abc-etüde Textwoche 2.18.1

Ein neues Jahr mit neuer Minimalprosa.
Aus drei Wörtern in 10 Sätzen
eine Kurzgeschichte schreiben,
das ist die Herausforderung.
Diesmal stammen die Wörter von Christiane selbst und Ludwig hat wie immer illustriert.

Herausforderungen

Verstohlen blickte er hinter sich, doch niemand schien ihm zu folgen.

Es war so bitterkalt, dass er glaubte, seine Hände kaum noch zu spüren und mit zusammengebissenen Lippen versuchte er, den voll beladenen Einkaufswagen über das vereiste Kopfsteinpflaster zu schieben.

Hoffentlich hatte er an alles gedacht, denn in dieser Kälte wollte er nicht noch einmal zurück in den Supermarkt, in dem er sich ohnehin nicht mehr lange blicken lassen konnte, denn die Kassiererin hatte ihn heute wieder so misstrauisch angesehen.

Er war fünfzehn Jahre alt, in den Augen seiner ehemaligen Freunde ein absoluter Loser und seitdem sein alkoholsüchtiger Vater ihn rausgeschmissen hatte, wollte so richtig niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben.

Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange er überhaupt noch zur Schule gehen würde, denn die Erzieher in der Auffangstation, in der er zurzeit wohnte, beschwerten sich schon lange über seine Unzuverlässigkeit und er hatte keine Lust auf stundenlange und sinnlose Diskussionen.
Und einen Schulabschluss würde er ohnehin nicht schaffen, da verbrachte er seine Zeit doch lieber mit der Gruppe obdachloser Jugendlicher, mit denen er sich derzeit anfreundete, obgleich ihm die Mutprobe, die sie ihm abverlangten, wie eine zentnerschwere Bürde auf der Schulter lag.

Er schob sich die speckig gewordenen Haare aus der Stirn und betrachtete prüfend, was er so alles zusammengeklaut und in seinem gut versteckten alten Einkaufswagen in das leer stehende Haus bringen wollte, in dem sie sich zu viert ein Quartier errichteten.
Alles, was sie als grundlegende Ausstattung benötigten, klaute er zusammen, das war die Aufnahmebedingung, die sein weiteres Schicksal entscheiden würde.
Natürlich hatte er schon immer mal hier und da etwas mitgehen lassen oder seinem Vater Geld aus der Brieftasche geklaut, wenn der bis obenhin zu war und ohnehin keine Peilung mehr hatte.
Aber die Anerkennung seiner selbst, so wie er war, hatte ihm immer gefehlt und die wollte er sich in seiner neuen Clique verdienen, egal, was sie von ihm verlangten.

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