abc- Etüde 43.44.18 (3)

 

Auf dem Weg (2)

Das Loch, in das Peter gefallen war, schien ihm sehr tief. Um ihn herum waren die Wände rabenschwarz und wenn er glaubte, irgendwo einen Haltepunkt gefunden zu haben, an dem er sich hochhangeln konnte, passierte es immer wieder, dass er abrutschte und von vorne beginnen musste.

Doch er war bereit, sich helfen zu lassen. Seitdem er Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen hatte, war er ganz hin und weg von dessen Erfahrungen und bereitete sich auf eine andere Art des Verreisens vor, als er es bisher gewohnt war.

Peter hatte die Welt gesehen und war stets von einem mondänen Hotel ins nächste gezogen, hatte seine verlässlichen Pfründe – er hatte immer wieder Glück an der Börse gehabt – gut in die Welt gestreut, aber Erfüllung hatte er, wenn er ehrlich zu sich selbst war, nicht gefunden.

Sobald Bodo grünes Licht gegeben hatte, zog Peter mit Rucksack und derben Schuhen los. Er lebte schon so lange in Berlin, doch das Land Brandenburg war ihm fremd. Daher hatte ihn der Jakobsweg von Berlin über Wilsnack bis Tangermünde mit etwa zweihundert Kilometern gleich angesprochen, ihn, der religionslos und völlig ungeübt im Ausdauersport war.

Nach zwei Tagen, mit ersten Blasen an den Füßen, erreichte er das Storchendorf Linum und das große Rhinluch, das noch von den Leuten des „Alten Fritz“ entwässert wurde und gerade zu dieser Jahreszeit von Tausenden von Kranichen auf Nahrungssuche wimmelte, bevor sie in wärmere Gefilde ziehen können. Reiher, Fischadler, Graugänse, Biber Ottern und Rotwild hatten hier das Sagen, und der Mensch ließ sie gewähren.

Von dieser Erkenntnis blitzartig getroffen, wusste Peter, dass er auf einem neuen, einem richtigen Weg war, der seine Seele wieder gesunden lassen würde. Er kostete jede Minute an diesem überwältigenden Fleckchen Erde aus und saugte den Anblick dieses Fleckchens Erde auf wie ein ausgetrockneter Schwamm.

300 Wörter

© Text und Fotos (2017)G. Bessen