abc-Etüden 39.40.18 Außer Gefecht gesetzt

Christiane lädt wieder zur neuen Etüde ein, mit überzeugenden Illustrationen und einer Wortspende von mir. Danke für deine Mühe, liebe Christiane!

Die heutigen Wörter lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen

Außer Gefecht gesetzt

 Jemand schien mit mir tanzen zu wollen. Ich stand an einer Treppe, die hinunter zu meiner Kabine führte, doch die Treppe hatte sich irgendwie verdoppelt, ja verdreifacht und schwappte nach vorn und nach hinten, wie Wellen, die bei Flut den Strand im Blickfeld hatten. Wie aus dem Nichts tauchten Gesichter auf der Treppe auf. Gesichter, die tiefroten Flaschentomaten ähnelten und eigenartig verzerrt schienen.

Die Breite der schwappenden Treppen und die in die Länge gezogenen Gesichter machten mir Angst. Der Boden unter meinen Füßen begann bedrohlich zu schwanken.

Meine Beine versagten. Ich wollte zurück in meine Kabine, doch anstatt zu gehen, begann ich wie ein Storch zu stelzen und klammerte mich mit aller Kraft ans Treppengeländer.

Wo war ich nur und was passierte hier eigentlich mit mir? Warum half mir niemand?

Ich versuchte meinen Blick zu fixieren und starrte geradeaus. Wasser, überall Wasser! ‚Du bist auf einer Kreuzfahrt’, flüsterte mir plötzlich eine innere Stimme zu und ich erinnerte mich dunkel daran, in Warnemünde ein großes Schiff betreten zu haben. Dabei hasste ich Kreuzfahrtschiffe, diese schwimmenden Hochhäuser, die schwarzen Dreck in die Luft schleuderten und die Meere und alles, was in ihnen lebte, vergifteten.

Niemand schien Notiz von mir zu nehmen und auf Hilfe konnte ich scheinbar nicht hoffen. Ich musste hier weg. Hier, an der Treppe, schien es gemeingefährlich zu sein und da ich ohnehin nicht Herrin meiner Sinne war, wollte ich keinen Absturz riskieren und womöglich mit gebrochenen Beinen in irgendeinem Krankenzimmer landen.

Plötzlich packten mich starke Arme von rechts und von links, und dann wurde es mir schwarz vor Augen.

Es dauerte ein paar Tage, bis ich wieder völlig im Lot war, doch bisher weiß ich nicht, wer mich mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht setzen und mir so schaden wollte. Eine Anzeige gegen unbekannt, das führte ohnehin zu nichts …

300 Wörter

© G. Bessen

 

 

abc-Etüden 37.38.18 (2) Umkehr

Schreibeinladung für die Textwochen

37.38.18 |

 

 

 

Wortspende  und Illustration: Christiane von Irgendwas ist immer

Dort finden sich auch die Neuerungen zum beliebten Schreibprojekt abc-Etüden.

Umkehr

Die Liebe zur Kunst, speziell zur Fotografie, war Constanze schon mit der Muttermilch eingeflossen und nie war sie müde geworden, mit ihrer großen Fototasche und diversen Kameras und Objektiven um die Welt zu reisen, um an unterschiedlichen Orten in der Welt für Reportagen in diversen Magazinen zu fotografieren.

Doch Kriegsschauplätze und Länder, in denen Armut und Not einerseits und Korruption und Machtmissbrauch andererseits an der Tagesordnung sind, verkraftet man nur eine bestimmte Zeit, wenn man nicht selbst vor die Hunde gehen und seelisch einigermaßen gesund bleiben will.

Als Constanze sich entschloss, das aufregende Nomadenleben aufzugeben und nur noch heimische naturnahe Fotoprojekte in Angriff zu nehmen, ging es ihr zunehmend besser. Der Frühling und der Herbst wurden ihre favorisierten Jahreszeiten und als sie ihre brillanten Fotos in Aquarellmalereien umwandeln konnte, die sich gewinnbringend verkaufen ließen, war ihre Lebensplanung eigentlich abgeschlossen.

Ein kleiner Bauernhof in der Brandenburger Schorfheide, ein helles und riesiges Atelier mit großen Fenstern, zwei Hunde und ein Mann, der die Talente seiner begabten Frau förderte, waren die Erfüllung ihrer Wünsche.

Seit diesem Sommer war alles anders. Constanze wollte keine Zeit mehr verschwenden und fühlte sich erneut hinaus in die Welt getrieben, an die Schauplätze, an denen es vehement brodelte. Dorthin, wo jede helfende Hand gebraucht wurde, um Menschen vor dem sinnlosen Ertrinken zu bewahren und dorthin, wo die Menschen nicht einsehen wollten, dass nur ein buntes Miteinander auf Augenhöhe auf Dauer Demokratie und Frieden sichern könnten.

Zu lange hatten die Menschen in ihrer grenzenlosen Gier ignoriert, worauf es auf diesem großartigen Planeten ankam. Er schlug zurück, nicht nur in Form von Naturkatastrophen und extremen Wetterlagen. ’Florence’ und ‚Mangkhut’ werden vergehen und andere Namen werden ihre Schrecken verbreiten und Opfer fordern.

Sie musste los, raus aus ihrer kuscheligen Komfortzone und dokumentieren, was es heißt, in dieser Welt Verantwortung zu tragen.

300 Wörter

© G. Bessen