abc-Etüde 43.44.18 (2)

Der Weg
wächst im Gehen
unter deinen Füßen
wie durch ein Wunder.
(Reinhold Schneider)

Die Wörter für die Textwochen 43 und 44 des Schreibjahres 2018 stiftete Bernd von redskiesoverparadise. Eingeladen hat, wie immer, Christiane.

Sie lauten:

Pfründe
mondän
lassen.

Auf dem Weg (1)

Peter Reichard, 39 Jahre alt, attraktiv und leicht an den Schläfen ergraut, Geschäftsführer bei Mercedes-Benz-Berlin und genussreicher Lebemann, war von jetzt auf gleich aus dem Verkehr gezogen worden, knallhart und unerbittlich.

„Hör zu, mein Freund, ich schreibe dich bis zum Jahresende krank und du wirst dir helfen lassen. Reha, Therapie, ein paar bunte Pillen und dann bist du in ein paar Wochen wieder fit, vorausgesetzt, du machst das volle Programm mit.“

Peter hatte jegliche Diskussionsrunden mit seinem behandelnden Arzt und Freund Bodo verloren und sich seinem Schicksal gefügt. Nun saß er in seiner mondänen Altbauwohnung im Bezirk Charlottenburg, sah durch das Wohnzimmerfenster dem herab fallenden bunten Herbstlaub zu, das ihm scheinbar mit einer hämischen Grimasse zuwinkte und überlegte, wie er all seine Sachen auf seinem Sofa in den für seine Verhältnisse verhältnismäßig kleinen Rucksack bekommen sollte.

Peter war in der glücklichen Lage, absolut nicht auf den Pfennig schauen zu müssen, und seine Pfründe erlaubten ihm ein Leben jenseits aller Hungertücher. Bisher wussten auch nur seine engsten Freundinnen und Freunde, was eigentlich mit ihm los war.

Mit der Diagnose Burn-out ging schließlich niemand hausieren und die momentanen Befindlichkeitsstörungen, wie Peter seinen Zustand gern ein wenig herunterspielte, würde er mit einem von Bodo aufgestellten Programm sicher bald in den Griff bekommen.

Doch wenn Peter alleine war, überkamen ihn die Panikattacken und sein vegetatives Nervensystem rüttelte an allen inneren Grundfesten. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Herzrasen und Bluthochdruck sowie Depressionen machten ihm das Leben schwer.

Niemals hätte er im Traum daran gedacht, dass ihm so etwas passieren würde, ihm, der keine Party ausließ, dem Alkohol und Zigaretten ständige Begleiter waren, der Schlaf als reine Zeitverschwendung betrachtete und von gesunder Ernährung gar nichts hielt.

Er war es gewöhnt, das zu machen, was ihm Spaß machte, in jeglicher Hinsicht. Die Quittung hatte er nun bekommen – faustdick! …

298 Wörter

© G. Bessen

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26 Kommentare

  1. Zuerst war ich mal verwirrt. Die drei Wörter kannte ich doch, und ich hatte doch auch etwas dazu geschrieben aber hier war nichts???
    Bis ich dann merkte dass dieses eine neue Geschichte ist, nur mit den gleichen drei Wörtern.
    Wieder sehr schön zur Geschichte zusammengestellt.
    Danke für die Unterhaltung Anna-Lena
    LG
    Agnes

    Gefällt 1 Person

  2. Schöne Geschichte. Wann spielt das? In der Jetztzeit ist Peter ein Jahr älter als ich und weder Peter noch Bodo sind da gängige Namen. Unsere „Peters“, also die mit den Leben wie in deiner Geschichte, heißen Dennis, Patrick oder auch mal David. Gerade Dennis sind die Worcaholic-Typen. Einen Marc findet man da auch mal. Mich verwirrt das, ich kann mir partout nicht vorstellen, dass das ein 1979 geborener Peter sein soll.

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    • Warum nicht? Die alten Namen kommen doch wieder in Mode und ich kenne Peters und Bodos, die sicher um das Jahr 1979 geboren sein könnten.
      Wie dem auch sei, als Burn-Out-Erfahrene und noch ein wenig älter kenne ich auch aus meiner Generation Menschen mit diesen Erfahrungen, die auch ‚alte‘ Namen haben.

      Allerdings nehme ich als Lehre aus deinem Kommentar mit, bei der Wahl von Namen für meine Protagonisten eine zeitliche Einordnung zu überdenken.

      Danke für deine Anregung und einen lieben Gruß 🙂 .

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      • Ja, natürlich gibt es immer vereinzelte Menschen, die für ihre Generation unpassende Namen haben, gerade bei literarischen Figuren halte ich das aber für schwierig. Beispiel: Ein Freund vom Kind heißt Friedrich. Friedrich ist jetzt 10 Jahre alt, jetzt leben wir in einer Zeit wo ca. 10-15 Jahre alte bis ältere Namen „wiederkommen“, Friedrich wird zwar qua Name einer Schicht zugeordnet, fällt aber nicht auf. Vor 10 Jahren gab es die ersten Oskars, die Emil- und Anton-Wellen müssten dann auch so langsam gestartet sein, warum nicht auch Friedrich? – Passt. Wäre Friedrich aber nicht 2018 sondern 2008 oder 1998 ein 10-jähriger, dann müsste man das dauernd erklären, weil das damals einfach noch nicht wieder etabliert war. Das Kind (10 Jahre) hat einen 60 Jahre Modenamen. Kommt heute als 2. Name vor und ganz selten auch noch mal als erster, wir werden immer wieder drauf angesprochen. Und genau das würde einem Peter (ich war mit einem zur Schule, in der Familie hieß jeder 1. Sohn Peter) und erstrecht Bodo aus meiner Generation passieren, weil das damals einfach schon nicht mehr unerklärt in den Zeitgeist passte. Das ist wie wenn du heute Dennis, Marcel oder Christian vergibst oder bei Mädchen Stefanie, Melanie oder Nadine, es passt nicht mehr (und gibt heute gleich den Prollstempel). Wenn man stattdessen einen z.B 2-jährigen Hans oder eine kleine Monika hat, kommt man wieder durch, weil noch nicht wieder da, aber schon wieder diese Retrorichtung. (Beim Kind-Bruder neben der Tagesbetreuung wohnen Thomas, 1,5 Jahre und Brigitta, 4 Jahre, wird nicht akzeptiert wie wenn sie Theodor und Henriette hießen, aber passt noch.) Verstehst du was ich meine?

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        • Ja, ich verstehe, was du meinst und ich finde das interessant. Ich werde mal intensiver darüber nachdenken, glaube aber, dass viele Eltern nicht unbedingt nach dem Zeitgeist gehen, sondern danach, was ihnen einfach gefällt.
          Ich habe ja lange in Brandenburg unterrichtet und war oft über Namen entsetzt, die so aus dem Rahmen fielen, dass ich mich gefragt habe, wie kann man seinem Kind das antun. Ich erinnere mich an eine Romy, deren Nachnamen überhaupt nicht dazu passte und sich sehr merkwürdig dazu anhörte.
          Und die Namen, die alle ähnlich klangen, sich aber oft nur durch einen Buchstaben unterschieden…
          Da denke ich an meine verstorbene Tante zurück, die ihre Enkeltochter ungeniert Schackeline rief 😆 !

          Gefällt 2 Personen

          • Heute ist es leider andersrum: Zeitgeist und der Name muss nach dem richtigen Milieu klingen. Es gibt Eltern, die suchen für ihr Ungeborenes einen Namen „womit er/es später mal gut durch die Uni kommt“ und die Attitüde wird häufiger. Ich komme ja nun auch von Schulen,ich habe auch einige Brecher gesehen. Ich glaube, das merkwürdigste bei einem deutschen Mädchen war Kundry (ist ja an sich schon alles außer gängig) und der Nachname so ähnlich wie der Typ, der auf der Kreuzfahrt verschwunden ist (ich will das Mädchen nicht deanonymisieren). Romy hatte ich mal zu Müller und ganz unglücklich, deutsch-japanisches Mädchen Nachname aus der Botanik (gängiger deutscher Nachname), Vorname Midori. Klingt schön, heißt aber „grün“.

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  3. *lach*, na ja, ich glaube auch, es wird genommen, was gefällt!
    Der 7jährige Freund meines 9jährigen Enkels heißt Klaus und Klaus heißt heute keiner, aber er heißt so 🙂

    Kleine Peter gibt es einige, so wie Paul und als meine Töchter (1980 und 1983) zur Welt kamen, gab es auch Peterchen und Paulchen…
    Meine ältere Tochter hat einen Namen, der in Deutschland sehr ungewöhnlich ist und sie ist sehr stolz darauf *g*.
    Die jüngere hat einen eher gebräuchlichen Namen und wird von Freunden nur mit einer putzigen englisch klingenden Abkürzung angesprochen 🙂

    Deine Etüde ist gut, stimmig und ich finde, sie passt verdammt gut in unsere heutige sehr schnelllebige Zeit, liebe Anna-Lena

    Liebe Abdendgrüße von Bruni an Dich

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.18 | Wortspende von Wortgerinnsel | Irgendwas ist immer

  5. Irgendwann rächt sich der Körper. Hier scheint ja beruflicher Stress, ungesunde Lebensweise und privater Stress zusammen zu kommen. In der heutigen, schnell-lebigen Zeit sollte man immer versuchen eini paar Ruheoasen einzubauen. Manchmal leichter gesagt als getan.

    Aber nun lese ich gespannt, wie es Peter weiter ergeht, ob er wohl den Jakobsweg gehen will….

    LG Susanne

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