Vogel sein

vor sich hin pfeifen
einfach aus lust und liebe
grad wie die amsel
glaub mir das wärs

flügel haben
sich tragen lassen vom wind
grad wie die möwe
ja glaub mir das wärs

wie aber einander umarmen
ohne arme ohne hände
himmel was solls
pfeifen wir auf die flügel

© Harald Grill

Aus: »baustellen des himmels. Gedichte«, Edition Toni Pongratz 126

Frau versinkt bei Tratsch in Erde

oder: Wer anderen eine Grube gräbt …

 

Sie stand am Gartenzaun und schaute verstohlen nach rechts und links, während sie ihre frisch gewaschene Wäsche auf die Leine spannte. Der laue Frühlingswind begann unvermittelt, die geblümte Mikrofaserbettwäsche sachte hin und her zu schaukeln.

‚Na endlich‘, dachte sie, als sich die Terrassentür der linken Nachbarin öffnete. Sie eilte, mit einem Wäschekorb bepackt, zielstrebig auf ihre Wäschespinne zu.

„Guten Morgen, Frau Schneller, das Wetter ist so mild, dass man es doch glatt ausnutzen muss.“ Ohne eine Antwort oder eine Geste der Gesprächsbereitschaft abzuwarten, stürzte Frau Saubermann mit ihrem leeren Wäschekorb an den Gartenzaun und blickte Frau Schneller gespannt entgegen.

„Guten Morgen“, antwortete Frau Schneller, leicht genervt. Sie schien in Eile zu sein, denn im Gegensatz zu Frau Saubermann sah sie aus, als würde sie das Haus gleich verlassen.

Frau Saubermann war Hausfrau durch und durch. Ihr Lebensabschnittsgefährte verließ bereits in der Früh das Haus, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften, der Frau Saubermann in die glückliche Lage brachte, zu Hause bleiben zu dürfen. Eigene Kinder waren dem Paar versagt geblieben. Dafür wurde der Hund des Hauses, ein weißer Königspudel, wie ein Kind ins Herz geschlossen und dementsprechend verwöhnt und verhätschelt und getätschelt.

Frau Saubermanns Tag begann mit einem spärlichen Frühstück, bestehend aus einer Tasse grünem Tee und zwei Knäkebrotscheiben, nur mit einem Hauch cholesterinfreier Margarine bestrichen. Mit diesen Energiespendern stürzte sich Frau Saubermann nach dem Frühstück in ihre Hausarbeit.

Mangels anderer Beschäftigungen hatte sie im Laufe der Zeit eine regelrechte Putzphobie entwickelt. Herr Saubermann kam meist nicht vor neunzehn Uhr nach Hause. Möglicherweise hatte er als leitender Angestellter einer führenden Bank sehr viel zu tun. Möglicherweise hatte er aber auch genug von einer durch und durch sagrotanerfüllten Luft in einem durch und durch antibakteriellen Haus, in dem er Abend für Abend von einer Frau mit Zahnpastalächeln und einem frisch gebadeten Hund einträchtig nebeneinander auf dem Sofa sitzend empfangen wurde.

Frau Saubermanns Tag war strukturiert und angefüllt mit diversen Beschäftigungen. Aber da ihr ein Gesprächspartner fehlte, mit dem sie sich wirklich austauschen konnte, war eine bestimmte Zeit des Tages reserviert, zu beobachten, was um sie herum geschah. Ihrer Ansicht nach Wichtiges fand Platz in einem kleinen Notizbuch, das in der Küche neben dem Fenster lag. Nach einer gewissen Zeit konnte Frau Saubermann die Tagesabläufe in ihrer Nachbarschaft mühelos rekonstruieren.

Mit diesem hart erworbenen Wissen zog sie gegen Mittag los, um ihre Einkäufe für das Abendessen zu besorgen. Das biografische Gerüst ihrer unmittelbaren Nachbarn füllte sich nach einem kleinen Plausch beim Bäcker, einem Small Talk beim Fleischer und die redselige Verkäuferin im Zeitungsladen lieferte ihr das eine oder andere Steinchen, das ihr auf ihrem häuslichen Basteltisch noch fehlte.

Frau Schneller hatte ihre Wäsche aufgehängt, zögerte und blieb dann aber doch mit einem Blick auf ihre Armbanduhr am Gartenzaun stehen.

„Guten Morgen, Frau Saubermann. Geht es Ihnen gut?“

„Danke der Nachfrage, liebe Frau Schneller.“ Ohne auf die Frage nach ihrer Befindlichkeit zu reagieren, stellte sich Frau Saubermann näher an den Gartenzaun, warf rasch einen Blick nach rechts und links und blickte Frau Schneller vielsagend an.

„Haben Sie schon gehört, dass Herr Peters aus der Forststraße ausgezogen ist?“

„Herr Peters …“ zögerte Frau Schneller, „der Name sagt mir nichts. Helfen sie mir auf die Sprünge“.

„Sie wohnen ja noch nicht so lange hier“, antwortete Frau Saubermann voller Verständnis wie auf Knopfdruck. Die gute Frau Schneller hatte noch viel zu lernen und zu erfahren, dafür wollte Frau Saubermann gerne sorgen.

„Peters haben das erste Haus in der Forststraße, Ecke Waldstraße, gleich rechts das erste Grundstück mit der schweinchenrosa Fassadenfarbe.“

Frau Schneller dämmerte, wen Frau Saubermann meinte, aber nicht, weil sie Herrn Peters kannte, sondern weil sie diese Farbe für eine Hausfassade grässlich fand. Um sich innerlich selbst zuzustimmen, blickte sie kurz auf ihre strahlend hellgraue Fassade, denn Grau war ihre Farbe, von der Gesichtsfarbe bis zur Unterwäsche.

„Nun, das kommt in den besten Familien vor“, entgegnete Frau Schneller etwas gelangweilt, nicht bereit, sich von Frau Saubermann bis ins Detail über das Liebesleben in der Nachbarschaft aufklären zu lassen. Schon suchte sie nach einem Vorwand, sich schnell aus dem Staube zu machen, als Frau Saubermann fortfuhr:

„Ich hätte meinem die Koffer auch vor die Tür gestellt und vorher sogar eigenhändig gepackt. Die Tussi, mit der er herumzieht, könnte schließlich seine Tochter sein.“

Frau Schneller hatte keine Gelegenheit mehr, sich dem Redeschwall von Frau Saubermann zu entziehen und hörte sich geduldig deren gesammelten Beobachtungen, Notizen und verbalen Ergänzungen aus der Geschäftswelt an.

„Arm in Arm… arme Ehefrau… sie so zu hintergehen… bringt sie sogar nach Hause… zweiter Frühling… angesehener Beamter …spricht sich doch herum… eine moralische Schande… Frau Peters in ihrer Stellung…mit zwei großen Koffern das Haus verlassen… braucht sich hier gar nicht mehr sehen zu lassen …“

Frau Saubermann hatte Herrn Peters mehrfach in Begleitung einer jüngeren Frau gesehen, die im Hause Peters mittlerweile ein und aus ging.

Frau Peters war eine engagierte Politikerin, die sich in erster Linie um die Belange junger, ungewollt schwanger gewordenen Mädchen und deren Probleme kümmerte, jungen Familien bei der Bewältigung von Schwierigkeiten half und viel Zeit und Geduld für deren Belange aufbrachte. Sie hatte einen sehr guten Ruf in der Kleinstadt und war über alle Maßen bei Jung und Alt beliebt.

„Jedenfalls hoffe ich, dass sie darüber hinweg kommt und er mächtig auf die Nase fällt“, endete Frau Saubermanns Bericht mit dem Nachsatz: „Eines Tages wird sie mir dankbar sein“.

„Wofür dankbar?“ Frau Schneller glaubte, sich verhört zu haben und ahnte Böses.

„Ich habe Frau Peters angerufen und von Frau zu Frau mit ihr gesprochen, was ihr Gatte so hinter ihrem Rücken treibt.“

Das ging Frau Schneller doch zu weit. Spekulationen dieser Art waren ein gefährliches Unterfangen. Sie hob zu einer Erwiderung an, als die Aufmerksamkeit der beiden Frauen durch das Erscheinen des Briefträgers jäh unterbrochen wurde.

„Frau Saubermann, ein Paket für Sie!“

„Nanu“, sagte Frau Saubermann ein wenig überrascht und bedauerte, ihr angenehmes Pläuschchen mit Frau Schneller unterbrechen zu müssen. „Ich habe doch gar nichts bestellt.“

Frau Schneller schluckte ihr aufsteigendes Befremden über Frau Saubermanns eifrige Aktivität herunter und nutzte die Gelegenheit, sich eilig zu verabschieden, da sie zur Arbeit müsse.

Ungeachtet ihrer Lockenwickler, ihrer hautengen Leggins und ihres T-Shirts mit dem tiefen Einblick eilte Frau Saubermann zum Gartentor und nahm dem Briefträger das Päckchen ab.

„Wenn sie sich einen Moment erfrischen und mit mir einen Tee trinken möchten, dürfen Sie gerne hinein kommen“, flötete Frau Saubermann dem jungen, gut gebauten Mann entgegen. Dem fiel sofort der grässliche Grüne Tee ein, mit dem Frau Saubermann ihn mal geködert hatte und schob vor, es heute besonders eilig und sehr viel zu tun zu haben.

„Danke, ein anderes Mal gerne“, antwortete er höflich, schwang sich in sein gelbes Postauto und fuhr eilig davon, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Frau Saubermann trug das Paket auf die Terrasse. Neugierig riss sie es auf, brach sich dabei einen aufgeklebten feuerroten Nagellack ab und erstarrte.

Ein äußerst ekelerregender Geruch entstieg dem Paket. Und mitten auf dem Inhalt lag ein großer Zettel mit schwarzen Druckbuchstaben:

SOLLTEN SIE ES NOCH EINMAL WAGEN IHRE NASE
IN FREMDE ANGELEGENHEITEN ZU STECKEN
IST DIE NÄCHSTE MITTEILUNG EIN LKW
VOLLER KUHMIST MITTEN
AUF IHREN GEPFLEGTEN ENGLISCHEN RASEN.

Wir behalten uns vor,
Sie wegen Verleumdung anzuzeigen,
sollten Sie in noch einmal Unwahrheiten
in die Welt setzen.

Mit freundlichen Grüßen
Irene und Helmut Peters.

Diese Schlagzeile entdeckte ich im Netz und mein Kopfkino sprang an.

 © G. Bessen

 

Frühlingserwachen

Ich stelle meine Märzenbecher auf
und sammele den morgendlichen Tau.
Mutter Sonne verteilt ihre lebendigen Strahlen
und schenkt der Erde die nötige Wärme.

Verschlafen räkelt sich alles, was ruht
und erwacht zum Leben,
begleitet vom fröhlichen Zwitschern
aus luftigen Höhen.

Und der Wind summt sein Lied …

© G. Bessen