Briefe von Dir

Briefe von Dir
bleiben mir
aus einer Zeit,
so nah und doch so weit.

Wir waren jung,
naiv, verliebt,
voll Staunen,
dass es so was gibt.

Ich weiß nicht,
wo Du heute bist
und wer
an Deiner Seite ist.

Briefe von Dir
bleiben mir,
zarte Worte
auf vergilbtem Papier.

 © Text und Foto: G. Bessen

Lebensabschnitte (8) Mittendrin

Mittendrin

Wer glaubt, in einem Kloster sei man gänzlich von der Welt abgeschieden, irrt. In meinen staatlichen Schulen hatte ich einen eher unterdurchschnittlichen Erdkundeunterricht, der mir nie die Motivation geliefert hätte, dieses Fach zu studieren.
„Unsere“ Schwestern gehören einem Missionsorden an, der überall auf der Welt seine Niederlassungen hat.

“ …In unseren missionarischen Aufgaben versuchen wir überall dort Schwerpunkte zu setzen, wo der Zahn der Zeit besonders drückt.
Wir stellen uns an die Seite von Menschen,

die in unserer Gesellschaft keinen Platz finden
die auf der Suche nach Gott sind
die unter materieller und seelischer Armut leiden
die Mehr vom Leben wollen…“
Quelle

Immer wieder kamen Schwestern aus ihren Sendungsgebieten ins Mutterhaus zurück, um eine Zeitlang Urlaub in der Heimat zu machen oder aus Krankheitsgründen, wenn der Einsatz aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war. Für uns hieß es dann, an Vorträgen mit Bildmaterial (in Form von Filmen und Dias) teilzunehmen, die uns die weite Welt direkt ins Haus brachte. Das war anschaulicher Geografieunterricht, den kein Lehrbuch vermiteln konnte.
Für mich selbst entwickelte sich aus so einem Vortrag eine langjährige Brieffreundschaft mit einer Schwester, die lange Jahre als Krankenschwester in Chile tätig war.
Es gab auch Fächer, die mich nicht die Bohne interessierten, sondern lediglich ein notwendiges Übel darstellten. Das waren bei mir eindeutig die Fächer Physik und Chemie. Doch lernen musste man auch für solche Fächer, denn bei so kleinen Klassen, von denen heutzutage jeder Lehrer träumt, musste man jederzeit auf Leistungskontrollen gefasst sein.

Wir waren in unserer Klasse fast durchgängig siebzehn, vierzehn Schülerinnen und drei junge Schwestern. Eine Schwester musste nach der siebten Klasse aus gesundheitlichen Gründen aufhören, die anderen beiden machten mit uns die Mittlere Reife und gingen danach in die Krankenpflege.
In der Oberstufe waren es erst noch sieben, dann sechs Schülerinnen, die das Abitur ablegten. Der Lernprozess war intensiv, denn uns stand – außer einer Kaffeepause – der gesamte Nachmittag zum Lernen zur Verfügung. Und anders, als in staatlichen Schulen, waren die Lehrerinnen für uns stets ansprechbar. Sie übten ihren Beruf mit Idealismus und Freude aus und das zeichnet eine gute Lehrkraft aus.

Von unseren damaligen Lehrerinnen leben heute noch zwei. Beide haben das Internat über mehrere Jahre geleitet. Da soll mal jemand sagen, wir hätten sie nicht gut behandelt!

 

Lebensabschnitte (6) Ein Schwarm bunter Vögel

Ein Schwarm bunter Vögel

Damit meine ich nicht unser äußeres Erscheinungsbild, sondern eher unsere regionale Herkunft. Wir waren ein buntes Gemisch von Mädchen aus allen Himmelsrichtungen. Die Saarländerinnen waren sehr zahlreich vertreten und wenn sie miteinander im Heimatdialekt sprachen, verstand ich zumindest kein Wort. Eine sehr große Gruppe bildeten diejenigen aus Nordrhein-Westfalen, während ich, mittlerweile Berlinerin, den deutlich weitesten Weg hatte. Wir sprachen deutsch, uns zwar reinstes Hochdeutsch, so dass die Verständigung miteinander kein Problem war.

Unsere Lehrerinnen unterrichteten nach den Schulrahmenplänen von Nordrhein-Westfalen und wir waren als deutsche Auslandsschule anerkannt. Unsere holländischen Sprachkenntnisse erwarben wir am Samstag, wenn wir im angrenzenden Ort einkaufen gingen oder auf dem Klo.
Weiches Klopapier war der reinste Luxus und so begab es sich, dass auf unseren Toiletten klein geschnittene holländische Zeitungen als Klopapier dienten. Längere Aufenthalte waren daher durchaus lehrreich. Zumindest hatten wir unsere Toiletten in erreichbarer Nähe, während in meiner Verwandtschaft das Klo auf halber Treppe durchaus noch normal war.

Unsere Kleidung musste natürlich dem Haus angepasst sein. Die „draußen“ modernen Miniröcke hätten die Klosterpforte erst gar nicht passieren dürfen. Und Hosen für ein Mädchen – undenkbar! Dunkle und züchtige Kleidung bis zum Knie war angesagt, dazu schwarze Strümpfe und keine allzu farbigen Oberteile.

In der siebten Klasse trugen wir Pellerinen (einen kurzen schwarzen Schulterumhang, der nur die Schultern und Oberarme bedeckte). Diese Kleidungsstücke erwiesen sich als äußerst praktisch, denn man konnte so Einiges, was nicht erlaubt war, in den Schlafsaal schmuggeln. So war das Zähneputzen so manches Mal am Abend umsonst. Wer etwas teilen konnte, machte es auch.
So kam es, dass Uli samt ihrer Bettdecke und süßer Kostbarkeit auf dem Weg zu mir war, als sie überraschend unserer Internatsleiterin gegenüber stand, die auf ihrer letzten Runde das Licht löschen wollte. Und da Uli weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen war, begrüßte sie die Schwester mit einem Bibelzitat: „Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim!“ (Matthäusevangelium 9,6).
Etwas Süßes und eine Taschenlampe (natürlich auch ausreichende Batterien) waren das Highlight im Schlafsaal. Damit konnte man so manche ohnehin kurze Nacht noch weiter verkürzen.
Die Kleiderordnung lockerte sich im Laufe der Zeit, aber das Thema Hosen war lange Zeit ein Tabu. Was haben wir unserer Schulleiterin die Bude eingerannt mit einer langen Latte von Argumenten!!!
Letztendlich durften wir die Hosen anziehen, wenn wir das Gelände verließen, aber danach verschwand das Ding wieder im Schrank.

Wir hatten einen Sportplatz, den wir im Sommer intensiv nutzten. Im Winter quälten wir uns auf Matten, Böcken, an der Sprossenwand und auf dem Barren. Ich erinnere mich, dass wir Trainingsanzüge trugen. Unsere Sportlehrerin trug einen Turnrock, das war eine Art Hosenrock, eine dunkle Strickjacke oder Trainingsjacke und ihren Schleier. Bei einer Vorturnübung auf dem Stufenbarren beschloss der Schleier, ein Eigenleben zu führen und flog im hohen Bogen durch den Turnsaal. Waren wir entsetzt? Ich glaube nicht, ich denke sogar, wir lachten uns still eins ins Fäustchen (ich auf jeden Fall)!