abc-Etüde 49.50.18(3)

Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel

Die neuen Wörter für die Textwochen 49 und 50 des Schreibjahres 2018 stiftete Elke H. Speidel von Transworte auf Litera-Tour. Sie lauten:

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern

Carla (3)

Die Strapazen der Chemotherapie hinterließen bei Carla kaum Spuren, außer, dass ihr die Haare sehr schnell ausgegangen waren. Aber mit einer Perücke und bunten Kopftüchern ließ sich die Zeit gut überbrücken. Sie fühlte sich manchmal sehr müde nach der Behandlung, aber hätte sie selbst nicht gewusst, dass sie todkrank war, hätte man ihr das nicht geglaubt.

Als der Tag der Voruntersuchung zur Operation anbrach, standen die Zeichen in jeglicher Hinsicht auf Sturm. Die Frühlingssonne hatte längst die jungen Triebe und Knospen aus der Erde gelockt und die zartgrünen Blätter an den Bäumen wollten sich schon etwas vorwitzig öffnen, da fegte ein nasskalter Schneesturm durch die Stadt und riss mit sich, was sich ihm in den Weg stellte.

Carla stand am Fenster ihres Wohnzimmers und betrachtete stirnrunzelnd ihren Ginkgobaum, der sich vom Winterbaum in ein Frühlingsbäumchen verwandelt hatte und sich dem Schneesturm vehement widersetzte.

„Gut so“, sagte Carla halblaut, „lass dich nicht umpusten, ich tue das auch nicht“. Würde der Sturm ihn entwurzeln und fortwehen, würde sie ihm nachtrauern, denn er war für sie ein Symbol der Standhaftigkeit, des Verwurzeltsein, ja, ein gewisser Halt in dieser schweren Zeit geworden.

Die Voruntersuchung gab Anlass zur Hoffnung und aus lauter Freude, dass der Zellherd sich verkleinert hatte, gingen Carla und Heiner nach der Besprechung mit der Ärztin feudal essen.

Carla hatte Glück gehabt. Sie wurde erfolgreich operiert und bestrahlt. Ihren 60. Geburtstag feierte sie nach der Reha ausgelassene mitten im Hochsommer in ihrem Garten nach, mit all den Menschen, die ihr in dieser schweren Zeit treu geblieben waren. Auch das war eine Erkenntnis in dieser Phase: Wahre Freundschaft behauptet sich in der Krise.

Und mit 60 muss man seine kostbare Lebenszeit nicht mehr zwingend mit Arbeit verbringen, wenn man den tollsten Mann an der Seite hat, selbst, wenn man von ihm geschieden ist.

 

ENDE

300 Wörter

© G. Bessen

 

abc-Etüde 49.50.18(2)

Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel

Die neuen Wörter für die Textwochen 49 und 50 des Schreibjahres 2018 stiftete Elke H. Speidel von Transworte auf Litera-Tour. Sie lauten:

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern

 

Carla (2)

Carlas zuständige Ärzte handelten überlegt, was bei der Diagnose des rasend schnellen Zellwachstums zu begrüßen war, und nach  mehreren Besprechungen im Brustzentrum bekam sie  eine Liste mit all ihren Terminen. Erst eine Chemotherapie, danach eine Brust erhaltende OP nach erfolgreicher Verkleinerung des Zellherdes, anschließend eine Bestrahlung und zum Schluss eine onkologische Rehamaßnahme – alles in allem über einen Zeitraum von etwa acht Monaten. Ohne Netz und doppelten Boden, nur im Vertrauen auf den erfolgreichen Ablauf einer Studie, deren Medikamente auf ihr spezielles Krankheitsbild zugeschnitten waren.

Hatte sie eine Wahl?

Carla wollte leben und hatte keine Zeit, ihrer Arbeit, ihren KollegInnen und Schülern nachzutrauern. Sie setzte sich mit der Schulleitung zusammen und regelte die Aufteilung ihrer Kurse und Klassen und die Möglichkeiten der Vertretung.

Ihr geschmückter Winterbaum schien ihr immer wieder zuzunicken, wenn sie ihn betrachtete, zweifelte, ihre Tränen hinunterschluckte und ihre Ängste beiseiteschob.

Die nasskalten Dezembertage hatten den Garten mittlerweile in eine winterliche Idylle verwandelt und überall leuchteten Lichter, die Carla daran erinnerten, dass ihr schwerer Weg, deutlich aber hell, vor ihr lag.

Carlas geschiedener Mann Heiner stand eines Abends kurz vor Weihnachten mit einem Koffer vor der Tür und ließ sich nicht abweisen, Carla über die Feiertage zu bekochen, zu verwöhnen und ihr in diesen schweren Zeiten zur Seite zu stehen. Als am Heiligabend Carlas Tochter Josefine mit ihrem Freund Leo und der kleinen Enkeltochter Lea vor der Tür stand, ließ Carla alle Bedenken und ‚wenns und abers’ fallen und freute sich auf ein paar ruhige Tage mit ihrer Familie, die trotz aller Differenzen und Uneinigkeiten jetzt wie Pech und Schwefel zusammenstand.

Auch, wenn ihr eher nach Alleinsein und Seelenpflege zumute war, genoss sie die Ablenkung und lernte sogar durch Leas zauberhafte kindliche Art, wieder herzhaft zu lachen.

Sie ging dem neuen Jahr mit einer gehörigen Portion Optimismus entgegen.

300 Wörter

© G. Bessen

 

Fortsetzung morgen …

 

 

abc-Etüde 49.50.18(1)

Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel

Die neuen Wörter für die Textwochen 49 und 50 des Schreibjahres 2018 stiftete Elke H. Speidel von Transworte auf Litera-Tour. Sie lauten:

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern

Carla (1)

Sie zog die braune Wolldecke enger um ihre schmalen Schultern und starrte mit vor Tränen blinden Augen aus dem Fenster, hinaus in den Garten. Ihr kleiner Ginkgobaum, ein Geschenk einer früheren Abiturklasse, hatte mittlerweile alle Blätter verloren und war dem nasskalten Dezembersturm hilflos ausgeliefert – hilflos, wie sie selbst. Mit einer bunten Lichterkette sähe er vielleicht ein wenig anheimelnder aus, wie ein vorweihnachtlicher Winterbaum, der seine kräftigen Zweige dem Himmel bittend entgegenrecken würde. Blätter starben und fielen ab und meist kamen im kommenden Jahr neue Triebe. Einem ewigen Naturgesetz, auf das der Mensch bauen konnte, musste er nicht nachtrauern.

Carla jedoch hatte allen Grund zu trauern. Von jetzt auf gleich war ihr bisheriges Leben aus den Fugen geraten und noch immer jagten ihre Gedanken in Wortfetzen durch ihr Gehirn, eckten hier an, stolperten dort und überschlugen sich.

‚Diffuses Wachstum – nicht eingrenzbar – aggressiv – sofortige Behandlung – Teilnahme an einer Studie – Chance ergreifen …’.

In drei Tagen war ihr sechzigster Geburtstag, und als sie heute vom Arzt nach Hause kam, hatte sie wie in Trance das Lokal angerufen und alles storniert und per whatsapp all ihre geladenen Gäste benachrichtigt, dass die geplante feuchtfröhliche Feier buchstäblich ins Wasser fallen würde.

Die Diagnose Brustkrebs war der Partykiller per se geworden und wohin ihr Lebensschiff nun steuern würde, müsste sich in den nächsten Tagen erst einmal zeigen.

Einem 60. Geburtstag nachtrauern wäre lächerlich angesichts der noch unbekannten Lebenserwartung, die ihre Lebensplanung ohnehin völlig auf den Kopf stellte.

Carla hatte bisher alles in ihrem Leben geplant und vieles davon mit eiserner Disziplin in die Tat umgesetzt. Nun waren ihr die Hände gebunden und sie war abhängig von den Möglichkeiten, die die heutige Medizin ihr anbot.

Nachdem sie eine Flasche Rotwein geleert hatte, fiel sie in einen unruhigen Schlaf und wachte am folgenden Morgen viel zu spät auf.

299 Wörter

© G. Bessen

 

Fortsetzung morgen …

 

abc-Etüde 47.48.18

Die von Christiane gesammelten Wörter für die Textwochen 47 und 48 des Schreibjahres 2018 stiftete Yvonne von umgeBUCHt. Sie lauten:

Raureif
sündig
verrücken

 

Auf dem Weg

Der Winter schickte Raureif als seine eisigen Vorboten. Mit jedem Schritt knarzten die Blätter unter ihren Füßen, doch ihre Wangen glühten vor Wärme und Vorfreude. Ein letzter Blick zurück in den zweiten Stock, wo alle hinter den milchigen Scheiben des Raucherzimmers standen und ihr aufmunternd zuwinkten.

Zehn lange Tage hatte Agnetha auf der Station 11 verbracht und mit eisernem Willen, Disziplin und unermüdlicher Aufmunterung ihrer Mitpatienten den Heroinentzug geschafft, auch wenn die Entzugserscheinungen sie schier um den Verstand brachten. Alles, was sie empfand, schien immer wieder neu zu verrücken, nichts blieb greifbar, ein für sie schmerzhafter Ausnahmezustand.

Sie war so stolz auf sich, obgleich sie wusste, dass die Entgiftung nur der erste Schritt in ihr neues, drogenfreies Leben werden würde. Dreizehn Jahre Drogenmissbrauch hatten sie körperlich und seelisch gezeichnet.

Sie alle hatten ihre Päckchen zu tragen, Drogen aller Art, Alkoholabusus, Medikamentenabhängigkeit – für das medizinische Personal der Station Alltag, Routine und nichts, was sie noch aus der Bahn werfen würde.

Wer hierher kam, brauchte Hilfe und wer sich an die Regeln hielt, bekam sie auch, sofern die Gesundheitspolitik und das Krankenhausmanagement mitspielten. Wer gegen die Regeln verstieß – und dazu zählte bereits ein Zuspätkommen bei einer Therapiestunde – bekam eine Gelbe Karte und bei drei Gelben Karten, hieß es: Tasche packen und zurück in die Welt.

‚Sieh zu, wo du bleibst!’ Ja, das hatte sie in ihrem jungen Leben zu oft erfahren. Menschen, denen sie geholfen hatte, ließen sie wie eine heiße Kartoffel fallen. So gerne hätte sie ihre Mutter angerufen und ihr erzählt, dass sie nun auf dem Weg in eine halbjährige Langzeittherapie war und ihr „sündiges“ Leben der Beschaffungskriminalität für immer ein Ende habe. Doch für ihre Mutter war sie gestorben. Nur ihre Mitpatienten schienen an sie zu glauben und das war ihr momentan genug, entschlossen nach vorn zu sehen.

© G. Bessen

abc-Etüde 45.46.18

Ein neuer Sonntag, eine neue Schreibeinladung von Christiane. Die neuen Wörter für die Textwochen 45 und 46 des Schreibjahres 2018 stiftete Bettina vom Wortgerinnsel. Sie lauten:

Knirps
grotesk
notieren

 

 

Nur nicht klein bleiben!

 „Du hast wohl nicht genug Senge gekriegt!“ – „He, bleibst du so, oder wächst du noch?“

Beleidigende Aussprüche dieser Art war Marius seit der Grundschulzeit gewöhnt und dass er von vielen nur der „Knirps“ genannt wurde, machte ihm schon lange nichts mehr aus.

Doch er hatte einen langen Weg hinter sich, die vielen Verletzungen, die auf seiner kleinen verwundbaren Seele hässliche Narben hinterlassen hatten, zu verschmerzen.

Als Kind fand er es grotesk, wenn er mit seinen Eltern unterwegs war, ja, er schämte sich sogar, denn sein Vater war extrem groß und seine Mutter war kleinwüchsig wie er.

Als der Vater mit einer anderen Frau eine neue Familie gründete, in der größenmäßig alles stimmte und den gängigen Vorstellungen entsprach, kamen Marius und seine Mutter auch gut alleine klar.

Seine körperliche Besonderheit versuchte Marius mit geistiger Intelligenz auszugleichen, mit Erfolg. Nach einem Abitur mit Bestnoten und der eigenen bitteren Erfahrung, beim Kauf von passender Kleidung für Kleinwüchsige doch sehr viele Unannehmlichkeiten inkauf nehmen zu müssen, stand sein Berufswunsch fest.

Er durchkreuzte die gängigen Maßstäbe der Modeindustrie, dass Menschen heutzutage groß, schön und schlank sein müssten, und begann mit Eifer und Freude, Modedesign zu studieren. Modemessen in ganz Europa waren seine Leidenschaft und er begann, sich alles, was in irgendeiner Form für ihn nützlich war, zu notieren und zu dokumentieren.

Mit der unermüdlichen Unterstützung seiner Mutter gelang es ihm nach einem erfolgreichen Studium, sich mit einem kleinen Geschäft in der Innenstadt von Kassel selbstständig zu machen. Er entwarf Kleidung für kleine Menschen, die er gemeinsam mit seiner Mutter nähte und in seinem eigenen Laden verkaufte. Nach wenigen Jahren zog Marius Geschäftsidee immer größere Kreise und sein Konzept war aufgegangen. Die Industrie begann in größerem Umfang Kleidung für Kleinwüchsige zu produzieren.

Der Knirps, wie er als Kind oft verächtlich genannt wurde, war ganz groß geworden.

300 Wörter

© G. Bessen

abc-Etüde 43.44.18(4)

Die Wörter für die Textwochen 43 und 44 des Schreibjahres 2018 von Bernd redskiesoverparadise setzen ja eine Flut von Etüden frei und die Geschichten stürmen die Charts …  Eingeladen hat, wie immer, Christiane.

Es geht immer noch um:

Pfründe
mondän
lassen

Jedem das Seine

Sein Leben ist ein Leben im puren Luxus, ja, man könnte sagen: Maßgeschneidert, fast schon mondän. Er kann alle Viere gerade sein lassen, ohne sich um irgendetwas kümmern zu müssen. Wer kann sich diesen Luxus leisten?Und wenn wir schon bei ‚leisten’ sind: Pfründe und alles, was damit in Zusammenhang steht, interessieren ihn nicht die Bohne.

Apropos Bohne: Im übertragenen Sinne hat er sie in den Ohren. Also bitte, nicht wirklich, nur sinnbildlich gesprochen! Manche Menschen haben ja auch offensichtlich Tomaten auf den Augen, aber nicht wirklich rote Bällchen, höchstens rote Bäckchen! Bohnen in den Ohren bedeutet: er hört fast nichts, was durchaus auch von Vorteil ist, denn einen eigenen Kopf hat er auch und den darin enthaltenen Verstand nutzt er intensiv, nur für sich. Man sieht es ihm förmlich an, wenn sich die Gehirnwindungen bewegen und die großen schwarzen Kulleraugen auf einem ruhen – fragend, auffordernd und voller Liebe.

Das ist durchaus sein positivster Charakterzug: Er sucht die Nähe, würde am liebsten den ganzen Tag kuscheln und sich selbst als lebendige Wärmflasche verschenken, ist absolut treu und dankbar – auf seine Weise.

Sein Luxusleben ist eine der Gerechtigkeit geschuldeten Belohnung auf das Leben davor, das er fünf Jahre lang führte, nicht ungeliebt von den Zweibeinern der Familie, aber gemobbt von einem vierbeinigen Geschlechtsgenossen, sodass die Flucht zu uns ein reines Überlebensexperiment war, fast ein gewagter Grenzübertritt.

So wie der römische Staatsmann Gaius Julius Caesar schon formulierte: „Veni, vidi, vici“ („ich kam, ich sah, ich siegte“), so dachte wohl auch Murphy, seit zwei Jahren unser geschätzter und geliebter Mitbewohner, dessen Vorzüge bereits im Zitat des verehrten Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, genannt Loriot, keiner weiteren Erläuterung bedürfen:

„Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“.

Und so bestreitet unser Mops sein Leben, in Ruhe, fressend, schlafend und … na ja …!  (300 Wörter)

Heute denken wir an unsere Dackeldame Cara,
die wir heute vor 5 Jahren mit nur 7 Jahren
über die Regenbogenbrücke schicken mussten.

Text und Fotos: G. Bessen

abc-Etüden 43.44.18

Die neuen Wörter für die Textwochen 43 und 44 des Schreibjahres 2018 stiftete Bernd von redskiesoverparadise.

Eingeladen hat, wie immer, Christiane.

Sie lauten:

Pfründe (Erklärung für alle Fälle: Wikipedia, Duden)
mondän
lassen.

Lebensträume

Schon als kleiner Junge hatte er davon geträumt, später mal auf einer prächtigen Burg zu wohnen und es sich gut gehen zu lassen. Besonders an den Abenden, an denen er hungrig im Bett lag und sein Vater das wenige verdiente Geld lieber ins Wirtshaus getragen und dort versoffen und anschließend die Mutter verprügelt hatte, wurde dieser Gedanke zu einer so beherrschenden Idee, die ihn mit vierzehn Jahren aus dem Haus und auf die Straße trieb.

Er schlug sich mit etwas Arbeit hier und dort durch, durchquerte dabei ganz Europa und wurde zu einem jungen und nicht unattraktiven Mann.

Die Frauen lagen ihm zu Füßen, reiche und arme, aus allen Bildungsschichten, ja, sie rissen sich förmlich um ihn, dem attraktiven Gesellen, der nichts wirklich gelernt hatte und immer von der Hand in den Mund gelebt hatte.

Die richtige Frau hatte er noch nicht getroffen, obgleich er an Frauenbekanntschaften nun wirklich keinen Mangel hatte und manchmal froh war, wenn er sein Haupt alleine auf irgendeine billige Herbergspritsche betten konnte.

Doch sie würde kommen, die Prinzessin aus dem reichen Adelsgeschlecht, die ihn für würdig erachtete, um ihre Hand anzuhalten.

Keinen Hunger mehr erleiden und sich keiner Armut mehr zu schämen – dieser Gedanke trieb ihn an, jeden Morgen aufzustehen und sich seinem legalen und oft auch illegalen Tagewerk hinzugeben.

Er hatte sich bestens auf seine Rolle vorbereitet, denn auch ein Taugenichts war lernfähig und konnte sich Bildung und Manieren aneignen. Wenn er erst einmal zu Höherem aufgestiegen war, denn dazu fühlte er sich berufen, in einem Schloss mit mondänem Glanz und von seinen Pfründen lebend, hätte er die Genugtuung und den Ausgleich für seine bittere und verpfuschte Kindheit.

Kinder würde er jedenfalls nicht in diese verrückte Welt setzen, in der sich jeder selbst der Nächste zu sein schien.

294 Wörter

© G. Bessen

 

abc-Etüden 41.42.18 (2)

Die Wörter für die Textwochen 41 und 42 der abc-Etüden im Jahr 2018 spendete Gerda Kazakou.

Sie lauten:

Genuss
skrupulös
schneiden.

 

Vorsorgemaßnahmen

Als Trude ihrer Familie erklärte, dass sie nach ihrem Ableben zur Körperspenderin würde und dafür selbst noch die Kosten für die Überführung, Einäscherung und Beisetzung übernähme, wurde es ganz still im Wohnzimmer.

Trude war immer schon sehr eigenwillig gewesen. Gerade hatte sie erfolgreich einen drohenden Darmverschluss per Operation überstanden und blickte mit Genuss auf ein bisher erfülltes vierundachtzigjähriges Leben zurück.

So manches Mitglied dieses österreichischen Familienclans hatte sich in der Vergangenheit ‚in den Finger schneiden’ müssen, denn Trude dachte laut, egal, wo sie war und welche Menschen um sie herum waren und Trude machte, was sie wollte, unbeeindruckt davon, was andere davon hielten.

Man konnte allerdings auch nicht behaupten, dass sie vorschnelle Entschlüsse fasste, im Gegenteil, sie plante skrupulös alles, was sich um ihr Leben drehte. Und nach ausführlicher Planung erfolgte die Umsetzung und das Reden darüber.

Bevor die Stille im Raum von den anderen Familienmitgliedern beendet würde, hob sie zu einem ausführlichen Vortrag an, wie sehr sie der Medizin und besonders den Studentinnen und Studenten in der Ausbildung in puncto Lehre und der Kenntnis anatomischer Grundkenntnisse zur Seite stehen könnte, neueste Operationstechniken an ihr erlernt werden könnten und sie würde nicht einmal Schmerzen verspüren. Der Witz kam natürlich nicht an, denn Sohn Walter erboste sich darüber, dass ein Geschenk an die Wissenschaft auch noch eigenfinanziert werden müsste und eine Beisetzung dessen, was mal übrig blieb und entsprechend präpariert würde, erst ein bis drei Jahre später erfolgen könne.

Trotz der abendfüllenden und hitzigen Diskussion war alles unter Dach und Fach, denn Trude hatte bereits vertraglich alles mit dem anatomischen Institut der Universitätsklinik München geregelt, unterschrieben und bezahlt.

Die einzige Unbekannte in diesem Drama um Leben und Tod war der Tag ihres Ablebens und in welcher Form das geschehen würde, denn nicht alle Todesarten garantierten einen attraktiven Leichnam für Forschungszwecke.

299 Wörter

© G. Bessen

abc-Etüden 41.42.18

Herbstzeit ist auch Etüdenzeit bei Christiane. Die Wörter für die Textwochen 41 und 42 im Jahr 2018 spendete Gerda Kazakou. Sie lauten:

Genuss
skrupulös
schneiden.

 Herbstzeit – Kürbiszeit

 

Mara klappte ihren Laptop entnervt zu. Der Versuch, den Reformationstag mit Halloween für die nächste Sonntagspredigt unter einen gescheiten Hut zu bekommen, gelang der jungen Pastorin im Storchendorf Linum in Brandenburg einfach nicht. Sie hatte gute Gedanken notiert, doch der Geistesblitz, diese in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen und mit Logik und Freude zu verbinden, fehlte ihr – noch.

Maras Blick fiel durch das Fenster in den sonnendurchfluteten Garten und blieb zärtlich an Holger und den Zwillingen Leni und Elena hängen, die mit Eifer und einem Strahlen im Gesicht damit beschäftigt waren, Augen in einen ausgehöhlten Kürbis zu schneiden.

Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit und an den süßsauer eingelegten Kürbis bei ihrer Großmutter. Schon der Gedanke daran schüttelte sie und trieb ihr den säuerlichen Geschmack auf die Zunge.

Erst als junge, frisch verheiratete Ehefrau wagte sie sich selbst an das orangefarbene Gemüse, servierte es mit einem abwartenden Blick ihrem Gatten, meist gekocht, gebraten oder gebacken. Beide empfanden den Kürbis mittlerweile als Delikatesse in vielfältiger
Form als höchsten Genuss.

Skrupulös sammelte Mara jedes Jahr neue Rezepte und kochte mit Begeisterung Kürbissuppen mit roten Linsen, Paprika und Lauchzwiebeln oder zauberte ein Kartoffel-Kürbis-Gratin.

Sie hatte zum Erntedanksonntag mehrere Bleche mit Kürbiskuchen gebacken und nach dem Gottesdienst verteilt. Etliche Gläser mit Apfel-Kürbis-Marmelade waren eingekocht und füllten die Regale im Keller, die sie gern bei Hausbesuchen als kleines Mitbringsel verschenkte. Und nun, da die Kinder im Kindergarten mit wachsender Begeisterung Kürbislaternen aushöhlten und Augen, Mund und Nase schnitzten, hatte das Halloween-Fest auch in der kleinen protestantischen Familie im kleinen Ort Linum Einzug gehalten.

Sie freute sich schon darauf, wenn die großen leuchtenden Kürbisköpfe den Treppenaufgang des kleinen Pfarrhauses schmückten und die Kinder aus der Nachbarschaft am Halloween-Abend furchtlos im einladenden Licht der orangefarbenen Gesellen ein Stück Pekan¬-Kürbis-Cake zu einer heißen Schokolade verzehren würden.

© Text und Fotos: G. Bessen,

300 Wörter

 

 

abc-Etüden 39.40.18 (2) Abschied

Christianes

aktuelle Etüdenherausforderung,

mit überzeugenden Illustrationen und einer Wortspende von mir.

Die aktuellen  Wörter lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen

Abschied

 Anna schaute aufs Meer hinaus und lächelte sanft.

Der Wind spielte mit ihrem schulterlangen blonden Haar und jeder Außenstehende auf dieser Kreuzfahrt hätte auf den ersten Blick an eine junge zufriedene Frau geglaubt, wäre da nicht der Rollstuhl, in dem die junge Frau gefangen war …

Es hatte Annas Eltern, seit Jahren geschieden, sehr viel Kraft gekostet, ihrer Tochter den Wunsch zu erfüllen, gemeinsam als Familie eine Kreuzfahrt zum Nordkap zu machen.

Anna wollte unbedingt einmal die Mitternachtssonne am nördlichen Polarkreis und das legendäre Treiben der Feen und Trolle erleben. Davon hatte sie bereits als Kind gesprochen, beim abendlichen Vorlesen oder wenn Hanne und Martin sie überreden mussten, dass der Strand und das Meer am nächsten Morgen auch noch da seien und Anna nun wirklich ins Bett musste.

Und nun hatten sie es erlebt, wie die Sonne dicht über dem Meer schwebte und das Land in ein geheimnisvolles Licht tauchte. Es war überwältigend gewesen. Anna, Hanne und Martin hingen ihren eigenen Gedanken nach, denn morgen würden sie wieder in Hamburg sein und was dann käme, wussten sie alle nicht.

Als Annas Freundinnen ihre ersten Pubertätswellen durchlebten und die ersten Gehversuche auf High Heels machten, mehr ein Stelzen als ein Gehen, traf die Diagnose Leukämie die kleine Familie wie ein Donnerschlag. Anstelle einer unbeschwerten Jugend durchlief Annas Körper eine gemeingefährliche Chemotherapie nach der anderen und nach einer zweijährigen Erholungsphase, in der Hoffnung und Vertrauen Hochkonjunktur hatten, schlug der Krebs erneut zu. Ein Sturz hätte fatale Knochenbrüche zur Folge.

Anna war beliebt, in der Schule und in der kleinen Stadt, in der sie seit ihrer Geburt lebte. Spendensammlungen und regelmäßige kleine Projekte brachten so viel Geld ein, dass Anna sich ihren Herzenswunsch erfüllen und der Mitternachtssonne begegnen konnte, bevor sie selbst in naher Zukunft ihr junges Leben dem großen Universum zurückgeben würde.

300 Wörter

© G. Bessen