Schreibeinladung für die Textwochen 41/42

Die Wörter zu Christianes Schreibeinladung für die Textwochen 41/42 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von fraggle und seinem Blog reisswolfblog. Die neuen Begriffe lauten:

Gewächshaus
jodhaltig
fälschen

 

Auswege

 Sobald sie ihren Koffer ausgepackt hatte und umgezogen war, lief sie an den Strand, breitete die Arme aus und stürzte sich voller Elan in ihren Urlaub.

Sonne, Wasser und Wind, Salz auf den Lippen und auf der Haut, die jodhaltige Luft dieses Reizklimas tief in die Lungen einsaugend – so konnte sie alles um sich herum vergessen und ausziehen wie ein lumpiges Kleid. Hier würde sie genesen, ihr inneres, einst blühendes Gewächshaus wieder in Ordnung bringen und alles, was sich im Laufe der vergangenen Jahre als Schadstoffe und Giftmüll dort abgelagert hatte, ausmerzen und ausrotten.

Ihre Beziehung war zu einer Belastungsprobe geworden, die sie von einer jungen und temperamentvollen Frau zu einer kranken Greisin gemacht hatte. So empfand sie ihren Anblick jedes Mal, wenn sie in den Spiegel blickte. Auch, wenn es Jahre gedauert hatte, sich aus den Fangarmen ihrer Ehe zu befreien, sie hatte es geschafft, wenn auch nicht mit legalen Mitteln.

Heutzutage war es dank des Internet möglich, alles zu erfahren, was man wissen wollte, wenn man sich von erdrückenden Lasten befreien wollte. Sie war entsetzt, was sie alles fand und wie sie mit wenig Aufwand jegliche innere Zerstörungswut ausleben konnte.

Doch soweit musste sie nicht gehen. Rechnungen und Papiere zu fälschen, war ihr zu einer vertrauten Gewohnheit geworden, sodass sie sogar den Blick dafür verlor, was letztendlich noch richtig oder falsch war. Sie hatte ihr Ziel erreicht, er war im übertragenen Sinn gestolpert, mehrfach, in unterschiedlicher Intensität, und als er nicht mehr aufstehen konnte, hatte sie Anzeige erstattet. Nun saß er lebenslänglich hinter Schloss und Riegel und sie war frei. Auf diesen Moment hatte sie verbissen und mit letzter Kraft hingearbeitet.

Finanziell hatte sie für die nächsten Jahre ausgesorgt und ihr Körper und ihre Seele hatten nur noch eines im Sinn: zu gesunden und Freiheit zu schmecken.

300 Wörter

© G. Bessen

 

 

 

 

22 Kommentare

  1. Ich glaube, Natalie hat im Fundevogelnest darüber sinniert, dass „fälschen“ offenbar kleinkriminelle Etüden anziehen würde (sie hat das natürlich viel schöner gesagt).
    Andererseits: Tja, Frauen sind halt nicht immer nett. Und womit? Mit Recht.
    Ja, stimmt, das Jahr ist bald um, aber kurz vor Schluss droht noch der Etüden-Adventskalender ………… 😀
    Liebe Grüße, schön, dass du wieder mitschreibst
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  2. uijuijui, liebe Anna-Lena, das sind für mich ganz neue Töne von dir, die ich aber sehr gerne gelesen habe! Zwar würde ich wohl eher meine Koffer packen und gehen als einen Mann hinter Gittern zu bringen, nur damit ich ihn loswerde, aber nun … ich weiss ja nicht wie er ihr zugesetzt hat.
    Liebe Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. Eine starke Etüde, liebe Anna-Lena.
    Da hast Du tief in die menschliche Psyche gegriffen und das hervorgeholt, was so gerne verborgen wird. Die dunkle Seite
    unseres Ichs, wenn es sich bedroht fühlt oder tief in seiner Seele gekränkt …

    Ingrid Noll geht mir im Kopf herum oder auch Agatha Christi. Vermutlich hast Du von ihnen auch viel gelesen *schmunzel*

    Ganz herzelich, Bruni am trockenen und leicht sonnigen Mittwochmittag

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.19 | Wortspende von Café Weltenall | Irgendwas ist immer

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