Z – wie Zerreissprobe

Ihre schallende Ohrfeige traf ihn völlig unvorbereitet. Reflexartig riss er die Hand hoch und legte sie schützend auf seine brennende Wange. Sie starrten sich an, ungläubig, entsetzt  und fassungslos.

Sein Blick war vernichtend und ging ihr durch Mark und Bein. Sie wollte sich bei ihm entschuldigen, aber sie brachte kein Wort heraus.

 „Warum tust du das?“, fragte er kurz.

„Ich… weiß es nicht. Ich bin so wütend.“

Statt einer Antwort drehte er sich abrupt um. Sie hörte, wie er ins Badezimmer ging, den Wasserhahn kurz aufdrehte und sich wusch. Kurz danach schlug die Eingangstür ins Schloss.

Er war gegangen, ohne ein Wort.

Ihre Hände zitterten. Sie goss sich einen Kognakschwenker voll Weinbrand ein, setzte sich auf die Couch und starrte vor sich hin. Was war bloß in sie gefahren?

Das Zittern in ihren Händen ließ langsam nach und auch ihr Gehirn fing an, wieder zu arbeiten. Sie hatte eine Stinkwut auf ihn und auf sich.

Warum hatte sie nicht versucht, mit ihm zu reden?

Verloren schaute sie sich um. Sie konnte nicht einschätzen, wie es weitergehen würde. Wohin er gegangen war, konnte sie nur mutmaßen. Ihr fielen nur zwei Möglichkeiten ein, eine Kneipe, in der er sich nun volllaufen lassen würde oder er würde wieder zu ihr gehen.

Da war er wieder, dieser beißende Schmerz der Eifersucht, der seit Tagen an ihr nagte und das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Sie hatten sich vor zwei Jahren kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine leidenschaftliche Liebe, die große Opfer auf beiden Seiten forderte. Als beide die Lügereien und Heimlichkeiten nicht mehr ertrugen, kam die Wahrheit ans Licht.

Bea zog aus dem gemeinsamen Haus, das sie mit ihrem Mann Marc und der gemeinsamen Tochter Vivien bewohnte, aus und zahlte dafür einen großen Preis, sie musste auf ihr Kind, das bei seinem Vater blieb, verzichten. Marc hatte das Sorgerecht bekommen und sie musste mit den wenigen Wochenenden, an denen sie ihre Tochter bei sich haben durfte, zufrieden sein.

Pit traf es doppelt hart. Sein Sohn Daniel war erst drei Jahre alt und seine Frau Monika war im sechsten Monat schwanger. Für Monika brach eine Welt zusammen.

Ihre Liebe füreinander machte sie stark, mit diesen Verlusten wegen der Kinder zu leben. Sie suchten sich eine kleine gemütliche Wohnung und mit finanziellen Abstrichen, denn dazu fühlten sie sich moralisch ihren ehemaligen Partnern und Kindern verpflichtet,  führten sie ein  liebevolles harmonisches Leben. Sie lasen sich ihre Wünsche gegenseitig von den Augen ab, richteten sich in schweren Stunden gegenseitig auf und hatten manchmal Angst, dass das große Glück in ihren Händen von heute auf morgen zerrinnen könnte.

„Eines Tages werden wir dafür bezahlen, dass wir unsere Kinder im Stich gelassen haben“, sagte Bea oft und dachte dabei sehnsuchtsvoll an Vivien.

Alles war gut, bis vor vier Wochen.

Während Marc nichts mehr von Bea sehen und hören wollte und sich sehr schnell mit Beas bester Freundin getröstet hatte, gelang es Pit, ein entspanntes Verhältnis zu Monika aufzubauen. Die Kinder sollten nicht darunter leiden.

Marc spielte seinen Einfluss auf die sechsjährige Vivien  voll aus. Es kostete Bea viel Geduld und Liebe, das Bild der egoistischen Rabenmutter, das Vivien sich von ihrem Vater hatte einreden lassen, bei jedem Zusammensein wieder geradezurücken. Bea wusste, dass es nie eine Möglichkeit geben würde, mit Marc ein halbwegs entspanntes Verhältnis aufzubauen.

Wenn Pit zu Monika und den Kindern fuhr, versuchte Bea loszulassen und ihre übertriebene Eifersucht im Zaum zu halten. Sie redete ihm sogar zu, den Kontakt zu seinen Kindern zu intensivieren. Aber die Angst, er könne zu Monika zurückkehren, saß tief in ihr fest. Und Monika – sie würde ihn mit Kusshand zurücknehmen.

Vor vier Wochen hatte Pit abends angeblich ein Geschäftsessen. Das war in seinem Beruf nichts Außergewöhnliches. Bea verabredete sich mit ihrer Freundin Denisa für einen Kinobesuch. Sie hatten einen schönen unterhaltsamen Abend und wollten danach noch etwas Essen gehen.

Rechtzeitig, bevor sie das Restaurant betraten, entdeckte Bea ihren Pit – zusammen mit Monika. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

„Komm, lass uns woanders hingehen.“ Fast gewaltsam zog sie Denisa von dem Lokal weg.

„Dafür gibt es bestimmt eine ganz logische Erklärung. Lass uns reingehen. Gehe freundlich auf ihn zu und frag ihn einfach.“

„Das kann ich nicht, lass uns bitte gehen.“ Bea war leichenblass geworden und der Abend war gelaufen.

Beas Angst, Pit wieder an Monika zu verlieren, hatte sich wie ein giftiger Stachel in ihr festgesetzt. Sie reagierte zunehmend launisch und aggressiv. Pit verstand die Welt nicht mehr, er konnte sich aus Beas Verhalten keinen  Reim mehr machen.

Jedes Mal, wenn Pit später als normal von der Arbeit kam – und das passierte in letzter Zeit sehr häufig –  ging Beas Fantasie mit ihr durch. Sie malte sich in den schillernden Farben aus, dass Pit die späten Abendstunden zärtlich mit Monika verbrachte. Dass er regelmäßig über eine enorme Arbeitsbelastung klagte und am frühen Abend schon todmüde war, wenn er pünktlich kam, nahm sie nicht wahr.

Sie kippte sich erneut einen Kognak ein. Je mehr Alkohol sie trank, desto mutiger wurde sie. Sie griff zum Telefon und wählte Monikas Nummer. Sie hatten beide ein sehr distanziertes Verhältnis zueinander und sahen sich nur mal kurz, wenn Pit seine Kinder nach Hause brachte.

Monika schien schon geschlafen zu haben.  Bea hörte ein langgezogenes „Hallo“ am anderen Ende der Leitung.

„Hier ist Bea. Kann ich bitte Pit sprechen?“

Monika schien mit einem Mal hellwach zu sein.

„Machst du Witze? Wieso sollte Pit denn hier sein?“

„Ist er nicht?“, fragte Bea unsicher zurück.

„Er hat mein Bett vor langer Zeit mit deinem getauscht, wie du wohl weißt“, konterte Monika.

Bea schwieg und fasste sich an den schmerzenden Kopf.

„Bea, ist alles in Ordnung?“, Monika schien sich keinen Reim auf die Situation machen zu können und klang besorgt.

„Pit ist weg und ich dachte, er sei bei dir.“

„Zugegeben, er war in letzter Zeit oft hier. Ich hätte das alles sonst nicht geschafft.“

„Was geschafft?“, fragte Bea zögernd.

„Wir ziehen in zwei Tagen in den Schwarzwald. Ich habe dort endlich eine feste Anstellung bekommen. Ohne Pits Hilfe hätte ich die ganzen Formalitäten, die Rennereien  und die Organisation des Umzuges mit den Kindern nicht geschafft.“

Bea schwieg. Ihre Gedanken überschlugen sich.

„Bea, bist du noch da? Hast du davon etwa nichts gewusst?“.

„Doch, klar, das hat er mir erzählt. Entschuldige bitte, dass ich dich geweckt habe. Ich hatte da wohl etwas falsch verstanden. Alles Gute für euch, bis bald.“

Bea legte hastig den Hörer auf, schnappte sich ihren Mantel und zog los, um Pit zu suchen und sich zu entschuldigen. Und sie wusste, wo sie ihn finden würde – bei seinem besten Freund Rolf.

© G.B. 2009

W – wie Wartezimmer

Wartezimmer

Ein Zimmer, in dem man wartet. Worauf?

Ein Zimmer, das von den Gedanken der Wartenden erfüllt ist.

Als ich die Gesichter der Menschen im Wartezimmer betrachtete, hätte ich  gerne in die Köpfe der Menschen hinein gesehen. Welche Gedanken beschäftigen sie?

Eine Frau mittleren Alters hält die Hände ruhig im Schoß gefaltet. Ihre Körperhaltung ist ruhig, sie bewegt sich kaum. Aber ihre Augen vollführen einen kleinen Marathon. Die schmalen Lippen bilden eine feine Linie in dem von mehreren Fältchen geprägten Gesicht. Die großen braunen Augen hinter der randlosen Brille wandern unruhig hin und her.

Als sie aufgerufen wird, springt sie auf und lächelt.

Hat sie darauf gewartet, die Nächste zu sein? Erwartet sie einen Befund, dem sie mit Spannung  entgegen blickt?

Das junge Mädchen zu ihrer Rechten mit den grünblond gefärbten Haaren und den mit blauen Kästchen bemalten, ursprünglich weißen Turnschuhen, betrachtet intensiv ihre Arme, mal rechts, mal links. Neurodermitis. Aber aus diesem Grund ist sie sicher nicht in einer gynäkologischen Praxis. Als sie ihre Arme wieder in ihren schwarzen Sweatshirtärmeln versteckt hat, widmet sie sich ihren bunt lackierten Fingernägeln.

Eine ältere Dame kommt, setzt sich hin und greift sofort nach der neuesten Regenbogenpresse. Sie ist so vertieft in ihre Lektüre, dass sie beim Kommen und Gehen anderer Patientinnen nicht einmal aufschaut.

Direkt am Fenster eine Frau mit müden Augen, die ununterbrochen aus dem Fenster blicken.

Die Sonne, die sogar in eine winzige Ecke des Wartezimmers scheint, kann ihre Augen nicht zum Leuchten bringen. Sie scheint mit ihren Gedanken weit weg zu sein, nicht bei den Passanten, die bei strahlend blauem Himmel am Fenster entlanggehen, nicht in dem gegenüberliegenden Garten, der langsam aus dem Winterschlaf zu erwachen scheint.

Starr und teilnahmslos blicken sie vor sich hin auf die Straße mit dem alten Kopfsteinpflaster.

Es ist still im Wartezimmer. Die einzigen Geräusche sind das Klingeln des Telefons, die freundliche Stimme der Arzthelferin, die Termine vergibt, Rezeptwünsche annimmt und sich auch telefonisch nach dem Befinden der Patientinnen erkundigt.

Türen werden leise geöffnet und geschlossen. Die Ärztin holt ihre Patientinnen selbst aus dem Wartezimmer ab und gibt ihnen zur Begrüßung die Hand.

Keine knarrende Durchsage wie in anderen Praxen ‚Frau Sowieso, bitte in Sprechzimmer x’.

Die wohltuende Stille wird durchbrochen durch eine hereinkommende junge Mutti mit einem Kleinkind, das erst wenige Monate alt ist.  Groß blicken die strahlend blauen Augen von einem zum anderen und erst, als das Kind auf dem Schoß der Mutter sitzt, verliert es seine Scheu und lächelt jeden reihum an, mit quiekender Babysprache und wild gestikulierenden Händchen.

Ein Mann betritt das Wartezimmer. Plötzlich richten sich alle Blicke auf ihn. In keiner anderen  fachärztlichen Praxis zieht ein Mann die Blicke der Frauen so auf sich. Nachdem er seiner Frau aus dem Mantel geholfen hat, verabschiedet er sich wieder. Die Frauendominanz scheint ihn verschreckt zu haben.

Es kehrt wieder Ruhe ein und die Gedanken ziehen erneut ihre Kreise.

C/ G.B. 2009

 

V – wie Vom Weg abgekommen

Er hatte es sich gerade unter einem bunten Laubhaufen gemütlich gemacht und die kleinen schwarzen Äuglein zufrieden geschlossen, als er von einem Geräusch, das immer lauter wurde, zusammenschreckte. Vorgewarnt, dass etwas Unbekanntes auf ihn zukommen würde, wappnete er sich und rollte sich zusammen.

Es raschelte um ihn herum, seine neue Behausung begann regelrecht davonzufliegen. Er schnupperte und blinzelte missmutig herum. Zwei Augenpaare, ein braunes und ein schwarzes, blickten ihn verwundert an.

„Geht eurer Wege und seid so gut und lasst mich schlafen.“

Die vier Augen ließen sich davon nicht beeindrucken und starrten diesen komischen Kauz neugierig an. Ehe er sich versah, wurde er von weichen Pfoten durch die Gegend gerollt.

„Hört auf, ich bin doch kein Ball!“

Die zwei Dackel, die sich wunderten, weshalb der gefundene Ball so stachelig war, ließen sich nicht beirren und rollten den Igel mit vereinten Kräften nachhause. Sie liebten Bälle und glaubten fest daran, eine weiche Stelle zu finden, um mit ihm spielen zu können.

Das aufgeregte Kläffen der Hunde dröhnte dem Igel in den Ohren und lockte das Hundeherrchen nach draußen. Dem Igel war schon ganz übel von der Herumkullerei und so sehr er sich auch bemühte, seine Stacheln drohend aufwärtszustellen, er konnte die Hunde damit nicht abschrecken.

„Autsch!“, schrie der Igel, als er unsanft landete. Jemand hatte ihn vorsichtig hoch gehoben und in ein weißes Behältnis gesetzt. Aber niemand schubste ihn weiter herum. Nur das aufgeregte Kläffen der Hunde war noch zu hören.

Der Igel stellte sich weiterhin tot und wartete ab.

Nach einer Weile wurde er neugierig und lugte mit seinem kleinen Köpfchen hervor. Um ihn herum war alles weiß und glatt. Er wollte davonlaufen und wieder unter seinen Laubhaufen, der so verführerisch roch und weich und trocken war.

Er versuchte alles, aber es schien kein Entkommen zu geben. Überall rutschte er ab und plumpste in das Behältnis  zurück.

„So ein Mist!“, schimpfte der Igel vor sich hin.  Jeder Mensch weiß, dass Igel um diese Jahreszeit ihren Winterschlaf beginnen. Und jetzt hielt man ihn hier gefangen, in einem kalten Blumentopf, ohne Nahrung und ohne Schutz. Er begann zu weinen, denn wenn er hier gefangen gehalten bliebe, würde er nicht überleben.

Plötzlich nahm ihn jemand vorsichtig in die Hand und setzte ihn auf eine dicke Schicht feuchter Blätter in einem großen dunklen Kasten.

Dankbar rollte sich der Igel wieder ein. Über sich hörte er das aufgeregte Schnaufen eines Hundes. Aber was war das? Jemand trug ihn mit seinem neuen Haus weg und die Verzweiflung überkam ihn erneut.

Als sein winziges Näschen den Geruch der Hände, die ihn umfassten, erkannte, seufzte er vor Glück. Diese Hände hatten ihn erst vor wenigen Tagen in ein lauschiges Winterquartier gebracht, von dem aus er leichten Zugang zu einem Hundenapf mit einem leckeren Fresschen hatte.

Und schlagartig wurde ihm klar, was passiert war.

In der letzten Nacht hatte er sich von seinen Verwandten verabschiedet und war auf dem Nachhauseweg im falschen Garten gelandet.

Aber nun war er wieder da, wo er hingehörte und einem langen erholsamen Schlaf schien nichts mehr im Wege zu stehen.

 (Die Geschichte  passierte live  in  unserem Garten)

c/ G.B. 2010

U – wie Ueberholspur Prosa

Du warst immer der Erste. Dein Studium hast du erfolgreich vor uns beendet, du hattest bereits deinen gutbezahlten Traumjob, als wir noch endlose Bewerbungen schrieben. Du hast Geld nie leiden können, deshalb warst du der Erste, der ein eigenes Haus mit einem ansehnlichen Grundstück vorweisen konnte.

Wir haben bereits geheiratet, als die anderen von uns noch ihre Sturm- und Drang Phase auslebten. Du warst rastlos, seitdem ich dich kenne.

Obwohl ich mich bemüht habe, mit dir Schritt zu halten, ging mir die Puste aus. Immer öfter musste ich anhalten, um durchzuatmen.

Dein Leben verlief immer auf der Überholspur, risikofreudig, aber genau kalkuliert, bis du den entscheidenden Fehler begangen hast. Frontal hat es dich erwischt, du konntest nicht mehr ausweichen. Du hast dein Leben auf der Überholspur beendet.

Mich hast du auf der Standspurzurückgelassen – alleine. Wie lange werde ich hier verweilen, bis ich mich wieder in den  normalen Verkehr einfädeln kann?

©G.B. 2009

S – wie schlaflos

Du hast mich verlassen,

mein guter Freund.

Den ganzen Tag

hab‘ ich von dir geträumt.

 

Hast mich gelockt,

mit tiefem Gähnen

und mich getrieben,

mich auszudehnen.

 

Nun wart‘ ich vergebens

auf dein Erscheinen,

wach und schlaflos,

aufgeregt.

 

Du hast dich

zu einer anderen gelegt.

Umfängst sie, ganz innig,

und säuselst ihr zu,

sie möge sanft schlafen.

 

Und ich?

Ich finde keine Ruh‘.

© G.B. 4/12

P – wie Pechvogel

Glaubte sie den verschiedenen Jahreshoroskopen, so würde es in diesem Jahr für sie nur bergab gehen. In Punkto Liebe, Finanzen und Gesundheit waren keine Höhenflüge zu erwarten, nicht einmal ein Mittelmaß, sondern eher Ebbe auf der ganzen Linie.
Nicht, dass sie an Horoskope glaubte, sie las sie regelmäßig und machte sich eigentlich keine weiteren Gedanken darüber. Bisher jedenfalls nicht. Sie faltete die Tageszeitung umständlich zusammen und reichte sie ihrer Nachbarin zurück.
‚Heute werden Sie einen überraschenden Besuch bekommen, der ein Lächeln auf Ihre Lippen zaubern wird’. So ein Blödsinn, wer sollte sie besuchen? Wieder voll daneben.
Mühsam drehte sie sich auf die Seite und versuchte zu schlafen.
Das neue Jahr war erst wenige Wochen alt und sie konnte tatsächlich nichts Positives für sich verbuchen.

Kurz vor Jahresende war sie, frisch und glücklich geschieden, in ihre neue Wohnung eingezogen. Sie hatte bewusst alle Brücken zu ihrem alten Leben abgebrochen.
Daniel hatte bei der Scheidung sehr tief in die Tasche fassen müssen. Die Hälfte des Hauswertes hatte er ihr ausbezahlt, so dass sie sich eine gemütliche Eigentumswohnung einrichten konnte. Als erfolgreiche Schriftstellerin konnte sie überall arbeiten. Die Domstadt hatte sie schon in ihrer Studienzeit begeistert und ihr sofort unzählige Inspirationen für einen neuen Roman geliefert. Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel hatte sie sich sehr einsam gefühlt. Ihre Eltern lebten nicht mehr, zu Daniel und seiner Familie wollte sie keinen weiteren Kontakt, und gemeinsame Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen.
Das, was sie in diesen Tagen geschrieben hatte, war auf ihrem PC längst wieder gelöscht. Ihre melancholische Stimmung an den Feiertagen passte so gar nicht zu ihrem sonst so heiteren Roman. Sie begab sich auf die Suche nach Bekannten aus ihrer Studienzeit, fand auch den einen oder anderen im Telefonbuch wieder. Aber an den Feiertagen wollte sie nirgendwo hineinplatzen.
So verging der Januar.
Eine neue Liebe war Galaxien entfernt. Nicht nur, dass es niemanden gab, über den es sich lohnte nachzudenken, sie hatte nach zehn Jahren Ehe die Nase von Männern gestrichen voll und genoss zum ersten Mal im Leben ihr Dasein als Single. Daniel hatte sich immer um ihre gemeinsamen Finanzen gekümmert. Sie hatte nie finanzielle Sorgen gekannt. Ihre Romane verkauften sich gut. Unerfahren wie sie war, hatte sie viel Geld in Aktien angelegt, von denen kaum noch etwas übrig geblieben war. Ihr nächster Roman durfte kein Flop werden, wenn sie ihren gewohnten Lebensstandard beibehalten wollte. Was ihre Gesundheit anbetraf, zählte sie zu denen, die nie ernsthaft krank waren. Hin und wieder mal ein kleiner grippaler Infekt, das war alles.

Bis zum Beginn der Woche. Sie konnte sich kaum noch daran erinnern, wie es passiert war.
Sie überquerte als Fußgängerin die Straße bei grün. Ein Motorradfahrer hatte sie beim Abbiegen erwischt und mitgerissen. Und nun lag sie hier im Krankenhaus, mit einer Gehirnerschütterung, mehreren Rippenprellungen und einer Unterschenkelfraktur. Der Bruch war operiert worden, es ging ihr den Umständen entsprechend gut, aber je mehr sie über ihr Jahreshoroskop nachdachte, desto unwohler fühlte sie sich. Da schien doch was dran zu sein. Sie kannte niemanden in Köln. Wie nachteilig das war, kam ihr gerade jetzt zu Bewusstsein.
Bekleidet mit einem weißen Krankenhaushemd, lag sie blass in ihrem weißen Bett. Sie hatte nichts Privates hier, nicht mal eine eigene Zahnbürste. Die wenigen Mitbewohner in ihrem Haus hatte sie ein oder zwei Mal flüchtig im Treppenhaus gesehen und sich bei der Gelegenheit kurz vorgestellt. Aber ohne Namen und Telefonnummern konnte sie niemanden erreichen und bitten, ihr etwas aus der Wohnung zu bringen. Sie hatte lediglich ihre Geldbörse, eine Brieftasche, einen Kamm, die Lesebrille und ein Päckchen Kaugummi in der Handtasche. Wenn man nur kurz etwas einkaufen will, schleppt man  nicht den halben Haushalt mit. Ihr Handy hing zu Hause am Aufladekabel.
Sie konnte sich im Krankenhaus ausweisen und belegen, dass sie eine Krankenversicherung hatte, mehr nicht.
Je mehr sie darüber nachdachte, desto wuchtiger kam die nächste Problemwelle auf sie zugerollt. Sie würde nicht ewig im Krankenhaus bleiben, aber sicher eine ganze Weile brauchen, um wieder laufen zu können. Ihre Wohnung lag in der dritten Etage, war hell und sonnig und hatte eine große Dachterrasse. Das Haus jedoch hatte keinen Fahrstuhl.
Wie sollte sie mit Krücken einkaufen und ihre Lebensmittel in den dritten Stock tragen? Das heulende Elend überkam sie, und sie vergrub sich noch mehr in ihre Kissen. Das Mittagessen rührte sie nicht an. Sie zog sich die Decke über den Kopf und hoffte inständig, dass der Tag bald vorüber sei. Ihre Nachbarin bekam jeden Mittag von ihren Kindern und Enkeln Besuch. Ein bis zwei Stunden glich das Krankenzimmer einem Kinderspielplatz. Die Erwachsenen unterhielten sich lautstark, da die Bettnachbarin schwerhörig war, und die Kinder untersuchten, ob im Zimmer alles niet- und nagelfest war. Mit einem gebrochenen Bein konnte die Nachbarin das Bett ebenso wenig verlassen wie sie. Zum ersten Mal bereute sie bitterlich, dass sie so weit von ihrem Heimatort weggezogen war.
So leer und lieblos ihre Ehe mit Daniel in den letzten Jahren auch war, er hätte ihr wenigstens ihre Sachen gebracht und sie besucht. ‚Selbst schuld’, schalt sie sich innerlich. Nachdem der Besuch am Nachbarbett sich endlich verabschiedet hatte, fiel sie in einen kurzen unruhigen Schlaf.

Sie schrak zusammen, als sie jemand sachte an der Schulter berührte und ihren Namen sagte.
„Sylvie, bist du das wirklich?“
Sie hob den Kopf und starrte eine brünette Frau, etwa Ende dreißig, in die graugrünen Augen.
„Franziska?“, fragte Sylvie unsicher. „Was machst du denn hier?“ Sie konnte es nicht fassen, dass tatsächlich jemand an ihrem Bett stand und sie besuchte.
„Wieso bist du hier?“
„Ich wollte dich besuchen und sehen, was passiert ist.“
„Aber woher weißt du…?“
„Ich habe in der Zeitung von dem Unfall gelesen. Und da es sicher wenige Autorinnen mit dem Namen Sylvie P. gibt, habe ich befürchtet, beziehungsweise gehofft, dass du es bist. Und da ich neugierig war, bin ich hergekommen.“
Sylvie suchte nach Worten. Dieses unerwartete Wiedersehen mit ihrer Studienfreundin Franziska hatte sich sprachlos gemacht. Sie fing vor Freude an zu weinen.
Franziska und sie hatten nach dem gemeinsamen Studium und Sylvies Umzug nach Rostock noch eine Weile telefonischen Kontakt, der aber irgendwann, bedingt durch die Entfernung,  einschlief.
Nun stand Franziska vor ihrem Bett. Es war wie ein Wunder. Sie hatten sich so viel zu erzählen, dass der Nachmittag wie im Flug verging.
Zum Abendessen verabschiedete sich Franziska mit Sylvies Hausschlüssel und einer Liste mit privaten Dingen, die sie ihr am nächsten Vormittag aus ihrer Wohnung bringen wollte.

Sylvie konnte das Krankenhaus nach einiger Zeit mit zwei Krücken verlassen und zog zu Franziska, bis sie soweit wieder hergestellt war, um sich alleine versorgen zu können. Sie hatte bereits Wurzeln geschlagen und sah ihrem neuen Leben in Köln optimistisch entgegen.

c/ G.B. 2010