Frühlingstanz

Zum Licht der Sonne,
im Frühlingsgewand,
reicht die Kiefer der Tanne
zum Tanz die Hand.

Sie tänzeln galant
im Frühlingswind,
sind ausgelassen
fast wie ein Kind.

Zart sprießende Gäste
auf dem Frühlingsparkett,
wiegen sanft hin und her,
bisweilen kokett.

Der Chor der Vögel
tiriliert im Takt,
der Winter hat endgültig
die Koffer gepackt.

© G. Bessen

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 (2)

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut
haltlos
massieren

Tante Hilde rückte sich die dunkle große Sonnenbrille gerade ins Gesicht, ein untrügliches Zeichen, dass niemand ihre Tränen sehen sollte. Der große lilafarbene Sonnenhut saß perfekt auf ihren mahagonifarbenen Locken. Passend zum Anlass trug sie einen sauteuren langen schwarzen Rock und eine luftige schwarze Bluse.

Alles war vorbereitet und wir warteten im Garten meiner Tante auf die Dinge, die da kommen sollten. Alle Verwandten hatten sich versammelt und saßen trotz der sengenden Maisonne still und erwartungsvoll auf ihren Stühlen. Unter einem weißen Partyzelt wartete bereits ein kleiner Imbiss neben Kaffeethermoskannen, gut abgedeckt und so verhüllt, dass Kai und ich uns fragten, was es Leckeres gäbe.

Kai war mein Zwillingsbruder und wir wagten nicht, miteinander zu reden, ja nicht einmal zu flüstern. Im Lippenlesen waren wir beide gut und als Kai „kalter Hund“ mit den Lippen formte, wäre ich um ein Haar in haltloses Kichern ausgebrochen. Aber meine gute Erziehung und der bohrende Seitenblick meines Vaters hielten mich von Ausbrüchen dieser Art ab.

Langsam wurde die Sonne unangenehm. Meine Schläfen pochten ein wenig, der Magen hing mir in den Kniekehlen und das Stillsitzen war auch nicht mein Ding. Ich begann meine Schläfen zu massieren, als ein schwarz gekleideter Mann mit einem großen Karton kam, auf Tante Hilde zuschritt und ihr ein paar Worte zuflüsterte. Tante Hilde schluchzte nun ungehindert.

Eine schwarze Keramikurne, umhüllt von einem beigefarbenen Seidentuch, wurde aus dem Karton gehoben. „Mein geliebter Mephisto 2015 – 2020“ leuchtete in großen goldenen Lettern auf der Urne. Tante Hilde drohte zu kollabieren, so sehr hatte der Abschiedsschmerz sie im Griff.

Ich hingegen empfand keinerlei Trauer, eher Genugtuung. Hatte mich dieser neurotische Vierbeiner mit dem so passenden Namen zeit meines kurzen Lebens in Angst und Schrecken versetzt und mehrfach gebissen. Was war er auch so blöd sich loszureißen und in ein Auto zu rennen!

300 Wörter

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21

Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 stammen die Wörter  von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren

Obwohl ich sie nicht sehe, spüre ich sie deutlich, jede einzelne von ihnen. Vom Kopf bis zu den Füßen entfalten sie leise und zielsicher ihre Macht über mich, halten mich fest und zwingen mich für die nächste halbe Stunde in die Unbeweglichkeit. Eine leichte Bewegung würde ihre Wirkung unterbrechen, würde sie nahezu haltlos machen.

Ein – aus – die Atemwelle kommen lassen. Nach einer Weile hat sich die Atmung reguliert und ich lasse atmen. Die Bilder hinter meinen geschlossenen Augenlidern bewegen sich langsamer, verblassen und ein tiefes Schwarz breitet sich aus. Die Ohren wenden sich der leisen Hintergrundmusik zu, nehmen sie auf und leiten sie ins Körperinnere wie in einen großen Resonanzkörper. Dort bleiben sie liegen, leise, melodisch und besänftigend.

Und dann kommt sie, die Schwerelosigkeit, die Tiefenentspannung. Der Körper hat sein Gewicht scheinbar völlig verloren. Ob er liegt oder schwebt, ist kaum zu spüren.
Die Augen fallen zurück in ihre Höhlen, das anfänglich kaum merkbare Zittern der Lider geht in eine tiefe Schwere über. Dann wird es ganz still um mich.

Ich zähle mit, siebzehn – achtzehn. Das sind alle. Ich bewege mich vorsichtig, richte mich auf, massiere mir die kribbelnden Hände, die durch die längere Unbeweglichkeit vor sich hinsurren, und versuche langsam, in den Alltag zurückzufinden.

Die warme Frühlingssonne scheint ins helle Zimmer und mit meinem bunten Sonnenhut in der Hand stelle ich mich dem noch jungen Tag, bereit, mit der strahlenden Sonne um die Wette zu eifern.

237 Wörter

Zivilcourage A. D. 33

Damals vor fast 2000 Jahren
saß eine am Wegrand
sah den Gefesselten
wusste um seine Unschuld
stand auf und stellte sich
an seine Seite.

Sie wischte seinen Schweiß fort.

Das ist ewig her
doch man erzählt davon noch heute.
Nur Besonderheiten leben so lange.

Es scheint
Gemeinschaft mit unrecht Leidenden
erfordert zu viel Mut
um Tagesordnung zu sein.

Es braucht nicht nur große Helden
mit spektakulären Befreiungstaten –
winzige Gesten der Solidarität reichen
die Flamme der Hoffnung zu nähren.

Wir könnten sie tun.

© Maria Sassin