abc.etüden (22.1)

Schreibprojekt abc.etüden

Eine weitere Folge der Geschichte
Auf besonderen Wegen mit Wörtern
von Annette Mertens
aus einer frühen Etüdenfolge.

abc/etüden/ Auf besonderen Wegen (7)

Ludwigs Situation konnte auswegsloser nicht sein und nach seinem bitteren Erlebnis hatte er jegliche Frühlingsgefühle verloren. Träge lag er in der Badewanne, das nur noch lauwarme Wasser fühlte er schon gar nicht mehr, denn sein Denken konzentrierte sich nur darauf, aus dieser misslichen Lage zu entkommen. Vor seinem inneren Auge formte sich erst schemenhaft eine Skizze, dann tauchte ein Gesicht auf und messerscharf  stand die Lösung vor ihm: Walter, sein Cousin, der – wenn er Glück hatte – noch in Wien lebte.

Mühsam hievte sich Ludwig aus der Badewanne und riss dabei fast den geblümten Duschvorhang mit sich. Es dauerte nicht lange, bis er über die Auskunft Walters Telefonnummer und seine Adresse hatte und sich nach einem Anruf bei Walter  frisch geduscht und herausgeputzt wie ein Lebemann auf den Weg zu seinem Cousin  machte.

Und plötzlich waren die Bilder ihres letzten Zusammentreffens vor etwa zwanzig Jahren wieder da.  Walters Mutter, sein Ein und Alles, war ganz plötzlich infolge eines unglücklichen Sturzes gestorben und Walter saß nach der Beerdigung beim Leichenschmaus wie auf einem anderen Stern, ungläubig und in einer Art Schockstarre, unfähig, auch nur irgendetwas auf die Reihe, geschweige über die Lippen zu bekommen. Seine Mutter war die einzige Frau in seinem Leben gewesen und sicher auch die  letzte, denn mit dem anderen Geschlecht stellte sich Walter an wie ein Ochse beim Tanzen. Aber er lebte noch in Wien, schien auch noch im Besitz seiner geistigen Kräfte und freute sich aufrichtig, dass Ludwig ihn besuchen kommen wollte.

Allerdings war Walter so eine geradlinige, aufrichtige und ehrliche Seele, die sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Verwandtschaftsbesucht durchaus auch hinterhältige Motive haben konnte.

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abc.etüden (22)

Sonntägliche Schreibeinladung mit den Wörtern:
verlustieren, Kramladen, Angst von
Gerda Kazakou, Malerin und Schreiberin aus Griechenland

(Blog: gerdakazakou.com) 

abc/etüden/Auf besonderen Wegen(6)

Teil 1 – 5 weiter unten…

Hildchen kaufte nur im Urlaub ein, denn zuhause und dann vielleicht noch mit Ludwig an ihrer Seite, war ihr das eindeutig  zu langweilig und zu zeitaufwändig. Sie war eher die Online-Vielbestellerin in zwei Größen  mit Anprobe in den eigenen vier Wänden und vierzehntägiger Rückgabegarantie und fand, dass Frau gar nicht praktischer und bequemer einkaufen könnte. Als sie mit Antonia aus der Markthalle in die heiße Mailuft trat, musste diese sich einen Moment festhalten, denn ein Schwindelgefühl durchfuhr sie.

„ Glaub ja nicht, dass ich mich jetzt weiter in dieser Hitze mit dir verlustieren werde. Nimm deinen Kramladen…“, dabei warf sie einen Seitenblick auf Hildchens zwei prall gefüllte Taschen, „und komm.“

Schon stieg sie die Treppen zum Bierkeller links von der Markthalle hinunter und hielt Ausschau nach einem freien Tisch. Sie sehnte sich nach einem kalten Bier und Pierogi Polskie (gefüllte Teigtaschen), einem Gericht, dass sie noch heute nach den Rezepten ihrer Großmutter anfertigte.

Hildchen folgte wortlos, denn sie hätte erst mal auch keinen Schritt weiter in diese sengende Hitze setzen können.

Nachdem sie sich ein wenig gestärkt und erholt hatten, fragte Antonia unvermittelt:

„Sag mal, Hildchen, wie kannst du hier so in aller Ruhe sitzen und nicht wissen, wie es deinem Mann geht? Du weißt weder, wo er ist, noch ob alles in Ordnung ist – ich jedenfalls würde vor Angst umkommen.“