Schreibeinladung für die Textwochen 28.29.19(1)

Christiane lädt wieder zur Etüde ein:

Die Wörter für die Textwochen 28/29 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt. Die neuen Begriffe lauten:

Füße
harmonisch
wünschen

Schritte

Seitdem ich an den Rollstuhl gefesselt bin, habe ich viel Zeit, genau hinzuhören, ein Privileg des Alters. Abends liege ich lange wach und verfolge die Schritte in den Zimmern über und neben mir.

tapp – tapp – tapp

Harmonisch klingen die Schritte unserer Enkeltochter Thea und ich sehe sie mit ihren kleinen Füßen durch ihr Kinderzimmer huschen.

klack – klack – klack

Das ist das sichere Zeichen, dass unsere Tochter Sabine von der Arbeit heimgekommen ist. Als Nächstes wird sie ihre dunkelblauen Pumps in die Ecke schleudern, ihre Flugbegleiteruniform ausziehen und auf den Bügel hängen und sich ein Bad einlassen.

schlurf – schlurf – schlurf

Werner ist in seinem Zimmer angekommen und wird sich entweder noch vor den Fernseher setzen, eine letzte Zigarre rauchen und ein Bier trinken oder sich sofort zur Ruhe begeben. Seine Tage sind durch mich anstrengend geworden. Das Alter fordert seinen Tribut.

tapp – tapp – tapp

Unser Enkel Karl müsste demnächst von seinem Fußballtraining heimkommen und seine Begeisterung macht sich danach oft an seinem Schritttempo fest.

Daniel, unser Schwiegersohn, ist in der Klinik. Für jeden Nachtdienst in der Rettungsstelle wünsche ich seinen Füßen wenig Bewegung und die größtmögliche Ruhe.

Unser Haus lebt. Drei Generationen wohnen unter einem Dach. Nicht immer ist das Zusammenleben harmonisch und in gutem Einvernehmen, doch wir bemühen uns um Frieden, Respekt und was noch viel wichtiger ist: wir waren und sind immer füreinander da, in guten und in schlechten Zeiten. Und ich wünsche mir, dass es so bleiben wird.

Nachts holen mich die Träume oft heim: das harte und stechende Geräusch der Männer in ihren SS- Stiefeln, als sie in unser Haus einbrachen und rücksichtslos gegen meine Eltern vorgingen, sie ohne Erklärung festnahmen und fortschleppten.

Dagegen sind die Schritte und Geräusche meiner Mitbewohner harmonisch wohlklingend, wie ein Spiel auf der Harfe, und ich kann es als Tagtraum genießen.

300 Wörter

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18 Kommentare

  1. Stimmungen aus dem Takt der laufenden Füße lesen, ja das kann man, immer wieder, jeden Tag neu.
    Aber das Trampeln der Soldatenstiefel, das hört man auch noch, wenn es längst vergangen ist.

    Das eine spiegelt das wechselseitige Leben einer Familie wider, das andere das Ende (eines Teiles) einer Familie wider.

    Sehr eindrucksvoll!

    Gefällt 3 Personen

  2. Eine richtig gute Etüde, liebe Anna-Lena, alles da, was wichtig ist und ein Inhalt, der mir sehr gefällt.
    Drei Generationen, denen es gelingt, miteinander in einem Haus zu leben und sich gegenseitig nicht an die Gurgel zu gehen, sondern sich zu arrangieren und in Respekt miteinander umzugehen. Klasse!

    Mit herzlichen Grüße an Dich, Bruni am Abend und mal wieder in Verzug, wie üblich 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I: Die Sache mit dem Adventskalender | Irgendwas ist immer

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