte. Denn zurücknehmen würde sie ihn nicht, dazu hatte er sie zu sehr gedemütigt. Sie hatte ihm eine Frist von einer Woche gesetzt, all seine Sachen abzuholen, ansonsten würde sie den Sperrmüll beauftragen. Diese Frist lief heute um 18 Uhr ab und Lore hatte sich bereits Gedanken gemacht, wie sie weiter vorgehen würde.

Als erfolgreiche Innenarchitektin sah sie den Umbau innerhalb des Hauses bereits vor ihrem geistigen Auge, die Malerfirma war beauftragt. Das waren Pläne, die sie bereits nach dem Tod ihrer Eltern hatte, aber nie umsetzen konnte, denn Jan war in ihr Leben gestolpert, er kam und blieb.

Nun verstand sie es als einen Wink des Schicksals, alles auf eine Karte zu setzen und ihrem Leben einen neuen und frischen  Anstrich zu geben, rechtzeitig zum Frühlingsbeginn. Sie atmete tief durch und das, was sie seit Jans Auszug als eine undurchdringliche Nebelwand um sich herum verspürt und  was ihr den Weitblick genommen hatte, löste sich plötzlich auf und machte einer messerscharfen Klarheit Platz.

Und dann klingelte es. Im ersten Augenblick setze Lores Herzschlag fast aus, denn es war kurz vor Ablauf ihrer gesetzten Frist. Doch es war nicht Jan. Ihr Herz stolperte und raste und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie nahm  nur Bruchstücke und Wortfetzen auf wie … Kaltfront … Eisregen auf spiegelglatter Straße… keine Winterreifen… sofort tot … .

Sie spürte einen kurzen Stich in ihre Oberarmmuskulatur, legte sich benommen auf ihre Couch  und versank in einen unruhigen Schlaf.

299 Wörter

© G. Bessen

 

U – wie Ueberholspur Prosa

Du warst immer der Erste. Dein Studium hast du erfolgreich vor uns beendet, du hattest bereits deinen gutbezahlten Traumjob, als wir noch endlose Bewerbungen schrieben. Du hast Geld nie leiden können, deshalb warst du der Erste, der ein eigenes Haus mit einem ansehnlichen Grundstück vorweisen konnte.

Wir haben bereits geheiratet, als die anderen von uns noch ihre Sturm- und Drang Phase auslebten. Du warst rastlos, seitdem ich dich kenne.

Obwohl ich mich bemüht habe, mit dir Schritt zu halten, ging mir die Puste aus. Immer öfter musste ich anhalten, um durchzuatmen.

Dein Leben verlief immer auf der Überholspur, risikofreudig, aber genau kalkuliert, bis du den entscheidenden Fehler begangen hast. Frontal hat es dich erwischt, du konntest nicht mehr ausweichen. Du hast dein Leben auf der Überholspur beendet.

Mich hast du auf der Standspurzurückgelassen – alleine. Wie lange werde ich hier verweilen, bis ich mich wieder in den  normalen Verkehr einfädeln kann?

©G.B. 2009

J wie JA – SAGEN

Lebenssituationen können sich ändern, Lebensplanungen ins Wanken geraten.  Ohne, dass wir gefragt werden, müssen wir handeln, uns neu orientieren, Überlegungen anstellen und uns auf das Neue, Unbekannte einlassen.
Ja – sagen bedeutet, das Unbekannte annehmen, unvoreingenommen, vertrauensvoll, ohne wenn und aber. Das erfordert Mut, Urvertrauen, Kraft und Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen. Bis in unsere Grundfesten erschüttert, kann das Ja uns aussaugen, ausbluten lassen, uns an unsere Grenze bringen.

Doch nur am Ende wissen wir, ob es sich gelohnt hat, diesen Weg gegangen zu sein. Ein Versuch ist es wert, denn es könnte der Weg zum Ziel sein.

Wer wagemutig ist,
kann abwägen,
die Wagschale füllen,
und es wagen,
sich ins Wagnis
zu stürzen,
um die Waage
ins Gleichgewicht
zu bringen

© G.B. 28.01.12