Januarkapriolen

Januarkapriolen

Rauf mit den Temperaturen,
runter mit den Temperaturen.

Schnee und Eis,
Nebel und Regen,
Winde, begierig zu erfassen,
was sich in den Weg stellt.

Wetterkapriolen
Klimawandel in Aktion
Verwirrung in der
Klarheit der Jahreszeit.

Wie wäre es mit der Einführung
eines bundesweiten Winterschlafes?
Momentan verpassen wir ja nichts.

© G. Bessen

Die Perlenkette

Wie jeden Morgen saß sie auf der Bank vor ihrem kleinen Haus am Waldrand, dick eingehüllt in zwei wärmende Wolldecken. Der Schnee des Winters war geschmolzen und sie lauschte dem vielstimmigen Gezwitscher der Vögel, die auf einen baldigen Frühling hoffen ließen. Wie einen Rosenkranz hielt sie die zarte, weiße Perlenkette in ihren von harter Arbeit gezeichneten Händen und ließ Perle für Perle durch ihre Finger gleiten.

Ein Jahr war es nun her, dass Johann ihr vorausgegangen war. Dabei hatte sie insgeheim immer gehofft, vor ihm zu sterben. Erneut ohne ihn zu sein, würde sie kein zweites Mal verkraften, dessen war sie sich sicher. Doch das Schicksal hatte anders entschieden. Ein Teil von ihr war mit ihm gestorben, und sie hoffte inständig, dass der liebe Gott sie auch bald zu sich holen würde. Mit einem zärtlichen Blick betrachtete sie die Kette in ihren Händen, die sie seit zweiundsechzig Jahren jeden Sonntag anlegte. Ihre Gedanken wanderten zurück in eine längst vergangene Zeit…

Sie war gerade achtzehn, als sie den fröhlichen Johann auf dem Hof ihrer Eltern kennenlernte. Jeden Sonntag in der Früh kam er mit dem verrosteten Fahrrad seines Vaters, um frische Eier und Milch zu holen. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch ihre junge, aufkeimende Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt, als Johann an die Front gerufen wurde. Jahrelang bangte sie um sein Leben. Nur selten hörte sie von ihm. Jeder Brief, den sie von ihm erhielt, füllte ihre Seele mit so viel Kraft und Energie, dass sie die schwere körperliche Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern bewältigen konnte, um einigermaßen zu überleben. Ihr Vater kam aus dem Krieg nicht zurück.

Nach den endlos scheinenden Kriegswirren wartete sie noch zwei endlos lange Jahre auf Johann. Sie hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als Johann verwundet und von den Schrecken des Krieges traumatisiert aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Unbeholfen kramte er aus den Tiefen seines Rucksackes ein zerlumptes Handtuch hervor, in dem eine jahrelang gehütete Kostbarkeit versteckt war: eine Kette mit einem passenden Armband aus zarten hellen Perlen, die er selbst aufgefädelt hatte, für Anna, seine große Liebe.

Mit diesem Geschenk machte er ihr einen Heiratsantrag und Anna- nahm in an.

Sie hatten gerade ihre diamantene Hochzeit gefeiert, als es mit Johanns Gesundheit von einem Tag auf den anderen bergab ging. Er hatte nicht lange leiden müssen. Als Anna sich am offenen Sarg von ihm verabschiedete, legte sie ihm das Perlenarmband über seine kalten, gefalteten Hände.

Nun war auch ihr Körper bereit, seine letzte Reise anzutreten. Tag für Tag schwanden ihre Kräfte. Sie ließ die Perlenkette kaum noch aus der Hand, denn sie hoffte, dass Johann sie lächelnd erwarten und ihr die Perlenkette wie früher jeden Sonntag um den Hals legen würde.

© G. Bessen

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7.

Christiane lädt alle Schreibfreudigen zu einer Kurzgeschichte mit max. 300 Wörtern ein. Sie lauten:

Lautsprecher
orange
erschüttern

Die Lautsprecher schwiegen und in der Luft lag eine Schwere, die fast schon schmerzlich war. Die Nachmittagssonne färbte den Himmel orange-rot ein und man hätte fast geglaubt, ein stiller Februartag neige sich langsam und friedlich dem Ende zu.

Doch von Frieden war keine Rede. Die Menschen waren aufgewühlt, am Ende ihrer so lange schon strapazierten Geduld und wollten sich nicht länger einkerkern lassen. Immer wieder wurden sie vertröstet, sich im Sinne des Allgemeinwohles zurückzuhalten und noch eine Weile durchzuhalten. Schließlich war das Licht am Ende des Tunnels ja zu sehen, obgleich der Weg dahin noch voller Stolpersteine lag.

Sie hatten sich zusammengeschlossen und sich deutlich Luft gemacht, diejenigen, die nun die Nase von vermeintlicher Verzögerungstaktik und Hinhaltemanövern voll hatten, und leider stießen sie bei vielen auf offene Ohren. Längst brodelnde innere Aggressionen, die sich nun verbal und körperlich Luft machten, hatten ein Chaos angerichtet, das an die Bilder eines wütenden Mob aus jüngster Vergangenheit in Washington, D.C. erinnerte.

Das, was alle täglich in den Medien vernehmen und schmerzlich sehen konnten, das, was die Verhaltensweisen weiterhin rechtfertigten, ja sogar zu einem MUSS erklärten, schien viele ebenso wenig zu erschüttern wie Millionen hungernder und bildungsferner Menschen in anderen Teilen der Welt, für die kein Licht am Tunnelende, sondern immer noch rabenschwarze Nacht zu sehen war. Denn so wie es momentan aussah, würden auch sie das Schlusslicht in der Bekämpfung der weltweit aktuellen Lage sein.

Aber andere Länder sind weit weg und der Blick über den eigenen Tellerrand ähnelt einer Hochgebirgs-Gipfelbesteigung. Hier spielt das Leben und das ist kaputtgemacht worden. ‚Holen wir uns das zurück’ – das war die Parole des Nachmittags und dafür rottete sich der Mob zusammen.

Die Polizei versorgte ihre verwundeten Kolleginnen und Kollegen und ließ viele von ihnen ins Krankenhaus bringen, in der Hoffnung auf ärztliche Kapazitäten und kompetente Hilfe.

300 Wörter

 

Mit dem heutigen Tag hat die Pandemie in Deutschland 50.642 Todesopfer gefordert.

Setzen wir um 16.30 Uhr ein Zeichen des Gedenkens
und stellen wir nach dem Vorschlag des Bundespräsidenten ein Licht ins Fenster.

Auf der Suche …

Ich suche Herrn Winter,
mit all seiner Pracht.
Bisher hat Frau Holle
uns kaum angelacht.

Der Wind klagt sein Lied,
der Himmel weint,
ich weiß nicht, wo noch
eine Sonne scheint.

Wenn kalt und schneereich
Herr Winter käme
und uns den Graustich
vom Himmel nähme,

mit klarer Luft
und klirrender Kälte,
bekäme Herr Winter
keinesfalls Schelte.

© G. Bessen
Foto: pixabay

 

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Christiane lädt wieder zu ihrem Schreibprojekt ein: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern

Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2021 stiftete Ludwig Zeidler, der Erfinder der Etüden. Sie lauten:

Zetermordio
weichmütig
backen

 

Man konnte ihn keineswegs als weichmütig bezeichnen, im Gegenteil, seine imposante Gestalt ließ eher ehrfurchtsvoll zu ihm aufblicken. Sein Schritt war fest, seine Körperhaltung zeigte Entschlossenheit an und sein markantes Gesicht mit dem grauen kurzen Haar und den zahlreichen Lachfältchen um die leuchtend blauen Augen täuschten nicht darüber hinweg, dass „Kleine-Brötchen-Backen“ bei ihm ebenso wenig ankamen wie das Drumherumreden. Er lebte Klarheit, Ehrlichkeit und Konsequenz vor und das erwartete er auch von seinen Mitarbeiter*innen*. Seine Bürotür stand meist offen und ein Blick auf seinen stets trotz der vielen Arbeit aufgeräumten Schreibtisch war sogar einladend.

Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck und die Mitarbeiter des kleinen privaten Gymnasiums waren froh, ihn als Chef zu haben.

Obwohl ihm sämtliche hausfraulichen Talente fernlagen und er dafür seine geliebte und unbezahlbare Küchenfee hatte, stellte sich Nick Peterson am Sonntag vor dem ersten Schultag in die Küche und buk Pfannkuchen mit Pflaumenmus und Apfel-Kürbis-Marmelade als Füllung für seine Kolleginnen und Kollegen. Seine Frau Olivia saß währenddessen wie teilnahmslos am Küchentisch und las Zeitung, natürlich in Bereitschaft, ihrem stöhnenden und schwitzenden Mann schnell unter die bemehlten Arme greifen zu können.

Gewiss, der Silvesterabend war längst vorüber und von Süßem hatte nach den vielen Feiertagen scheinbar jeder genug genossen und auf den Hüften.

Trotzdem war ihm dieser außergewöhnliche Liebesdienst ein seelisches Bedürfnis.

Die Lagebesprechung am ersten Schultag im neuen Jahr in der großräumigen Aula wurde kein einfaches Unterfangen. Und bevor die vielen Ver- und Anordnungen für den weiteren Shutdown und die Umsetzung in den verschiedenen Unterrichtsmöglichkeiten besprochen und ausgewertet werden würden, wollte er die Kolleginnen und Kollegen mit heißem Kaffee und seinen selbst gebackenen Pfannkuchen verwöhnen.

So rechnete er sich aus, würde jedes Zetermordio bereits im Keim erstickt. Er spekulierte sogar auf einen erhöhten Motivationsschub, denn das Jahr war jung und der Ausblick nicht übel.

 

300 Wörter

Winterlich

Im Winter nehmen wir
die Stimmenvielfalt
in der Natur
nicht wahr.
Und doch ist sie da.

Verhalten
und eingebettet
in den Kreislauf
der Jahreszeiten,
sammelt sie Kraft,
um uns
mit ihrer Harmonie
zu betören,
wenn die Zeit
gekommen ist.

© Text und Foto: G.Bessen 1/2021