Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Die Wörter zu Christianes Schreibprojekt für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2021 stiftete endlich mal wieder Sabine (auch als Frau Flumsel bekannt) mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten:

Strickjacke
trügerisch
entdecken

 

Was für ein Anblick! Neles schmächtiger, von Krankheit gezeichneter Körper versank in der bunten, mittlerweile übergroßen Strickjacke, die Oma Helga liebevoll aus bunten Farben für sie gestrickt hatte.

Was hatte dieses liebreizende junge Mädchen schon alles erleiden müssen! Seit zwei Jahren war sie infolge der fortgeschrittenen Multiple Sklerose an den Rollstuhl gefesselt, anstatt mit ihren Freundinnen neugierig die Welt zu entdecken.

Es hatte die ganze Nacht über geschneit und Nele blickte hinaus in den verschneiten Garten. Sie konnte sich an der winterlichen Pracht nicht satt sehen, wie sie sich auch nicht erinnern konnte, so eine weiße Stille je bewusst erlebt zu haben. Erzählungen über eine weiße Weihnacht kannte sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Nun bekam sie eine Vorstellung davon, was Oma Helga damit meinte.

Auch wenn sich eine leise Traurigkeit auf Neles Gemüt legte, streichelte der Anblick der Winterlandschaft ihre Seele. Würde sie so etwas Schönes je wiedersehen? Die Krankheitsschübe, das ständige Auf und Ab waren trügerisch. Nele wusste, dass sie unheilbar krank war und doch hoffte sie immer wieder, eine geeignete Therapie zu bekommen, die ihr Leben wieder lebenswert machte. Sie brauchte diese Hoffnung wie ein Durstender das Wasser, sonst würde sie verrückt.

Und doch, je länger diese Krankheit an Körper und Seele nagte, umso tiefer wurden die Phasen der Akzeptanz. Es war ein Auf und Ab, ein Leben im Hamsterrad, ein Nicht-Entkommen-Können.

Das Netz der Liebe und Fürsorge ihrer Familie, das sie wie einen Kokon umspannte und umhüllte, gab ihr die Kraft weiterzuleben.

Nele fragte sich nicht mehr, welchen Sinn es hatte, dass ihr junges Leben eng begrenzt war, sie wollte jeden Tag, der ihr blieb, in Dankbarkeit erleben und ihren Weg gehen, wohin er sie auch führen würde. Nicht allein zu sein bis zur letzten Stunde war ihre Kraftquelle, der Brunnen, aus dem sie schöpfte.

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