abc-Etüde 49.50.18(1)

Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel

Die neuen Wörter für die Textwochen 49 und 50 des Schreibjahres 2018 stiftete Elke H. Speidel von Transworte auf Litera-Tour. Sie lauten:

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern

Carla (1)

Sie zog die braune Wolldecke enger um ihre schmalen Schultern und starrte mit vor Tränen blinden Augen aus dem Fenster, hinaus in den Garten. Ihr kleiner Ginkgobaum, ein Geschenk einer früheren Abiturklasse, hatte mittlerweile alle Blätter verloren und war dem nasskalten Dezembersturm hilflos ausgeliefert – hilflos, wie sie selbst. Mit einer bunten Lichterkette sähe er vielleicht ein wenig anheimelnder aus, wie ein vorweihnachtlicher Winterbaum, der seine kräftigen Zweige dem Himmel bittend entgegenrecken würde. Blätter starben und fielen ab und meist kamen im kommenden Jahr neue Triebe. Einem ewigen Naturgesetz, auf das der Mensch bauen konnte, musste er nicht nachtrauern.

Carla jedoch hatte allen Grund zu trauern. Von jetzt auf gleich war ihr bisheriges Leben aus den Fugen geraten und noch immer jagten ihre Gedanken in Wortfetzen durch ihr Gehirn, eckten hier an, stolperten dort und überschlugen sich.

‚Diffuses Wachstum – nicht eingrenzbar – aggressiv – sofortige Behandlung – Teilnahme an einer Studie – Chance ergreifen …’.

In drei Tagen war ihr sechzigster Geburtstag, und als sie heute vom Arzt nach Hause kam, hatte sie wie in Trance das Lokal angerufen und alles storniert und per whatsapp all ihre geladenen Gäste benachrichtigt, dass die geplante feuchtfröhliche Feier buchstäblich ins Wasser fallen würde.

Die Diagnose Brustkrebs war der Partykiller per se geworden und wohin ihr Lebensschiff nun steuern würde, müsste sich in den nächsten Tagen erst einmal zeigen.

Einem 60. Geburtstag nachtrauern wäre lächerlich angesichts der noch unbekannten Lebenserwartung, die ihre Lebensplanung ohnehin völlig auf den Kopf stellte.

Carla hatte bisher alles in ihrem Leben geplant und vieles davon mit eiserner Disziplin in die Tat umgesetzt. Nun waren ihr die Hände gebunden und sie war abhängig von den Möglichkeiten, die die heutige Medizin ihr anbot.

Nachdem sie eine Flasche Rotwein geleert hatte, fiel sie in einen unruhigen Schlaf und wachte am folgenden Morgen viel zu spät auf.

299 Wörter

© G. Bessen

 

Fortsetzung morgen …

 

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16 Kommentare

  1. Ich kenne so viele Frauen, die es getroffen hat, aber fast alle haben es geschafft, Brustkrebs hat ja wirklich eine sehr gute Prognose. Nur wenn es Metastasen gibt, werden die Möglichkeiten sehr klein … mein Ginkgobaum vor dem Küchenfenster hat übrigens heuer eine Lichtkette bekommen 🙂 Ein Ginkgo ist auch eine gute Metapher für Überlebenswillen. Es soll die erste Pflanze gewesen sein, die in Hiroshima nach der Atombombe wieder Blätter austrieb

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 51.52.18 | Wortspende von dergl | Irgendwas ist immer

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