Die Perlenkette

Wie jeden Morgen saß sie auf der Bank vor ihrem kleinen Haus am Waldrand, dick eingehüllt in zwei wärmende Wolldecken. Der Schnee des Winters war geschmolzen und sie lauschte dem vielstimmigen Gezwitscher der Vögel, die auf einen baldigen Frühling hoffen ließen. Wie einen Rosenkranz hielt sie die zarte, weiße Perlenkette in ihren von harter Arbeit gezeichneten Händen und ließ Perle für Perle durch ihre Finger gleiten.

Ein Jahr war es nun her, dass Johann ihr vorausgegangen war. Dabei hatte sie insgeheim immer gehofft, vor ihm zu sterben. Erneut ohne ihn zu sein, würde sie kein zweites Mal verkraften, dessen war sie sich sicher. Doch das Schicksal hatte anders entschieden. Ein Teil von ihr war mit ihm gestorben, und sie hoffte inständig, dass der liebe Gott sie auch bald zu sich holen würde. Mit einem zärtlichen Blick betrachtete sie die Kette in ihren Händen, die sie seit zweiundsechzig Jahren jeden Sonntag anlegte. Ihre Gedanken wanderten zurück in eine längst vergangene Zeit…

Sie war gerade achtzehn, als sie den fröhlichen Johann auf dem Hof ihrer Eltern kennenlernte. Jeden Sonntag in der Früh kam er mit dem verrosteten Fahrrad seines Vaters, um frische Eier und Milch zu holen. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch ihre junge, aufkeimende Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt, als Johann an die Front gerufen wurde. Jahrelang bangte sie um sein Leben. Nur selten hörte sie von ihm. Jeder Brief, den sie von ihm erhielt, füllte ihre Seele mit so viel Kraft und Energie, dass sie die schwere körperliche Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern bewältigen konnte, um einigermaßen zu überleben. Ihr Vater kam aus dem Krieg nicht zurück.

Nach den endlos scheinenden Kriegswirren wartete sie noch zwei endlos lange Jahre auf Johann. Sie hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als Johann verwundet und von den Schrecken des Krieges traumatisiert aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Unbeholfen kramte er aus den Tiefen seines Rucksackes ein zerlumptes Handtuch hervor, in dem eine jahrelang gehütete Kostbarkeit versteckt war: eine Kette mit einem passenden Armband aus zarten hellen Perlen, die er selbst aufgefädelt hatte, für Anna, seine große Liebe.

Mit diesem Geschenk machte er ihr einen Heiratsantrag und Anna- nahm in an.

Sie hatten gerade ihre diamantene Hochzeit gefeiert, als es mit Johanns Gesundheit von einem Tag auf den anderen bergab ging. Er hatte nicht lange leiden müssen. Als Anna sich am offenen Sarg von ihm verabschiedete, legte sie ihm das Perlenarmband über seine kalten, gefalteten Hände.

Nun war auch ihr Körper bereit, seine letzte Reise anzutreten. Tag für Tag schwanden ihre Kräfte. Sie ließ die Perlenkette kaum noch aus der Hand, denn sie hoffte, dass Johann sie lächelnd erwarten und ihr die Perlenkette wie früher jeden Sonntag um den Hals legen würde.

© G. Bessen

Briefe von Dir

Briefe von Dir
bleiben mir
aus einer Zeit,
so nah und doch so weit.

Wir waren jung,
naiv, verliebt,
voll Staunen,
dass es so was gibt.

Ich weiß nicht,
wo Du heute bist
und wer
an Deiner Seite ist.

Briefe von Dir
bleiben mir,
zarte Worte
auf vergilbtem Papier.

 © Text und Foto: G. Bessen

Ein seltsames Trio

Ein seltsames Trio

Es war ein merkwürdiges Trio, das einst am Aschermittwoch vor etlichen Jahren  das Krankenzimmer Nummer 13 bezog. Drei junge Frauen, die sich nicht kannten und denen eine Operation bevorstand.

Die Operationsmethoden waren zu jener Zeit noch nicht so ausgefeilt wie heute und der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden“ hatte damals noch einen tieferen Sinn.

Luise, die gleich das Bett an der Tür ihr Eigen nannte, hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und sah gelassen ihrer vierten Operation entgegen.

In das mittlere Bett legte sich Renate, deren Schäferhund ein Stück der Ohrmuschel beim Toben  abgebissen hatte und die hoffte, dass ihr Ohr bald wieder in formvollendeter Schönheit von einem Ohrring geschmückt werden würde.

Das Bett am Fenster blieb für Marianne übrig, die vor ihrer Nasenoperation noch ausgiebig Fasching gefeiert hatte, bevor sie sich unters Messer begeben wollte.

Es fehlte noch jemand mit einer Augenkrankheit  zu einem ‚Sinn-losen Quartett’.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nach diesem Motto sahen die drei Damen dem kommenden Operationstag entgegen und freundeten sich zwischen Untersuchungen, Anästhesievorgesprächen, Mittag- und Abendessen miteinander an. Schließlich würden sie die kommenden Tage gemeinsam in dem Dreibettzimmer der Benjamin-Franklin-Uniklinik verbringen. Den heutigen Abend konnten sie noch in schwereloser Leichtigkeit erleben.

Während Luise und Renate sich keine großen Gedanken machten und das Unabänderliche auf sich zukommen ließen, hatte Marianne die Unruhe ergriffen. Schließlich musste sie sich von einer leicht gekrümmten Nase verabschieden, die sie seit ihrem zehnten Lebensjahr mit sich herumtrug. Was sie hatte, wusste sie, wie es danach aussehen würde, konnte sie nur erhoffen.

Das Märchen, Routine-OPs mache bereits der Pförtner, hatte sie nie geglaubt.

Die Ärztin, die sie am nächsten Tag operieren wollte, kam mit einer Gruppe Medizinstudenten am späten Nachmittag ins Zimmer und machte die Patienten zu einem Anschauungsobjekt. Nie würde Marianne den Augenblick vergessen, in dem zehn junge Männer neugierig um ihr Bett herumstanden und sie begafften, als sei sie von einem anderen Stern.

Mit zehn Jahren hatte sie mit ihren Freundinnen ein Wettspringen auf dem Spielplatz veranstaltet. Siegerin war, wer vom Klettergerüst am weitesten in den Sandkasten springen konnte. Alles verlief ohne Blessuren, bis sie durch einen Fehltritt am Gerüst abrutschte und auf die Holzumrandung des Sandkastens fiel, mit dem Gesicht, besser mit dem Nasenbein, zuerst.

Zuerst sah alles gar nicht schlimm aus. Das Nasenbein war gebrochen. So etwas heilt wieder zusammen, aber nicht unbedingt gerade. So passierte es, dass die Nase zu einem ganz  leichten Rechtsabbieger wurde. Es war nicht weiter schlimm. Und wer es nicht wusste, bemerkte es nicht einmal. Unangenehm wurde es erst bei Infekten, wenn durch das rechte Nasenloch zu wenig Luft kam.

„Kein Problem“, sagten die Ärzte, „das kann operiert werden, aber frühestens, wenn die Nase ausgewachsen ist.“ So vergingen die Jahre, bis Marianne sich mit knapp zwanzig Jahren zu einer Nasenkorrektur entschloss. Die Krankenkasse übernahm die Kosten, da es zwar eine Schönheitsoperation, aber aus dringenden medizinischen Gründen notwendig war.

Am Morgen der Operation  war das Trio sehr schweigsam. Marianne wurde als erste abgeholt, kurz darauf folgte Renate und zum Schluss Luise. Mittags lagen alle drei in einem komaähnlichen Zustand wieder in ihrem Zimmer.

Renate hatte ihren Narkoserausch mittags  bereits ausgeschlafen und blinzelte zu ihrer Bettnachbarin Marianne. Erschrocken richtete sie sich auf. War sie das wirklich? Die  Bettdecke bis zum Hals hochgezogen erblickte Renate nicht viel mehr als einen dicken Gips mitten in Mariannes Gesicht. Luise schlief ebenfalls und hatte Renate den Rücken zugewandt.

‚Na, wenigstens leben wir alle noch’, dachte sie zufrieden, fasste sich vorsichtig an ihr verbundenes linkes Ohr und schlief weiter.

Nachmittags kam das Leben in das Zimmer Nummer 13 zurück.

Luise tauschte das OP-Flatterhemd mit einem Jogginganzug und verkündete, sie gehe jetzt in die Cafeteria, sie habe Hunger auf ein Stück Kuchen.

„Bist du verrückt? Das darfst du doch sicher nicht. Und überhaupt – wie willst du das mit deinem halb verklebten Mund denn essen?“, fragte Renate entsetzt.

„Lutschen“, antwortete Luise mit einem schiefen Grinsen und war bald danach verschwunden. Renate bekam kurz darauf Besuch und verschwand mit ihrem Vater im Aufenthaltsraum. Marianne beschloss im Bett zu bleiben und dort auf ihre Eltern zu warten. Sie hatte das Gefühl, als habe ihr Gesicht die Form eines Fußballes angenommen. Vorsichtig befühlte sie ihr Gesicht. In der Nase steckten offenbar zwei Tamponagen, deren Enden etwas aus den Nasenlöchern herausragten. Die Nase selbst war eingegipst.

Mariannes Besucher machten so entsetzte Gesichter, dass sie erahnen konnte, wie sie aussah. An einen Schönheitswettbewerb war vorläufig nicht zu denken. Sie ließ sich einen kleinen Handspiegel geben und bereute es im gleichen Moment. Frankenstein war eine Schönheit gegen sie. Das Gesicht war geschwollen, die Augen rot unterlaufen, der Gips saß wie eine hässliche Kröte mitten im Gesicht.

Es dauerte einige Tage, bis die Schwellungen nachließen. Das Gesicht wurde bunt wie eine Aquarellzeichnung und als die Nase abschwoll, bekam Marianne einen kleineren Gips, mit dem sie entlassen wurde. Renates Ohr war wieder dran und sie freute sich auf ihren Hund, mit dem Vorsatz, in Zukunft vorsichtiger beim Spiel mit ihm zu sein. Auch Luise war mit ihrem jetzigen Aussehen schon sehr zufrieden und sah einer weiteren Korrektur gelassen entgegen.

Die Drei verabschiedeten sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Trotz ihrer unterschiedlichen  Blessuren hatten sie viel Spaß zusammen gehabt und blieben den Schwestern der Station sicher noch lange in lustiger Erinnerung.

© G.Bessen

Duftig

Duftig

Obwohl wir uns nicht kannten, waren wir einander vertraut. Der Morgenzug um 5.26 Uhr in Richtung Grünau verband uns. Wir grüßten uns nie, nicht einmal der Hauch eines Kopfnickens war uns wichtig. Und doch machte ich mir Gedanken, wenn er mal nicht auf dem S-Bahnhof stand. Ich legte absolut keinen Wert auf eine Unterhaltung, er war ganz und gar nicht mein Typ.

Seinem Äußeren nach lebte er alleine. Seine blauen Jeans, seine Turnschuhe und seine blaugraue Fleecejacke schienen nicht immer ganz keimfrei zu sein. Seine etwas schütteren Haare wirkten oft speckig und ungewaschen.

In der S-Bahn saßen wir auf „unseren“ Plätzen, in Fahrtrichtung und jeder von uns in seine Morgenzeitung vertieft. Am S- Bahnhof Bornholmer Straße trennten sich unsere Wege, bis zum nächsten Arbeitstag

An diesem Morgen versetzte er mich in Erstaunen. Er war von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Seine Haare waren frisch gewaschen und in Form geschnitten, sein Dreitagebart fehlte. Er trug eine hellbraune Übergangsjacke, die den Kontrast zu seinen schwarzen Jeans hervorhob.
Seine Füße steckten in schwarzen Halbschuhen. Ich konnte einen Hauch von Attraktivität nicht leugnen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich schloss die Augen und versuchte, den letzten Rest Schlaf aus meinem Körper zu vertreiben. Meine Sinne reagierten schnell, ein Duft stieg mir in die Nase, der mir fremd und doch vertraut vorkam.

Mein Kopfkino sprang an und ich reiste in meine Kindheit, um diesen Duft aufzuspüren. Alle hatten sie, meine Uroma, meine Großtanten, nur bei uns gab es so etwas nicht. Scheinbar hatte meine Mutter auch nie daran Gefallen gefunden.
Ich sah sie vor mir, die kleinen Kissen, kunstvoll bestickt, aus denen getrockneter Lavendelduft aufstieg und meine Nasenflügel wurden leicht kraus.

Es war nicht so, dass ich Lavendel nicht mochte, im Gegenteil. Wenn die Luft im Sommer vom Summen der Insekten erfüllt war und die lilablauen Lavendelblüten sich leicht im Sommerwind hin und her bogen, war das Sommergefühl perfekt. Dazu ein süßer Duft von Rosen, deren rote Blütenköpfchen einen perfekten Kontrast zum Lilablau des Lavendels abgaben, das war Sommer pur.

Ich öffnete die Augen, neugierig, woher der zarte Lavendelduft kam, Mein Blick ging in eine Richtung und ich betrachtete meinen vertrauten Mitreisenden, der in seine Zeitung vertieft war. Ich war sicher, dass er seinen Tag morgens im Lavendelschaum begonnen hatte und der Rest seines Schaum- oder Duschbades nun gleichmäßig durch das Zugabteil waberte.

Die Sonne hatte die Wolkendecke durchbrochen und schickte ihre warmen Strahlen in das Abteil. Ich hatte noch Zeit, schloss die Augen und träumte mich in ein riesiges Feld mit blühendem Lavendel.
Der Tag konnte so richtig beginnen.

Lavendel

© G. Bessen 10/14